KONF: Jüdische Emanzipation und Jüdische Renaissancen, Augsburg und digital (22.-24.2.2022)

Theresia Dingelmaier's picture

Abschlusstagung der 1. Arbeitsphase der seit Januar 2022 von der DFG geförderten internationalen Netzwerkgruppe "Emanzipation nach der Emanzipation. Jüdische Literatur, Philosophie und Geschichte von 1900 bis heute", veranstaltet am Jakob-Fugger-Zentrum der Universität Augsburg unter der Leitung von Prof. Bettina Bannasch (Augsburg) und Prof. George Kohler (Ramat Gan, Israel).

Termin: 22.-24. Februar 2022


Hybride Tagung, um Anmeldung für die Präsenz- oder digitale Teilnahme wird gebeten (mailto: vincent.moeckl@student.uni-augsburg.de)

Programm: 

Dienstag, 22.2. 2022
16.15 Bettina Bannasch (Augsburg): Begrüßung und Moderation (Präsenz)
16.30 Hans-Joachim Hahn (Basel): Lessing, Dohm, Humboldt: Aspekte universalistischer
Emanzipation (Präsenz)
17.00 Asher Biemann (Virginia): Die Pflicht zur Selbstachtung: Emanzipation und jüdisches
Selbstvertrauen bei Hermann Cohen (Zoom)
17.30 Diskussion
18.00 Kaffeepause
Moderation: George Kohler (Ramat Gan) (Präsenz)
18.30 Andreas Kilcher (Zürich): Selbstemanzipation: negierte oder potenzierte
Emanzipation? (Zoom)
19.00 Christian Wiese (Frankfurt am Main): Jüdische Renaissance und
postemanzipatorischer Diskurs: Debatten über deutsch-jüdische Kultur im
Kulturzionismus vor 1933 (Zoom)
19.30 Diskussion
Mittwoch, 23.2.2022
Moderation: Dominique Hipp (Berlin) (Präsenz)
9.30 Theresia Dingelmaier (Augsburg): Jüdische Renaissance in deutsch-jüdischer
Kinderliteratur der 1920er Jahre (Präsenz)
10.00 Birgit Erdle (Berlin/London): Der Roman als Beobachtungsort postemanzipatorischer
Lagen: Siegfried Kracauers literarische Lektüren (Zoom)
10.30 Diskussion
11.00 Kaffeepause
Moderation: Hans-Joachim Hahn (Basel) (Präsenz)
11.30 Sabrina Habel (Jerusalem): Ludwig Lewisohn und Susan Taubes: ‚Scheidung‘ als
Reflexionsfigur unterschiedlicher Stationen der jüdischen Emanzipationsgeschichte
(Zoom)
12.00 Philipp Lenhard (München): Deutscher auf Widerruf: Hans Mayers Resümee über die
jüdische Emanzipation (Präsenz)
12.30 Diskussion
13.00 Mittagspause
Moderation: Ze’ev Strauss (Hamburg) (Präsenz)
14.00 Cedric Cohen Skalli (Haifa): Leo Strauss in Exile in Paris and the Formation of
Jewish-Islamic Paradigm (Zoom)
14.30 Thomas Meyer (München): Hannah Arendt in Paris (1933-1939): Antisemitismus,
Assimilation und die Frage „Was tun?“ (Zoom)
15.00 Diskussion
15.30 Kaffeepause
Moderation: Doren Wohlleben (Marburg) (Präsenz)
16.00 Liliane Weissberg (Pennsylvania): Emanuel Löwy, Sigmund Freud und die Rolle der
Erinnerung (Zoom)
16.30 Shira Miron (Yale): Wort und Geist, Ursprung und Ende – Sprache und Emanzipation
zwischen Chajim Heymann Steinthal und Hermann Broch (Zoom)
17.00 Diskussion
17.30 Kaffeepause
18:30 Abendvortrag im Annahof Augsburg
Einführung und Moderation: Bettina Bannasch (Augsburg) (Präsenz)
Itta Shedletzky (Jerusalem): Kurt Guggenheim (1896-1983), Alles in Allem: Ein
Epochenroman über ‚Die Stadt Zürich‘ 1900-1945 aus der Perspektive der 1950er
Jahre (Zoom)
Donnerstag, 24. 2.2022
Moderation: Philipp Lenhard (München) (Präsenz)
9.30 Ze’ev Strauss (Hamburg): Herausforderungen der gegenwärtigen jüdischen
Religionspädagogik und die jüdische Emanzipationsgeschichte (Präsenz)
10.00 Anika Reichwald (Hohenems): Zwischen den Welten – ausgestelltes Judentum um
1900 (Präsenz)
10.30 Dominique Hipp (Berlin): Vorstellungen einer post-migrantischen Gesellschaft im
journalistischen Werk von Joseph Roth (Präsenz)
11.00 Diskussion
12.00 Kaffeepause
12.15 George Kohler (Ramat Gan): Abschlussrunde mit Ausblick auf die zweite
Arbeitsphase der DFG-Netzwerk-Gruppe (nicht öffentlich)

Beschreibung:

In den ästhetischen und religionsphilosophischen Erneuerungsbewegungen um 1900 scheint das spezifisch Jüdische zunächst aufzugehen. Literaten und Philosophen der Jahrhundertwende sowie der Moderne verwenden den Begriff Emanzipation explizit nur selten. Das Phänomen gerade von gescheiterten jüdischen Emanzipationsprozessen wird aber oftmals zum Gegenstand ihrer literarischen und essayistischen Überlegungen. Der Emanzipationsdiskurs findet sich hier vermehrt verschränkt mit Fragen der Religionsfreiheit, aber auch einer nihilistischen Abkehr vom Glauben. Nach der rechtlichen Gleichstellung der Juden in Deutschland 1871, spätestens aber nach 1933 wird die Forderung nach einem Bekenntnis zum Judentum auch, vielleicht sogar vor allem zu einer moralischen Verpflichtung. Die Erfahrung der Shoah bekräftigt die Verpflichtung auf die jüdische Gemeinschaft als Leidensgemeinschaft. Glaubensfragen werden fortan unter diesem Vorzeichen verhandelt: Dies betrifft Debatten um eine Sakralisierung der Shoah ebenso wie Abwendungen von jeglicher Art religiöser Erklärungsmodelle angesichts der Shoah wie auch für Rückbesinnungen auf die jüdische Tradition und Religion. Letztere begreifen sich nun nicht mehr als ‚emanzipatorische‘, doch – wie etwa bei Aharon Appelfeld – unter Berufung auf Buber, Scholem, Bergmann und andere als „postassimilatorische“. Die Unterscheidung in ‚deutschen‘ und ‚jüdischen‘ Geist kann als Indiz für Strategien der Selbstvergewisserung verstanden werden, die im Kontext der jüdischen Emanzipation im 19. Jahrhundert entwickelt und bis in die 1930er Jahre hinein verhandelt werden. Dabei ist die zeitübergreifende, ungelöste Spannung aller emanzipativer Hoffnungen, zwischen Individuum und Kollektiv, für das erste Drittel des 20. Jahrhunderts unter (religions-)philosophischer Perspektive noch genauer zu systematisieren. Der Niederschlag, den diese Spannung in den unterschiedlichen religionsphilosophischen und literarischen Strömungen findet, ist für das 20. Jahrhundert bis 1933 unter dem spezifischen Blickwinkel des Emanzipationsprozesses und dessen Einschätzung als gelungen oder gescheitert zu analysieren. Zu diskutieren sind in diesem Zusammenhang auch Diskurse und Texte, die sich in den Jahren nach 1933/1945 im Rückblick auf diese Auseinandersetzungen beziehen. In enger Verbindung mit dem Gedanken der Emanzipation steht auch der Begriff der politischen Freiheit, wie er vor allem von Hannah Arendt geprägt und zur Diskussion gestellt wurde. Mit der rechtlichen Gleichstellung der Juden ergab sich nun dringend die Frage nach freier politischer Betätigung, nach jüdischer Beteiligung an übergreifender emanzipatorischer Politik, von der Frauenbewegung bis zum jüdischen Engagement für Sozialismus und Revolution nach dem ersten Weltkrieg. Hier spielt aber auch der politische und juristische Kampf gegen Antisemitismus eine Rolle, der sich, zusammen mit dem allgemeinen politischen Engagement in zahlreichen Texten niedergeschlagen hat, die es zu untersuchen gilt. Schließlich stellt sich die komplexe Frage, inwieweit sich jüdische Emanzipation auch in den oft irrationalen Denk-Strömungen des 20. Jahrhunderts wiederfindet, inwieweit also jüdische Identitätsbildung bis 1933 von Aspekten mobilisierender Emotionen, psychologischer Dispositionen, nationalistischer Hoffnungen oder sozialer Ängste beeinflusst ist. Die geplante internationale und interdisziplinäre Tagung, mit der die erste Phase der Zusammenarbeit der von der DFG seit Januar 2022 geförderten internationalen Netzwerk-Gruppe im Februar 2022 gebündelt und abgeschlossen wird, leistet eine Fortsetzung der Präsentationen und Diskussionen, die im Rahmen von sechs vorhergehenden Workshops (2018-2021) erarbeitet wurden. Die Tagung legt die im Netzwerk erarbeiteten Resultate einem internationalen wissenschaftlichen Forum zur Diskussion vor und macht dessen Anregungen und Kritik für die zweite Projektphase nutzbar. Sie versteht sich zugleich als eine impulsgebende Verknüpfung der beiden Projektphasen.

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu