CFP: Die internationale Rezeption der "Essais" Michel de Montaignes: Formen, Deutungen, Konjunkturen – Osnabrück (31.03.2022)

Olav Kraemer's picture

 

Die internationale Rezeption der Essais Michel de Montaignes:

Formen, Deutungen, Konjunkturen

Internationale Tagung am 1. und 2. Dezember 2022

am Interdisziplinären Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit (IKFN)

in Osnabrück

Konzeption: Andrea Grewe, Olav Krämer, Susanne Schlünder

Michel de Montaigne und seine Essais (1580–1588) erfreuen sich im frühen 21. Jahrhundert eines ausgesprochen lebendigen Interesses, und dies nicht nur in der akademischen Welt (vgl. dazu Green 2009), sondern auch bei einem breiteren Publikum, und nicht nur in Frankreich, sondern weit darüber hinaus (vgl. auch Smith 2016: 305). Sarah Bakewells Buch How to Live. A Life of Montaigne in One Question and Twenty Attempts at an Answer (2010) und Antoine Compagnons Buch Un été avec Montaigne (2013) wurden zu internationalen Bestsellern; im Jahr 2021 erschien die Festschrift für den renommierten Montaigne-Forscher Philippe Desan unter dem bezeichnenden Titel Global Montaigne. Diese Publikationen bilden einige der vorerst letzten Stationen einer Rezeptions- und Wirkungsgeschichte, die sehr früh die nationalen Grenzen überschritten hat. Die Rezeptionsgeschichte der Essais erscheint aber nicht nur wegen der geographischen Reichweite bemerkenswert, sondern auch aufgrund ihrer ungewöhnlichen Komplexität und Vielschichtigkeit. Was im Laufe der Jahrhunderte die Leser*innen an den Essais faszinierte oder irritierte und zu imitativen, affirmativen oder kritischen Reaktionen herausforderte, waren nicht nur Montaignes Gedanken über vielfältige Themen (Skeptizismus, Religion, Mensch und Tier, fremde Kulturen), die in der Philosophie vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart vielfach rezipiert wurden (vgl. etwa Desan 2018), sondern ebenso seine originelle Form des Schreibens, die nicht nur in der Essayistik (vgl. zuletzt Karshan/Murphy 2020; Mahler 2020), sondern auch in der Autobiographik (vgl. Westerwelle 2019) langfristige Wirkungen zeitigte, und schließlich die Person Montaignes selbst: seine Freundschaft mit La Boétie, sein zurückgezogenes Leben auf seinem Gut oder gerade seine politische Aktivität als Bürgermeister und Diplomat, sein Verhalten in den Zeiten des Bürgerkriegs und der Pest.

Die Phasen und die zahlreichen Stränge und Filiationen dieser internationalen Rezeption der Essais sind bisher in sehr ungleichem Maße erforscht worden. Am gründlichsten hat man die Rezeption der Essais in Frankreich dokumentiert und analysiert (vgl. Millet 1995; Boase 1970; Dréano 1952; Frame 1940). Auch zur Rezeption in England liegen neben einer umfangreichen, aber veralteten Überblicksdarstellung (Dédéyan 1943) jüngere Überblicksaufsätze (Boutcher 2016) und Monographien über das späte 16. und das 17. Jahrhundert vor (Lange 2020; Hamlin 2013). Zur Rezeption im deutschsprachigen Raum hingegen gibt es keinerlei umfassende Studien jüngeren Datums obwohl schon im 18. Jahrhundert zwei deutsche Übersetzungen der Essais erschienen und die Studien zur Montaigne-Rezeption etwa bei Wieland und Goethe bezeugen, dass die Essais vielfach gelesen und kommentiert wurden (zu Wieland vgl. Martin 2017; zum 18. Jahrhundert insgesamt Langer 1995, zu den Übersetzungen in dieser Zeit Westerwelle 2011). Etwas Ähnliches gilt für die Rezeption in Italien und Spanien, über die es bisher nur kürzere oder ältere Überblicksdarstellungen gibt (Capitaine 2011; Buccini 1995; González Fernández 1988; Marichal 1953), die zudem eine stärkere Berücksichtigung hispanoamerikanischer Einflüsse anmahnen (Weinberg Marchevsky 2020). Zudem und vor allem ist bisher kaum einmal versucht worden, die internationale Montaigne-Rezeption systematisch im Hinblick auf übergreifende Strukturen zu untersuchen: also etwa mit Blick auf Konjunkturen und ihre Bedingungen, auf die Entstehung, transnationale Verbreitung und Modifikation von Deutungsschemata, auf Formen der Aneignung und Instrumentalisierung. Ansätze in dieser Richtung bieten am ehesten Warren Boutchers zweibändige Studie The School of Montaigne in Early Modern Europe, deren Schwerpunkt auf der Frühen Neuzeit und auf buchgeschichtlichen Fragen liegt (Boutcher 2017), sowie Dudley Marchis Monographie Montaigne Among the Moderns, die ausführlicher einige prominente Stationen der Montaigne-Rezeption untersucht (Emerson, Nietzsche, Walter Pater, Virginia Woolf; vgl. Marchi 1994).

