CFP: Verzicht. Mediävistische Perspektiven, Berlin (22.05.2022)

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Call for Papers:

Verzicht. Mediävistische Perspektiven

28. Jahrestagung des Brackweder Arbeitskreises für Mittelalterforschung, Berlin, 18.–19.11.2022

 

Verzicht ist ein Wort der Stunde. Ein Reizwort. Als kurz vor der letzten Bundestagswahl die Spitzenkandidat_innen großer Parteien in einer Fernsehrunde befragt wurden, worauf sie im Sinne des Klimaschutzes zu verzichten bereit wären, sah sich die Hälfte von ihnen zu keiner Antwort imstande – offensichtlich in dem Wissen, andernfalls etwas Unbequemes auszusprechen. Verzicht kann also, muss aber nicht als Einbuße wahrgenommen werden.

Was ist Verzicht, wenn er nicht Verlust ist? Ziel der geplanten Tagung ist es, dem Begriff historische Tiefenschärfe zu geben. Denn dass Menschen zugunsten einer Sache bewusst auf Güter, Chancen oder Handlungen verzichten, scheint geradezu ein universelles Phänomen. Gleichwohl bedarf es zur Begriffsschärfung einer zeitgenössischen Kontextualisierung der Praktiken, Semantiken, Logiken und Szenarien des Verzichtens. Das Mittelalter hat dazu, so glauben wir, mannigfaltiges Anschauungsmaterial zu bieten; moderne Gesellschaften beziehen sich teils selbst auf mediävalisierte Formen des Verzichts (man denke etwa an ‚Kloster-Retreats‘). Die Tagung fragt angesichts der Fülle von Phänomenen nach verschiedenen Denk- und Handlungsformen des Verzichtens – zunächst breit verstanden als Nicht-Nutzung einer zur Verfügung stehenden Ressource, als Nicht-Wahrnehmung einer Handlungsoption.

Denn verzichten kann und konnte man auf vieles: Neben religiös begründete Askese und freiwillige Armut treten so etwa der Verzicht auf ein Amt, auf das Führen eines Prozesses oder auf Elemente der (Selbst-)Darstellung. Zwar erscheint all dies nur selten als explizit ‚gewinnorientiert‘. Verzicht muss und soll gleichwohl nicht bloßen Verlust bedeuten. In (nicht nur) ökonomischer Hinsicht kann man ihn als eine implizite Form von Tausch verstehen. Was ‚bringt‘ dann Verzicht, bis zu welchem Punkt nützt er – und ab wann nicht mehr? Spezifische Logiken und Ausdrucksweisen von Verzicht rücken so in den Fokus.

Verzicht wird auch zu einem Testfall für die Frage nach der Grenze zwischen Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit – stellt sich doch die Frage, unter welchen Bedingungen Akteure auf die Wahrnehmung von Optionen verzichten wollten, konnten – oder mussten. Verzicht kann ein Recht sein, bedeutet gegebenenfalls aber auch die Nicht-Wahrnehmung von Rechten. In handlungstheoretischer Hinsicht kann Verzicht erwartbar sein (etwa als Demutsgeste), er kann aber auch den Bruch mit Gewohnheiten und Konventionen bedeuten. Als solcher kann er in sozialer Hinsicht negative ebenso wie produktive Folgen haben, denkt man etwa an die Ablehnung von Geschenken oder den Verzicht auf Gewalt und Rache. Schließlich hat er aber auch seine Grenzen – auf manches kann und will man nicht verzichten, und zahlt auch dafür seinen Preis.

Vor diesem Hintergrund wollen wir den Begriff ‚Verzicht‘ als einen Zugang zum Verständnis mittelalterlicher Gesellschaften nutzen. Die Tagung ist interdisziplinär angelegt und soll unter anderem folgende Fragekomplexe adressieren:

  • Praktiken des Verzichts:

Wo und wie lassen sich Praktiken greifen, die auf die Nicht-Nutzung vorhandener materieller und immaterieller Ressourcen zielen, vom abstinenten Lebensstil über einen darstellerischen Minimalismus bis hin zum Thronverzicht? Wie werden diese Praktiken vollzogen, bedeuten sie einen Bruch mit oder eine Anpassung an soziale Normen?

  • Semantiken des Verzichts:

Wie wird Verzicht in mittelalterlichen Medien ausgedrückt? Welche Sprache, welche Bilder dienten seiner Erfassung? Wird Verzicht dabei abgegrenzt von anderen Formen der Aufgabe, Entsagung, des unkonventionellen oder eingeschränkten Handelns?

  • Logiken des Verzichts:

Wie wird Verzicht erklärt, wie wird er sinnhaft gemacht? Wo liegt die Grenze zum Verlust? Und wer gewinnt – zu wessen Gunsten wird verzichtet? Welche Folgen und welchen Mehrwert hat das Verzichten in den Augen mittelalterlicher Menschen und in welcher Weise wird es in Vorstellungen gesellschaftlich akzeptablen und erwartbaren Verhaltens (wieder) eingeschrieben?

  • Zeiten und Räume des Verzichts:

In welchen Situationen kann und soll man verzichten? Gibt es einen richtigen Zeitpunkt zum Verzichten, und wie wird er literarisch, bildlich oder argumentativ erfasst? Wie werden Räume des Verzichts markiert?

Zu solchen und verwandten Fragen laden wir zu einer interdisziplinären Tagung, die am 18. und 19. November 2022 an der Humboldt-Universität zu Berlin stattfinden wird. Die Tagung ist fachöffentlich und bedarf keiner Einladung.

Erbeten werden Beiträge aus sämtlichen Fächern und Teildisziplinen der Forschung zum (geographisch und zeitlich breit gefassten) Mittelalter, insbesondere auch von Nachwuchswissenschaftler_innen. Vorträge (deutsch oder englisch) sollten eine Dauer von ca. 30 Minuten nicht überschreiten. Eine Erstattung von Reisekosten, abhängig von der Mitteleinwerbung, ist angedacht.

Wir bitten alle an einem Vortrag Interessierten, bis zum 22.05.2022 ein Vortragsexposé (300–400 Wörter) und eine kurze biographische Notiz einzusenden. Vortragsvorschläge und Fragen richten Sie bitte an philipp.winterhager@hu-berlin.de.

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Lukas Büsse] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu