CFP: Aufklärung zwischen Praxis und Utopie. Das literarische Schaffen Johann Pezzls (1756-1823) (30.06.2022)

Franz Fromholzer's picture

Internationale Konferenz an der Universität Regensburg (22. bis 24. Juni 2023)

Am 9. Juni 2023 jährt sich der Todestag Johann Pezzls zum zweihundertsten Mal. Pezzl ist unbestritten eine zentrale Figur aufgeklärter Publizistik im katholischen Raum. Sein literarisches Werk zeichnet sich durch satirische Schärfe und Wucht der Sozialkritik aus. Jedoch konnte Pezzl in seinen Bilanzen zum Zeitalter der Aufklärung auch desillusioniert das Scheitern menschlichen Fortschritts vor Augen führen. Die Utopie eines ‚aufgeklärten Zeitalters‘ erschien Pezzl schon früh als prinzipiell unabschließbares Projekt. Seine Publikationstätigkeit steht dabei von Anfang an unter dem Vorzeichen einer drohenden kulturellen Spaltung im deutschsprachigen Raum: Die Dominanz einer protestantisch geprägten Aufklärung setzt den katholischen Kulturraum unter Rechtfertigungsdruck. Pezzls dezidiertes Eintreten für eine als Praxis verstandene Aufklärung, die das alltägliche Leben umfassend durchdringen soll, äußert sich vor allem in Kritik an der Vormachtstellung der katholischen Kirche, deren Herrschaft Pezzl bekämpft. Sein fast in Vergessenheit geratenes Schaffen gilt es vor diesem Hintergrund im europäischen Kontext – seinem Verhältnis zu den französischen Vorbildern (Voltaire, Montesquieu, Mercier), zu England und Italien, aber auch zur jüdischen Aufklärung (Haskalah) im Österreich des Josephinismus – neu zu verorten.
Pezzl ist als politischer Autor zu bezeichnen, der die Praxis der Kritik schonungslos auf Missstände seiner Zeit richtete: Kritik an Folter und Hinrichtungen, Spott über die schädliche Pädagogik der Zeit, Polemik gegenüber Merkantilismus und Staatsbürokratie. Weiterhin zeigt er sich als energischer Beobachter der deprimierenden sozialen Verhältnisse in breiten Bevölkerungsschichten. Seine Invektiven gegen Kolonialismus und Sklavenhandel blieben kaum beachtet, sein Projekt einer Aufklärung als politischer Utopie wird in der Forschung als Verbindung von Aufklärung und Absolutismus beschrieben – eine These, die der differenzierten Analyse bedarf. Aber auch sein Verhältnis zur Revolution, zum „großen Haufen“ allgemein, der als verführbar und manipulierbar charakterisiert wird, ist noch genauer zu untersuchen.
Pezzls Lebenswelten und Milieus, seine Mitgliedschaft im Freimaurerorden, seine vermeintliche Verbundenheit mit den Illuminaten, sein Verkehr im Salon der Wiener Erfolgsautorin Caroline Pichler und seine Tätigkeit als Staatsbeamter in der Hofchiffrierkanzlei, eröffnen zahlreiche Perspektiven, aufgeklärtes Denken zwischen Freiheitspathos und Zensur, zwischen publizistischer Öffentlichkeit und Arkanum der Maurerlogen, zwischen beißender Kritik und Fürstenpanegyrik zu erforschen.
Pezzls antiklerikale Schriften zielten vor allem auf die kirchlichen Institutionen im ländlichen katholischen Raum, sparten dabei aber auch scharfe Invektiven gegen den Einfluss der Kirche an den Höfen nicht aus. Das Spannungsverhältnis von ländlicher Peripherie mit ihrem Wunderglauben und rückständigen Bildungsverhältnissen gegenüber den großen Städten, die Pezzl als Zentren menschlicher Entfaltungsmöglichkeiten feiert, grundiert sein Schaffen.
Vor dem Hintergrund einer männlich dominierten Aufklärung, die auch in den Männerbünden und Männerfreundschaften im Kreis seiner Netzwerke sichtbar wird, tritt Pezzls Marginalisierung von Frauen in seinen Werken als besonders augenfällig zu Tage. Detailuntersuchungen zu seinem Frauenbild, das auch – wie in der Forschung formuliert wurde – misogyne Züge trägt, sind ein Desiderat ebenso wie Studien zu Geschlechterkonzeptionen in seinen Schriften allgemein.
Pezzls Werk weist verschiedene Gattungen auf (Briefroman, Reiseliteratur, Satire, Pamphlet, Biographie), die einen signifikanten Einblick in die literarische Publikationstätigkeit der Aufklärungsepoche geben. Darüber hinaus ist sein Schaffen als Übersetzer aus dem Französischen und Englischen noch kaum erforscht. Dies betrifft auch Pezzls Methodik der historischen Quellenbearbeitung und Zitierweise, die insbesondere in seinen Reisebeschreibungen markant hervortritt. Die Evidenz von Fall- und Zahlenbeispielen (zur ökonomischen Entwicklung, zu Missständen im Justizwesen etc.) erscheint als eine zentrale Strategie Pezzls, die keinesfalls der Polemik entbehrt. Pezzls Stellung im und zum zeitgenössischen Literaturbetrieb bedarf hierzu einer genaueren Konturierung – der Autor schreckte selbstbewusst auch vor boshaftem Spott über Goethes Werk nicht zurück. So sind auch Kanonisierungsprozesse genauer in den Blick zu nehmen, fielen Pezzls Bestseller doch bereits im 19. Jahrhundert überwiegend aus dem literarischen Kanon.
Pezzls Werk bietet eine Fülle an Möglichkeiten zu kulturgeschichtlichen Studien im süddeutsch-österreichischen Raum: Volksfrömmigkeit, Wunderglaube, Prozessionen, Teufelsaustreibungen werden von Pezzl en detail beschrieben. Aber etwa auch das Jagdwesen, das Volkstheater, städtische Belustigungen oder die kulinarischen Usancen der Zeit finden sich ausführlich gewürdigt. Auch ermöglichen Pezzls Schriften zahlreiche Einblicke, die Wissenschaftsgeschichte der Zeit zu rekonstruieren (Physiognomik, Land- und Forstwirtschaft, Klima, Medizingeschichte z.B.).
Beitragsvorschläge werden erbeten bis zum 30.06.2022 an Johann Kirchinger (Johann.Kirchinger@theologie.uni-regensburg.de), Manfred Knedlik (manfred.knedlik@t-online.de) oder Franz Fromholzer (franz.fromholzer@philhist.uni-augsburg.de).