CFP: Blütenlesen. Poetiken des Vegetabilen in der Gegenwartslyrik, Genf (15.12.2021)

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Blütenlesen. Poetiken des Vegetabilen in der Gegenwartslyrik

Tagung

22.­-24. Juni 2022 am Département de langue et littérature allemandes der Universität Genf

Organisation:

PD Dr. Yvonne Al-Taie (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)

Prof. Dr. Evelyn Dueck (Universität Genf)             

Während Bertolt Brechts zum Diktum gewordenes Versfragment »Gespräch über Bäume« („An die Nachgeborenen“, in: Svendborger Gedichte, 1939) die Naturlyrik in der Nachkriegszeit zum fragwürdigen Genre werden ließ, rief es gleichwohl schon bald Widerspruch hervor, nicht nur in Paul Celans lyrischer Replik „Ein Blatt, baumlos“ (in: Schneepart, 1971) und den ebenfalls auf Brecht antwortenden Gedichten Erich Frieds („Gespräch über Bäume“, in: Anfechtungen, 1967) und Günter Eichs („Ende eines Sommers“, in: Botschaften des Regens, 1955), sondern auch in der engagierten ökologischen Dichtung seit den 1970er Jahren. Celans botanische ›Wissenspoetik‹ und die selbstreflexiven Gedichte einiger Nachkriegsautor:innen ebenso wie die Lyrik des Ecocriticism können als wegweisend betrachtet werden für eine neue Aufmerksamkeit für das Vegetabile in der deutschsprachigen Lyrik der Gegenwart.

Dabei ist der Anschluss an Gattungstraditionen wie das Lehrgedicht oder die sog. ‚Naturlyrik‘ ebenso zu beobachten wie das Einspeisen neuer Wissensdiskurse, selbstreflexiver Debatten über die Rolle der Dichtung in der Gesellschaft und theoretische Überlegungen wie jene um das Konzept des Anthropozän. Zugleich schreibt die Gegenwartslyrik die Form- und Sprachexperimente der Neoavantgarden, der konkreten Poesie und der experimentellen Lyrik fort und integriert Blumen- und Pflanzendarstellungen als traditionelle Gegenstände der Lyrik in das Ausloten formaler Darstellungsmöglichkeiten, die sprachliche Vermitteltheit und das Erleben natürlicher Räume in einen produktiven Dialog zueinander setzen. Pflanzen bleiben dabei nicht auf die Gegenstandsebene verwiesen, sondern geraten als Lebens- und Interaktionsraum der Weltbegegnung in den Blick und können auch selbst zu Sprechenden werden. Ansätze des Nature Writing und der Plant Studies betrachten Pflanzen als eigene Agency, rücken sie in ihren Texten aus der Objekt- in die Subjektposition und verleihen ihnen die Sprecherrolle(n) der Gedichte. Sie suggerieren und inszenieren damit auch die Möglichkeit einer nicht-menschlichen Perspektive auf die Welt.

Während das »Gespräch über Bäume« vor allem auf Natur und Landschaft als Gegenstand und Thema von Dichtung bezogen ist, möchte diese Tagung fragen, wie das gegenwärtige Interesse an der Natur mit Formfragen und deren poetologischen Reflexionen in der deutschsprachigen Lyrik seit den 1990er Jahren einhergeht. Welche Rolle spielen beispielsweise die Aneignung botanischen Wissens und biologischer Fachterminologie, die Auseinandersetzung mit ökologischen und gesellschaftlichen Fragestellungen, aber auch das Interesse an traditionellen Formen für ein neues lyrisches Sprechen über Pflanzen in der Dichtung von Autor:innen wie Ulrike Draesner, Marcel Beyer, Björn Kuhligk, Durs Grünbein, Marion Poschmann, Jan Wagner, Silke Scheuermann, Norbert Hummelt, Lutz Seiler, Oswald Egger, Nico Bleutge oder Thomas Kling?

Wie verbinden sich diese Formfragen und ihre poetologischen Reflexionen in der Gegenwart mit einem diachron weitgefassten Blick auf Ornamente und Schreibweisen wie Arabesken und Grotesken, Gattungsbezeichnungen wie Silven oder Florilegien, arboreale und mykologische Strukturmodelle wie Baumdiagramme, Rhizome oder Myzele, die auf vegetabile Formvorbilder zurückgreifen? Wie lassen sich diese Darstellungen des Vegetabilen in der Dichtung auf naturwissenschaftliche Verfahren der Sichtbarmachung oder das morphologische und botanische Wissen über Bau- und Formprinzipien der Pflanzen beziehen?

Von diesen Beobachtungen ausgehend möchte die geplante Tagung fragen, welche Poetologien des Vegetabilen die deutschsprachige Gegenwartslyrik ausgebildet hat und wie sich darin botanisches Wissen, medienkritisches Bewusstsein und ästhetisches Naturerleben zu neuen dichterischen Formen verschränken.

Folgende sowie verwandte Fragen können bei der Formulierung von Beitragsvorschlägen leitend sein:

Gattungen: Auf welche tradierten Gattungen der Naturlyrik und intermediale Formtraditionen nehmen Naturgedichte der Gegenwartslyrik Bezug? Wie werden diese adaptiert, aktualisiert, transformiert oder negiert?

Ordnungsmuster und Architekturen: Wie generiert die Gegenwartslyrik neue lyrische Formen unter Rückgriff auf vegetabilische Strukturmodelle? Welche Bedeutung kommt den inhärenten Ordnungsprinzipien der Pflanzenmorphologie, aber auch des Gartenbaus und der Landschaftsformationen für die Poetik der Gedichte zu?

Enzyklopädien, Etymologien und Benennungen: Welche enzyklopädischen Formen bildet die Lyrik der Gegenwart bezogen auf Pflanzen und Naturräume aus? Welche Rolle spielen Benennungen, Pflanzennamen und Etymologien in der Gegenwartslyrik und wie entfalten sich ausgehend von semantischen Mehrdeutigkeiten und aktivierten Wortfeldern der Pflanzennamen die sprachlichen und thematischen Dynamiken der Gedichte?

Medien und Codierungen: Wie übersetzt die Gegenwartslyrik biochemisches, zellbiologisches, genetisches Wissen über Pflanzen in sprachliche Gestaltungsmodi? Welche visuellen Repräsentationen von Pflanzen eignet sich die Gegenwartslyrik an, um ihre formalen Ausdrucksmittel zu erweitern?

Akustik: Wird der Naturraum als Klangraum thematisch und akustisch präsent im Gedicht? In welcher Form nimmt der Naturraum klangliche Präsenz im Gedicht ein? Folgt die Darstellung einem onomatopoetischen Hörbarwerden der Pflanzen und kann hier von einer Subjektivierung der Pflanzen als Sprechende die Rede sein? Welche lautlichen Stilmittel kommen zum Einsatz, in welchem Verhältnis stehen diese zu Namen und Bezeichnungen der Flora?

Agency und Subjektposition: Wie und mit welchen poetologischen Konsequenzen nehmen Pflanzen die Position der Sprechenden ein? Welchen Denk- und Darstellungslogiken folgen florale Sprechpositionen? Sind ihnen anthropomorphe Handlungslogiken inhärent (Gender, Person-Umwelt-Verhältnis, etc.)? Welchen personalen oder de-personalisierten Ordnungsmustern folgen diese Sprecherpositionen?

Biopolitik: Welchen sprachlichen und formalen Ausdruck findet ökologisches Wissen und das Wissen um die menschliche Manipulation und Transformation der Biosphäre? Inwiefern äußert sich hier ein Krisen- oder gar Katastrophendiskurs und wie bestimmt er die Sprach- und Formregimes der Lyrik?

Bitte richten Sie Beitragsvorschläge von nicht mehr als 500 Wörtern Länge sowie eine kurze biobibliographische Notiz bis zum 15. Dezember 2021 an PD Dr. Yvonne Al-Taie (yaltaie@ndl-medien.uni-kiel.de) und Prof. Dr. Evelyn Dueck (Evelyn.Dueck@unige.ch).


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

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