CFP: Literarisches im Wandel – Mittelalterrezeption als Medientransfer, Universität Luxemburg (31.01.2021)

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09.-11.06.2022, Universität Luxemburg   

Das Mittelalter ist bis heute – sowohl in Hoch- als auch Populärkultur – ungebrochen präsent. Fiktionalisierte und „geträumte“ (Eco 1988:111–126) Mittelalterbilder, die das Ergebnis der Rezeption bzw. Adaption mittelalterlicher Prätexte, Stoffe oder Motive bilden, werden in der Neuzeit medialisiert einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Mittelalterliches begegnet bis heute variantenreich z.B. in 

  • Romanen (Ivanhoe, 1820; Die Nibelungen. Ein deutscher Stummfilm, 2021),  

  • Anthologien (Die Bücher der Hirten- und Preisgedichte der Sagen und Sänge und der hängenden Gärten, 1894; Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen, 2017), 

  • Comics (Mouse Guard - Herbst 1152, 2008; Die phantastischen Abenteuer des Glücksritters Wigalois, 2011),  

  • Verfilmungen (Beowulf, 2007; The Green Knight, 2021),  

  • Opern (Tristan und Isolde, 1865; Iwein Löwenritter, vrsl. 2022),  

  • TV-Serien (Game of Thrones, 2011; The Last Kingdom, 2015) oder 

  • Videospielen (The Elder Scrolls 5. Skyrim, 2011; Grand Theft Auto V, 2013) 

  • Rockbands (In Extremo; Draconisgena) usw. 

Die jeweilige Form der Mittelalterrezeption („produktiv, d.h. schöpferisch“, „reproduktiv“, „wissenschaftlich“ oder „politisch-ideologisch“, Müller 1986:508) sowie kontextuelle bzw. historische Gegebenheiten bedingen letztlich – so lautet die zentrale These der geplanten Tagung – die Wahl des Mediums. Gerade im 19. Jahrhundert ermöglichten etwa reichweitenstarke Medien (Historienromane, Anthologien, Zeitschriften, aber auch das (Musik)Theater sowie das Chor- und Klavierlied) die öffentlichkeitswirksame Verbreitung ästhetisierter und nationalpatriotisch motivierter Mittelaltervorstellungen.

Grundlegend fassen wir daher das Phänomen der Mittelalterrezeption bzw. die Aneignung mittelalterlicher Stoffe, Motive oder Figuren definitorisch als einen von Gegenwart zu Gegenwart veränderlichen, „constantly evolving and selfreferential process of defining an always fictional Middle Age“ (Emery 2009:85), der in elementarer Weise von Medienwechseln zwischen Ausgangs- und Zielmedium geprägt ist. Dabei ist von der Annahme auszugehen, dass unterschiedliche mediale Systeme stoffliche Konzeptionen in je unterschiedlicher Weise konfigurieren bzw. transformieren, ästhetische Erfahrung also vom jeweiligen Rezeptionsmedium bestimmt und nicht unabhängig von diesem zu begreifen ist. Als medialen Transfer wollen wir dabei in weiter Perspektive sowohl Übertragungen aus einem (textlichen) Ausgangsmedium (dem (mhd.) oralen oder schriftlichen Text) in ein nicht-textliches Zielmedium (Bild, Ton) verstehen (inter-medialer Transfer) wie auch Übertragungen aus einer in eine andere Textwelt (intermedialer Transfer) (vgl. Rajewsky 2004:12); hier erweist sich insbesondere der mit dem intramedialen Transfer verbundene Gattungstransfer als interessant, wie etwa im Fall von Hebbels dramatischer Realisierung (Die Nibelungen, 1861) des mhd. Nibelungenepos.

Die Tagung setzt sich zum Ziel, die Rezeptionsgeschichte mittelalterlicher Literatur im Fokus medialer Transfer- und damit verbundener Transformationsprozesse zu beleuchten. Im Sinne einer produktiven Mittelalterrezeption, die die Überlieferung nicht „als einen Verschlechterungsprozess“ oder „als Negativfolie der Zeichnung eines korrekteren Mittelalterbildes“ begreift (Herweg/Keppler-Tasaki 2012:3), geht es darum, ihre Signifikanz für die jeweilige Zeit kritisch zu diskutieren.

Wir laden ein, Beitragsvorschläge einzureichen, die interdisziplinär (ältere/neuere Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, Kultur-, Musik-, Film und Theaterwissenschaft) sowie in historischer und systematischer Perspektive Aspekte des Medientransfers in Kontexten rezeptiver bzw. adaptiver Aneignung des Mittelalters beleuchten.

Bitte senden Sie Ihre Themenvorschläge in Form eines Abstracts (ca. ½ Seite) mit kurzen bio-bibliographischen Angaben bis 31.01.2022 unter dem Betreff ‚Mittelalterrezeption 2022‘ an: 

Dr. Amelie Bendheim (Universität Luxemburg): amelie.bendheim@uni.lu  

Dennis Disselhoff M.A. (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg): d.disselhoff@gs.uni-heidelberg.de

Die zeitnahe Publikation der Beiträge in einem Tagungsband ist geplant. Die Tagung findet vom 09. – 11.06.2022 an der Universität Luxemburg statt. Reise- und Übernachtungskosten der Vortragenden werden von den Veranstaltenden übernommen.

 

Literatur  

Eco, Umberto: Zehn Arten, vom Mittelalter zu träumen, in: Ders.: Über Spiegel und andere Phänomene. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, München 1988. S. 111–126.  

Emery, Elizabeth: Medievalism and the Middle Ages, in: Defining medievalism(s), hrsg. von Karl Fugelso, Cambridge 2009 (Studies in Medievalism 17). S. 77–85.  

Herweg, Mathias/Keppler-Tasaki, Stefan: Mittelalterrezeption. Gegenstände und Theorieansätze eines Forschungsgebiets im Schnittpunkt von Mediävistik, Frühneuzeit- und Moderneforschung, in: Rezeptionskulturen. Fünfhundert Jahre literarischer Mittelalterrezeption zwischen Kanon und Populärkultur, hrsg. von dens., Berlin/Boston 2012 (Trends in Medieval Philology 27), S. 1–14.    

Müller, Ulrich: Formen der Mittelalterrezeption. Teil II. Einleitung, in: Mittelalter-Rezeption. Ein Symposion, hrsg. von Peter Wapnewski, Stuttgart 1989 (Germanistische Symposien 6), S. 507–511.    

Rajewsky, Irina O: Intermedialität – Eine Begriffsbestimmung, in: Intermedialität im Deutschunterricht, hrsg. von Marion Bönnighausen und Heidi Rösch, Baltmannsweiler 2004, S. 8–30.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

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