CFP: Landvermessungen. Kafka und das Landleben, Prag (01.03.2022)

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Landvermessungen

Kafka und das Landleben

 

Tagung an der Karls-Universität Prag

06.-08. April 2023

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Einen Landvermesser? Den könne man keineswegs gebrauchen, meint der Dorfvorsteher in Kafkas Schloß. Es sei doch bereits alles vermessen, geordnet und festgehalten sowohl im namenlos bleibenden Dorf als auch in seiner näheren Umgebung; ja mitunter, so die damit verbundene Implikation, gar bestens eingerichtet sowie schließlich, so der weitere Einwand, auch von einer konstitutiven Beständigkeit der Dinge und Verhältnisse geprägt. Eine Neu- bzw. Nachvermessung ist daher, ließe sich folgern, ganz und gar unnötig.

Was für die Situation des Landvermessers K. gilt, das gilt auch, so könnte man meinen, für die Forschungsliteratur zu Leben, Werk und Wirkung Kafkas. Angesichts ihrer nahezu unüberschaubaren Ausmaße scheint doch jedes noch so abgelegene Thema schon längst erschlossen und jeder Zentimeter seines Schreibens bereits kartographiert. Allerdings: Einen übersichtlichen Band, der Analysen und Interpretationen zu den verschiedenen Erscheinungsformen und Dimensionen des Landlebens im Werk Kafkas bündelt, sucht man bisher vergebens. Das ist umso verwunderlicher, als doch ein großer Teil gleichermaßen zentraler wie auch verstreuter Werke in genuin ländlichen Milieus spielt sowie von spezifisch dörflichen und ruralen Topographien geprägt ist.

Sei es nun im Schloß, im Landarzt und in Erzählungen wie etwa Kinder auf der Landstraße, Das nächste Dorf und Eine kaiserliche Botschaft oder aber in Notizen (wie den Zürauer Aphorismen), Tagebucheinträgen (siehe z.B. Verlockung im Dorf oder Erinnerungen an die Kaldabahn aus dem Jahr 1914) sowie weiteren nachgelassenen Schriften (wie etwa Der Dorfschullehrer oder die drei Fassungen der Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande): immer wieder wendet sich das Kafkasche Erzählen dem Leben auf und der Bewegung über Land zu. In den (nur vermeintlich) überschaubaren und narrativ kontrollierbaren (Versuchs-)Räumen des Dörflichen und Ländlichen verarbeitet und reflektiert es u.a. biographische Erfahrungen, psychische Vorgänge, soziale Verhältnisse, religiöse Vorstellungen, kollektive Mythen sowie subjektive Wahrnehmungsweisen von Raum, Zeit, Selbst und unternimmt erkenntnistheoretische wie metaphysische Erkundungen.

Dabei ist durchaus bemerkenswert, dass die Strukturen und Symbole moderner und ambivalenter Lebensverhältnisse eben nicht – oder zumindest nicht ausschließlich – in den Großstädten und Metropolen, sondern vielmehr in ruralen Räumen in Szene gesetzt und in ihren Auswirkungen auf bzw. Verschränkungen mit Individuum und Gesellschaft reflektiert werden: Phänomene und Wahrnehmungen beschleunigter Transformationen treffen auf statisch verharrende wie auch zirkulär verlaufende Zeitstrukturen; minutiöse Beschreibungen anthropologischer wie sozialer Mikrostrukturen sowie realitätsbezogene Darstellungen räumlicher Topographien verschränken sich mit genuinen Formen literarischer Verfremdung und entwerfen künstlerisch-künstliche Traumbilder natürlicher wie psychischer Landschaften; Ergründungsversuche bürokratischer Ordnungssysteme stehen neben Auseinandersetzungen mit sozialer Heterogenität, Mehrstimmigkeit und Fremdheit; Bilder tradierter Geschlechterordnungen und sozialer Machtverhältnisse begegnen entfesselten Sexualtrieben sowie Prozessen der Setzung, Feststellung und Auflösung von personalen wie kollektiven Identitäten; Erörterungen über die Konkurrenzen und Unsicherheiten von Wissen sind mit Reflexionen über die Funktionen und Grenzen von Kommunikation und Kommunikationsmedien verbunden. Dörfer und Landschaften werden dabei zu ambivalenten Modellen, in denen sich die Gegenwartserfahrungen und -erkundungen Kafkas erzählerisch verdichten.

Die gemeinhin geteilte Vorstellung, die literarische Moderne spiele sich vor allem in den Großstädten und Metropolen ab, lässt sich daher (nicht nur) mit Blick auf das Werk Kafkas kritisch hinterfragen. Ja, mehr noch: Wurde Kafka selbst bisher vor allem als Großstadtautor wahrgenommen – wovon nicht zuletzt eine Reihe an Publikation zu ‚Kafkas Prag‘ zeugt –, so lässt sich hier doch zumindest versuchsweise und ergänzend zu neueren Forschungen, die insbesondere die räumlichen wie sozial- und kulturgeschichtlichen Kontexte einer interkulturell veranlagten Prager Moderne in ihrer genuinen Verwobenheit mit den regionalen Literaturlandschaften der böhmischen Länder betonen, eine weiterführende Perspektivierung vornehmen, die dem durchaus auch biographisch bedingten Vorhandensein von Imaginationen und Projektionen des Ruralen im Werk Kafkas ebenso nachgeht wie den diversen kulturellen Transfer- und Übersetzungsprozessen, von denen das Erzählen Kafkas geprägt ist. Wiederholt finden sich in den Texten auch rurale Stoffe, Motive und Topoi in städtische Settings eingelassen. Man denke etwa allein an deren Vielzahl im Prozeß: so an den Onkel, der „als kleiner Grundbesitzer vom Lande“ in der Stadt erscheint und zugleich als „Gespenst vom Lande“ wahrgenommen wird, an den berüchtigten „Mann vom Lande“ in der Türhüterlegende, an die Heidelandschaftsbilder des Malers Titorelli sowie schließlich an den Steinbruch, in dem Josef K. sein Ende finden wird. Dabei können die diversen Gestalten und Formen des Ruralen im Urbanen unter anderem als Teil wie auch Ausdruck einer literarischen und kulturellen Technik der Dezentrierung verstanden werden, die sich gegen Prozesse und Strukturen der Zentralisierung von Perspektiven, Wissen und Macht stemmt, wie sie im 19. und 20. Jahrhundert im Zuge umfassender und raumgreifender Modernisierungsmaßnahmen, deren Folgen jüngst mit dem Begriff der Urbanormativität gefasst werden sollen, stattfanden und nach wie vor stattfinden.

In diesem Sinne sind die Bilder und Narrative des Ländlichen im Werk Kafkas in einer Phase des gleichermaßen immer noch anhaltenden bzw. fortlaufenden Übergangs zu verorten, in der sich neue und zunehmend komplexe Stadt-Land-Verhältnisse der wechselseitigen Bezugnahme sowie der gegenseitigen Infiltration und Durchdringung mittels Symbolen, Praktiken, Strukturen und Dingen ausbilden. Dies betrifft technische und kulturelle Erschließungen des Ruralen aus den Perspektiven des Urbanen ebenso wie diverse Migrationsbewegungen vom Ländlichen ins Städtische; mithin also beiderseits Entwicklungen einer diskontinuierlich und heterogen verlaufenden ‚Rurbanisierung‘, die von Kafka in ihren dialektischen Bewegungen fokussiert und reflektiert wird. Ganz im Gegensatz zur allgemeinen Tendenz zur Separierung und Spezialisierung – besonders greifbar im beständig medial reproduzierten Dualismus von Stadt und Land, in dem sich weitere vermeintlich konstitutive Trennungen wie Natur/Kultur, Gemeinschaft/Gesellschaft, Heimat/Fremde, Zentrum/Peripherie eingeschrieben und verdichtet finden – treffen in den Texten Kafkas Vormoderne und Moderne, Büro und Kneipe, Bauern und Beamte aufeinander und werden als miteinander verschlungen erzählt und gedacht.

Vor diesem Hintergrund möchte die Tagung zu einer (Neu-)Evaluierung der Rolle des Landlebens im Werk Kafkas anregen und beitragen. Dies geschieht nicht zuletzt im Kontext aktueller Forschungsperspektiven. Zum einen geht mit der gegenwärtigen Konjunktur von Bildern und Narrativen des Landlebens in literarischen und medialen Diskursen auch ein neues interdisziplinäres Interesse an den kulturellen Konstruktionsweisen von Ländlichkeiten sowie den mehrdimensionalen Wechselbeziehungen ihrer (materialen, mentalen, symbolischen) Produktion und Rezeption einher; zum anderen werden bereits seit längerer Zeit literarische Texte und künstlerische Werke aus raumwissenschaftlichen Perspektiven in den Blick genommen, die wiederum Fragen der Konstituierung von Raum im Text sowie der (Re-)Produktion von Raum durch Text thematisieren und gleichermaßen Probleme der räumlichen Verortung literarischer Texte und somit auch der Übergangsbereiche von imaginären, medialen und sozialen Räumen reflektieren.

Angesichts einer bisher noch nicht umfassend ausgerichteten wissenschaftlichen Erforschung der mehrdimensionalen und mehrdeutigen ruralen Topographien – der symbolischen Ländlichkeiten wie auch der ländlichen Symboliken – im Gesamtwerk Kafkas können diese Perspektiven einander ergänzen. Dies soll auf der Tagung anhand von vier thematischen Blöcken geschehen, die sich gegenseitig durchdringen und daher auch aufeinander bezogen werden können:

Erstens: einer Analyse der Bilder und Narrative des Ruralen in den Werken Kafkas; hierbei können sowohl detaillierte Deutungen zu den Strukturen, Wahrnehmungen und Erzählweisen des Ländlichen in einzelnen Texten als auch vergleichende Untersuchungen zu etwaigen Entwicklungen ruraler Stoffe, Motive und Topoi unternommen werden. Finden sich doch von den ersten veröffentlichten wie auch unveröffentlichten Texten an nahezu durchgehend literarische Gestaltungen von ländlichen Figuren und Situationen, aber auch Reflexionen, die auf sie Bezug nehmen und mit ihnen weiterführende Frage- und Problemstellungen etwa im Privaten, Sozialen, Religiösen und Metaphysischen erkunden. 

Zweitens: einer biographischen Verortung dieser Bilder und Narrative; zeigt sich in verschiedenen Phasen doch gerade auch ein intensives Spannungsverhältnis zwischen Leben und Literatur: Kafka, der sich laut eigener Aussage kein behaglicheres und freieres Leben als auf dem Dorf vorstellen konnte und eben dort eine ihm entsprechende Lebensweise imaginierte, schildert immer wieder unwirtliche Verhältnisse und soziale Verwerfungen in ländlichen Räumen, die sowohl mit den Mitteln literarischer Moderne erzeugt und gefasst als auch mit den Wahrnehmungen urbaner/medialer Moderne kontrastiert und durchzogen werden.

Drittens: einer kulturellen Kontextualisierung; hierbei sind etwa Kafkas Auseinandersetzungen mit und Aneignungen von inhaltlichen und formalen Aspekten des Erzählens aus den kulturellen Archiven wie auch den zeitgenössischen Diskursen und regionalen Entwicklungen zu fokussieren. Dies betrifft u.a. die diversen Transfers, die sich gleichermaßen ineinander verschlungen zwischen den Werken der ‚Weltliteratur‘ und der ‚regionalen Literatur‘ sowie dem Kafkaschen Schreiben in ihren Bezugnahmen auf Land und Ländlichkeiten ereignen und nachvollziehen lassen.

Viertens: einer Untersuchung der literarischen und künstlerischen Aneignungen der Bilder und Strukturen des Kafkaschen Landlebens; hierbei können sowohl die Rezeptionen und Transformationen der ruralen Topografien Kafkas in literarischen und künstlerischen Werken mitsamt den daraus entstehenden Entwürfen ‚kafkaesker‘ Landschaften untersucht als auch die lokalen, regionalen und globalen ‚Verwertungen‘ Kafkas etwa im Tourismus und Regionalmarketing fokussiert werden. Schließlich ist wohl kein zweiter Autor und kein zweites Werk in solch immensen Maße und zugleich in solch unterschiedlichen Kontexten angeeignet und vereinnahmt worden; und entsprechend auch prägend für imaginäre wie reale Landschaften. 

Verbunden mit diesem umfassenden Programm ist die Hoffnung auf eine neue und übersichtliche Erkundung und Erfassung der ruralen Topographien im Werk Kafkas, die schließlich pünktlich zum Jubiläumsjahr 2024 in Buchform erscheinen soll.

 

Wir bitten um Abstracts (max. eine Seite) für einen 20-minütigen Vortrag inkl. einer kurzen biographischen Notiz mitsamt Kontaktdaten bis zum 01.03.2022 per E-Mail an:

 

marc.weiland@ff.cuni.cz

manfred.weinberg@ff.cuni.cz


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

Die vollständige Übernahme der Kosten für Reise und Unterkunft wird von den Veranstaltern angestrebt und beantragt.