CFP: "Babylon Berlin" und die filmische (Re-)Modellierung der 1920er-Jahre. Medienkulturwissenschaftliche Perspektiven (31.1.2022)

Stephan Brössel's picture

Babylon Berlin und die filmische (Re-)Modellierung der 1920er-Jahre. Medienkulturwissenschaftliche Perspektiven

(= Band 1 der Reihe Medienreflexive Moderne. Studien zu Literatur und Medienkultur der 1920er-Jahre im Rombach-Wissenschaft Verlag, herausgegeben von Andreas Blödorn und Stephan Brössel; Erscheinungstermin: 2022)

 

Der Pressespiegel zu Babylon Berlin – der Erfolgsserie von Tom Tykwer, Achim von Borris und Hendrik Handloegten, nach der Romanvorlage von Volker Kutscher – liest sich wie ein Loblied. Die Rede ist von einer „Serie der Superlative“ (Deutschlandfunk Kultur, 13.10.2017), von „ihrer Vielschichtigkeit“ und authentischen Wiedergabe der Weimarer Presse (FES, Archiv der sozialen Demokratie, 21.10.2020), von einer „Reise in die Abgründe der deutschen Seele“, einem „beeindruckende[n] Panorama“, das in „opulenten Bildern“ entworfen werde – von „der Mode, dem Hedonismus und den glamourösen Partys jener Epoche“ –, und dies ergänzt durch „wahre historische Begebenheiten“, wobei ebenfalls die „Schattenseiten“ der Zeit Eingang finden (Stern, 23.01.2020). Doch auch kritische Töne sind zu vernehmen, vor allem in der „Frage nach Authentizität von fiktionalisierten Geschichtsdarstellungen“ (FAZ, 25.11.2017) oder etwa hinsichtlich der „verschenkten Möglichkeiten“ in der Zeichnung des „Sittenbildes“ und des Sachverhalts, dass die „ausgeprägten Klassenschranken“ der Weimarer Republik ignoriert werden und die weibliche Emanzipation als „rein individuelle Erfolgsgeschichte“ präsentiert sei und „allenfalls durch einen kulturellen Zeitgeist“ heute beflügelt werde, die Serie dabei jedoch die Weimarer Frauenbewegung 1929 um Friederike Wieking und Martha Mosse übergehe (FES, Archiv der sozialen Demokratie 21.10.2020). Ganz offensichtlich, und das unterstreichen diese Reaktionen aufs Eindrücklichste, trifft die Serie den Nerv der Zeit, und dies nicht nur medial, im Kielwasser der vielen aufwendigen und komplex erzählten Serien im internationalen Filmgeschäft, sondern auch im Hinblick auf die Beschäftigung mit der deutschen Kultur vor einem Jahrhundert: Die „Faszination am Berlin der 20er“, so heißt es, sagt etwas „über unsere heutige Zeit aus“ (Deutschlandfunk, 23.12.2018). Die Serie stelle „Fragen an die Gegenwart“ und ein „Hauch Weimar“ liege in der Luft (FAZ, 03.11.2018). Die Frage nach Authentizität werde dabei überlagert von der Frage danach, welches „Bild der Vergangenheit“ transportiert werde, warum „vermeintliche Parallelen der Weimarer Republik zur politischen Gegenwart“ angelegt werden und wie und ob sie überhaupt naheliegen und diskutiert werden müssten (FAZ, 25.11.2017).

Mit dem Schwerpunkt Babylon Berlin unternimmt der erste Band der Reihe zur medienreflexiven Moderne pünktlich zum Start der 4. Staffel einen Brückenschlag zwischen den 1920er-Jahren und heute. Dabei soll die Leitlinie dieses Unternehmens auf einem medienkulturwissenschaftlichen Zugriff liegen, der aus verschiedenen Perspektiven und unterschiedlichen analytischen Schwerpunktsetzungen heraus zu klären versucht, wie ‚Gesellschaft‘, ‚Kultur‘ ‚Geschichte‘ und ‚Realität‘ in der Rückschau der Serie auf das Ende der 1920er-Jahre medial konstruiert werden und welche Grundzüge den sinnbildlichen ‚Tanz auf dem Vulkan‘ (vgl. Faulstich, Die Kultur der 20er Jahre, 2008) kennzeichnen; genauer, wie die ‚Weimarer Republik‘ im „Jahr Babylon“ ästhetisch-narrativ modelliert wird und welche Leitsemantiken sie auszeichnen. Darüber hinaus sind zentrale Fragen an die Serie: Welche anthropologischen und ethischen Konzepte werden vermittelt, welche Normen- und Wertesysteme zugrunde gelegt? Welche Problemkonstellationen und -lösungen auf kollektiver und individueller Ebene werden ausgehandelt und welche filmischen Präsentationsstrategien in Bild und Ton kommen dabei zum Tragen?

Die Beiträge des Bandes wagen – gewissermaßen seismografisch – den Versuch, das heutige Bild der Kultur vor 100 Jahren zu rekonstruieren und wollen in dieser Zielsetzung dazu beitragen, die aktuelle Vorstellung über eine schillernde und gleichzeitig gefahrvolle Kulturepoche kritisch zu befragen. Die ‚Goldenen Zwanziger‘ erscheinen in diesem Licht als eine nur oberflächlich ‚heile‘, eigentlich nachgerade hohle Staffage einer eben unheilvollen, durch gesellschaftlich subversiv und gefährdend agierende Kräfte angereicherten soziokulturellen Gesamtlage. Ihr – zeitliches wie konzeptuelles – Ende ist folglich gleichsam Thema wie zeithistorisches Setting in Babylon Berlin – und das in prägnanter Form. Grundlegende Annahme des Bandes soll daher sein, dass es sich bei der Serie nicht nur um einen exemplarischen Fall der gegenwärtigen Retrospektiven auf die Weimarer Republik handelt, sondern um einen geradezu repräsentativen und hinsichtlich seiner thematischen Ausdeutung und ästhetischen Gestaltung besonders instruktiven Fall.

In dieser grundsätzlichen Perspektive ergeben sich mehrere Untersuchungsebenen und Fragekomplexe, die als mögliche Ansatzpunkte der Auseinandersetzungen dienen könnten:

Weltmodellierung und Narrativik. Die Welt, die die Serie entwirft, ist eine in mehreren Hinsichten vielschichtige und heterogene: angefangen bei ihrer ideologischen, sozialen und ethnischen Vielfalt oder hinsichtlich des Spannungsfeldes zwischen Recht und Unrecht, ferner im Hinblick auf das skalierte Feld der ‚Kriminalität‘, die Disparatheit zwischen Fremdem und Eigenem, die sich einerseits gegenseitig überlagern, zum anderen imagologisch klar voneinander separiert sind. In serieller und mittels Short Cuts-Technik realisierter Erzählform bekommt man es mit einem Panorama zu tun, das von mehreren Handlungssträngen durchzogen und zugleich in raumzeitlicher Situierung durch das Hintergrundgeschehen getragen wird. Welche ideologischen Teilsysteme zeichnen die Diegese aus? Inwiefern werden Gegensätze etabliert, aufgebrochen oder korreliert? Welche Problemkonstellationen werden angelegt, welche Konzepte/Institutionen/ideologische Glaubenssätze stehen zur Disposition? Welche Werte motivieren die Figuren und steuern die Handlung? Wie ist das virulente Nebeneinander der sozialen und ideologischen Verhältnisse und ihrer Extreme gestaltet?

Ästhetik in Bild und Ton. Stilistisch zwischen Neonoir und detailgenauem Sozialrealismus angesiedelt, folgt Babylon Berlin einer Ästhetik, die einerseits durch diegetische Hinweise auf zeitgenössische Zeitungen, Plakate und Werbung Authentizität beansprucht, die sich andererseits aber durch eine Reihe intertextueller Bild- und Filmzitate als medial vermittelt zu erkennen gibt. Die Realität der dargestellten Welt wird von ihrer Darstellung her explizit als eine retrospektiv ästhetisch überformte, medialisierte Filmwelt der 1920er-Jahre ausgewiesen.  Näher hin zu untersuchen wäre hier, wie und zu welchem Zweck die Serie filmische Referenzen auf zeitgenössische Filme (u. a. Dr. Mabuse, der Spieler, Berlin – Die Sinfonie der Großstadt, Der blaue Engel, Menschen am Sonntag usw.) in die eigene Präsentation einbindet. Wie verhandelt die Serie damit deren filmische Ästhetik der 1920er-Jahre? Darüber hinaus wäre zu klären, welche weiteren filmischen Präsentationsmittel die Serie funktionalisiert? Welche Signifikanzen lassen sich etwa im Hinblick auf Mise-en-scène, Kadrierung, Schnitt und Montage usw. ausmachen?

Kultursemiotische Perspektiven. Wenn u. a. der Historiker Hanno Hochmuth konstatiert, die Serie verrate „mehr über die Gegenwart als über die 20er Jahre“ (Deutschlandfunk, 23.12.2018), so ließe sich folgern, dass sie vor allem auch dem Zweck der Aushandlung des eigenen kulturellen Selbstverständnisses dient, der modellierenden Rückschau auf eine Zeit, die dadurch mit dem eigenen Entstehungskontext in Beziehung gesetzt wird. Entsprechend wäre Babylon Berlin als kultureller Speicher aufzufassen, die Wahl des Sujets und die raumzeitliche Situierung würden auf die Einbindung in zeittypische Diskurse hindeuten und die Serie ins Verhältnis zu anderen Medientexten setzen, die ebenfalls die 1920er-Jahre thematisieren. Es ließen sich daraus also Rückschlüsse auf das Selbstbild der Kultur der 10er- und 20er-Jahre des 21. Jahrhundert ziehen und bspw. die Frage stellen, inwiefern dieser hinsichtlich seiner politischen Implikationen brisante, auch mediengeschichtliche „Schnittpunkt“ von 1929 (Andriopoulos/Dotzler, Beiträge zur Archäologie der Medien, 2002: 7) Ausgangspunkt einer Diskussion des gegenwärtigen Gesellschaftsbildes wird. Was verspricht sich die heutige (Medien-)Kultur von dieser Auseinandersetzung? In welcher Beziehung steht das Verhandelte zu extrafiktionalen Themen, Problemen, Diskursen der aktuellen Gegenwart? Wie genau zeigt sich das Beziehungsgeflecht aus Fakt und Fiktion und inwiefern entwirft sich die Serie dadurch selbst als kultureller Speicher?

Der Band ist offen für medienkulturwissenschaftliche Beiträge, die (a) die Serie Babylon Berlin aus einer der genannten Perspektiven untersuchen und dabei entweder (b) Erkenntnisse über das Bild der ‚Goldenden Zwanziger‘ ansteuern und/oder (c) Rückschlüsse auf die Gegenwartskultur der 2010er- und 2020er-Jahre ziehen.

Beitragsvorschläge an die Herausgeber werden erbeten bis zum 31.1.2022. Abgabe der fertigen Aufsätze (im Umfang von max. 50.000 Zeichen [mit Leerzeichen]) ist auf den 31.08.2022 terminiert. Erscheinen soll der Band im Winter 2022.

 

Kontakt:

Prof. Dr. Andreas Blödorn (andreas.bloedorn@uni-muenster.de)

PD Dr. Stephan Brössel (s.broessel@uni-muenster.de)

 

________________________________________________________________________________________________________________

Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu