CFP: TV populär. Zur Wissensgeschichte einer Fernsehform (30.06.2022)

Wolfgang Brylla's picture

(Call for Papers): Sammelband: TV populär. Zur Wissensgeschichte einer Fernsehform

Hg. von Wolfgang Brylla und Oliver Ruf

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2023

 

Der Band nimmt einen mittlerweile einschlägigen wie virulenten Untersuchungsgegenstand in den Blick: Medienkulturen des Populären. Der Terminus ›populär‹ kennzeichnet hier systematisch und kulturgeschichtlich eine geradezu theoretische Tradition sowohl der neueren Philologien und vor allem der Medienwissenschaft wie auch angrenzender Disziplinen (etwa der Kunstwissenschaft, der Soziologie oder auch der Anthropologie). Dabei geht es in erster Linie, wie es etwa das Forschungsprogramm Transformationen des Populären (SFB 1472, Universität Siegen) vorschlägt, darum, eine bestimmte »kulturelle Gegenwartslage« zu untersuchen und »spezifische Gründe und Effekte des Populären in verschiedenen gesellschaftlichen Funktionsbereichen« interdisziplinär zu analysieren. Der geplante Band möchte in diesem Zusammenhang einen besonderen Phänomenbereich fokussieren, der für die Diskurse gegenwärtiger Medienkultur prädestiniert erscheint. Das Fernsehen und seine Formate produzieren derart ostinat Praktiken wie Ästhetisierungen dieses Feldes, was sich auf verschiedenen Ebenen realisiert. Während jedoch explizit weder Rezeption noch Wirkungen bestimmter Fernsehsendungen im Vordergrund stehen sollen, geht es aus medienkulturwissenschaftlicher Sicht darum, Strukturen, Inhalte und Wissensbestände einzelner Pop-Fernseh-Formen zu lokalisieren und einem entsprechenden Close Reading zugänglich zu machen.

Exemplarisch deutlich wird dieses Vorhaben angesichts folgender Beobachtung des aktuellen (Privat-)Fernsehgeschehens in Deutschland: So wurde mit überaus negativ konnotierten Zuschreibungen (bspw. »Katastrophe!«, »Unfassbar schlecht«, »Gar nicht lustig«, »Stefan, komm bitte zurück!«) das Revival einer der Fernseh-›Kultshows‹ der 2000-er Jahre in den Kommentaren der Social Media begleitet. Der Fernsehsender ProSieben hatte die Sendung ›TV total‹, die der Entertainer Stefan Raab lange Jahre moderiert hat, Ende 2021 mit dem neuen Moderator Sebastian Pufpaff neu inszeniert; dieser war bis dato als Kabarettist aus anderen Fernsehsendungen (u.a. ›ZDF-heute show‹) einem größeren Fernsehpublikum bekannt, hat es aber erkennbar schwer, jene Tradition, die sein Vorgänger als einer der prominentesten und einflussstärksten Figuren der deutschen (Privat-)Fernsehgeschichte spätestens seit 1999 einnehmen konnte, fortzuführen. Mit ›TV total‹ hatte Stefan Raab schließlich einerseits dem Medium ›Fernsehen‹ gewissermaßen intrinsisch ein Denkmal gesetzt, um es andererseits quasi extrinsisch permanent bloßzustellen und zu kritisieren, ohne zu verabsäumen, von dessen dabei zu Tage tretenden Unzulänglichkeiten zu profitieren. Anders formuliert: Mit ›TV total‹, so eine Perspektive des hiermit skizzierten Bandes, beginnt eine Populärkulturgeschichtsschreibung des deutschen Privatfernsehdispositivs, mit dem seinerseits die so genannte ›Familienunterhaltung‹, wie sie z.B. mit Sendungen wie ›Dalli Dalli‹ im öffentlich-rechtlichen Rundfunk begonnen worden war, neu interpretiert und das Erreichen eines Massenpublikums zugleich wiederholt wurde. Diese Beobachtung war damals zunächst Samstagabend-Sendungen (vor allem ›Wetten dass…?‹) vorbehalten. 1998 waren zudem ähnliche Formate im Privatfernsehen abgesetzt worden, allen voran ›RTL Samstag Nacht‹. Nun aber gewann mit ›TV total‹ als, so die These, gleichsam Prototyp eines hier derart bezeichneten ›TV populär‹ der Hoheitstypus von Fernsehausstrahlungen, der seither eine breite, vornehmlich jüngere Zuschauer:innenschaft an sich zu binden vermag. Mittels schnell abrufbaren Kurzeinspielern aus anderen Fernsehproduktionen, durch dokumentationsartige Mini-Reportagen (›Raab in Gefahr‹) oder musikalische Formatinnovationen (›Raabigramm‹) entwickelte sich schließlich eine Art ›Medien-Format-System‹, dass das Fernsehen als ›Event-Maschine‹ weiter denkt – hier: mit unterschiedlichen Weltmeisterschaften in absurden Anti-Sport-Disziplinen (›Wok-WM‹, ›Stock Car-Challenge‹, ›Poker-Nacht‹ usw.), mit One-Man-Wettbewerben (›Schlag den Raab‹) oder auch mittels eines moderierten ›Kanzlerduells‹ sowie nicht zuletzt dem Fernseh-Clou, nicht allein am wiederum traditionsreichen Eurovision Song Contest teilzunehmen, sondern diesen zum zweiten Mal in dessen Geschichte mit einer im TV ausgewählten Sängerin (›Lena‹) zu gewinnen. Eben diese Fernsehentwicklung macht den Zugriff auf fernsehästhetische Fragestellungen unumgänglich, um deren Wissensgeschichte differenziert nachzeichnen zu können. An diesem bemerkenswerten Befund setzt das Forschungsinteresse des Bandes an, das diesen zum Anlass nehmen möchte, das in ein solches Fernseh-Regime gleichsam eingeschriebene Faszinosum des ›Populären‹ tiefer gehend zu diskutieren: als »Operation des Schaltens« (Lorenz Engell), das darauf angelegt ist, zwischen populären Systemen hin und her zu wechseln sowie dabei sich selbst (als Medium) verändernd zu gestalten. Dazu sollen verschiedene medien- und kulturwissenschaftliche Perspektiven zusammengeführt werden, um das zentrierte Thema mittels Einzelbetrachtungen historisch zu kontextualisieren und zugleich zu dekonstruieren bzw. ›lesend‹ wieder zusammenzuführen. In den Mittelpunkt gerückt werden können sowohl die bereits kurz angedeuteten Vorläufer dieses ›TV populär‹ ebenso wie ›TV total‹ selbst (und dessen Formatfiliationen) oder auch dessen Nachfolger – insbesondere solche im selben Privatfernsehen (›Joko und Claas‹ auf ProSieben), aber auch auf Streamingdiensten wie Amazon Prime (›LOL‹, ›Binge Reloaded‹ etc.).

Zu beleuchten wären mithin u.a. folgende Themenfelder:

  • die Theorie des Populären am Beispiel einzelner Fernsehformate;

  • die Praxis des Populären anhand ausgewählter Fernsehphänomene;

  • das Konzept und die Fernsehstrukturen von ›TV populär‹;

  • ›TV total‹ bzw. dessen Vorgänger und Nachfolger innerhalb der sich veränderten Fernsehmoderne aus fernsehkulturwissenschaftlicher Sicht;

  • Transformationen der Fernsehgeschichte aus dem Blickwinkel des Populären;

  • ›TV populär‹-Prinzipien (Provokation, Skandalisierung, Innovation u.ä.);

  • Populäres Fernsehen und die (Pop-)Musik;

  • Usw. usf.

Erbeten werden Beitragsvorschläge in Form eines Abstracts (max. 5.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) plus Beitragstitel sowie kurzen bio-bibliographischen Angaben einschließlich Email-Adresse und Affiliation bis zum 30.06.2022 an die beiden verantwortlich zeichnenden Herausgeber: Dr. Wolfgang Brylla (w.brylla@ifg.uz.zgora.pl) und Prof. Dr. Oliver Ruf (oliver.ruf@h-brs.de).

Der Sammelband soll Ende 2023 bei Vandenhoeck & Ruprecht erscheinen.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu