TAGB: Kafkas Theater, Universität Luxemburg (02.-03.12.2021)

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Kafkas Theater

Universität Luxemburg (02.-03. Dezember 2021)

Tagungsbericht von David Fuchs (david.fuchs@uni.lu)

 

Am 2. und 3. Dezember 2021 fand an der Universität Luxemburg der digitale Workshop „Kafkas Theater“ statt. Er wurde vom Institut für deutsche Sprache, Literatur und für Interkulturalität organisiert. Zu der Veranstaltung waren internationale Forscher*Innen der Theater- und Kafka-Forschung eingeladen.

Die Eröffnungsworte der Veranstalter verwiesen zunächst auf die Nähe zwischen der Workshop-Thematik und inhaltlichen Schwerpunkten des Instituts. Außerdem wurde der Forschungsstand kurz skizziert: Bisher finde der Zusammenhang von Kafkas Texten und dem Theater wenig Beachtung, das Thema sei als Desiderat der Forschung anzusehen. Schließlich stellten die Redner die interdisziplinäre Konzeption der Veranstaltung heraus. So erhoffe sich der Workshop durch die wechselseitige Erhellung von literatur- und theaterwissenschaftlichen Perspektiven neue Zugänge zum Werk Franz Kafkas. Dabei erscheine es lohnenswert, die Kategorien von Rezeption, Reflexion und Produktion zusammenzudenken und Interrelationen, Interdependenzen und Interferenzen zwischen diesen Ebenen ins Blickfeld zu rücken. Diese Ausrichtung werfe nun Fragen nach der Beziehung zwischen poetischen Verfahren des Autors und theatralen Kunstformen auf, nach der medialen Verhandlung von Textualität und Performativität, nach Kafkas eigener Theaterrezeption im Zusammenhang mit seiner Literatur- und Kunstreflexion, aber auch nach der Rezeption Kafkas durch das Theater ebenso wie nach der Aktualität seiner literarischen Ästhetik für das Theater.

Eröffnet wurde der Vortragsteil von MANFRED WEINBERG (Prag). Mit seinem Beitrag „Kafka geht ins Kabarett“ betonte er das in der Forschung lange Zeit übersehene Interesse Kafkas für theatrale Unterhaltungsformen wie Chantants, Kabaretts, Tingeltangel und Varietés. Mit dieser Akzentuierung regte Weinberg an, das einseitige Kafka-Bild eines melancholisch-depressiven Autors zu überdenken und die Rezeption vermeintlich seichter Varietéunterhaltung als vexierbildhaftes Neben- und Ineinander von Komik und existenzieller Schwere zu verstehen. Dieser Ansatz lasse dabei auch die dichotomisierende Gegenüberstellung von hochkulturellem Kunstwerk und anspruchsloser Unterhaltungskunst fraglich werden. Resümierend betonte Weinberg die Bedeutung von Varieté und Kabarett für Kafkas Theaterrezeption in Abgrenzung zum ‚kanonischen Theater‘ und verwies ausblickend auch auf poetologische Implikationen dieser Rezeption sowie deren Potenzial für weitere Forschungsarbeiten.

Im zweiten Vortrag des Tages mit dem Titel „Ein dubioses Genre? Franz Kafka und die Operette“ widmete sich STEFFEN HÖHNE (Weimar-Jena) der Operetten-Rezeption Kafkas. Seine Sicht auf das Genre sei zum einen geprägt von der Lust am Spektakel, dem Ausbruch aus alltagsweltlichen Schemen und dem immersiven, sozial integrativen Kunsterlebnis, zum anderen von einem thematischen Interesse. Die Operette sei dabei in ihrem Form- und Themensynkretismus offen für kontemporäre Diskurse und Themen, die sich auch in Texten Kafkas wiederfinden: so beispielsweise die spielerisch-kämpferische Verhandlung von Geschlechterrollen, wie sie in „Miss Dudelsack“ zu beobachten ist, oder die ökonomisch affizierten Machtstrukturen Amerikas, die sich in „Die Dollarprinzessin“ zu erkennen geben. Kafka reproduziere diese Sujets in Texten wie dem „Verschollenen“ oder dem „Schloss“ nun nicht einfach, sondern setze sich mit ihnen in einem Rezeptionsmodus auseinander, der von Ambiguitätstoleranz und ironischer Distanz geprägt sei.

SARAH STOLLs (Jerusalem) Vortrag „Kafkas Bühnen. Zwischen Käfig und Naturtheater“ untersuchte die Besonderheiten räumlicher Strukturen von Kafkas Textbühnen zwischen äußerster Verengung und Entgrenzung. Nachdem Stoll dieses Phänomen an Texten wie „Auf der Galerie“ und dem „Bericht für eine Akademie“ illustriert hatte, ging sie auf weitere Besonderheiten der Bühnen Kafkas ein. Besonders akzentuierte sie dabei die Verunsicherung der Grenzen zwischen Publikum und Zuschauerraum. In seinem diarischen Blick auf das Theater trete, mit der Betonung von eigentlich Nebensächlichem und dem Off der Bühne, die theatrale Rahmung selbst in den Vordergrund. Diese Sichtweise des Theaters, in der Spiel und Nicht-Spielen ununterscheidbar werden und etablierte Fiktionalitätsgrenzen der Stücke durchbrochen erscheinen, lasse sich nicht zuletzt aus der Rezeption der Lemberger Schauspielgruppe erklären und spiegele sich schließlich auch in literarischen Figuren wie Rotpeter und Protagonisten aus dem „Schloss“ wider.

NIKOLAUS MÜLLER-SCHÖLL (Frankfurt am Main) leitete in seinem Vortrag „Theater des Unsichtbaren“ aus dem Gestischen bei Kafka – in Abgrenzung zur mittelalterlichen Geste und deren kommunikativen Funktion – ein Theaterdispositiv ab, dem die Unverfügbarkeit von Wissen und Gewissheit inhärent sei. Vor diesem Hintergrund stellte er die Frage danach, wie sich ein so umrissenes ‚Theater des Unsichtbaren‘ mit Praktiken des Theaters und der Performance nach Kafka zusammendenken lässt, und betrachtete, davon ausgehend, auch kontemporäre Performance-Kunst wie die Installationen des irakischen Künstlers Ali Eyal.

Die Relation von Theater und Jurisprudenz nahm CLAUDIA LIEBRAND (Köln) in ihrem Beitrag „Theatralität der Justiz. Kafkas Proceß“ zum Ansatzpunkt, um Gerichtsszenen, Verhöre und juristische Verhandlungen der Texte Kafkas in Zusammenhang mit Theater und Theatralität zu bringen. Liebrand stellt in diesem Zusammenhang heraus, dass Gerichtsverfahren dabei nicht zuletzt von Dispositiven des Theaters bestimmt werden, sich in Ko-Präsenz von Handelnden und Publikum vollziehen und die Tat mit dem realen Personal des Rechtsfalls reinszenieren. In diesem Sinne spiele Josef K. mit der Rekapitulation seiner Verhaftung und seinen Verteidigungsreden den eigenen Fall – auch in intertextueller Anspielung auf Kleists „Der zerbrochne Krug“ – in Rollendopplung nach und durch. So gelesen entwickele sich im „Prozess“ ein intrikates Verhältnis zwischen (Re-)Präsentation, Nachahmung und Vertretung nach dem Vorbild theatral affizierter Rechtsprechung, in dem die Axiomatiken der Komödie kollabieren und letztlich in einer travestierten Tragödienmatrix münden.

Den Abschluss des ersten Tages bildete ULRICH STADLERs (Zürich) Vortrag „Vom Verschwinden der Gegensätze. Der Türhüter und die Flöhe in Kafkas Vor dem Gesetz“. In einer textzentrierten Lektüre des kurzen Prosastücks zeigte er, wie räumliche und zeitliche Gegensätze im Text ineinander fallen und sich die starre topographische und architektonische Gegenüberstellung von Innen und Außen, von Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit des Gesetzes im Verlauf des Textes als abgestufte Übergänglichkeit erweist. Hier nun spiele der Floh eine wesentliche Rolle: Im Grenzbereich zwischen Wissen und Nicht-Wissen, zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem fungiere er gewissermaßen als animalische Mediatorfigur.

Am zweiten Tag des Workshops schlug zunächst VIVIAN LIKSA (Antwerpen) in ihrem Vortrag „Eingreifen aufführen: Kafkas »Halt!«“ eine selbstreferentielle, performative Lektüre des kurzen Prosastückes „Auf der Galerie“ vor. In einer mehrschichtigen Lesart zeigte Liska, wie der Text die Infragestellung seiner eigenen antithetischen Struktur performativ als engagiertes ‚Eingreifen‘ inszeniert, und spielte dabei verschiedene Perspektivierungen dieses Eingreifens sowie dessen Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen durch.

Im Anschluss setzten sich DAVID FUCHS (Luxemburg) und KOKU G. NONOA (Luxemburg) in ihrem gemeinsamen Beitrag „Kafkas Theater und die ästhetische Erfahrung“ aus einem literatur- und theaterwissenschaftlichen Horizont mit dem Verhältnis zwischen menschlichem Körper, ästhetischer Erfahrung und Außenwelt bei Kafka auseinander. Anhand seiner Erzählungen „Die Verwandlung“ und „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ hinterfragten sie dieses Verhältnis auch im Hinblick auf seine Bedeutung für Konzepte performativer Kunstproduktion und ästhetischer Erfahrungsweisen im Theater des 20. Jahrhunderts, wobei sie Anknüpfungspunkte zu den historischen Avantgarden ebenso wie zu Hermann Nitschs „Orgien-Mysterien-Theater“ zur Diskussion stellten.

Der Vortrag von ANNETTE WERBERGER (Frankfurt an der Oder) unter dem Titel „Zur Entstehung von Kafkas Politik der Kleinen Literaturen aus dem Jiddischen Theatererlebnis“ schloss den Workshop ab: In ihren Überlegungen bezog sich Werberger auf die Gegenwarts-Literaturwissenschaft und rückte dabei Kafkas Kontakt mit Jizchak Löwy und der Lemberger Theatergruppe in den Fokus. Auch auf der Grundlage von ihren eigenen Zeitungsrecherchen in Prag leitete sie Kafkas Begriff der kleinen Volksgemeinschaften und kleinen Literaturen – in Abgrenzung zu Deleuze und Guatarri – aus dieser Konstellation ab.

Der Workshop hat mit kulturwissenschaftlich akzentuierten, textanalytischen und rezeptionsästhetischen Ansätzen die Ergiebigkeit der thematischen Ausrichtung und des methodischen Zuschnittes nachdrücklich unter Beweis gestellt. Kafka und das Theater erwies sich als spannungsreiche, mitunter ambivalente, aber höchst produktive Beziehung, die von der Forschung bisher nicht in angemessenem Maße berücksichtigt wurde. Perspektivisch bietet diese Konstellation die unterschiedlichsten Anknüpfungspunkte für weitere Quellenforschung, für die Relektüre eines vermeintlich ausgeforschten Werkes, aber auch für theaterhistorische wie theaterpraktische Kontextualisierungen. Dabei führte die durch die Vorträge und ihre Diskussion angeregte Öffnung der literaturwissenschaftlichen Forschung für Methoden und Theorien der Theaterwissenschaften nicht nur zu originären Blickweisen auf kanonische Texte, sondern befördertet auch eine kritische Auseinandersetzung mit theaterwissenschaftlichen Theorieansätzen (Performativität, Aufführung, Schauspiel) sowie eine Revision etablierter Begriffskomplexe der Kafka-Forschung (‚Geste‘, ‚Dichotomisierung‘, ‚Minorität‘).

Eine Publikation der Tagungsbeiträge ist geplant und wird aktuell vorbereitet.

 

Programmübersicht

2. Dezember

Eröffnung: Georg Mein (Dekan), David Fuchs, Dieter Heimböckel, Koku Nonoa (Veranstalter)

Manfred Weinberg (Prag): Kafka geht ins Kabarett

Steffen Höhne (Weimar-Jena): Ein dubioses Genre? Franz Kafka und die Operette

Sarah Stoll (Jerusalem): Kafkas Bühnen. Zwischen Käfig und Naturtheater

Nikolaus Müller-Schöll (Frankfurt am Main): Theater des Unsichtbaren

Claudia Liebrand (Köln): Theatralität der Justiz. Kafkas Proceß

Ulrich Stadler (Zürich): Vom Verschwinden der Gegensätze. Der Türhüter und die Flöhe in Kafkas Vor dem Gesetz

3. Dezember

Vivian Liska (Antwerpen): Eingreifen aufführen: Kafkas »Halt!«

David Fuchs / Koku Nonoa (Luxemburg): Kafkas Theater und die ästhetische Erfahrung

Annette Werberger (Frankfurt an der Oder): Zur Entstehung von Kafkas Politik der Kleinen Literaturen aus dem Jiddischen Theatererlebnis

Abschlussdiskussion

 

 

 

Redaktionelle Betreuung: Nils Gelker

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