TAGB: Wiederholung und Variation. Repetitive Muster in Gesprächen der Frühen Neuzeit, Hofgeismar (11.10. – 14.10.2021)

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Wiederholung und Variation. Repetitive Muster in Gesprächen der Frühen Neuzeit (11. bis 14. Oktober 2021 in Hofgeismar)

Tagungsbericht von: Clara Coldewey, Julia Leiterer, Laura Löslein, Josephine Rösner (Universität Kassel)

 

Die Frühe Neuzeit gilt als Epoche medialer und diskursiver Übergänge und Spannungsfelder für die historische Gesprächsforschung als überaus fruchtbar. In Gesprächen können besonders Wiederholung und Variation sowohl stabilisierend als auch destabilisierend wirken. Zur tiefergreifenden Betrachtung dieser Spannungsfelder fand in der Evangelischen Tagungsstätte Hofgeismar bei Kassel vom 11. bis 14. Oktober 2021 daher die von NIKOLA ROBACH (Kassel) und ANGELA SCHROTT (Kassel) organisierte, interdisziplinäre Tagung Wiederholung und Variation. Repetitive Muster in Gesprächen der Frühen Neuzeit statt, die von der Fritz Thyssen Stiftung gefördert wurde.

Zu Beginn beleuchteten die Organisatorinnen der Tagung repetitive Gesprächsmuster in einer dezidiert historischen Perspektive als zu betrachtende Forschungslücke. Mit Beiträgen aus der Anglistik, Germanistik und Romanistik sowie aus der Geschichtswissenschaft schloss die Tagung unmittelbar daran an und fragte nach Funkionsveränderungen von Wiederholungen, kulturspezifischen Formungen, Dependenzen oder einer möglichen Typologie repetitiver Muster. So bildeten die Vorträge ein breites Spektrum von Sprachen und Diskursdomänen ab, in denen sich verschiedenste Konstellationen von Wiederholung und Variation im Gespräch manifestieren. In seinem Eröffnungsvortrag erörterte ANDREAS GARDT (Kassel) das grundlegende Kreativitätsverständnis der Frühen Neuzeit als Konzept der variierenden Wiederholung, insbesondere einer sprachlichen ‚ars combinatoria‘. Kreativität in der Rhetorik der Frühen Neuzeit und des Barock meine nicht die Hervorbringung von Neuem, sondern die Variation bekannter Elemente nach festen Ordnungsprinzipien, wie Gardt sie anhand von sprachtheroretischen und -philosophischen Texten der Zeit belegte.

Die Vorträge der folgenden Sektion widmeten sich unterschiedlichen Wiederholungsstrukturen in Texten didaktischer Belehrung oder Unterweisung. Im Zuge dessen behandelte NINE MIEDEMA (Saarland) das Motiv des Träumens sowohl in den Facta et dicta memorabilia des Valerius Maximus als auch in zwei mittelalterlichen Übersetzungen (Mügeln, Selbet) desselben. In allen Fassungen werden wiederholt auftretende Träume – fokussiert in Gesprächen – mehrfach erzählt und gedeutet. Wiederholungen von Träumen wirken somit nicht nur bedeutungserschließend und erinnerungsfördernd, sie verfügen auch über einen prophetischen sowie imperativen Charakter. Daraufhin analysierte ANGELA SCHROTT (Kassel) Wiederholung und Variation als Strukturprinzip im Conde Lucanor, einer Erzählsammlung des spanischen Spätmittelalters. Der Fokus lag hierbei auf den stark repetitiv angelegten Beratungsgesprächen zwischen Ratsuchendem und Ratgeber. Wiederholung und Serialisierung dominieren diese auf allen Ebenen und bilden somit nicht nur die Signatur des Textes, sondern auch dessen Wiedererkennungswert bei einer nicht als Ganztextlektüre stattfindenden Rezeption. Dementsprechend sei für die Funktionsbestimmung von Wiederholungen stets auch der historische Rezeptionskontext relevant.

