TAGB: Formen, Praktiken, Dynamiken literarischen Schreibens, Osnabrück (06. – 08. Oktober 2021)

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Formen, Praktiken, Dynamiken literarischen Schreibens. Perspektiven einer diachronen Schreibforschung vom Spätmittelalter bis zur klassischen Moderne (06. – 08. Oktober 2021 in Osnabrück)

 

Tagungsbericht von Karl Piosecka und Denise Schlichting (IKFN Osnabrück)

 

Vom 6. bis 8. Oktober 2021 fand die von Katja Barthel (Universität Osnabrück, IKFN) organisierte hybride Tagung Formen, Praktiken, Dynamiken literarischen Schreibens statt, zu der (inter-)nationale Vertreter*innen der Schreibforschung geladen waren. Die Veranstaltung wurde unterstützt durch das Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit, das Institut für Germanistik der Universität Osnabrück und von der Fritz Thyssen Stiftung gefördert.

Zu Beginn rekapitulierte Katja Barthel (Osnabrück) das Forschungsfeld seit den 1970er Jahren und skizzierte die daraus resultierenden Forschungsperspektiven der Tagung. Sie fragte nach der Möglichkeit einer Historisierung der heterogenen Faktoren und „Spuren“ (Zanetti), die vom Mittelalter bis zur Moderne Rückschlüsse zur Konstitution von „Schreibszenen und Schreib-Szenen“ (Campe/Stingelin u.a.) zulassen sollen. Der diachrone Vergleich solle aufzeigen, wie sich einzelne, die Schreib­szene konstituierende Elemente transformieren und Konstellationen des Schreibens historisch wandeln. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen sich in der Differenz historisch variabler Konstellationen von Schreiben feststellen? Welche Dynamiken entstehen, wenn sich einzelne Elemente im komplexen Gefüge ändern? Produktions- und rezeptionsästhetische, genderspezifische, materialitätstheoretische, medien- oder emotionshistorische Fragestellungen ließen sich so neu perspektivieren. Ziel der Tagung war es, Schreibszenen, die aufgrund literaturwissenschaftlicher Epochengrenzen oftmals isoliert voneinander untersucht werden, in eine longue durée zu stellen und die Ansätze und Methoden ihrer Erschließung daraufhin zu befragen, wie sie für die historische Analyse gebündelt werden können.

Daran knüpfte der Eröffnungsvortrag von Sandro Zanetti (Zürich) an. Zanetti stellte fest, dass sich die Kulturtechnik Schreiben von anderen Techniken dadurch unterscheidet, dass sie einen potentiellen Selbstbezug zulässt (rekursive Selbstbezüglichkeit, Selbstreflexion) und die Möglichkeit zur Archivierung im Medium der Schrift eröffnet. Wie andere Kulturtechniken setzt Schreiben eine Instrumentalität und Technik voraus, doch im Gegensatz zu Techniken wie dem Feuermachen hinterlassen Schreibprozesse „Spuren“ ihrer selbst. Das Moment der Rekursion und Selbstbezüglichkeit wurde in der Schreibforschung stets betont, doch wurde, so Zanetti, zu wenig reflektiert, welche historischen Konzepte von Selbst und Selbstbezüglichkeit vorausgesetzt werden (welches Selbst? wohin zurück?). Er sprach sich für eine Historisierung der ästhetischen Formen der Symbolisierung von Selbstbezügen und ihrer Differenzierung aus und verband dies mit der Frage nach dem Fiktionalitätscharakter von Schreibszenen und Schreib-Szenen. Anstatt zu untersuchen, inwiefern die historischen, situativen Umstände am Schreiben beteiligt waren, plädierte er dafür, die Erfahrungsräume, die sich durch die Schreibszene eröffnen, als ein reflexives, imaginatives Möglichkeitsfeld stärker in den Fokus der Forschung zu rücken. In der Diskussion wurden als alternative Konzepte u.a. die Begriffe (multiple) „Referentialität“ und „poetische Reichweite“ vorgeschlagen.

 

Die erste von Christian Schneider (Osnabrück) moderierte Sektion widmete sich spätmittelalterlichen Schreib-Szenen und ihrer Diskussion in der Mediävistik. Eröffnet wurde die Sektion von Elisabeth Wåghäll Nivre (Stockholm). Sie zeigte am Beispiel Jörg Wickrams die Vielfalt der Thematisierung von Schreibpraktiken und literarischen Tätigkeiten im Text, während dieser Aspekt in der Wickram-Forschung weitgehend vernachlässigt würde. Wåghäll Nivre wählte exemplarisch drei Leerstellen der Wickram-Forschung aus: die bislang ungeklärte Autorschaft des Ritter Galmy, die konfessionelle Zugehörigkeit Wickrams und das Text-Bild-Verhältnis (Holzschnitt) in der Metamorphosen-Ausgabe. Anhand der Beispiele machte Wåghäll Nivre auf die Schwierigkeit im Umgang mit Leerstellen aufmerksam. Sie sprach sich dafür aus, weniger autorzentriert vorzugehen und stattdessen die Spezifika mittelalterlicher Schreibkulturen detaillierter zu erfassen, da erst dann schreibtheoretische und schrifthistorische Aspekte in Wickrams Werk überhaupt identifiziert werden könnten.

Stefan Abel (Bern) untersuchte in seinem Vortrag Schreib-Szenen im Epilog des Rappoltsteiner Parzifal (1331–1339), einer Kompilation aus Wolfram von Eschenbachs Parzival (um 1200) und den mittelhochdeutschen Übertragungen dreier altfranzösischer Fortsetzungstexte, die entstanden waren, um Chrétien de Troyes unvollendet gebliebene Conte du Graal fortzuführen. Laut Abel präsentierte der Epilog ein ausgefeiltes Narrativ zur Entstehung des Rappoltsteiner Parzifal, indem u.a. Gespräche und Briefe zwischen den als ,Werkmeisterinnen‘ betitelten Allegorien Minne und Milte, zwischen mehreren Schreibern und dem Auftraggeber Ulrich von Rappoltstein sowie den Dichtern Philipp Colin und Claus Wisse die Entstehungsgeschichte der Kompilation schildern. Abel identifizierte im Epilog verschiedene Schreib-Szenen, die er als reale, virtuelle und fiktive Schreib-Szenen kategorisierte. Zentrale Werkproduktionsprinzipien erkannte er in der allegorisch transformierten Rede von Minne und Milte, wenn diese über das Verfassen und Rezipieren „Innerer Briefe“ sprechen und damit auch Hinweise zu pragmatischen Aspekten der Textentstehung geben. Textproduktionsprozesse ließen sich somit über die diegetische Einbindung in paratextuelle Konstruktionen rekonstruieren. Dabei solle die im Epilog inszenierte Mündlichkeit die historische Distanz zwischen den einzelnen Textformen und Rezipierenden überwinden.

Im Rückgriff auf die Unterscheidung Derridas zwischen dem Ereignis der Archivierung und dem archivierten Ereignis beleuchtete Martin Stingelin (Dortmund) im Abendvortrag die Frage, was ‚Schreiben‘ sei. Schreiben thematisiere, reglementiere und problematisiere sich immer selbst und stelle damit eine dem Alltag enthobene Tätigkeit dar, die zwischen Disziplinierung und Freiheit zur Kreativität zirkuliere. Zentral sei ein Moment der Dramatisierung, dessen unterschiedlichen Realisationen es nachzugehen lohne. Stingelin illustrierte dies an Schreibszenen und Schreib-Szenen von Karl Valentin und Peter Altenberg sowie an der Werbeanzeige für eine Schreibmaschine, in der die gestische Praxis des Schreibkrampfes und die Lösung mithilfe der Schreibmaschine durch ein Vorher/Nachher verzeitlicht wurde. 

 

Die zweite, von Vincenz Pieper (Osnabrück) moderierte Sektion befasste sich mit den sozialen, materialen und raumzeitlichen Infrastrukturen des Schreibens. JENNIFER CLARE (Hildesheim) konzipierte Schreibprozess, Schreibumgebung und Schreibprodukt als dynamische Konstellation in Abhängigkeit zum schreibenden Subjekt. Im Anschluss an soziologische und raumtheoretische Konzepte beschrieb Clare Schreibumgebungen als den sozialen Raum einer Schreibhandlung, der nicht allein durch die Nutzung, Wahrnehmung und Aneignung des Raums durch das schreibende Subjekt entsteht, sondern sich aus der Interaktion verschiedener Akteure, Institutionen und Aktanten generiert. Exemplarisch verdeutlichte sie dies anhand der kollaborativen Bearbeitung gemeinsamer Skizzenbücher und Briefe des Ehepaares Rahel Levin und Karl August Varnhagen. Clare eruierte, wie sich das Aufeinandertreffen zweier schreibender Individuen räumlich modellieren lässt und in welchem Verhältnis die gemeinsame soziale Umgebung und der geschriebene Text dazu stehen.

Eine Schreibszene sei grundsätzlich immer eine soziale und somit spezifisch sozialisierte Szene, so Stephan Kammer (München), und schlug vor, die Schreibszene zu ‚sozialisieren‘. Dies sei nicht mit Ansätzen zu kollektiver Autorschaft oder kollaborativen Schreibverfahren gleichzusetzen, sondern Schreiben als sozialisierte Praxis zu erforschen, bedeute vielmehr, die sozialen Aspekte der interaktionalen und instrumentellen Momente der Schreibszene zu präzisieren. Schreiben sei stets abhängig von den Tätigkeiten und Zuarbeiten unterschiedlicher Akteure, Aktanten, Objekte und demnach eingelassen in ein nicht stabiles Gefüge verschiedener Milieus, die durch bestimmte Infrastrukturen, soziokulturelle Praktiken und Objektivationen weiterer Instanzen geprägt sind. Am Beispiel des Gemäldes Der Heilige Hieronymus im Gehäuse von Domenico Ghirlandaio verdeutlichte Kammer das mehrfach sozialisierte ,Gehäuse des Schreibens‘: Die Schriften anderer Schreibender, der abgelegte Kardinalshut, der auf institutionelle Einbindung und Abgrenzung des Gelehrten referiert, Objekte des Schreibens wie Tintenfass, Pult usw., die auf ganze Gewerbezweige verweisen, sowie der Vorhang, der eine räumliche Abgrenzung zu einem sozialen Außenbereich symbolisiert und zugleich eine ‚Uneindeutigkeitszone‘ von Innen und Außen herstellt, konstituieren die scheinbar ‚einsame‘ Schreib-Szene des Hieronymus. Die Topik der Einsamkeit des schreibenden Gelehrten im studio ist somit eingelassen in mehrfach sozialisierte Produktions- und Lebenszusammenhänge weiterer Akteure, von denen das Schreiben des Gelehrten abhängig ist. Kammer forderte daher, den sozialen Charakter jener Momente zu differenzieren, welche die Schreibszene/Schreib-Szene konstituieren, und sie in ihrer Interferenz zu erfassen.

Am Beispiel von Robert Walsers Tätigkeit als Sekretär bei der Künstlervereinigung Berliner Secession reflektierte Katja Barthel (Osnabrück) das Verhältnis von literarischer und administrativer Schreibtätigkeit und regte eine Differenzierung der Schreibszene/Schreib-Szene in verschiedene Modi des Schreibens an. Der Arbeitsraum ‚Büro‘, darin befindliche Geräte, Tätigkeiten und soziale Verhältnisse werden zwar in zahlreichen Texten Walsers als literarisches Motiv ästhetisiert (d.h. sie sind reflexives Moment der ‚Schreib-Szene‘), doch Quellen zu Walsers Schreib- und Arbeitsformen in der Secession (i. B. auf die pragmatische ‚Schreibszene‘) existierten kaum. Barthel rekonstruierte daher zunächst Walsers administrative Schreibszene. Als Quellen zog sie neben geschäftlichen Dokumenten auch Fotografien, Eintrittskarten oder Baupläne heran. Anschließend zeigte sie an einem Brief Walsers in der Funktion als Sekretär, wie sich sprachlich-soziokulturelle Konventionen der literarischen und administrativen Kommunikation in der Geschäftskorrespondenz überlagern. Schreiben bedeutete, verschiedene Modi von Schriftsprachlichkeit zu bedienen und zwischen ihnen wechseln zu können. Aufgrund ihres relationalen Verhältnisses grenzen sich literarischer und administrativer Modi aber nicht nur voneinander ab, sondern können auch miteinander kombiniert werden. Auf diese Weise eröffneten sich neue Ausdrucksformen für beide Bereiche von Schriftsprachlichkeit. Im Falle Walsers bedeutete dies eine Pluralisierung der Möglichkeiten epistolarer Selbstpositionierung des schreibenden Subjekts.

 

Die dritte von Kai Bremer (Osnabrück) moderierte Sektion zu Exzerpten, Entwürfen und Plagiaten begann mit einem Beitrag von HelEne Kraus (Bielefeld/Heidelberg). Sie untersuchte am Beispiel August von Kotzebue den strategischen Einsatz von Anonymität, insbesondere bei zensurbehördlichen Angelegenheiten (Schutzfunktion). Kraus zufolge lasse sich zwar keine Vorliebe Kotzebues für Anonymität eruieren, es sei aber eine Tendenz zur anonymen Verfasserschaft bemerkbar, die sie aufgrund einer Art ‚Dominoeffekt‘ erklärte: Wenn Zensurbehörden, die sich im 18. Jahrhundert zunehmend professionalisierten, einen Verfasser von unliebsamen Texten aufgedeckt hatten und nach weiteren Verfassern ähnlicher Texte suchten, war Anonymität mitunter die einzige Möglichkeit, um nicht ins Kreuzfeuer der Justiz zu geraten. Zugleich regten zensurbehördliche Strukturen auch Schreibprozesse an – etwa wenn Kotzebue Antwortbriefe für Verleger vorproduzierte, die jene im Falle eines Zensurkonflikts einreichen konnten oder wenn sogar ‚Beweismaterial‘ gefälscht wurde. Zudem entstanden durch Zensurstrukturen literarische Impulse. Exemplarisch stellte Kraus die Satire Doctor Bahrdt mit der eisernen Stirn, oder Die deutsche Union gegen Zimmermann vor. Kotzebue inszenierte als den Verfasser seiner Schrift den bekannten Autor Knigge. Erst nach langwierigem Streit gab sich Kotzebue als eigentlicher Urheber zu erkennen. Zudem ließe sich zeigen, dass der Name Kotzebues in späteren gedruckten (Bibliotheks-)Ausgaben oft handschriftlich ergänzt wurde – es gab also offenbar ein Bedürfnis der Leser*innen, die Anonymität durch Autorschaftszuweisung aufzulösen.

Elisabeth Décultot (Halle/Saale) erörterte Schreibprozesse im 18. Jahrhundert exemplarisch an der Gattung Exzerpt. Einerseits dienen Exzerpte als Speichermedium von Gelesenem, andererseits steht die Textaneignung immer schon im Zeichen der Textproduktion, denn die exzerpierten Stellen dienten als ‚Baumaterialien‘ für die Herstellung sekundärer Texte. Die Textproduktion beginnt also mit dem Auf- und Abschreiben von Texten. Aufgrund der Dichotomisierung von Nachahmung und Erfindung wurde die Tätigkeit des Exzerpierens im 18. Jahrhundert zur ‚uninspirierten Tätigkeit‘ disqualifiziert und Exzerpte rückten lange Zeit an die Peripherie des (literaturwissenschaftlichen) Interesses. Anhand der Exzerpte von Jean Paul und Johann Joachim Winckelmann zeigte Décultot, wie das Exzerpieren beschrieben, Exzerpte verfasst, geordnet und reorganisiert wurden und sich daraus neue Texte generierten, was sich oft als ein Konglomerat verschiedener Praktiken gestaltet. So ist für Winkelmann beim Exzerpieren das Übersetzen zentral, wenn er z.B. Konzepte wie „Simplicité“ von La Bruyère übernimmt, als „Einfalt“ überträgt und zur zentralen Kategorie seines ästhetischen Programms macht. Auf diese Weise werfen Exzerpte komplexe Fragen hinsichtlich von Autorschaft, Verfasserschaft, Originalität und Nachahmung auf. Décultot plädierte dafür, Exzerpierpraktiken und -diskurse aufgrund ihrer Scharnierstellung zwischen Lesen und Schreiben als ,Archäologie‘ des modernen Schreibens neu zu bewerten.

 

Die vierte von Katja Barthel moderierte Sektion beschäftigte sich mit Geschlecht und Schreibszenen im 17. sowie 18. Jahrhundert und rückte auktoriale Inszenierungen von schreibenden Frauen und Männern in den Vordergrund. Martin Klöker (Tallinn) stellte einen geheimen Briefwechsel zwischen dem verheirateten Sekretär Caspar Meyer und der Kaufmannstochter Catharina von der Hoyen aus dem estländischen Reval des 17. Jahrhunderts vor. Anhand von 102 Briefen, wobei 84 von Caspar und lediglich 13 von Catharina stammten, rekonstruierte Klöker die besondere Schreibsituation des Liebespaares, das zwar nah beieinander lebte, dessen Intimität jedoch unbedingt verborgen bleiben musste. Die Briefe übernahmen die Funktion des vertrauten Gesprächs. Besondere Aufmerksamkeit widmete Klöker den Fragestellungen, wie Caspar Gedichte in seine Briefe montierte und welche Funktion diese innerhalb des Briefwechsels hatten. Klöker identifizierte verschiedene Modelle des dichterischen Schreibens: Gedichtzitate von fremden Verfassern (z.B. Christian Brehme) stehen neben Umdichtungen, bei denen die lyrischen Vorbilder (Martin Opitz, Paul Fleming) im Sinne einer ,produktiven Aneignung‘ dem eigenen Kommunikationskontext und Schreibbedürfnis angepasst werden. Darüber hinaus weisen Caspars Briefe originäre Dichtungen auf, für die sich keine lyrischen Prätexte identifizieren lassen und die offenbar als Caspars eigene Lyrik gelten können. Die im Brief dokumentierten Schreibprozesse werfen Fragen hinsichtlich der Inszenierung von Autorschaft und der Beanspruchung geistigen Eigentums (Plagiat oder ,Imitatio‘) auf. Klöker resümierte, dass das Dichten im Brief als ein vom eigentlichen Abfassen des Briefes abgesondertes Verfahren aufzufassen sei.

Aus einer kulturhistorischen und generationenspezifischen Perspektive untersuchte Barbara Becker-Cantarino (Ohio) Formen und Funktionen der auktorialen (Selbst-)Inszenierung als Mittel einer emanzipatorischen Selbstermächtigung sowie die Konstruktion und Durchsetzung einer öffentlichen Rolle als Auctora bei Sophie von La Roche und Bettina von Arnim. Becker-Cantarino unterstrich die Unterschiedlichkeit der Schreib- und Publikationsstrategien der verwandten Autorinnen: Während Sophie von La Roche das Genderstereotyp der empfindsamen Frau als Mutter und Ehefrau aufnahm und es zugunsten der eigenen Autorschaftsstilisierung produktiv umkodierte (die für ihre ‚Töchter‘ schreibende Autorin, die als Erzieherin auftritt und sich durch Accessoires wie die Haube selbstbewusst als verheiratete Frau bzw. als schreibende Ehefrau präsentiert), weist die Selbstinszenierung ihrer Enkelin Bettina von Arnim eine höhere Varianz an Stilisierungen auf: mal als Kindsfrau (,Mignon‘), dann als Mentorin und Mittlerin zum Volk oder als Goethe-Verehrerin, Künstlerin und geniale Autorin, die sich erlaubt mit ihrer Publikation Dies Buch gehört dem König selbst höchsten Autoritäten Erziehungstipps zu geben. Bettina von Arnim sei eine Künstlerin der Selbstinszenierung gewesen, so Becker-Cantarino, die unter der ,Tarnstrategie‘ einer naiven Kindlichkeit die Deutungshoheit über die Memoria der Romantik beansprucht habe. Ihre Selbstinszenierung zwischen ,Dichtung und Wahrheit‘ habe so ihren eigenen Mythos vorbereitet und ihr Autorimage als politische Schriftstellerin bis heute popularisiert.

 

Die fünfte von Vincenz Pieper moderierte Sektion widmete sich den transkulturellen Perspektiven einer interdisziplinären Schreibforschung. Der Vortrag von Cornelia Ortlieb (FU Berlin) befasste sich mit Stéphane Mallarmés serieller Versdichtung. Mallarmé, der als wichtigster französischer Versdichter des 19. Jahrhunderts gilt und als Prä-Avantgardist bezeichnet werden kann, gab von 1874–1875 die thematisch wie stilistisch sehr heterogene Zeitschrift La derniere mode heraus, die besonders durch die Verwendung weiblicher Pseudonyme ein neues Publikum von Leserinnen ansprechen sollte. Von der Pluralisierung der eigenen Autorschaft durch Pseudonyme und von den heterogenen Schreibstrategien schlug Ortlieb den Bogen zu Mallarmés serieller Versdichtung auf Fächern, Briefumschlägen, Kieselsteinen und anderen Schriftträgern. Die Versdichtung könne als Versuch verstanden werden, die Unterscheidung zwischen Kunst- und Konsumgütern infrage zu stellen und in ein artifizielles, kunsthandwerkliches Programm zu transformieren, das die Ideale der Einfachheit, Schlichtheit und Natürlichkeit mit der Technisierung verbinde. Aus der Schreibpraxis, der Verwendung ungewöhnlicher Trägermaterialien und der Reflexion dieser Praxis entstanden neue kollektivistische Handlungsformen und mediale bzw. ästhetische Formate, z.B. wenn Mallarmés Freunde die Verse auf dem Fächer seriell ‚weiterschrieben‘ oder wenn die Beschriftung von Kleidung durch die Mitlieferung von Schnittmustern in Mallarmés Zeitschrift popularisiert wurde. Das Schreiben transzendiert mediale Formen, Gattungen, Räume und Zeiten und generiert neue Sozialformen und Praktiken.

Als charakteristisches Merkmal von Paul Valérys Schreibhandlungen konzeptualisierte Rita Rieger (Graz) den kontinuierlichen Akt der Realisation von Schrift als Medium der Entfaltung des Denkens (écrire pour écrire). Auf etwa 27000 Seiten dokumentierte und thematisierte Valéry seine allmorgendliche, ritualisierte Schreibpraxis im Spannungsfeld von Lust und Kalkül. Rieger griff dabei auf das Schreib-Szenen-Modell von Campe bzw. Stingelin, Zanetti und Giuriato zurück, erweiterte dies jedoch um einen emotionstheoretischen Zugang, um so das Wechselverhältnis von Sprache, Körper und mentaler Tätigkeit beschreiben zu können. Valéry differenzierte zwischen einem spontanen Schreiben am frühen Morgen, das er als ein „rauschendes“ und „wegsprudelndes Schreiben aus der Hand“ beschreibt, und einem planmäßigen, disziplinierten Schreiben am Tag, das in erster Linie erkenntnisorientiert sei. Die Freude und Erregung, die das Schreiben hervorrufe, sei Beginn einer Schreibhandlung, deren Ideal jedoch erst dann realisiert sei, wenn ein erkenntnisgenerierendes Moment durch den Schreibprozess stimuliert würde. Langeweile stelle sich laut Valéry ein, wenn der Schreibprozess ohne Erkenntnis für den Schreibenden bliebe. Das rückwirkende Transformationspotenzial des Schreibens sichere jedoch die Fortdauer der Schreibpraxis.

Der Vortrag von ANKE BOSSE (Klagenfurt) schloss die Tagung ab. Sie stellte ihr Modell aus Schreibszene, Überlappungszone und Schreib-Szene vor. Dafür erweiterte Bosse das Modell der Schreibszene von Campe (Körperlichkeit, Sprachlichkeit, Instrumentalität) und der Schreib-Szene nach Stingelin, Zanetti und Giuriato (Reflexivität) um den Aspekt der Theatralität. Ausgehend von der Feststellung, dass das Konzept der ‚Schreibszene‘ eine praxeologische Perspektive auf die konkreten materialen Bedingungen des Schreibens eröffne, während die autoreflexive Problematisierung dieser Bedingungen im Rahmen des publizierten Textes sich immer fremdadressiert an ein Publikum richte und daher theatralen Charakter trage, argumentierte Bosse, dass es auch ein Schreiben ohne Publikum gäbe bzw. dass sich das schreibende Subjekt selbstadressierend zur Referenzinstanz des eigenen Schreibprozesses machen könne. Diese Form des Schreibens über das Schreiben im sich realisierenden Schreibakt, das dem schreibenden Subjekt zum „autozentrierten Echoraum“ des eigenen Schreibens werde, nannte Bosse die ‚Überlappungszone‘. Bosse verdeutlichte dies an Manuskripten Robert Musils, dessen Schreiben sich immer weiter verzweigte und ein Verweissystem zur Orientierung notwendig machte, das sich der Dichter während des Schreibens selbst erschrieb. Bosse wies darauf hin, dass im Falle posthum publizierter Schreib-Szenen und deren Inszenierung vor einem Publikum durch Editor*innen und Herausgeber*innen eine weitere Inszenierung des Schreibens und des Schreibenden (hier: Musil) generiert würde.

 

Zu Beginn der Abschlussdiskussion fasste Katja Barthel wichtige Aspekte der Tagung zusammen und entwarf eine Synopse möglicher anschlussfähiger Forschungsfragen. Von großem Interesse waren die Grenzen und Differenzierungsmöglichkeiten der Schreibszene (‚Überlappungszone‘ bei Bosse, ‚Knotenpunkte‘ bei Zanetti, Interferenz der ‚sozialisierten Szene‘ bei Kammer). In diesem Zusammenhang stellte sich die Frage nach einem historischen Verständnis von Konzepten wie Selbstbezug, nach Erfahrungsräumen, die sich durch die Schreibszene eröffnen und ein reflexives imaginatives Möglichkeitsfeld von Selbst- und Fremdbezüglichkeit erschließen (Stingelin) sowie die Problematik der Historisierung von ästhetischen Formen der Symbolisierung solcher Selbstbezüge. Dass die historische Perspektive auch auf das Verhältnis von Praxis und Diskurs über Praktiken auszuweiten sei, hatte die Tagung sowohl am Beispiel von Gattung und Verfahren wie Exzerpt und Exzerpieren gezeigt (Décultot) als auch im Zusammenhang mit Institutionen, z.B. Zensurbehörden (Kraus). Dabei war deutlich geworden, wie wichtig es sei, literaturästhetische Konzepte und Wertmaßstäbe (Imitatio, Plagiat, Nachahmung – Erfindung/Originalität) in ihrer historischen Dynamik zu reflektieren (Wåghäll Nivre, Abel, Klöker). Die Vielzahl unterschiedlicher Autorschaftspositionierungen und auktorialer Selbststilisierungen (Becker-Cantarino, Ortlieb, Rieger, Klöker, Barthel) zeigte geradezu, welche Pluralität von Subjektentwürfen sich durch das Schreiben eröffnet. Dies habe auch Effekte für soziale, räumliche und zeitliche Ordnungsstrukturen sowie die darin verwirklichten Arbeits- und Produktionszusammenhänge mit ihren spezifischen Materialitäten (Clare, Ortlieb). Was demnach oftmals isoliert in den Blick gerät, ist vielmehr interdependenter Teil komplexer Schreib(-)Szenen, Arrangements oder Settings und deren Überlappungen, Knotenpunkte, Schnittmengen. Diskutiert wurde, inwiefern Schreibprozesse entpersonalisiert reflektiert werden könnten. Zudem sollte der Begriff der ‚Historisierung‘ weiter präzisiert werden, da dieser im diskutierten Spannungsfeld eher einen rhizomatischen Charakter zu besitzen scheint und nicht in der Vorstellung einer intentionalen, teleologischen Linearität aufgeht. Für die zukünftige Praxis der Forschenden bedeutet dies, Grenzen und Begrenzungen der Schreib(-)Szene zu benennen und besonders die Sensibilität für Zwischenräume zu schärfen.

Eine Publikation der Tagungsbeiträge wird aktuell vorbereitet.

 

Tagungsübersicht:

Mittwoch, 06. Oktober 2021

Katja Barthel (Osnabrück): Schreibszenen historisieren. Methodologische Überlegungen zu einer Erforschung des Flüchtigen

Sandro Zanetti (Zürich): Über Schreiben als Kulturtechnik hinaus. Literaturwissenschaftliche Schreibprozessforschung

Sektion 1: Mittelalterliche Schreib-Szenen – Vom Umgang mit problematischen Überlieferungssituationen

Elisabeth Wåghäll Nivre (Stockholm): Georg Wickram neu betrachtet? Historische Schreibpraktiken im literarischen Schaffen Wickrams

Stefan Abel (Bern): Schreib(-)szenen im Epilog des „Rappoltsteiner Parzifal“ (1331–1339)

Martin Stingelin (Dortmund): Was ist ‚Schreiben‘?

 

Donnerstag, 07. Oktober 2021

Sektion 2: Soziale, materiale und raumzeitliche Infrastrukturen des Schreibens

Jennifer Clare (Hildesheim): Schreibszene extended. Räume, Umgebungen und Grenzen von und in Schreibprozessen

Stephan Kammer (München): Die Schreibszene sozialisieren! Kollaboratives Schreiben

Katja Barthel (Osnabrück): Epistolare Selbstpositionierung in Robert Walsers Secessions-Korrespondenz (1907) 

Sektion 3: Exzerpt, Entwurf, Plagiat – Praktiken und Subjektpositionen von Schreibenden im 18. Jahrhundert

Helene Kraus (Bielefeld/Heidelberg): Schreiben unter anderem Namen. Anonymität als Strategie bei August von Kotzebue (1761‒1819)

Elisabeth Décultot (Halle/Saale): Vom Lektürespeicher zur Schreibfabrik. Exzerpieren im 18. Jahrhundert 

Sektion 4: Geschlecht und Schreibszenen im 17./18. Jahrhundert

Martin Klöker (Osnabrück/Tallinn): VerDichtung in der verbotenen Liebes­korrespondenz des 17. Jahrhunderts. Produktive Aneignung, Bearbeitung und Plagiat im Schreibprozess

Barbara Becker-Cantarino (Ohio): Auktoriale Inszenierungen bei Sophie von La Roche und Bettina von Arnim. Ein Beitrag zur historischen Schreibprozessforschung

 

Freitag, 08. Oktober 2021

Sektion 5: Transkulturelle Perspektiven im interdisziplinären Austausch

Cornelia Ortlieb (FU Berlin): Die neueste Versmode. Stéphane Mallarmés serielles Schreiben und die Künste der Zeitschrift

Rita Rieger (Graz): Paul Valéry: Ego scriptor. Schreiben im Spannungsfeld von Lust und Kalkül

Anke Bosse (Klagenfurt): Schreiben über das Schreiben. Zu Schreibszene, Überlappungszone und Schreib-Szene am Beispiel von Robert Musil u.a.

Abschlussdiskussion

https://www.ikfn.uni-osnabrueck.de/veranstaltungen/tagungen/praktiken_literarischen_schrei...

 

Redaktionelle Betreuung: Lukas Büsse