TAGB: ​​​​​​​Internationale Tagung. Kulturen der Kritik und das Projekt der Moderne in Ostmitteleuropa, Düsseldorf (11.11. – 13.11.2021)

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Einleitung
Die internationale Tagung Kulturen der Kritik und das Projekt der Moderne in Ostmitteleuropa wurde vom Max-Herrmann-Neiße-Institut, einem An-Institut der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, von Prof. Dr. Sibylle Schönborn und Dr. Simone Zupfer im Haus der Universität vom 11. bis 13. November 2021 ausgerichtet. Anlass für diese Tagung boten der achtzigste Todestag Max Herrmann-Neißes und das Erscheinen der kritischen Edition seines publizistischen Werks (1909–1939) in drei Bänden im Aisthesis-Verlag.
Vorträge

Volker C. Dörr (Düsseldorf) rekurriert zu Beginn seines Vortrags Komplexitätskompensationskompetenz: Was kann eine gute Literaturkritik eigentlich wirken? auf die orientierende Leistung der Literaturkritik angesichts der schon aus quantitativen Gründen bestehenden Unüberschaubarkeit des Buchmarkts. Ein qualitatives Orientierungsproblem hingegen resultiere aus der Ausdifferenzierung des autonomen Kunstsystems um 1800. Seitdem entscheide sich die Frage der Zugehörigkeit zur Kunst, so Dörr im Anschluss an Plumpe und Werber, über die Leitdifferenz interessant vs. uninteressant. Die Kategorie des Interessanten spielt bereits bei Friedrich Schlegel explizit eine wesentliche Rolle, allerdings nicht als positive Größe. Vielmehr mokiert Schlegel sich über das Streben nach dem Neuen, dem Individuellen und damit bloß Interessanten. Ziel einer anzustoßenden Entwicklung kann nicht dessen Weiterentwicklung sein, denn das Interessante wird nur als Vorbereitung für das höchste Schöne verstanden. Daran anschließend stellt Dörr die Frage nach möglichen Implikationen für die Literaturkritik der Gegenwart. Wenn sich Schlegel zufolge die Kritik am Ideal des jeweiligen Kunstwerks orientieren soll, scheine daraus zu folgen, dass das Ideal der Kritik außerhalb ihrer selbst, nämlich im kritisierten Werk liege. Dies stünde aber im Widerspruch dazu, dass die Kritik, analog zum Kunstwerk, selbst individuell sein muss. Der Ausweg besteht Dörr zufolge darin, dass das Ideal des Kunstwerks in seiner Kritik allererst dar- und das heißt, individuell hergestellt werde. Dadurch, dass die Kritik auf individuelle Weise das Individuelle des Kunstwerks ausstelle, leiste sie zwar, so Dörr, zur Orientierung kaum mehr als eine „emphatische Deixis“ auf das Werk. Indem dabei aber alle anderen Werke in den „Schatten des Schlaglichts“ gestellt werden, finde eine Kompensation der aus Kontingenz resultierenden Komplexität durch Ausstellen der Kontingenz statt. Andererseits werde die Komplexität der Kontingenz dadurch ausgehalten, dass die komplexitätsreduzierende einzelne Kritik ihrerseits wieder dem komplexitätssteigernden Widerspruch ausgesetzt wird. Hieraus ergebe sich auch das Potential der Literaturkritik, etwa an gesellschaftlich relevante Debatten anzuschließen – oder solche Debatten überhaupt erst anzustoßen.

Hermann Haarmann (Berlin) geht in seinem Vortrag „Fortan ist zu sagen: Dichtung zerfällt in Epik, Lyrik, Dramatik und Kritik“ von der These aus, dass Alfred Kerrs Auffassung von Kritik als eigenständige Gattung in der Tradition der Romantik mit ihrem Protagonisten Friedrich Schlegel stehe. Kritik verstehe Kerr daher als Nachschöpfung eines Werks, bei der es auf das Enthüllungsvermögen und die sprachliche Sensibilität des Kritikers ankomme. Mit seiner Maxime, dass nur derjenige Kritiker sein kann, der zugleich Künstler ist, könne Kerr aber eben jene Distanz, die er für einen objektiven Bericht und eine distanzierte Reflexion benötigt, nicht immer einhalten. Dies zeige sich vor allem in seinen Rezensionen über die junge Theateravantgarde der Weimarer Republik wie im Falle von Bertolt Brecht, den er aufgrund seiner Orientierung auf die Bühnenkunst des Naturalismus weitgehend ablehnte.

Zwischen 1909 und 1939 verfasst Max Herrmann-Neiße eine Vielzahl von Literatur-, Theater- und Kabarettkritiken. Sibylle Schönborn (Düsseldorf) präsentierte in ihrem Vortrag die Transformation, die der Kritiker dabei durchlief. Dabei stellt sie drei aufeinander aufbauende Phasen dar. ‚Kritik als Dichtung‘ – so benennt sie die erste Phase, in der Herrmann 316 Rezensionen veröffentlichte, die vor allem in frühexpressionistischen Zeitschriften publiziert wurden. Diese Phase stehe im Zeichen Alfred Kerrs, Kurt Hillers und einem von der Romantik geprägten ästhetischen Kritikverständnis. Herrmann verstehe sich in dieser frühen Phase als Dichterkritiker und bringe eine produktionsästhetisch orientierte Kritik hervor, die vor allem an seine Dichterkollegen adressiert sei. Die zweite Phase bezeichnet Schönborn als ‚wirkungsästhetisch engagierte Kritik‘: Mit dem Ersten Weltkrieg setzt Herrmanns Politisierung ein, die sich auch in seiner Kritik niederschlage. Der Kritiker engagiert sich nun prominent in der von Pfemfert herausgegebenen Zeitschrift Die Aktion. Sein Interesse gilt jenen Autorinnen und Autoren, darunter u.a. Carl Sternheim, Leonhard Frank, Joseph Roth oder Else Lasker-Schüler, die in ihren Werken eine soziale, pazifistische, antinationale und antirassistische Haltung erkennen ließen. In der dritten Phase seiner Kritikertätigkeit, die Herrmanns späte Kritiken bis in die 1930er charakterisiert, trete er vermehrt als Vermittler zwischen dem Zentrum und den östlichen Peripherien des Deutschen Reiches sowie zwischen einer sozial engagierten europäischen bzw. Welt-Literatur auf. Herrmann entwerfe eine Bibliothek der Weltliteratur, die für eine allgemeine Menschlichkeit stehe. Damit gründe der Kritiker einen neuen Kanon, der von der Idee der Transnationalität und Transkulturalität geprägt sei.

Christine Magerski (Zagreb) befasst sich in ihrem Vortrag mit der transkulturellen Zirkulation literarischer Erneuerungsideen – genauer: mit der Dynamik der Avantgarde in Mitteleuropa – und hinterfragt, welche Rolle Literatur- und Kulturkritik bei diesen Austauschbewegungen einnehmen kann. Magerski betrachtet den Prozess der Aneignung und Weiterentwicklung der avantgardistischen Programmatik am Beispiel der Zeitschrift Zenit, die zwischen 1921 und 1926 erschien. Literarische Bewegungen, so Magerski, benötigen Medien, über die der transkulturelle Kommunikationsprozess ablaufen kann. Die Zeitschrift fungiere demnach als Beobachtungs- und Vermittlungsinstanz zweiter Ordnung, zugleich auch als Medium der Kritik. Besonders Akteure in peripheren Räumen und Grenzgebieten würden sich aufgrund ihrer Mehrsprachigkeit – und damit der Fähigkeit zur Übersetzung und Vermittlung – besonders gut dafür eignen, um mögliche transkulturelle Kontakte zu beobachten und zu fördern. Mit dem Ziel, sich europäisch zu etablieren, ist Zenit multilingual gestaltet, und es werden drei Kultursysteme, das jugoslawische, deutsche und russische, bedient. Zugleich ist es Ziel der Zeitschrift, die westeuropäischen Gesellschaften durch Provokation in Aufruhr zu versetzen. Dazu hätten die Herausgeber u.a. den Balkan ins Zentrum gerückt, der von der westeuropäischen Mehrheitsgesellschaft eher mit negativen Attributen assoziiert wurde. Der Balkan wird hier hingegen als Brücke begriffen, über die Kulturaustausch stattfinde. Darüber hinaus verstanden die Herausgeber die Beiträge der Zeitschrift als Forum, mit dem sich die verschiedenen literarisch-avantgardistischen Strömungen beobachten und diskutieren ließen und damit eine engere Vernetzung mit den europäischen Zentren der Avantgarde möglich wurde.

In seinem Vortrag Professorenkritik. Rezensierende Literaturwissenschaftler der Weimarer Republik geht Jochen Strobel (Marburg) der Frage nach, welche Besonderheiten die Literaturkritik von Literaturwissenschaftlern auszeichnet. Dabei richtet Strobel den Blick beispielhaft auf das frühe 20. Jahrhundert und hinterfragt, warum gerade die 1920er Jahre nicht zur Hochphase der Professorenkritik wurden, wenngleich sie durch die Befreiung von positivistischen Zwängen einen freieren Zugang zum Werk ermöglichten. Gegenwartsliteratur wurde unter anderem von Wilhelm Scherer und seinen Schülern Erich Schmidt und Richard Moritz Meyer rezensiert. Scherer habe es bevorzugt, bekannte und bedeutende Autoren zu besprechen, mit denen er gemeinsam am literarischen Leben Berlins partizipierte. Meyer steht hingegen für den Umbruch, in dem theoretische Absicherung im Rezensionswesen gefordert war. Ein genauerer Blick wird in dem Vortrag auf zwei weitere Schüler Erich Schmidts geworfen, deren literaturkritische Verfahren völlig unterschiedlich waren: Arthur Eloesser, ein deutsch-jüdischer Germanist und Theaterkritiker, dessen akademische Laufbahn scheiterte und der Thomas Manns Werk literaturkritisch – jedoch ohne wissenschaftlichen Anspruch – begleitet hat. Als Kontrastfigur wird der Neugermanist Oskar Walzel vorgestellt, für den das Nacherleben und die Lebensnähe vorrangig gegenüber dem Verstehen des Werkes seien. An Walzels Kritiken zu Thomas Manns Werk werde jedoch deutlich, dass er sich ebenfalls nicht weit vom Werk hatte lösen können. Abschließend stellt Strobel den Romanisten und Essayisten Ernst Robert Curtius vor, dessen publizistisches Werk ein klares politisches Bekenntnis aufzeige und der mit der Absicht Rezensionen verfasst habe, die deutschsprachigen Leserinnen und Leser mit der Literatur anderer Sprachen vertraut zu machen.
Im Fazit seines Vortrages weist Strobel auf einen Widerspruch hin: Die Geistes- bzw. Stil- und Formgeschichte in der Germanistik der 1920er Jahre eröffnet zwar die Möglichkeiten für den Übergang von Wissenschaft zu Literaturkritik. Dass dieser jedoch nicht breiter genutzt wird, liegt möglicherweise am wissenschaftlichen Selbstverständnis der Professoren.

Heinrich Kaulen (Marburg) befasst sich in seinem Vortrag mit der Literaturkritik der 1920er Jahre und stellt einleitend die Parallelen und Divergenzen zwischen den Literaturkritikern Max Herrmann-Neiße und Walter Benjamin sowie deren literaturkritische Absichten heraus. Herrmann, dessen Selbstverständnis an Alfred Kerr und Kurt Hiller angelehnt war, habe seine Kritiken ganz offen subjektiv wertend verfasst und verstand die Literaturkritik als eigenständige vierte Gattung. Seine Kritiken ließen sich als solidarisch einordnen. Dem gegenüber stehen die Kritiken Walter Benjamins. Auch für ihn ist die Literaturkritik eine eigenständige Gattung, aber keine Unterform der Poesie, sondern die „erhobene Mitte“ zwischen Kunst und Wissenschaft. Mit seiner Literaturkritik stehe er damit Herbert Ihering und Bertolt Brecht näher, als Vorbild sehe er Karl Kraus an, dessen argumentative Technik – seine Kontrahenten durch deren eigene Zitate zu überführen – er übernommen und weiterentwickelt habe. Was Benjamin unter der interkulturellen Funktion von Literaturkritik verstehen will, skizziert Kaulen anhand von Benjamins Polemik gegen Fritz von Unruhs Frankreichbuch und seiner Funktion als öffentliche Person. Polemik als Stilmittel dient zum einen dem Aufmerksamkeitsgewinn, zum anderen der Konturierung der eigenen Position im publizistischen Feld, in dem Benjamin sich als Kritiker zunächst einen Namen machen musste. Im Gegensatz zu Herrmann wende er sich damit vom Feuilletonismus ab, der auf subjektiven Erlebnissen und Urteilen beruhe. Gemein sei Herrmann und Benjamin jedoch, dass sie unabhängig voneinander und auf verschiedene Weisen das Ziel eines transnationalen Kulturtransfers verfolgt hätten. Dabei verstehen und inszenieren sie Literaturkritik, so Kaulen, als Vermittlungsinstanz zwischen verschiedenen Kulturen, Sprachen und Literaturen.

Sophia Buck (Oxford) stellt Walter Benjamin als Kritiker interkultureller Vermittlungsprozesse vor. Dazu ordnet sie zunächst Benjamins Interesse an Transnationalität und Kritik zeitlich in die 1920er Jahre ein. Vor allem in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts habe Benjamin sich in einem transnationalen Spannungsfeld des sowjetischen und westeuropäischen Kulturraumes bewegt. Letzteres wird durch seine Aufenthalte sowie intellektuellen Netzwerke zu Emigrantinnen und Emigranten in Moskau, Berlin und Paris und sein Interesse für international orientierte Zeitschriften, Reiseberichte und (sowjetische) Freundschaftsvereine in Westeuropa abgesteckt. In seinen Kritiken, Rezensionen und Feuilletonberichten werde Benjamin dabei zum Beobachter von Texten und Akteuren, die für sich selbst die Absicht formulieren, zwischen verschiedenen Kulturräumen zu vermitteln. Als Beispiel hierfür dient Benjamins Rezension, die 1929 in Die literarische Welt erschien, und den emigrierten Akademiker Nicolai von Arseniew und dessen russisch-orthodoxe Literaturgeschichte Die russische Literatur und Gegenwart in ihren geistigen Zusammenhängen zum Gegenstand hat. Benjamins polemische Kritik richtet sich einerseits gegen Arseniews Darstellung als eine von religiösen Dogmen geprägte Literaturvermittlung und andererseits gegen die deutschen institutionellen Voraussetzungen im Verlagswesen und der Universität. In Benjamins Rezension Drei Bücher des Heute, die die Werke von Viktor Shklovski, Alfred Polgar und Julien Benda trianguliert, werde Benjamins eigenes Verständnis davon deutlich, welche Bedeutung Transnationalität und Interkulturalität für die Selbstreflexion des Intellektuellen haben. Er erprobt darin eine Politisierung der Kritikertätigkeit, in der europäisch interkulturelle Wechselbeziehungen mit einer soziohistorischen und selbstreflexiven Standortbestimmung zusammenfallen.

Die linksgerichtete kulturpolitische Breslauer Halbmonatszeitschrift Die Erde, herausgegeben von Walther Rilla, steht im Zentrum des Vortrages von Simone Zupfer (Düsseldorf). Sowohl auf Rilla als auch auf seine Zeitschrift wendet Zupfer das Verfahren der Netzwerkanalyse und Feldtheorie an, mit dem Beziehungen zwischen den verschiedenen literarischen Akteuren sichtbar gemacht werden sollen. Dabei versteht sie Literaturkritik als Verhandlung der Avantgarde über die Literatur der Moderne. Es handele sich mithin um eine Rekonstruktion transnationaler Netzwerke bzw. transkultureller Kontakte der Schriftstellerinnen und Schriftsteller bzw. Übersetzerinnen und Übersetzer untereinander, die es möglich machen, ästhetische, weltanschauliche und literaturstrategische Wirkungszusammenhänge zu erschließen. Mit ihrem Verfahren stellt Zupfer heraus, dass die in der Erde publizierenden Autorinnen und Autoren, neben Rilla selbst, aufgrund ihrer peripheren Herkunft die Geschehnisse des Literaturbetriebs aus einem anderen Blickwinkel wahrnehmen. Auch die Beziehung zwischen Rilla und Max Herrmann-Neiße wird hervorgehoben: 1919 publizierte Herrmann in Die Erde elf Beiträge, die sich aus kulturpolitischen Essays sowie aus Rezensionen literarischer und publizistischer Werke zusammensetzten. Dabei bespricht er vor allem Werke, deren Veröffentlichung durch den Krieg behindert oder gänzlich unmöglich gemacht wurden. Die Beiträge für Die Erde ermöglichten es Herrmann, mit einer Essayistik zu experimentieren, in der sich die Programmatik des jeweiligen Publikationsorgans, die Tendenz des besprochenen Werks und sein eigenes humanistisches Pathos zu einem ganz eigenen Tonfall vermischten, so Zupfer. Die Erde habe Herrmann als Sprungbrett in die Hauptstadt gedient, er erprobe darin seine gesellschaftspolitisch engagierte Publizistik. Abschließend werden die Arbeiten des Übersetzerehepaares Hermynia Zur Mühlen und Stefan Isidor Klein hervorgehoben, mit denen Die Erde den Blick für die Transkulturalität innerhalb Mitteleuropas zu schärfen vermag. Stefan Isidor Klein sei in den 1920er Jahren als Übersetzer zu einem der wichtigsten Vermittler der modernen ungarischen Literatur in Deutschland avanciert. Die Erde diene hier als mögliches Sprungbrett für Autoren vom Rand des deutschsprachigen literarischen Feldes und die Übersetzung könne als transkulturelle Vermittlungsleistung zwischen den Akteuren, Gruppen und Zeitschriften der literarischen Moderne in Europa betrachtet werden.

Alena Zelená (Prag) skizziert in ihrem Vortrag Oskar Baum und Ernst Sommer als kulturelle Vermittler in der ersten tschechischen Republik, die politischen und kulturellen Beziehungen, Kontakte, Annäherungen und Abgrenzungen zwischen Deutschland und Tschechien in den 1920er und 1930er Jahren und geht vor allem auf die Stellung der deutschen Kultur in der Tschechoslowakei ein. Darauf aufbauend zeigt sie die Rolle der Kritik in der tschechischen Publizistik und die damit einhergehende Beziehung zu Deutschland, die sie anhand ihrer Porträts von Ernst Sommer und Oskar Baum veranschaulicht. So verfasst Sommer zwischen 1928 und 1937 insgesamt 120 Theaterkritiken aus der Provinz des Karlsbader Theaters. Baum arbeitet dagegen ab 1922 vorwiegend in der Hauptstadt Prag als Kritiker für die deutschsprachige Zeitung Prager Presse. Als Musikkritiker richtet er seinen Blick vor allem auf die tschechische Oper. Beiden Kritikern sei gemein, dass sie sowohl aus dem Zentrum als auch aus der Provinz versuchten, die Verflechtung der deutschen und der tschechischen Kultur in der Tschechoslowakei herauszuarbeiten. Ihr kulturkritischer Fokus liege dabei auf der Qualität des kulturellen Angebots und nicht auf dessen nationaler Zuschreibung.

Für den methodischen Einstieg in seinen Vortrag über Franz Carl Weiskopf als transkulturellen Mittler der Prager Avantgarde in den 1920er Jahren rekurriert Jan Vaclav König (Oldenburg) auf den von Ute Raßloff geprägten Begriff der Interferenz, der Kreuzungs- und Knotenpunkte innerhalb kultureller Räume – zwischen Metropole und Peripherie – umfasst. In der Metropole Prag fokussiert König das Zusammenspiel von jüdischer, deutschsprachiger und tschechischer Gemeinschaft in der Zwischenkriegszeit und nimmt darüber hinaus die Verbindung Prags mit anderen europäischen Metropolen, maßgeblich Berlin, ins Visier. Franz Carl Weiskopf wird von König als Akteur und Mitgestalter der tschechischen Avantgarde vorgestellt, der, mehrsprachig aufgewachsen, am tschechischen und deutschen Literaturdiskurs teilnahm und als transkultureller Mittler und Kritiker angesehen werden kann. Beispielhaft wird je eine Literaturkritik aus den Zeitschriften Avantgarda und Neue Bücherschau diskutiert. In Avantgarda veröffentlichte Weiskopf seinen literaturkritischen Artikel 100% als Provokation des Poetismus – einer tschechoslowakischen Spielart der Avantgarde. In der Zeitschrift Die Neue Bücherschau trete Weiskopf in einem Beitrag über die Junge literarische Avantgarde Europas dagegen als Vermittler zwischen tschechischer und deutscher bzw. einer europäischen Kultur auf, indem er hier die tschechische Avantgarde im europäischen Kontext positioniere.

Zsuzsa Bognár (Budapest) stellt in ihrem Vortrag den Essayisten und Kritiker Ludwig Hatvany vor, der ab 1905 in den Zeitschriften Die Zukunft und Die Neue Rundschau publizierte. In ihrem Vortrag konzentriert sie sich auf die in deutschen Zeitschriften erschienenen Essays und Kritiken aus den 1920er und 1930er Jahren wie Die Weltbühne und Die Neue RundschauSie beginnt mit einer literaturhistorischen und kulturwissenschaftlichen Einführung, in der sie die Gespaltenheit der ungarischen Kulturszene um 1900 darstellt: Auf der einen Seite die Vertreter, die für die Bewahrung der nationalkulturellen Eigenheiten kämpften, auf der anderen Seite jene, die sich im künstlerischen Bereich an westlichen Vorbildern orientierten. Hatvany, der der zweiten Gruppe zuzurechnen ist, macht sich zum Anwalt der ungarischen Moderne und tritt als Kulturmanager der Moderne auf. Bognár betont Hatvanys Vermittlungsposition, so auch in Bezug darauf, was Literatur beziehungsweise Literaturkritik leisten müsse: Die moderne Literaur stehe im Dienst eben jener kulturellen Vermittlung und die Kritik unterliege dem Gebot, das Lesepublikum an neue Trends heranzuführen. Als Kritiker sieht Hatvany seine Aufgabe darin, die Kunsterfahrung auf eine Lebensbrauchbarkeit hin zu prüfen. So erhebe er das Leben zum Leitprinzip in der Kunst, woraus folge, dass Kunst und Leben für ihn im Kunstwerk vereint werden sollten.

Max Herrmann-Neißes Rolle als Kabarettkritiker und -theoretiker wird von Fabian Wilhelmi (Düsseldorf) in seinem Vortrag Max Herrmann-Neißes Kabarettkritiken und die Debatte um eine ideale Kabarettkunst im Berlin der 1920er Jahre skizziert. Wilhelmi zufolge verfasste Herrmann seine Kritiken vor dem Hintergrund einer eigens entworfenen Vorstellung von einer idealen Kabarettkunst. Anhand von diversen Zitaten aus Herrmanns Bühnenbesprechungen sowie der zu Lebzeiten unpublizierten Schrift Kleine Geschichte des deutschen Kabaretts zeigt Wilhelmi, dass Herrmann in seinen Texten nicht nur als Kritiker, sondern auch als Kabaretttheoretiker und -historiker in Erscheinung tritt. Sein Kabarettideal basiere auf einem politischen, zeitaktuellen und -kritischen sowie erotischen Kabarett, an dem er die aktuellen Programme der massentauglichen, kommerziellen Kabaretts kritisch messe. Herrmanns Kabarettkritiken seien damit Kritiken über als auch für das Kabarett, mit dem Ziel, Impulse zu setzen und die Qualität dieser eigenständigen Kleinkunst zu erhöhen. Anhand der Kritiken zur Neueröffnung des Kabaretts der Komiker zeigt Wilhelmi abschließend Herrmanns Programmatik als Kabarettkritiker, deren Kompromisslosigkeit ihn sein Engagement als ständiger Kabarettkritiker des Berliner Tageblatts kostete.

Agnieszka Hudzik (Berlin) vergleicht in ihrem Vortrag Literaturkritik im Exil Alfred Döblins Kleine Schriften und Józef Wittlins Orpheus in der Hölle des 20. Jahrhunderts. Die Autoren verbindet nicht nur die Flucht ins Exil, sondern auch eine Freundschaft sowie das Interesse an den Werken des jeweils anderen; Döblin besprach die deutsche Übersetzung von Wittlins Roman Das Salz der Erde und Wittlin wiederum rezensierte Döblins Werke. Ziel dieser Gegenüberstellung ist es, zu zeigen, dass die im Exil verfasste Literaturkritik in transnationalen Netzwerken entsteht. Beiden Autoren ist gemeinsam, dass sie Literatur und Literaturkritik eng miteinander verknüpften. Sie verstanden ihre essayistischen Rezensionen, die zugleich neben poetologischen Reflexionen auch persönliche Kommentare umfassen, als Teil ihres literarischen Werks. Im Exil reflektierten sie verstärkt über die Kritik als solche, über ihre Maßstäbe und Aufgaben angesichts der politischen Situation. Darüber hinaus setzten sie sich mit dem alten Europa, dessen Literaturkanon und Mythologie auseinander. In ihren Texten konstituiert sich ein neues europäisches Bewusstsein.

Juliane Rehnolt (Bautzen) befasst sich in ihrem Vortrag mit sorbischer Literaturkritik, die, in der Moderne noch kaum ausgeprägt, sich erst in der DDR ausbilden konnte und sich aus drei, sich teils überlappenden, Bereichen zusammensetzte: einem ästhetischen, ideologischen und innersorbischen Bereich. Die Besonderheiten und Herausforderungen sorbischer Literaturkritik skizziert sie dabei exemplarisch anhand von zwei Debatten, einer aus dem Jahr 1962 und einer anderen von 1980/1981.
Die erste Debatte konzentriert sich auf die Polemik der Literaturübersetzung, die sich an der Anthologie Die Nacht zerbarst am Morgen. Eine Auswahl kleiner sorbischer Prosa entzündet und schließlich in die Frage nach einer angemessenen Literaturkritik mündet. Die zweite Debatte, die in der sorbischen Presse ausgetragen wurde, drehte sich um die 1980 erschienene Erzählung Dótknjenje (Die Berührung) von Angela Stachowa, die darin ein pessimistisches Bild für die Zukunft der sorbischen Kultur entwirft. Während die Erzählung von einigen u.a. auf der Basis von offiziellen literaturpolitischen Positionen verrissen wird, plädieren andere Kritiker für den ästhetischen Eigensinn von Literatur. An diesen Debatten zeige sich, so Rehnolt, welche innersorbisch widerstreitenden Positionen die Akteure im Medium der Literaturkritik verhandeln.

 

Silke Korber

 

Redaktionelle Betreuung: Johannes Schmidt
 

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