Zwischen Narrativik und Didaktik changieren auch Lehrdialoge und Fachgespräche in Mittelalter, Früher Neuzeit und Aufklärung. Sie basieren entscheidend auf dem Grundprinzip der Wiederholung, durch das etabliertes, tradiertes Wissen weitergereicht wird. CLAUDIA BRINKER-VON DER HEYDE (Kassel) referierte über die vielschichtigen Wiederholungsstrukturen im ersten deutschsprachigen Lehrgespräch, dem Lucidarius. Textintern vollziehe sich anhand eines Lehrer-Schüler-Dialogs eine repetitive Wissensvermittlung. So wurde auch für die Leserschaft ein tiefgreifender Erkenntniszuwachs realisiert. Die breite Rezeptionsvielfalt des Lucidarius – durch die er sich vom heilsgeschichtlichen Text sogar zu einem naturwissenschaftlichen wandelte – sei dagegen Ausdruck seiner Variationsbreite. Eine breite, jedoch selbstreflexive Rezeptionsvielfalt wurde am Beispiel Georg Wickrams von ANNETTE VOLFING (Oxford) thematisiert. Durch Wickrams vielfache und kreative Auseinandersetzung mit dem Gleichnis vom verlorenen Sohn manifestiere sich Wiederholung als vielschichtiges und Bedeutung generierendes literarisches Mittel. Besonders im Knabenspiegel-Roman werden die Ereignisse mehrfach über den Erzähler als auch über die Figuren angeführt. Die Wiederverwendung desselben Stoffs in mehreren Werken zeige so in aller Deutlichkeit das Potential von Innovation und Variation in repetitiven Gesprächsmustern der Frühen Neuzeit auf.

Mit dem sogenannten deiktischen Präsentativ lenkte FELIX TACKE (Bonn) aus romanistischer Perspektive den Fokus auf sprachliche Besonderheiten in Texten der Frühen Neuzeit. Das französische Zeigewort ›voici‹/›voilà‹ fungiere als wiederkehrendes Mittel der Aufmerksamkeitslenkung in Dialogen. Anhand dieses Beispiels konkretisierte er das Prinzip der wiederholten Rede in (früh-)neuzeitlichen Sprachlehrwerken für Deutsche. Als herausragender Sprachmeister seiner Zeit gilt Matthias Kramer, dessen Beschäftigung mit romanischen ‚Präsentativen‘ die Schwierigkeit ihrer didaktischen Vermittlung aufzeige, da es gemäß Tacke für diese im Deutschen keine äquivalente Form gebe. Vom Zeigewort im Kleinen zur Diskurs-Ebene im Großen richtete CHRISTIAN MEIERHOFER (Bonn) seinen Blick auf das Phänomen des Echos in Georg Philipp Harsdörffers Schriften, die ein textübergreifendes Spannungsverhältnis von Wiederholung und Variation enthalten. Harsdörffers literarische Verhandlung des Echos wiesen ihn nicht allein als wichtigen Katalysator dieses wissensgeschichtlichen Diskurses aus. Zudem habe er maßgeblich zur Konzeptualisierung von Kreativität in der Frühen Neuzeit beigetragen.

Die folgenden zwei Vorträge thematisierten subversiv-kreative, widerständige Formen der Wiederholung, und zwar in deutschsprachigen Prosaromanen des 16. Jahrhunderts. Mit Blick auf variierende Wiederholung und asymmetrische Kommunikationsmuster zeigte SUSANNE SCHUL (Kassel) wiederholende Warnungen im Teufelspakt in der Historia von D. Johann Fausten auf. Anhand der paratextuellen Rahmung wie Titelblatt oder Widmungsvorrede sowie aus ausgewählten Beschwörungsszenen werden die genannten Aspekte evident. Schul arbeitete zudem heraus, dass repetitive Warnstrukturen werkimmanent aufeinander aufbauen. Darüber hinaus dienten diese dem Schutz der Rezipient:innen und hielten sie von einer Nachahmung ab. Infolgedessen wurde deutlich, dass repetitive Warnstrukturen auf verschiedenen Ebenen agieren und somit eine ständige Neuerung durch variierende Wiederholung vorzufinden sei. Anders verhält sich Wiederholung im Dyl Ulenspiegel: NIKOLA ROßBACH Kassel) zeigte in ihrem Vortrag die dort eingesetzte dialogische Wiederholung als Verkehrung auf. Eine besondere Raffinesse werde hier erkennbar, indem sich der Sprachkünstler Ulenspiegel der Strategie der Gesprächswiederholung bedient. Anhand diverser Historien konnte eindrücklich dargestellt werden, dass repetitive Sprachmuster wie das der wiederholten Rede als kreativer Prozess erscheinen. Durch die reflexive Metakommunikation decke Ulenspiegel Missstände bei Arbeits- und Lohnbedingungen auf. Die repetitiven Verkehrungen erzeugten so Momente der Störung und des Konflikts, womit die herrschende sprachliche und soziale Ordnung entlarvt werde.

Anschließend referierte Monika Unzeitig (Greifswald) über repetitives Sprechen im Prosatristrant und darin enthaltene Muster und Funktionen. Im Zuge des medialen Umbruchs im 15. und 16. Jahrhundert habe sich der Tristrant hinsichtlich Genre und Form verändert. Unzeitig stellte anhand verschiedener Passagen vor, inwiefern repetitive Elemente der Figurenrede die Lektüre steuern. Die Wiederholungen sicherten Referenz, hätten jedoch auch eine expressive Wirkung. Sie erhöhten beispielsweise die Prägnanz von Ablehnung und Gegenrede. Letztendlich diene die Wiederholung als redebestimmendes Verfahren, deren Funktionen je spezifisch und kontextbezogen seien.

Der folgende Themenblock lenkte das Augenmerk auf frühneuzeitliche Texte mit juristischem Bezug. Der Historiker Wolfgang Wüst (Erlangen-Nürnberg) befasste sich mit Gesetzestexten der Frühen Neuzeit und ihren inhärenten Wiederholungen. Häufige Repetitionsformen in der Rechtsprechung waren die Mandatswiederholung und die Wiederaufnahme älterer Textteile von Gerichtsordnungen oder anderen Rechtstexten in neuere. Die Wiederholung diene hier nicht nur als Bestätigung der alten Rechtslage und damit der Tradition und ihrer Fortführung. Auch als Mechanismus der Erneuerung und Anpassung alter Reglements und damit der Erneuerung der Rechtslage trete sie in Erscheinung. Thomas Gloning und Daniel Holzhacker (Gießen) analysierten repetitive Muster in Texten zu Rechtsverfahren der Frühen Neuzeit und fragten dezidiert nach der Evidenz schriftlicher Quellen, wofür sie auf verschiedene Textsorten zurückgriffen. Sowohl in Rechtsordnungen als auch in der so genannten Spiegelliteratur sowie ‚Fragstücken‘ zum Thema Hexenprozesse würden Dialogvorlagen dargeboten, welche mit thematischer und ritualisierter Wiederholung arbeiten.

Den Abschluss der Tagung bildete ein anglistisches Panel zur Shakespeare-Zeit. Susanne Bach (Kassel) beleuchtete mittels Wiederholung und Differenz Shakespeares Bühne, indem sie auf praktisch-technische funktionale Aspekt repetitiver Dialogstrukturen des frühneuzeitlichen Theaters einging. In den räumlich-akustischen Verhältnissen des Globe Theaters waren Darsteller und Publikum oft ähnlich gut oder schlecht zu verstehen. Bachs These folgend ließ sich Shakespeare bei seiner Dramenproduktion gewissermaßen von der Regel „function follows form“ leiten: Repetitionen konnten dazu dienen, akustische Mängel des Theaterraums zu kompensieren sowie das Verständnis des Publikums zu fördern. Daniel Göske (Kassel) präsentierte in seinem Schlussvortrag den geistlichen Lyriker George Herbert (1593-1633) und dessen fingierte Dialoge. Herberts Gedichte – Zwiegespräche der Seele oder an Gott adressierte Gebete – wiesen häufig eine Dialogstruktur auf, die stark von variierenden Repetitionen geprägt sei. Anhand mehrerer Fallbeispiele arbeitete Göske heraus, inwiefern diese repetitiven Muster nicht zuletzt den emotionalen Spielraum des lyrischen Ichs erweitern.

Die Tagung zeugte insgesamt von einer großen Reichhaltigkeit. Durch ihre interdisziplinäre Ausrichtung wurde ein breites Spektrum an thematischen Schlaglichtern aufgemacht. Zwar müssten die epochalen Grenzen noch deutlicher geschärft werden, jedoch ließen sich erste Kategorien herausarbeiten, in welche die verschiedenen besprochenen Arten der Repetition in frühneuzeitlichen Gesprächen einzuordnen sind: als Bestärkung der Darstellung, als selbstreflexive Funktion, als Aufruf, als verkehrende Funktion oder als expressive Funktion. Damit setzte die Tagung einen entscheidenden Grundstein der Gesprächsforschung im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit.

 

Tagungsübersicht:

Montag, 11.10.2021

Begrüßung und vin d'honneur durch Angela Schrott und Nikola Roßbach

Dienstag, 12.10.2021

Nikola Roßbach, Angela Schrott: Einführung

Andreas Gardt: Rhetorik in der Frühen Neuzeit. Gebändigte Kreativität?

Nine Miedema: Wiederholungen von Träumen am Beispiel Heinrichs von Mügeln und Peter Selbets Übersetzungen der Facta et dicta memorabilia des Valerius Maximus

Angela Schrott: Wiederholung und Variation als Strukturprinzip im Conde Lucanor

Claudia Brinker-von der Heyde: Varianz der Wiederholung in Form, Rezeption und Überlieferung mittelalterlicher Lehrgespräche

Annette Volfing: „woellest vns dein liedlein noch einmal singen“: Wiederholung und Didaxe in Wickrams Knabenspiegel und Dialog von einem ungeratenen Sohn

Felix Tacke: Wiederholte Rede in (früh-)neuzeitlichen Sprachlehrwerken für Deutsche. Zur Vermittlung von It. ecco und Fr. voici/voilà

Christian Meierhofer: Gegenhall, Wiederhall, Wiederkehren. Harsdörffers poetologische und dialogische Aushandlungen des Echos

Mittwoch, 13.12.2021

Susanne Schul: „Was zum Teufel wil / das laest sich nicht aufhalten“: Variierende Wiederholung und asymmetrische Kommunika­tionsmuster des Teufelspaktes in der Historia von D. Johann Fausten

Nikola Roßbach: „nach Üweren eigenen Worten“. Wiederholung als Verkehrung in Dyl Ulenspiegel

Monika Unzeitig: Repetitives Sprechen im Prosatristrant: Muster und Funktion

Wolfgang Wüst: „Verneuerte vnnd reformirte ordnung, gesetz vnnd statutenn“. Perpetuierung frühmoderner Herrschaft durch administrative Wiederholung

Thomas Gloning, Daniel Holzhacker: Repetitive Muster in mündlichen Rechtsverfahren der Frühen Neuzeit. Die Evidenz schriftlicher Quellen

Donnerstag, 14.10.2021

Susanne Bach: „Let him roar again, let him roar again.“ Wiederholung und Differenz auf Shakespeares Bühne

Daniel Göske: „Mend my ryme“: Fingierte Dialoge in George Herberts geistlicher Dichtung

 

 

Redaktionelle Betreuung: Johannes Schmidt

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