CFP: »Literatur zwischen Migration und Globalisierung. Die Formen der Komplexität in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur«, Venedig (31.01.2022)

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Call for papers
Internationale Tagung
Universität Ca’ Foscari Venedig
12.-13. Mai 2022

 

Literatur zwischen Migration und Globalisierung
Die Formen der Komplexität in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

 

Die internationale Konferenz möchte die literarische Formenvielfalt vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Migration erforschen, in der sowohl die Dynamiken der postmigrantischen Gesellschaft (Naika Foroutan, Die postmigrantische Gesellschaft, Abschrift 2021) als auch die Wahrnehmungs- und Repräsentationsmodalitäten einer zunehmend globalisierten Welt zum Ausdruck kommen. Der Diskurs, mit dem die einzelnen Länder auf die Vertreibung von Menschen reagiert haben und damit die Kategorie „Migrant:in“ neu gedacht und ihre eigentliche Bedeutung für die nationale Identitätsbildung festgelegt haben, ist sicherlich integraler Bestandteil des Mediennarrativs (Harald Bauder, »Humanitäre Einwanderung und deutsche nationale Identität in den Medien«, Nationale Identitäten, 11 (3), 2009, S. 263-280). Es ist aber vor allem die Literatur, auch im Sinne eines Resonanzraums dialektischer Kräfte, die es uns ermöglicht, über diese wechselseitigen Beziehungen nachzudenken und ihre kritischen oder ungelösten Aspekte einzufangen, indem sie denen eine Stimme gibt, die keine haben: eine Stimme, die aus einer präzisen stilistischen Recherche und sorgfältigen Arbeit an der Erst- oder Zweitsprache resultiert.

In der Verlagswelt haben sich in letzter Zeit zwar die populär-realistischen Tendenzen und Narrative des „neuen Midcult“ durchgesetzt, in denen die Vermittlung drängender und politisch relevanter Themen teilweise formale Verflachung und intellektuelle Trivialität mit sich gebracht hat (Moritz Baßler, »Der Neue Midcult«, Pop. Kultur und Kritik, 18, 1/2021, S. 132-149), und dennoch haben es die sprachlichen und formalen Experimente der Migrationsliteratur in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erlaubt, die Dreh- und Angelpunkte einer sich entwickelnden multikulturellen Gesellschaft aufzuzeigen – bis hin zu den komplexen Erzähl- und Sinnschichtungen der interkulturellen Literatur, in der Migrant:innen und Bürger:innen mit Migrationshintergrund ab den 90er Jahren integraler Bestandteil des selben sozialen und globalen Gefüges geworden sind. Die interkulturelle Literatur, die nicht darauf verzichtet, formale Fragen einer zu erlernenden Sprache aufzuwerfen und mit den narrativen Strukturen zu experimentieren, wird dadurch zum Spiegel einer immer stärker vernetzten Welt, die von einem unaufhaltsamen Strom aus Informationen und Menschen, individuellen Geschichten und kulturellen Sinnsystemen zwischen den Kontinenten und den Epochen geprägt ist. In der komplexen Erzählung einer komplexen Wirklichkeit, in der sich Autor:innen wieder und wieder versuchen, geht die Aufarbeitung von Identitätsfragen, historisch-sozialen Prozessen und kulturellen Querelen Hand in Hand mit der Reflexion über eine ästhetische Form, die Komplexität und Gleichzeitigkeit, Akkumulation und Individuation ausdrücken kann.

Von Emine Sevgi Özdamar bis Yōko Tawada, von Terézia Mora bis Saša Stanišić, von Navid Kermani bis Selim Özdogan ist die deutschsprachige Literatur der letzten dreißig Jahre von neuen Möglichkeits- und Sinnsuchen erfüllt, deren Subjekte eine unaufhörliche Bewegung jenseits der sprachlichen und geografischen Grenzen des menschlichen Raums zeichnen. Die Begegnung mit dem Fremden, die Stimmen marginalisierter Gruppen, die Blicke von außen und von innen, die Streifzüge in andere Territorien und die Umkehrung der Perspektive, die Neuerfindungen und Resemantisierungen werden mal durch neuartige Stilmittel und rhizomatische Sprache, mal durch Mischung von Prosa und Poesie oder verschiedener Romangattungen vermittelt, um in literarischer Form die Kontaktlinien unserer globalisierten Welt und die von ihnen geprägten Subjektivitäten darzustellen.

Die Tagung zielt darauf ab, die unterschiedlichen Erscheinungsformen des Migrationsdiskurses von 1989 bis heute im hermeneutischen Sinn zu untersuchen und Beiträge aus dem deutschsprachigen Raum einzuladen. Unter den möglichen thematischen Achsen werden vorgeschlagen:

Fallstudien zu einzelnen Autoren/Werken aus folgender Perspektive:

  • neue literarische Atlanten und Topografien, dritte Räume oder „andere Räume“ der Literatur und deren Darstellung;
  • stilistische Besonderheiten der Migrations- und interkulturellen Literatur, sprachliche Aneignungen und Stilexperimente;
  • Poetik der Globalisierung und neue Realismen, Kontamination und Hybridisierung zwischen den Genres;
  • literarische Aufarbeitung der neuen Dynamiken zwischen Nation und Globalisierung (welche Grenzen bleiben heute bestehen?);
  • Nation-Building-Prozesse in Bezug auf oder im Gegensatz zu individueller Identitätssuche; 
  • aktuelle oder in den letzten dreißig Jahren auftretende Phänomene und Trends des Verlagsmarkts.

Besonders willkommen sind darüber hinaus Vorschläge zur Analyse präziser literarischer Orte.

 

Interessierte senden eine E-Mail an marta.rosso@unive.it und stefania.sbarra@unive.it mit einer Datei im .doc- oder .docx-Format auf Deutsch oder Italienisch mit folgenden Angaben: Name, Nachname, institutionelle Zugehörigkeit und Rolle, Titel des Beitrags, Abstract (200-300 Wörter), Kurzbiografie und -bibliographie (100 Wörter). Bitte benennen Sie die Datei wie folgt: NameVorname_abstract. Die Vorträge dürfen maximal 20 Minuten dauern.

 

Konferenz-Deadlines im Überblick:

Einreichung des Abstracts: bis 31. Januar 2022.
Termine der Konferenz: 12. und 13. Mai 2022.
Ort: Universität Ca’ Foscari Venedig (in Präsenz).
Hauptkonferenzsprachen: Italienisch und Deutsch.

 

Die Organisatorinnen
Marta Rosso und Stefania Sbarra


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu