CFP: [kɔn]-paper Nr. 9 zum Thema ›Lärm‹ (3.2.2022)

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Das interdisziplinäre Literatur- und Kulturmagazin [kɔn]-paper schreibt seit 2015 mit jeder Ausgabe ein Wort aus, dem sich Feuilleton- und Essaybeiträge sowie Gedichte, kurze Prosa und szenische Texte widmen.

 

Die für September 2022 geplante neunte Ausgabe gehört ganz dem Thema ›Lärm‹: von seiner Ideengeschichte, seiner Motiv- und Klanghistorie in den Künsten über Lärm in Medizin und Ökologie bis hin zum Audiodesign von Sportwagen. Lärm hat die verschiedensten Funktionen – ob als politisches Signal oder in Gemeinschaft stiftender Ekstase, in Form von Schmähreden oder Avantgardekritik – er ist facettenreich und vielschichtig. Was Lärm ist, hängt von subjektiver Wahrnehmung und Beurteilung ab. Er kann überall zugegen sein, er wird juristisch definiert, eingefordert und verboten, produziert und unschädlich gemacht. Auch Begriffe können lärmen, sei es in Diskursen oder lyrischen Texten.

 

Zwar hat ›Lärm‹ kulturgeschichtlich bereits Beachtung gefunden, seit er in der urbanisierten Lebenswelt vermehrt wahrnehmbar wurde. Doch wie sahen die lebensweltlichen Umbrüche des Arbeitens, Denkens und Wohnens im Lärm aus? Wie steht es heute um sie? Und wo ist Lärm jenseits der industrialisierten Großstadt relevant? Mit der neunten Ausgabe der [kɔn] möchten wir durch möglichst vielfältige Beiträge neue Perspektiven auf das Phänomen ›Lärm‹ eröffnen. Welche lärmenden, alarmierenden oder stilleproduzierenden Objekte – etwa Glockengeläut, Sirenen oder Trillerpfeifen – prägten und prägen unsere Umwelt, unsere Körper und unseren Alltag?

 

Der deutsche Philosoph Theodor Lessing gründete um 1900 einen  Anti-Lärm-Verein, um sich dem »Kampf des Geistigen gegen die Verpöbelung des Lebens« zu widmen. Einige Jahre früher hatte Maximilian Pleßner gar von der »Misshandlung der Gebildeten durch die Ungebildeten« gesprochen – was aus heutiger Perspektive nicht nur Fragen nach lärmender Verstädterung, sondern vor allem auch nach sozialem Stand und kulturellem Kapital aufwirft. Hier zeigt sich ein 1929 bereits von Virginia Woolf in A Room of One's Own adressierter und später von der Historikerin Monika Dommann analysierter Nexus von Konzentrationstechniken und sozialen Konflikten. Dieser war um 1900 Anlass für die Erfindung einer Reihe konzentrationsfördernder Hilfsobjekte: Etwa Pleßners Antiphon von 1885, der von Jenny Preis entwickelte Prototyp des Ohropax – zu Deutsch »Ohrenfriede« – oder Hugo Gernsbacks Isolator Helmet von 1925. Diese Erfindungen versprachen vor allem männlichen Geistesarbeiterïnnen, Ruhe und Versenkung wiederzuerlangen.

 

Der Beginn der Lärmmessung in den 1920er- und 30er-Jahren markiert ein neues Verständnis von Lärm. Die Verwissenschaftlichung und Objektivierung des Phänomens durch Maßeinheiten wie Dezibel und Phon nimmt ihren Anfang sowie breit angelegte staatsfinanzierte Studien, etwa in der Metropole New York. Durch Datensätze und Grenzwerte wurde Lärm damit zum ersten Mal auch Gegenstand der Rechtsprechung. Parallel dazu entwickelte er sich zum omnipräsenten Ausdruck von Wirtschaftskraft, Prosperität und Fortschritt. Das emsige Treiben in Fabrikhallen und Büros, auf Marktplätzen und an der Börse diente dergestalt als Ausweis moderner kapitalistischer Staaten.

 

Mit dem Erstarken von Umweltdiskursen in den 1970er-Jahren erfährt das Phänomen Lärm seine bis heute gültige juristische Definition als »Umweltbelastung«. Dem wird gesetzlich, städtebaulich und im Arbeitsschutz entgegengewirkt. ›Lärm‹ wird zudem als Gesundheitsrisiko erforscht, das Stressstörungen, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen nach sich ziehen kann. Das betrifft auch Tiere:  Prominentes Beispiel ist eine südafrikanische Petition gegen die Erdölsuche des Großkonzerns Shell mit Schallkanonen, welche unter Wasser Wale schädige. Mit der ökologischen Dimension von Lärm sind nicht nur soziale und Klassenfragen nach Wohnlage und Lärm am Arbeitsplatz verbunden, sondern auch solche, die dem Verhältnis von technischem Fortschritt und Rechtslage Rechnung tragen.

 

Die Performancekünstlerin und Sängerin Diamanda Galás betont in ihrem Werk die Verbindung von Lärm und Körperlichkeit: Die Stimme markiert eine wichtige Grenze zwischen Körper und Öffentlichkeit, sie kann aus subjektivem Leid gemeinschaftlichen Widerstand gegen staatlichen Machtmissbrauch formen – eine Politik des Lärms, wie Marie Thompson analysiert. Lärm- und Sprechchöre werden zudem zunehmend als politisches Druckmittel in Zeiten neuartiger Aufmerksamkeitsökonomien untersucht, wie etwa von Mustafa Dikeç oder Stefan Donath. Doch auch wessen Körper der Ursprung der Stimme und des Lärms ist, spielt eine Rolle, wie die Journalistin ​​Yomi Adegoke und ihre Coautorin Elisabeth Uviebinené 2021 in der Anthologie Loud Black Girls verdeutlichen. Der Vorwurf, laut oder lärmend zu sein, beinhaltet gerade für Schwarze, BIPoC und weibliche Personen eine moralische Wertung, die nicht nur ihre Teilhabe an Öffentlichkeit und Protest eklatant einzuschränken vermag, sondern auch psychischen und physischen Druck ausübt.

 

Daneben gibt  es den teils genussvollen Lärm in der Musik, beispielsweise als Ausgelassenheitsimperativ bei Konzerten, oder als Element  experimenteller Musik. Auch in der indonesischen Independent-Musikszene spielt er eine wesentliche Rolle, wie der Film Bising: Noise & Experimental Music in Indonesia (2014) zeigt. Außerdem wird Lärm beim geregelten Regelverstoß des Karnevals oder vergleichbaren Bräuchen, wie Straßenumzügen und Polterabenden, erzeugt. Mit dem schwer zu lokalisierenden Umbruch von Musik und Klang in Lärm haben sich jüngst die Sound Studies beschäftigt und mit David Wallraf eine »Praxeologie des Auditiven« vorgeschlagen. Im Rahmen der Psychoakustik untersucht heute etwa die Lärmforscherin Brigitte Schulte-Fortkamp den Einfluss von Lärm auf die Lebensqualität. Wann Klang für wen zu Musik wird und wann zu Lärm, hängt dabei von soziokulturellen Praktiken ab, von konfligierenden Konzepten von Gewohnheit und Genuss, von Wissen und Kompetenz. Diese Faktoren entscheiden, ob bei den Hörerïnnen positive Resonanz entsteht oder Stress – Ekstase oder Widerwillen.

 

 

Vielschichtig ist eine Historie des Lärms auch als Teil der Avantgarden- und Popkritik. Während Roy Lichtenstein den onomatopoetischen Lärm aus dem massenmedialen Comic mit dem Pinsel auf die Leinwand holte, zeichnet sich zugleich eine mentalitäts- und affektgeschichtliche  Historie des Lärms als Invektive ab: von der zeitgenössischen Kritik Louis Spohrs an Ludwig van Beethovens 5. Sinfonie als »nichtssagendem Lärm« bis zu Walter Ulbrichts populärer Diffamierung der Beatles, die mittels ›Yeah Yeah Yeah‹ 1965 »ideologische Zersetzungsarbeit« leisten würden. Sie alle eint das Thema Lärm:  Auf welche Weise wird er zum Sammelbegriff kulturpessimistischer Zeitdiagnosen, zum Grund pädagogischer Sorge oder zum Austragungsort staatlicher Präventionen, ästhetischer Konflikte und feuilletonistischer Fehden?

 

Die neunte Ausgabe von [kɔn] fragt nach Relektüren und Analysen rund um das Thema ›Lärm‹ und bietet Raum für Essays, Glossen, Abhandlungen, Aufsätze und Experimentelles.

 

Einige mögliche Themenkomplexe sind:

 

– Lärm als avantgardistisches Mittel in Musik, Malerei, Theater, Performance und Literatur

– Lärm als politisches Instrument und Kollektivpraxis

– Lärm als Frage der sozialen Zugehörigkeit

– Lärm als Element sexistischer und rassistischer Diskriminierung zwischen Fremdzuschreibung und Aneignung

– Lärm als Invektive und Herabsetzung

– Lärm in der Rechtsprechung

– Lärm in der Natur: lärmende Tiere und von Lärm bedrohte Biotope

– Lärm als Umwelt- und Gesundheitsproblem

– Lärmvermeidungsstrategien und -praktiken

– Lärm in Städtebau und Infrastruktur (Lärmschutzmauern, Flüsterasphalt)

– Lärm-Vermessung

– Lärm und Design

– Begriffsgeschichte und Metaphernarsenal des Lärms

 

[kɔn] richtet sich an junge Geisteswissenschaftlerïnnen und Schriftstellerïnnen sowie an Denkende und Schreibende aus anderen Kontexten. Wir begrüßen Ideen, die eine eurozentristische Perspektive auf ›Lärm‹ erweitern. Hierbei sind auch fremdsprachige Texte willkommen, solange deren Übersetzung – entweder ins Deutsche oder ins Englische – gewährleistet werden kann.

 

Abstracts von max. 300 Wörtern für Essay- und Feuilletonbeiträge sowie vollständige Beiträge für das Ressort Wortkunst erbitten wir bis zum 3. Februar 2021. Die Zu- und Absagen erfolgen in der Woche ab dem 14. Februar 2021. Die fertiggestellten Essay- und Feuilleton-Beiträge mit einem Umfang von 5.000 bis max. 20.000 Zeichen sollen bis Anfang April 2021 vorliegen; die Festlegung der genauen Zeichenanzahl erfolgt gemeinsam mit den Ressortleiterïnnen. Es besteht zudem die Möglichkeit kurzer Glossen für das Feuilleton. Das Heft erscheint voraussichtlich im September 2022. Alle weiteren Informationen zum Heft, den verschiedenen Ressorts und für Schreibende auf https://kon-paper.com/.

 

Kontakt:

Pia Lobodzinski, Chefredakteurin

info@kon-paper.com

 

Henrike Reintjes und Adela Sophia Sabban, Ressort Essay

essay@kon-paper.com

 

Felix Lindner und Johannes Spengler, Ressort Feuilleton

feuilleton@kon-paper.com

 

Henriette Hufgard und Fabian Widerna, Ressort Wortkunst

wortkunst@kon-paper.com

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu