CFP: Serendipitäres Spurenlesen. Zur kulturellen Relativität des Indizienparadigmas in Detektiverzählungen und Wissenschaft (13.03.2022)

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Workshop-Reihe im Sommersemester 2022 - ab 29.04.2022

Hybrides Veranstaltungsformat (Präsenz/Online)

Organisation: Joachim Harst (Universität zu Köln), Reinhard M. Möller (Goethe-Universität Frankfurt am Main)

Thema:

In einem bekannten Essay hat Ginzburg behauptet, die sich im 19. Jahrhundert ausdifferenzierenden „Geisteswissenschaften” teilten sich mit den zeitgenössischen Detektivgeschichten ein epistemologisches Paradigma, das er als „Indizienparadigma” bezeichnete. Für die Kunst der Spurenlese, die Ginzburg anhand paradigmatischer Figuren der frühen Moderne wie Freud, Morelli und Sherlock Holmes in den Blick nahm, ist darüber hinaus jene besondere Form der Zufallskreativität entscheidend, die 1754 erstmals von Horace Walpole auf den Begriff „Serendipity“ gebracht wurde und die bis heute in kulturtheoretischen Diskursen eine Rolle spielt: Die Entdeckung von Spuren lässt sich nur selten planen, sie treten mehr oder weniger unerwartet in den Blick, und wenn sie auftreten, müssen sie im Modus kreativer Abduktion ausgewertet werden. Diese Kunst des Schlussfolgerns aus nicht vollständig transparenten Prämissen haben etwa Umberto Eco und Thomas C. Sebeok in ihrer semiotischen Studie The Sign of Three: Dupin, Holmes, Peirce auf das literarische Genre der Detektiverzählung und auf das Modell der Abduktion bei Charles Sanders Peirce bezogen.

Daher kann man seither fragen, was die Literaturwissenschaft aus Detektivgeschichten über sich selbst lernen kann, werden doch die Detektive regelmäßig als sowohl professionelle wie kreative Leser dargestellt. Diese Frage richtet sich besonders an solche Detektivgeschichten, die eine postkoloniale Perspektive einnehmen und damit Alternativen zur abendländischen ratio des Detektivs entdecken. So verlagert bspw. Herrndorfs Sand (2011) eine klassische Ermittlungsgeschichte in ein fiktives nordafrikanisches Land, das offenbar erst vor kurzem dekolonialisiert wurde, und markiert die Indizienlogik als koloniale Epistemologie, die in Nordafrika nur versanden kann. Muss man also von einer kulturellen Relativität des Indizienparadigmas sprechen und kann man von postkolonialen Ermittlungsgeschichten andere Formen des wissenschaftlichen Spuren- und Zeichenlesens lernen?

Diese Frage lässt sich auch auf die Geschichte der Detektivgeschichte zurückbeziehen. Häufig wird diese aus einem eurozentrischen Blickwinkel geschildert, so dass die Detektivgeschichte als westeuropäisches Produkt erscheint. Doch so wie die Schlussfolgerungen des Detektivs häufig die reine Logik überschreiten (Abduktion), so hat schon Ginzburg einen außereuropäischen „Ursprung des Indizienparadigmas” angesprochen, wenn er auf die orientalische „Geschichte der drei Söhne des Königs von Serendippo" als Archetyp verweist. Dieser Märchenstoff, der auf die persischen Versepen Haft Paykar von Nizami (1197) und Hasht Bihisht von Amir Khusrow (1302) zurückgeht und erstmals 1548 durch Cristoforo Armenos italienische Übersetzung in Europa bekannt gemacht wurde, enthält unter anderem eine berühmte Szene, in der drei reisende Prinzen als Detektive avant la lettre ein entlaufenes Kamel durch die geschickte Auswertung zufälliger Spuren wiederfinden – und die dann im 18. Jahrhundert zum Vorbild für Walpoles Erfindung des „serendipity“-Konzepts wurde.

Spurenlese- und Quasi-Detektivgeschichten sind generell schon weit vor der Etablierung des Genres in den westlichen Literaturen (die man z.B. mit Voltaires Serendip-Adaption Zadig von 1748 beginnen lassen kann) in außereuropäischen Literaturen gängig: so etwa in der indisch-persischen Tradition, der das Märchen von den drei Prinzen von Serendip entstammt, in der arabischen Literatur etwa in der Erzählsammlung Tausendundeine Nacht (z.B. in Die drei Äpfel) und in der chinesischen Literatur der Qing- und Ming-Dynastien (vgl. die sogenannten Gong An-Erzählungen um Figuren wie den Richter Bao oder Richter Di, die wiederum in einem interessanten intertextuellen und interkulturellen Transferprozess durch den niederländischen Autor Robert van Gulik im 20. Jhdt. in den Kontext der westlichen
Kriminalerzählung ,übersetzt‘ wurden).

Vor diesem Hintergrund möchten wir fragen, ob und wie außereuropäische Spurenlese- und Detektivnarrative neben augenfälligen bemerkenswerten Gemeinsamkeiten auch Differenzen zum amerikanisch-europäischen Muster der Detektivgeschichte – etwa
abweichende ,Ermittlungslogiken‘ – inszenieren und welche Rolle hierbei verschiedene mögliche Konfigurationen des Serendipitätsprinzips spielen. Hierdurch ergeben sich womöglich auch produktive Vergleichsbezüge zur Anwendung des Indizienparadigmas in der literaturwissenschaftlichen Forschungsarbeit, insbesondere im Bereich der Vergleichenden Literaturwissenschaft.

In der Veranstaltungsreihe wollen wir also von mehreren Seiten aus nach der Relativität des Indizienparadigmas fragen. Dazu zählen die folgenden Aspekte:

1. Reflexionen auf Rolle, Herkunft und Tradition von Serendipität in Detektivgeschichten;

2. Vergleiche zwischen Inszenierungen von Serendipität als ,Investigativkunst‘ in der europäisch-nordamerikanischen Detektivgeschichte (mit Prototypen wie Dupin oder Sherlock Holmes) und in außereuropäischen Traditionen der Ermittlungsgeschichte (z.B. Literaturen Indiens, des arabischen Raums, Chinas und Lateinamerikas);

3. Infragestellungen/Modifikationen des Indizienparadigmas in postkolonialen Ermittlungsgeschichten;

4. Vergleichende Bezüge zwischen literarischen Ermittlungsmotiven und der Reflexion literaturwissenschaftlicher und philologischer, insbesondere komparatistischer Praktiken.

Zum Format:
Geplant ist eine hybride Veranstaltungsreihe im Sommersemester 2022. Nach einem eintägigen Auftakttreffen, das nach Möglichkeit in Präsenz am 29.04.2022 in Köln stattfinden soll, soll es regelmäßige virtuelle Arbeitstreffen von ca. 3 Std. Dauer gegen Ende jedes Monats geben. Die Reihe wird durch ein weiteres Präsenztreffen in der vorlesungsfreien Zeit abgeschlossen, das an der Goethe-Universität Frankfurt stattfinden soll. Im Rahmen der Treffen sind individuelle Vorträge zu den genannten Themen vorgesehen, die durch eine gemeinsame Lektüre ausgewählter Texte flankiert werden – daher sind auch alternative Formen der Beteiligung (Textarbeit, Gesprächsmoderation) möglich. Die Veranstaltungsreihe soll auch für fortgeschrittene Master- und Doktorstudierende zugänglich sein.

Eine Veröffentlichung ausgewählter Beiträge sowie eine Erstattung eventueller Reisekosten wird angestrebt. Entwürfe für schriftliche Beiträge können im Verlauf der Veranstaltungsreihe zirkuliert und gemeinsam diskutiert werden.
Abstracts für Vorträge von ca. 30 Minuten Länge im Umfang von ca. 500 Wörtern (einschließlich kurzer bio-bibliographischer Angaben) werden zum 13.03.2022 an jharst@uni-koeln.de und reinhard.m.moeller@gmail.com erbeten.

Organisation: Joachim Harst (Köln), Reinhard Möller (Frankfurt a.M.)

Auswahlbibliografie:

Armeno, Christoforo (1895): Die Reise der Söhne Giaffers, Übers. von Johann Wetzel. Hg. von Hermann Fischer und Johannes Bolte, Tübingen: Literarischer Verein Stuttgart [Basel 1583]. Digitalisat verfügbar unter https://resources.warburg.sas.ac.uk/pdf/neh1560b2329627.pdf (13.2.2022).

Maximilian Burk und Christof Hamann (2014): ‘There's no conflict?’: Zur Konstruktion und Irritation binärer Strukturen in Wolfgang Herrndorfs Sand, in: Postkoloniale Germanistik: Bestandaufnahme, theoretische Perspektiven, Lektüren, hg. von Gabriele Dürbeck and Axel Dunker, Bielefeld: Aisthesis, 329-354.

Susanne Düwell, Andrea Bartl, Christof Hamann, and Oliver Ruf, Hg. (2018): Handbuch Kriminalliteratur: Theorien – Geschichte – Medien, Stuttgart: Metzler.


Umberto Eco und Thomas A. Sebeok, Hg. (1983): The Sign of Three: Dupin, Holmes, Peirce, Bloomington: Indiana UP

Carlo Ginzburg (1995): Spurensicherung. Die Wissenschaft auf der Suche nach sich selbst, Berlin: Wagenbach.


Walter Höllerer: Die Leute von Serendip erkunden die Giftfabrik. Darmstädter Rede (1986), in: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Jahrbuch 1985, 103-118.

Christine Matzke and Susanne Mühleisen (2006): Postcolonial Postmortems. Crime Fiction from a Transcultural Perspective, Amsterdam: Rodopi 2006.


Robert K. Merton and Elinor Barber (2006). The Travels and Adventures of Serendipity. A Study in Sociological Semantics and the Sociology of Science, Princeton: Princeton University Press.

Reinhard M. Möller: Serendipität (2021), in: Umberto Eco-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, hg. von Erik Schilling, Stuttgart: Metzler, 358-361.

Nels Pearson and Marc Singer (2009): Detective Fiction in a Postcolonial and Transnational World, London/New York: Routledge.


Raoul Schrott: Politiken des Kulturellen (2018), in: ders.: Politiken & Ideen. Vier Essays, München: Hanser, 107-241.

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu