CFP: Auf den Kopf gestellt. Interdisziplinäre Betrachtungen der Trickster-Figur, München (31.03.2022)

Lisa Rettinger's picture

Workshop; München, 2. – 3. Juli 2022

(For English version please see below.)

Figuren wie Coyote, der Affenkönig Sun Wukong 孙悟空, Reineke Fuchs und der nordische Gott Loki heben mit Witz und List die Welt aus den Angeln und stellen sie auf den Kopf. Neben der Infragestellung von Ordnungen und hierarchischen Strukturen agieren die unterschiedlichen Trickster subversiv und innovativ (kreieren von Neuem), wobei sie oftmals in Komik und Groteske zu verorten sind. Dabei lässt sich die Figur des Tricksters als undurchsichtig beschreiben – gerade hierin manifestieren sich die Schwierigkeiten und Chancen des Begriffs. Die attestierte Ambivalenz birgt die Fallstricke der Unschärfe und kann dazu verleiten, alles Unerklärliche, analytisch nicht Greifbare als ‘tricksterhaft’ zu beschreiben. Sobald ein Merkmal der analysierten Figur mit der (Begriffs-)Tradition übereinstimmt oder andere Archetypen als unpassend erscheinen, wird gerne das Label ‚Trickster‘ verwendet.

Aus diesem Grund möchten wir uns im Rahmen des Workshops Auf den Kopf gestellt. dem Trickster definitorisch annähern und dabei gerade über den interkulturellen und interdisziplinären Dialog diejenigen Elemente fassen, die Trickster-Erzählungen verbinden. Es gilt, das wissenschaftliche Potential der konzeptuellen Ausprägung dieses Figurentypus intensiv auszuloten und damit seine Konturen wieder zu schärfen. Von besonderem Interesse für den gemeinsamen Austausch sind unteren anderem die nachfolgenden Themengebiete.

Entwicklung

Ebenso wie der Trickster eine Figur des Gestaltwandels ist, kann auch seine Beschreibung stark variieren. Gerade mythologisch verankerte Figuren erfahren über den Lauf der Zeit verschiedene Bearbeitungen. Solche Brüche und Kontinuitäten scheinen zentral für eine Figur, die sich vor allem durch ihre Ambivalenzen auszeichnet. Exemplarische Fragestellungen wären hier:

Inwiefern ändert sich eine mythologische Trickster-Figur im Laufe von Weiter- und Wieder-Erzählungen? Lassen sich hier kulturgeschichtliche oder gesellschaftliche Rückschlüsse ziehen?

Trickster – Narr – Betrüger – Schelm. Inwiefern unterscheiden sich diese unterschiedlichen Figurentypen? Was ist das Besondere an der Figur des Tricksters?

Welche neuen Trickster gibt es in gegenwärtigen Erzählungen (Medien aller Art)? Welche Beziehung besteht zwischen ihnen und ihren ‚Vorfahren‘?

Interkultureller Vergleich

Was alle Beschreibungen des Tricksters verbindet, ist die Behauptung, es handle sich um einen kulturell übergreifenden Figurentypus, welcher sich in Mythos und Literatur wiederfindet. Beispielhaft sei hier auf die Figur des listigen Fuchses verwiesen. Er begegnet uns im Deutschen durch Reineke, im Japanischen durch den Typus des kitsune キツネ, oder im Koreanischen durch die kumiho 구미호/九尾狐. Im Rahmen des Workshops gilt es zu prüfen, ob der Trickster tatsächlich als kulturübergreifender Typus funktioniert oder ob im interkulturellen Vergleich Differenzen und Brüche überwiegen.

Welche Trickster-Figurentypen gibt es? Inwiefern unterscheiden sie sich voneinander?

Inwiefern wird die Figur des Tricksters vor dem Hintergrund des kulturellen Kontextes bewertet? Zeigen sich hier Unterschiede?

Reflexion von Welt

Es ist auffallend, dass viele der Erzählungen, in denen Trickster auftreten, einen kritischen Blick auf ‚Welt‘ ermöglichen. Mit seiner Fähigkeit, Grenzen zu überschreiten, können Werte- und Normvorstellungen und deren Verletzung thematisiert werden. Die daraus resultierende Einladung zur Reflexion, die vielen einschlägigen Erzählungen inhärent ist, kann als Anstoß genommen werden, sich mit historischen, politischen sowie kulturellen Werte- und Normvorstellungen (Gesetzen, Habitualisierungen, etc.) auseinanderzusetzen.

Inwiefern unterstützen oder unterminieren die literarischen Bearbeitungen die vorherrschenden Vorstellungen (Gesetze, Werte, etc.)?

Ist der Figur des Tricksters also ein ethisches Potential inhärent?

Bieten die Figuren des Tricksters und ihre Ambiguitäten einen Ausweg aus dem Denken in binären Oppositionen?

Im Rahmen des Nachwuchsforscher*innen-Workshops freuen wir uns über Beiträge, die sich mit der Figur des Tricksters auseinandersetzen. Dabei sind literaturwissenschaftliche Themenvorschläge ebenso erwünscht wie kulturwissenschaftliche, historische oder beispielsweise psychologische Auseinandersetzungen.

Senden Sie uns ihre Bewerbungen mit einem knappen Exposé (Umfang max. 1 Seite/ 500 Wörter) für einen Workshop-Impuls (Paper; Vortrag max. 15 Minuten) sowie einen kurzen wissenschaftlichen CV bis zum 31.03.2022 an: hannah.michel@lmu.de, lisa.rettinger@philhist.uni-augsburg.de oder raffaela.rettinger@uni-wuerzburg.de

Die Auswahl und Benachrichtigung der Teilnehmer*innen erfolgt dann bis zum 14. April 2022.

Der Nachwuchsforscher*innen-Workshop findet am 2. und 3. Juli 2022 an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München statt und wird in Präsenz geplant. Die Möglichkeit einer digitalen Übertragung ist dabei nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Eine anschließende Publikation wird angestrebt.

Organisation des Workshops: 

Hannah Michel (SFB Vigilanzkulturen. Transformationen – Räume – Techniken / LMU)
Lisa Rettinger (NdL mit Schwerpunkt Ethik / Universität Augsburg)
Raffaela Rettinger (Kulturwissenschaften Ost- und Südasiens / Julius-Maximilians-Universität Würzburg)

Weitere Informationen: https://www.uni-augsburg.de/de/fakultaet/philhist/professuren/germanistik/neuere-deutsche-literaturwissenschaft-ethik/forschung/workshop-trickster/

 

 

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Upside Down.
Interdisciplinary Perspectives on the Trickster Figure.

Workshop; Munich, 2. – 3. Juli 2022

Through their humorous and sly nature, figures, such as Coyote, the monkey-king Sun Wukong 孙悟空, Reineke fox, and the Nordic god Loki turn the world upside down. Tricksters do not only question the common order and hierarchical structures, but also act as creating and disrupting entities, commonly linked to comedy and the grotesque. Quite often the trickster figure remains obscure, which makes the term trickster both challenging and promising. Its ambivalence can easily lead to a blurred perception of the figure or to the attempt of calling everything that seems inexplicable or analytically not tangible as ‘trickster-like’. This has turned the trickster into a label that is often applied once the attributes of an analyzed figure do not match common conceptual traditions or archetypes. 

Due to this fact, our workshop Upside Down. aims at exploring the various definitions of the trickster figure by seeking an intercultural and interdisciplinary dialogue in order to grasp the connecting elements of trickster narratives. Thus, we want to explore the scientific potential of the ‘trickster’ concept and to enhance its profile. Special points of interest in our exchange are the following aspects and questions:

Development 

Just as the trickster is a shapeshifting figure, its description varies just as much. Especially figures rooted in mythology undergo a process of frequent re-interpretation and re-adaption. Such disruptions and continuities seem essential for a figure that is characterized by its inherent ambiguities. Exemplary questions could be the following:

How does the mythological trickster figure change by its re-interpretation and re-adaption? Can we draw any cultural-historical or societal conclusions from these transformations?

Trickster – fool – fraudster – prankster. How do these character types differ? What makes the trickster figure so special?

What kind of tricksters occur in modern and contemporary narratives (in all kinds of media)? What relationships do these more recent types of tricksters share with their predecessors? 

Intercultural Comparison

All descriptions of the trickster have in common that they all claim to be transcultural characters rooted in mythology and literature. A good example of this phenomenon is the motif of the sly fox in different narrative traditions, such as the German Reineke Fuchs, the Japanese kitsune キツネ, or the Korean kumiho 구미호/九尾狐. Within the framework of the present workshop, we will critically examine whether the trickster can indeed be viewed as a transcultural figure, or if the differences and gaps outweigh the similarities.

What kinds of tricksters are there? How do they differ from each other?

How is the trickster figure evaluated in its own cultural context? Can we find any differences and similarities across cultures?

World Reflection

Quite remarkably, many trickster narratives include a critical perception of the ‘world’. The trickster serves as a cross-border entity and thereby encourages the dialogue about norms and their transgression. Such didactic impulses can serve the exploration of historical, political, and cultural values and norms, either as laws or habits. Furthermore, it allows us to examine whether or how literary adaptation either supports or undermines such processes.

In what way do literary adaptations support or undermine predominant beliefs (laws, values, etc.)?

Does the trickster figure have an inherent ethical potential? 

Could the trickster figure and its ambiguities offer a way out of predominant binary oppositions?

For the outlined junior researchers workshop we invite submissions on a wide range of approaches to the trickster-figure. We welcome aspects and questions, including, but not limited to, literature and media studies, cultural studies, philology, linguistics, and psychology.

Please send us your proposal with an abstract of max. 500 words (about 1 page), with a short bio, by 31 March 2022 to: hannah.michel@lmu.de, lisa.rettinger@philhist.uni-augsburg.de or raffaela.rettinger@uni-wuerzburg.de

Applicants will receive notification of acceptance by 14 April 2022.

Our junior researchers’ workshop will be held on 2 - 3 July, 2022, at Ludwig Maximilian University of Munich (LMU), in Munich. It will be held in person. A hybrid digital option for remote participation will be considered. A subsequent publication is planned.

The organizers: 

Hannah Michel (SFB Vigilanzkulturen. Transformationen – Räume – Techniken / LMU)
Lisa Rettinger (NdL mit Schwerpunkt Ethik / Universität Augsburg)
Raffaela Rettinger (Kulturwissenschaften Ost- und Südasiens / Julius-Maximilians-Universität Würzburg)

Further information: https://www.uni-augsburg.de/de/fakultaet/philhist/professuren/germanistik/neuere-deutsche-literaturwissenschaft-ethik/forschung/workshop-trickster/

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

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