CFP: Literarische Mehrsprachigkeit und ihre Didaktik, Schwäbisch Gmünd (12.12.2021)

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In literarischen Texten, so Robert Stockhammer, „ist sehr häufig mehr als ein Idiom im Spiel“ (Stockhammer 2015: 147), wobei mehrsprachige Texte eher der Regel entsprechen, während Monolingualität die Ausnahme darstellt. Diese Feststellung gilt nicht nur für Texte der postkolonialen oder der (post)migrantischen Literatur, sondern auch und vor allem für „ältere Texte, die einige kanonische Geltung besitzen“ (ebd.).

Somit verkörpert literarische Mehrsprachigkeit keineswegs ein marginales Phänomen der Literatur, wohl jedoch ein marginalisiertes, eine Terra incognita, der innerhalb einer nationalphilologisch kartografierten Literatur wie der deutschen die Aura des Unreinen und des Nicht-Zuordenbaren anhaftete (Kilchmann 2012: 14); und dies – zieht man den nationalphilologischen Diskurs mit seinem Drang zur Herstellung eindeutiger Zugehörigkeitsverhältnisse in Betracht – nicht unbegründet, denn die „heterolingualen Einschübe […] bilden […] einen Ort, an dem sich die ‚deutsche‘ Literatur immer schon fortschreibt von einer identitären Festlegung auf Nation oder Einsprachigkeit“ (Ette 2005: 181; zit. n. Kilchmann 2012: 13). Mit literarischer Mehrsprachigkeit gehen zudem neue, andere sprachlich-ästhetische Formen einher, die sich u.a. in Hybridisierungen, Grenzüberschreitungen, Neologismen und Neuformierungen manifestieren und dabei ästhetische Zwischenräume sowie erweiterte Möglichkeiten der Deutung und Interpretation eröffnen. Somit ist ihr sowohl ein ästhetisches Potential als auch ein dominanzkritisches Moment immanent. Die Auseinandersetzung mit ihr sollte daher „im Spannungsfeld von literarischem Experiment und Kultur- bzw. Sprachkritik“ (ebd.: 12) erfolgen, sozusagen als genuin literarische Größe mit ästhetischem Anspruch, bei der „der Einsatz anderer Sprachen immer wieder [– sieht man vom Einbezug der Mehrsprachigkeit zur (Re-)Produktion von Dominanzverhältnissen ab –] die Vorstellung einer sprachlichen Einheit und damit die monolinguale Norm durchkreuzt“ (ebd.). Wird jedoch die Untersuchung literarischer Mehrsprachigkeit auf eine „germanistische Fremdwort-Bestimmung“, womit Esther Kilchmann die an sich problematische Kategorisierung von Sprachen in fremd und eigen bezeichnet, reduziert, so wird der Effekt unterlaufen, den mehrsprachige literarische Texte in der Regel hervorrufen: diese „Trennungen zu hinterfragen und die Vorläufigkeit und Unzulänglichkeit von Kategorien wie Nationalsprache, natürliche versus künstliche Sprache zu bedenken zu geben“ (ebd.).

 

Blickt man nun auf den Umgang mit mehrsprachiger Literatur im Kontext des schulischen Literaturunterrichts bzw. des literaturdidaktischen Studiums, dominiert jedoch ebendiese reduktive Perspektive. Die Relevanz literarischer Mehrsprachigkeit für den didaktischen Kontext – sollte sie überhaupt thematisiert werden – resultiert weniger aus ihrem ästhetischen Potential als vielmehr aus einem differenzbasierten Paradigma, das als Antwort auf die schulische migrationsbedingte Heterogenität fremde Sprachen wertzuschätzen angibt und diese aus diesem Grunde auch in Lehr-Lern-Kontexten berücksichtigt wissen will. Dabei wird auf Kategorien zurückgegriffen, die eher einer binären Perspektive auf Sprache(n) Vorschub leisten, statt den Blick auf (sprachliche) Zwischenräume und die neu entstehende Deutungsmöglichkeiten zu richten. Der große Anklang von parallel zwei- oder mehrsprachigen (Bilder-)Büchern, um nur ein Beispiel zu nennen, im didaktischen Kontext ist möglicherweise auf diesen Umstand zurückzuführen, erhalten diese doch die Vorstellung nationalsprachlicher Entitäten aufrecht und verleiten dementsprechend dazu, didaktisch zu kontrastiv angelegten Maßnahmen zu greifen.

 

Vor dem Hintergrund vorangehender Überlegungen setzt sich die Tagung mit literarischer Mehrsprachigkeit und ihrer Didaktik auseinander. Im Fokus stehen Ästhetiken, Entwicklungen, Formen und Funktionen literarischer Mehrsprachigkeit und deren Didaktisierung aus einer Perspektive heraus, die die Relevanz literarischer Mehrsprachigkeit als genuin literarischer Größe und somit für die Entwicklung literarischer Kompetenz bedeutsam in den Blick nimmt. Wir orientieren uns daher an literaturdidaktischen Ansätzen, die literarische Mehrsprachigkeit in poetischen Werken ins Zentrum stellen, ihre verschiedenen Formen des Inter-, Trans- oder Heterolingualen didaktisch reflektieren und die im Werk vorhandene oder im Umgang damit zu realisierende dominanzsprachkritische Perspektive literaturdidaktisch gestalten.  

 

Folgende Stichworte gelten dabei als mögliche Impulse für die Auseinandersetzung:

  1. Literarische Mehrsprachigkeit
  • in historischer Perspektive
  • in kanonischen Werken
  • im postkolonialen sowie postmigrantischen Diskurs
  • als Dekonstruktion von nationalphilologischen Diskursen
  • als (Re-)Produktion von Dominanzverhältnissen (z.B. durch Linguizismus, Racevoicing)
  • und Aspekte der Translation

 

  1. Formen und Verfahren literarischer Mehrsprachigkeit
  • Sprachmischung, Sprachwechsel
  • Konstruktion sprachlicher (Zwischen-)Räume
  • Formen der Dialogizität und der Polyphonie 
  • Parallele Mehrsprachigkeit (z.B. in der KJL) und die Kritik daran
  • Gattungsbezogene Überlegungen

 

  1. Rezeption und Didaktik literarischer Mehrsprachigkeit
  • im außer-, vor- und schulischen wie universitären Kontext
  • aus kritischen Perspektiven bezogen auf Konzepte, Settings, Materialien etc.
  • im Kontext mehrsprachigkeitsdidaktischer Ansätze und ggf. die Kritik daran
  • im Kontext literarischer Bildung

 

Erwünscht sind sowohl theoretische als auch empirische Zugänge zur (Didaktik der) literarischen Mehrsprachigkeit.

Bitte senden Sie Ihre Beitragsvorschläge (maximal 300 Wörter) mit kurzen biografischen Angaben und Ihren Kontaktdaten bis zum 12. Dezember 2021 an migs@ph-gmuend.de.

Die Tagung findet am 24. und 25. Juni 2022 an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd statt. Eine Tagungspublikation mit ausgewählten Beiträgen ist geplant.

Weitere Informationen entnehmen Sie bitte der Homepage der Tagung unter https://www.zentrum-migs.de.

 

Tagungsleitung:

Prof. Dr. Nazli Hodaie (Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd)

Prof. Dr. Heidi Rösch (Pädagogische Hochschule Karlsruhe)

Lisa Treiber (Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd)

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu