CFP: "Franz Kafkas Prag und Böhmen". Themenheft der "Brücken. Zeitschrift für Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft" (15.05.2022)

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Es ist zu erwarten, dass die popularisierende Kafka-Publizistik sowie ein großer Teil der Kafka-Forschung in den vielen Veröffentlichungen, die zu Kafkas 100. Todestag 2024 zu erwarten sind, wieder ihrem liebsten Ansatz frönen wird: der Allegorese. Man wird neue ‚Enträtselungen‘ Kafkascher Texte zu lesen bekommen, die die Sicherheit vermitteln, Kafka habe in diesem oder jenen Text gewiss ‚eigentlich‘ (und nur) über dieses oder jenes Phänomen geschrieben. Das Problem – um ein Beispiel zu nennen – besteht aber darin: Die Schakale im Text Schakale und Araber können eben nicht gleichzeitig die Juden in Palästina oder die Deutschen oder die Tschechen in Prag meinen. Jede dieser Lektüren mag in sich schlüssig erscheinen, aber sie scheitert an der Schlüssigkeit anderer Lektüren. Außerdem werden uns sicher noch unzählige andere Quellen angeboten werden, die Kafka bei der Verfassung seiner Texte beeinflusst haben; allerdings kann er diese Texte in seinen wenigen Lebensjahren unmöglich alle gelesen haben

Ausgehend von dem grundlegenden Ansatz der Kurt Krolop Forschungsstelle für deutsch-böhmische Literatur an der Philosophischen Fakultät der Prager Karls-Universität sowie des Handbuchs der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder (2017) lässt sich ein anderer Weg verfolgen: Einerseits geht er von Lektüren im Detail aus, die sich nicht von einer gesetzten ‚Hinsicht‘ einschränken lassen. Mit ihnen lässt sich die Komplexität Kafkascher Texte nicht nur beschwören (wie es nicht selten passiert), sondern möglichst genau vorführen – jenes ‚Minutiöse‘, das zuletzt auch Ulrich Stadler in seiner Studie Kafkas Poetik [1] in den Vordergrund gerückt hat.

Anderseits geht es um einen stärkeren Einbezug des kulturellen Umfelds Franz Kafkas. Die Crux der Kafka-Rezeption lag ja unter anderem darin, dass sie zunächst in den USA resp. den angloamerikanischen Ländern, danach in Westdeutschland und Frankreich, später: weltweit vonstatten ging. Überspitzt kann man formulieren, dass es all diese Kafka-Interpreten eint, dass sie – wie sollten sie auch? – keine hinreichende Kenntnis von den besonderen kulturellen bzw. interkulturellen Verhältnissen im Prag des frühen 20. Jahrhunderts hatten. Die sachlichen Fehler etwa in der vielzitierten Kafka-Studie von Gilles Deleuze und Félix Guattari sind Legion. [2] Zuvor schon ist die erste Konferenz auf Schloss Liblice bei Prag 1963 ihrem Titel Franz Kafka aus Prager Sicht nicht gerecht geworden, weil sie ihre Konzepte v.a. vor dem Hintergrund der Frage nach der Legitimität der deutschsprachigen Literatur in Böhmen als Forschungsgegenstand aus marxistischer und kulturpolitischer Perspektive entfaltete.

Der Frage nach dem kulturellen Umfeld Kafkas wollen wir uns mit einem Themenheft der Brücken. Zeitschrift für Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft zum 140. Geburtstag Kafkas 2023 widmen. [3]

Nun ist die enge Verbindung von Prag und Kafka sicher stereotyp: Sie wird in der Forschung immer wieder beschworen (aber eben mehr beschworen als konsequent zum Ausgangspunkt von Deutungen gemacht), und sie ist umgekehrt die Grundlage einer Prager Kafka-Industrie, die all die Touristen in ihren falschen Vorstellungen von Kafka stets von Neuem bestätigt. Dass das „Mütterchen“ Prag „Krallen“ habe und einen nicht loslasse, gehört längst zur ‚Kafka-Folklore‘ (obwohl Kafka durchaus viele Reisen in Europa unternommen hat). Es ist Teil einer „der sicher falschesten Vorstellungen von einem Autor des 20. Jahrhunderts“ [4].

Verstärkt auf die Prager und böhmischen Kontexte Kafkas zu fokussieren, meint dabei nicht, in eine neue Allegorese zu verfallen, die da lauten würde, dass Kafka eigentlich immer nur über Prag geschrieben habe. Vielmehr hat er konkrete Verweise auf Prag immer mehr aus seinen Texten verbannt. Dennoch lässt sich eine Prägung durch die Prager Inter-/Kultur und ihre allgemein böhmischen und österreichischen Aspekte nicht leugnen. Hartmut Binder hat in seinem Buch Kafkas Wien aus dem Jahr 2013 darauf hingewiesen, dass es im ‚Studienbuch‘ Kafkas an der „k.k. Carl-Ferdinands-Universität in Prag“ neben geforderten Angaben zu „Geburtsort, Geburtsdaten, Religion“ auch die Rubrik „Vaterland“ gab, die „von Kafka recht nachlässig ausgefüllt wurde. Denn als Vaterland erscheint hier nicht etwa Österreich oder Österreich-Ungarn, sondern, und zwar in ganz und gar willkürlicher Abfolge, Böhmen, Prag (2., 3. und 7. Semester), Österreich, Prag (4., 5. und 6. Semester) oder Prag, Böhmen (8. Semester), einmal auch nur Böhmen (1. Semester).“ [5]. Man muss dies aber nicht als Nachlässigkeit verstehen, sondern kann es als Hinweis darauf lesen, wo sich Kafka tatsächlich verortete.

Von daher widmet sich das geplante Themenheft der Brücken. Zeitschrift für Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft den Prager und böhmischen– und mit/in ihnen auch den österreichischen – Kontexten Franz Kafkas. Das kann zum einen in der Frage nach der Relevanz dieser Kontexte für sein Leben, aber auch für seine Texte dargelegt werden. Es können zum anderen aber auch eben diese Kontexte selbst genauer ausgeleuchtet werden – in Studien zu anderen Prager oder böhmischen Autoren, wobei die tschechischen Autoren zwangsläufig mit zu berücksichtigen sind. So ist etwa zu fragen, wie der Generation Kafkas und Max Brods ein so unglaublich rascher Sprung in die europäische Moderne gelingen konnte. Hatten sich nicht eben noch die Autoren der sogenannten Concordia in neoklassischen und neoromantischen Tändeleien ergangen? Hatte nicht die sogenannte ‚Frühlingsgeneration‘ resp. ‚Jung-Prag‘ – Max Brod nennt sie die „Halbgeneration“ [6] vor Kafka – nicht Detlev von Liliencron (neben Richard Dehmel) zu ihrem literarischen Helden erhoben, wahrlich kein Ausbund an Modernität? Ist es also vorstellbar, dass die Generation von Kafka und Brod ohne den Einfluss der sie ‚umgebenden‘ tschechischen Autoren, die schon am Ende des 19. Jahrhunderts modern geworden waren – man denke an die Zeitschrift Moderní revue (ab 1894) oder das Manifest der Česká moderna von 1895 – so rasch den Sprung in die unabweisbare Modernität schafften? Das zu unterstellen, verlangt allerdings Abschied zu nehmen von der Diagnose eines ‚dreifachen‘ – nationalen, religiösen und sozialen – ‚Ghettos‘, in dem die Prager deutschen Autoren gelebt hätten, die Paul/Pavel Eisner schon 1933 gestellt und der Eduard Goldstücker auf der zweiten, der „Prager deutschen Literatur“ gewidmeten Konferenz in Liblice 1965 seinen Segen erteilt hat. Nein, diese Autoren haben nicht auf einer Insel gelebt, und Anregungen aus der tschechischen Literatur sind sicher ernst zu nehmen, wenn das auch verlangt, die Geschichte der Literatur Prags und der Böhmischen Länder aus einer transkulturellen Perspektive zu erneuern. [7]

Willkommen sind also Beiträge, die das kulturelle Umfeld Franz Kafkas in vielerlei Perspektiven – auch über die vorstehend formulierten Fragen hinaus – entfalten und deren Relevanz für sein Leben und Schreiben diskutieren. Vorschläge im Umfang von max. einer DIN-A4-Seite (inklusive einer kurzen biographischen Skizze) werden als Mail-Attachment bis zum 15.05.2022 erbeten an bruecken@ff.cuni.cz. Die fertigen Aufsätze von maximal 20 Seiten (nach style sheet) müssen bis zum 31.01.2023 vorliegen und werden anschließend in einem double blind peer-review-Verfahren begutachtet. Das Themenheft soll im Sommer 2023 erscheinen.

 

[1] Ulrich Stadler: Kafkas Poetik. Zürich, Berlin 2019.

[2] Vgl. Manfred Weinberg: „Transnationalität in den Böhmischen Ländern“, in: Doerte Bischoff, Susanne Komfort-Hein (Hrsg.): Handbuch Literatur & Transnationalität, Berlin, Boston 2019, S. 341-350. Zum Grund all dieser Fehler: Marie-Odile Thirouin: „Franz Kafka als Schutzpatron der minoritären Literaturen – eine französische Erfindung aus den 1970er Jahren“, in: Steffen Höhne, Ludger Udolph (Hrsg.): Franz Kafka. Wirkung und Wirkungsverhinderung, Köln, Weimar, Wien 2014, S. 333-354.

[3] Daneben ist eine Konferenz zum Motiv des Landlebens bei Kafka geplant: Landvermessungen. Kafka und das Landleben. Tagung an der Karls-Universität Prag, 6.-8. April 2023. Call for papers unter: https://networks.h-net.org/node/79435/discussions/9338805/cfp-landvermessungen-kafka-und-d....

[4] Steffen Höhne, Manfred Weinberg: „Vorwort“, in: dies. (Hrsg.): Franz Kafka im interkulturellen Kontext, Köln, Wien, Weimar 2019, S. 7-24, hier: S. 8.

[5] Hartmut Binder: Kafkas Wien. Portrait einer schwierigen Beziehung. Prag 2013, S. 36f.

[6] Max Brod: Der Prager Kreis, Stuttgart, Berlin, Mainz, S. 73.

[7] Vgl. Václav Petrbok, Václav Smyčka, Matous Turek, Ladislav Futtera (Hrsg): Jak psát transkulturní dějiny? [Wie schreibt man eine transkulturelle Literaturgeschichte?], Praha 2019.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu