CFP: „Irgendwo außerhalb des Buches“? – Über Formen und Funktionen auktorialer Epitexte im literarischen Feld der Gegenwart, Innsbruck (14.01.2022)

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Das FWF-/DFG-Forschungsprojekt Formen und Funktionen auktorialer Epitexte im literarischen Feld der Gegenwart widmet sich in drei Arbeitspaketen der Frage: Wie erweitern und entwickeln sich seit der Jahrtausendwende die Formen und Funktionen auktorialer Epitexte in einem professionalisierten literarischen Feld mit veränderten medialen Bedingungen und Möglichkeiten hinsichtlich der Inszenierung und Rolle von Autorschaft sowie der Korrelation von Autor*in und Werk? Diese Überlegungen bilden auch den Ausgangspunkt für eine Tagung, die von 20. bis 22. September 2022 in Innsbruck stattfindet. Sie sollen dort in fünf Themenblöcken erörtert werden.

1. Epitexte beobachten

„[I]rgendwo außerhalb des Buches“ sind nach Gérard Genette (vgl. Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches. 6. Aufl. Frankfurt a. M. 2016, S. 328) jene Texte zu finden, die anders als die materiell an das Buch gebundenen Peritexte bisher in der Forschung weniger Beachtung fanden: Epitexte. Dabei zeichnet sich das literarische Feld der Gegenwart durch ausdifferenzierte Formen und Funktionen auktorialer Epitexte aus, die in Hinblick auf die Konstituierung und Inszenierung von Autorschaft signifikant an Bedeutung gewinnen. Ein Ziel des Forschungsprojektes wie auch der geplanten Tagung ist es, die Heterogenität von Epitexten in ihrem vielseitigen Potenzial zu erfassen und auf unterschiedliche Fragestellungen hin zu fokussieren. Im Zentrum steht das dynamische Verhältnis zwischen (Gesamt-)Werk, Autorschaft und Paratext, das Genette mit dem Bild der Schwelle fasst und das insbesondere im Zusammenhang mit Epitexten virulent wird. Epitexte vermitteln schließlich nicht nur zwischen Werk und Öffentlichkeit, sondern gehen bisweilen selbst in den Status eines Werks über. Relevanz und Facetten des Begriffs sollen in diesem Block ebenso diskutiert werden wie die Grenzen und Beziehungen zwischen Epitext, Peritext und Kontext oder inwiefern das literarische Werk zunehmend Anlass und Kulisse für epitextuell realisierte Inszenierungen von Autorschaft bietet.

2. Fingierte Epitexte

Im Themenkomplex fingierte Epitexte stehen solche Texte im Fokus, die vermeintlich faktuale Epitexte wie Interviews oder Gespräche in eigenständige fiktionale Werke transformieren. Indem Epitexte die Mechanismen ihres eigenen Zustandekommens reflektieren und Kategorien wie Faktualität und Authentizität produktiv infrage stellen, eröffnen sich neue Perspektiven auf die Bedingungen, die der Inszenierung und Konstituierung von Werk und Autorschaft zugrunde liegen. Sie lassen sich damit gerade auch in Hinblick auf mögliche Parallelen zu bereits erforschten Formen fingierter Peritexte um 1800 (Stichwort „Herausgeberfiktion“ nach Uwe Wirth) kontextualisieren und problematisieren. Folglich interessiert sich der Themenblock für Fragestellungen, die vermeintlich eindeutige Grenzziehungen zwischen Text und Epitext sowie Fiktionalem und Faktualem als Schwellenmomente und komplexe Rahmungsprozesse ins Zentrum rücken.

3. Performative Epitexte

In diesem Block werden Formen der spontan-mündlichen Selbstmitteilung von Autor*innen als performative Epitexte in den Blick genommen, die sich im Rahmen verschiedenster Literaturperformances von klassischen Wasserglaslesungen und Spoken-Word-Vorträgen bis hin zu digitalen oder experimentellen Formaten beobachten lassen und auch in Autor*innengesprächen auftreten. Je nach Kontext dienen performative Epitexte dabei u.a. als rezeptionssteuernde Interpretamente, die den Werkvortrag rahmen, oder der poetologischen Positionierung und Inszenierung der Autor*innen. Von Interesse sind daher besonders die Wechselwirkungen zwischen Werkvortrag, Peritext und performativem Epitext sowie die Routinen, die sich in den verschiedenen Praxisformen zeigen. Ferner soll erörtert werden, wie sich Formen, Funktionen und Praktiken angesichts immer neuer medialer und soziokultureller Kontexte verändern.

4. Ritualisierte Epitexte

Dieser Block widmet sich ritualisierten Formen von Epitexten (bspw. Literaturpreisreden oder Poetikvorlesungen) sowie den damit einhergehenden auktorialen Positionierungs- und Inszenierungspraktiken. Der Gegenstandsbereich deckt Fragen bezüglich (körperlicher) Präsenz und Aufmerksamkeit genauso ab wie solche nach der Bedeutung dieser Epitexte im Kontext zeitgenössischer Werkpolitik und den sich eröffnenden Spannungsfeldern zwischen Text und Epitext, Autor*in und Werk. Gefragt werden soll auch nach den spezifischen Funktionen, die besagte Epitexte mit Blick auf die unterschiedlichen Akteur*innen innerhalb des Ritualzusammenhangs erfüllen, von welchem sie sich in vielerlei Fällen zugleich emanzipieren, indem sie in diversen Publikationsformen auch darüber hinaus fortbestehen.

5. Digitale Epitexte

Nicht erst die großflächige Verlagerung des kulturellen Lebens ins Digitale während der Pandemie hat gezeigt, welche besondere Bedeutung dem Internet in Hinblick auf gegenwärtige Praktiken der Autorschaftsinszenierung und Werkpolitik zukommt. Indem auch Formen und Funktionen digitaler Epitexte fokussiert werden, die im Buch vom Beiwerk des Buches noch nicht bedacht wurden, zielt dieser Block auf eine zeitgemäße Ergänzung und Erweiterung der Genette’schen Typologie, in welcher etwa die Social-Media-Präsenz(en) von Autor*innen und Online-Publikumsformate Berücksichtigung finden.

Die Ergebnisse der theoretischen Auseinandersetzungen und Fallstudien sollen auf der Projektwebsite zusammengefasst und anschließend in Form eines Sammelbandes publiziert werden.

Zunächst freuen sich die Organisator*innen zu den fünf Themenblöcken über Exposés (max. 300 Wörter) für Vorträge (30 Min.) inklusive bio-bibliographischer Notiz, welche bis zum 14. Januar 2022 eingereicht werden können. Einsendungen richten sich bitte an:

Nora Manz, M.A. (manz@germanistik.uni-siegen.de)
Max Mayr, M.A. (max.mayr@uibk.ac.at)
Anna Obererlacher, M.A. (anna.obererlacher@uibk.ac.at)

Die Tagung im Rahmen des FWF-/DFG-Forschungsprojekts Formen und Funktionen auktorialer Epitexte im literarischen Feld der Gegenwart unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Jörg Döring (Universität Siegen) und Univ.-Prof. Dr. Thomas Wegmann (Universität Innsbruck) findet von 20. bis 22. September 2022 an der Universität Innsbruck statt.

Reise- und Übernachtungskosten der Referent*innen werden übernommen.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Johannes Schmidt] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

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