Vor dem Hintergrund dieser Forschungssituation soll die geplante Tagung zum einen der Fortsetzung der ‚Grundlagenforschung‘ dienen, also der Erschließung bislang unerforschter Phasen und Stränge der Montaigne-Rezeption. Zum anderen soll sie auf der vorliegenden Forschung aufbauen, ihre Befunde zu verschiedenen Etappen und Dimensionen der Montaigne-Rezeption zusammenführen und systematische Perspektiven auf diese Rezeption erproben. Ein Schwerpunkt der Tagung soll dabei im Zeitraum vom 18. bis zum 20. Jahrhundert liegen: In dieser Zeit werden Montaignes Essais zunächst zu einer ‚festen Größe‘ in der Gelehrtenrepublik der Aufklärung, um dann seit dem 19. Jahrhundert zunächst in den französischen, dann in den europäischen Literaturkanon und schließlich in den weltliterarischen Kanon aufgenommen zu werden.

Willkommen sind sowohl Fallstudien als auch Überblicksdarstellungen zur Rezeption der Essais in der deutschsprachigen, italienischen, spanischen und hispanoamerikanischen, englischen und amerikanischen Literatur. Der Begriff der Rezeption soll dabei in einem weiten Sinne verstanden werden, der sowohl Editionen, Übersetzungen und Rezensionen als auch intertextuelle Bezugnahmen in literarischen Texten umfasst.

Konkret soll sich die Tagung an den folgenden Problembereichen und Leitfragen orientieren, die in den Beiträgen je nach behandeltem Gegenstand kombiniert oder abgewandelt werden können:

  • Editorische Bearbeitungen: Wie wurden die Essais in Übersetzungen und Auswahlausgaben gekürzt, bearbeitet und mit Paratexten gerahmt?

  • Mittlerfiguren und Aufnahmekontexte: Wer waren die Mittler, die Übersetzungen oder Kommentare zu den Essais publizierten? Durch welche Aufnahmekontexte wurden ihre Transferaktivitäten konditioniert?

  • Genese und Entwicklung von Montaigne-Deutungen: Wie entwickelten sich etwa die Deutungen Montaignes als Skeptiker, als Verfechter der Toleranz, als Meister der Lebenskunst, als Repräsentant der Moderne?

  • Montaigne als Person und die Essais: Wie wurde die Person Montaignes gedeutet und bewertet, und welche Interferenzen gab es zwischen den Auffassungen über die Person Montaigne und den Deutungen der Essais?

  • Politische und ideologische Instrumentalisierungen: Wie wurden Montaignes Essais für politische und ideologische Positionen in Anspruch genommen, welche Muster oder Kontinuitäten zeigen diese Instrumentalisierungen in komparatistischer Perspektive?

  • Stränge der Montaigne-Rezeption und ihr Verhältnis zueinander: In welchem Maße entwickelt sich die Rezeption der Essais in den verschiedenen nationalen Kulturen unabhängig voneinander, in welchem Maße wirkt die Rezeption außerhalb Frankreichs auf die französische Rezeptionsgeschichte zurück? Wie verhält sich seit dem 19. Jahrhundert die Montaigne-Philologie zur ‚kreativen‘ Montaigne-Rezeption in Literatur und Essayistik?

Bitte senden Sie Ihre Exposés (max. 300 Wörter) für 30-minütige Vorträge in deutscher oder französischer Sprache zusammen mit einer kurzen biobibliographischen Notiz bis zum 31.03.2022 an: andrea.grewe@uni-osnabrueck.de; olav.kraemer@uni-osnabrueck.de; susanne.schluender@uni-osnabrueck.de. Bei Rückfragen genügt eine Mail an die Organisator:innen.

 

Literaturverzeichnis

Adam 2012: Adam, Wolfgang. Verspätete Ankunft. Montaignes Journal de voyage im 18. Jahrhundert. Rezeption eines frühneuzeitlichen Textes. Heidelberg: Winter, 2012.

Bakewell 2011: Bakewell, Sarah. How To Live. A Life of Montaigne in one question and twenty attempts at an answer, London: Vintage, 2011 [12010].

Balsamo 2011: Balsamo, Jean. „L’invention d’un moraliste: Montaigne.“ Literatur und Moral. Eds. Kapp, Volker, et al. Berlin: Duncker & Humblot, 2011. 65-93.

Balsamo/Graves 2021: Global Montaigne. Mélanges en l’honneur de Philippe Desan. Sous la direction de Jean Balsamo et Amy Graves. Paris: Classiques Garnier, 2021.

Berghahn u.a. 2017: Johann Joachim Christoph Bode. Studien zu Leben und Werk. Ed. Berghahn, Cord-Friedrich/Biegel, Gerd/Kinzel, Till. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2017.

Boase 1970: Boase, Allan M. The Fortunes of Montaigne. A History of the Essays in France. 1580-1969. New York: Octagon Books, 1970.

Bouillier 1922: Bouillier, Victor. La Fortune de Montaigne en Espagne et en Italie. Paris: Champion, 1922.

Bouiller 1921: Bouillier, Victor. La Renommée de Montaigne en Allemagne. Paris: Champion, 1921.

Boutcher 2016: Boutcher, Warren. „Montaigne in England and America.“ The Oxford Handbook of Montaigne. Ed. Desan, Philippe. Oxford: Oxford University Press, 2016. 306–327.

Boutcher 2017: Boutcher, Warren. The School of Montaigne in Early Modern Europe. [2 vols. Vol. 1: The patron-author. Vol. 2: The reader-writer.] Oxford: Oxford University Press, 2017.

Buccini 1995: Buccini, Stefania. „La ricezione degli Essais nell’italia del Settecento.“ Montaigne Studies 7 (1995). 183-190.

Capitaine 2011: Capitaine, Annie. „La réception de Montaigne dans l’Espagne du XVIIe siècle.“ Montaigne et l’Europe. Actes du colloque international de Bordeaux 21 - 23 mai 1992. Ed. Claude-Gilbert Dubois. Paris: Eurédit 2011 [11992]. 177-185.

Compagnon 2013: Compagnon, Antoine. Un été avec Montaigne. Sainte-Marguerite-sur-Mer: Éd. des Équateurs, 2013.

Dédéyan 1943: Dédéyan, Charles. Montaigne chez ses amis anglo-Saxons. Paris: Editeurs Boivin, 1943.

Desan 2015: Desan, Philippe. „Petite histoire des réinventions et des récupérations de Montaigne au cours des siècles.“ Australian Journal of French Studies 52.3 (2015). 229-42.

Desan 2016: The Oxford Handbook of Montaigne. Ed. Desan, Philippe. Oxford: Oxford University Press, 2016.

Desan 2018: Les usages philosophiques de Montaigne du XVIe au XXIe Siècle. Ed. Desan, Philippe. Hermann Philosophie. Paris: Hermann, 2018.

Dréano 1952: Dréano, Mathurin. La renommée de Montaigne en France au XVIIIe siècle: 1677-1802. Angers: Éditions de l’Ouest, 1952.

Fernandez 1988: González Fernández, Martín. „La réception de Montaigne en Espagne.“ Bulletin de la Société des Amis de Montaigne 11-12 (1988). 17-34.

Frame 1940: Frame, Donald Murdoch. Montaigne in France: 1812-1852. New York: Columbia University Press, 1940.

Green 2009: Green, Felicity. „Reading Montaigne in the Twenty-First Century.“ The Historical Journal 52,4 (2009). 1085-1109.

Hamlin 2013: Hamlin, William H. Montaigne’s English Journey. Reading the “Essays” in Shakespeare’s Day. Oxford: Oxford University Press, 2013.

Karshan/Murphy 2020: On Essays: Montaigne to the Present. Ed. Karshan, Thomas/Murphy, Kathryn. Oxford, New York: Oxford University Press, 2020.

Lange 2020: Lange, Martin. Essayistische Formen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit: Michel de Montaigne und seine englischen Leser des 17. Jahrhunderts. Paderborn: Wilhelm Fink, 2020.

Langer 1995: Langer, Ullrich. „Montaigne’s ‘couleuvre’. Notes on the reception of the Essais in 18th-century Germany.“ Montaigne Studies 7 (1995). 191-202.

López Fanego 1977: López Fanego, Otilia. „Contribución al estudio de la influencia de Montaigne en España.“ Bulletin de la Société des Amis de Montaigne 22-23 (1977). 73-102.

Mahler 2020: Der Essay als ‚neue‘ Form. Ed. Mahler, Andreas. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2020.

Marchi 1994: Marchi, Dudley M. Montaigne among the Moderns. Receptions of the Essais. Providence RI: Berghahn Books, 1994.

Marichal 1953: Marichal, Juan. „Montaigne En España.“ Nueva Revista de Filología Hispánica 7 (1953). 259-78.

Martin 2017: Martin, Dieter. „Wieland und Montaigne.“ Wieland-Studien 10 (2017). 205-218.

Mason 2002: Mason, Sheila. „The Afterlife of Pierre Coste.“ In: La vie intellectuelle aux Refuges protestants. Vol. 2 : Huguenots traducteurs. Ed. Häseler, Jens/McKenna, Antony. Paris: Champion, 2002. 49-62.

Millet 1995: Millet, Olivier. La première réception des Essais de Montaigne (1580-1640). Etudes Montaignistes: 23. Paris: Champion, 1995.

Rumbold 1991: Rumbold, Margaret E. Traducteur Huguenot: Pierre Coste. New York, London: Lang, 1991.

Smith 2016: Smith, Paul J. „Montaigne in the World.“ The Oxford Handbook of Montaigne. Ed. Desan, Philippe. Oxford: Oxford University Press, 2016. 287-305.

Weinberg Marchevsky 2020: Weinberg Marchevsky, Liliana. „Montaigne y el ensayo del Nuevo Mundo.“ Acta Universitatis Szegediensis: Acta Hispanica. Supplementum II. Szeged 2020. 759-769.

Westerwelle 2019: Westerwelle, Karin. „Michel de Montaigne. Les Essais.“ Handbook Autobiography/Autofiction. Ed. Wagner-Egelhaaf, Martina. Vol. III: Exemplary texts. Berlin, New York: De Gruyter, 2019. 1439-1455.

Westerwelle 2011: Westerwelle, Karin. „‚Er denkt zu sehr französisch!‘ Les Essais en traduction allemande.“ Montaigne Studies 23 (2011). 67-80.

________________________________________________________________________________________________________________

Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Lukas Büsse] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu