CFP: Jahrbuch für Internationale Germanistik, Rahmenthema „Deutsch-polnische Literaturbeziehungen“ (30.04.2022)

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Deutschland und Polen sind seit Jahrhunderten Nachbarn, ihre Geschichte nahm
jedoch schon seit dem späten Mittelalter einen unterschiedlichen Verlauf, was sich
u.a. an dem Ausbau der polnischen Kirche unabhängig von der Reichskirche in
direkter Beziehung zum Heiligen Stuhl und in der – verglichen mit dem römischdeutschen
Reich – andersartigen Staatsform (Unionsstaat von Gotthold Rhode
genannt) erkennen lässt. Die Folge ist, dass man den Eindruck eines langen Sich-
Gegenseitig-Nicht-Wahrnehmens hat. Die Wege vom Deutschen zum Polnischen
waren ursprünglich keine direkten. „Die mittelalterlichen Entlehnungen im
Polnischen“, schreibt de Vinzenz, „stammen fast durchweg nicht direkt aus dem
Lateinischen, sondern sind aus dem Deutschen über das Tschechische gekommen,
wobei ein Teil der deutschen Übersetzungen (Lehnübersetzungen) nochmals
übersetzt, ein anderer Teil in der deutschen Form aus dem Tschechischen
übernommen wurde“. Es nimmt nicht wunder, dass es unter diesen Umständen
kaum Entlehnungen aus dem Slawischen im Deutschen gibt. Wir können mithin von
Anfang an von einer Asymmetrie sprechen.

Deutsch-polnische Beziehungen sind in den älteren Zeiten vor allem dort zu
beobachten, wo es eine territoriale Nachbarschaft gab (Deutscher Orden, Preußen,
Schlesien). Ein relativ großes Interesse an Polen können wir im 17. Jahrhundert bei
schlesischen Autoren wie Opitz, Lohenstein, Gryphius und Hallmann verzeichnen,
aber auch in den Städten Danzig und Thorn.

Die intensiven Kontakte und der kulturelle Transfer in der sächsisch-polnischen Zeit
wurden bislang noch zu wenig unter dem Gesichtspunkt der gegenseitigen
Wahrnehmungen betrachtet, wie sie uns u.a. in der Literatur begegnen. Das
Interesse im Preußen des 18. und 19. Jahrhunderts für Polen ist dagegen vielfach
untersucht worden, vor allem im Rahmen der Stereotypenforschung und in jüngster
Zeit in einigen postkolonialen Studien, doch sollten Begegnungen, Kontakte und
Netzwerke deutscher und polnischer Schriftsteller, Übersetzer und Verleger stärker
als bisher in den Blick genommen werden. Neue Sichtweisen wären in jedem Falle
begrüßenswert.

Es gibt nur wenige Polen wie den 1825 in Vilnjus geborenen Julian Klaczko.
Anfänglich übersetzte er polnische Lyrik, u.a. Gedichte von Mickiewicz, ins
Hebräische, 1848 arbeitete er mit Gervinus in Heidelberg in der Deutschen Zeitung
zusammen, schließlich begab er sich nach Paris, wo er auf Französisch publizierte,
um 1888 nach Krakau zu übersiedeln. Er verstarb als bedeutender Literaturkritiker
1906. Wir haben hier das Beispiel eines jüdisch-polnisch-deutsch-französischen, will
sagen europäischen Schicksals vor uns! Wenn Klaczko einen Dichter wie Heine in
seinen Blick nahm, so verglich er ihn mit anderen Autoren wie Victor Hugo und
selbstredend mit polnischen Schriftstellern.

Ein neues Phänomen sind die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert im
deutschsprachigen Raum, insbesondere in Berlin und Wien, schriftstellerisch
wirkenden Polen und Polinnen (Stanisław Przybyszewski, Alfred Nossig, Eleonore
Kalkowska und andere).

Von einer auf Augenhöhe erfolgten Rezeption polnischer Werke der Kunst und
Literatur kann man jedoch erst in den 1960er Jahren sprechen, als solche Autoren
wie Czesław Miłosz, Witold Gombrowicz, Stanisław Jerzy Lec, Tadeusz Różewicz,
Zbigniew Herbert, Wisława Szymborska nicht nur ins Deutsche übersetzt wurden,
sondern sich andererseits auch von deutschsprachigen Autoren und Autorinnen in
eigenen Werken inspirieren ließen. Nicht nur polnische Dramatiker, auch
Regisseure waren eine Zeitlang für die deutschen Theater von größtem Interesse.
Umgekehrt ist es seit der Jahrtausendwende das deutsche Theater, das in Polen
geradezu einen Boom erlebt.

Obwohl in den letzten Jahrzehnten einige Studien zur Literatur von polnischen
Exilanten und Migranten in Deutschland erschienen sind, stand die ältere
Generation der Emigranten, zu der u.a. Józef Mackiewicz, Tadeusz Nowakowski und
Witold Wirpsza gehören, bislang kaum im Fokus der Forschung. Und erst in jüngster
Zeit richtet sich das Interesse auch auf das literarische Schaffen polnischer
Displaced Persons in Deutschland.

Wichtig wäre es zu untersuchen, wie Schriftsteller die Veränderung gegenseitiger
Wahrnehmungen in bzw. nach politischen Umbruchzeiten mitinitiierten und
reflektierten. Während der Völkerfrühling und das Ende des Ersten Weltkrieges aus
dieser Perspektive recht gut erforscht scheinen, wurden andere Schwellenereignisse
wie die Französische Revolution, der Machtantritt Hitlers oder der Fall des Eisernen
Vorhangs in ihrer Bedeutung für die Veränderungen in den deutsch-polnischen
Literaturbeziehungen noch nicht aus vergleichender Sicht beleuchtet.

Nicht zu vergessen wären auch die neu erscheinenden oder bisher nicht
ausreichend analysierten, mehr oder weniger am Rande der Literatur existierenden
Ego-Dokumente verschiedener Art (Autobiographien, Briefe, Reiseberichte,
Memoiren, Interviews mit Zeitzeugen), u.a. die von Frauen, in denen vielfach
unbekannte Aspekte der verworrenen deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte,
vornehmlich im zwanzigsten Jahrhundert, zutage treten.

Wir haben hier nur einige Gesichtspunkte der deutsch-polnischen
Literaturbeziehungen berührt. Es gibt noch viele offene Fragen, die, wie wir hoffen,
in den eingesandten Beiträgen zur Sprache kommen werden. So wäre es auch
wichtig, auf die Unterschiede zu verweisen, die ein deutsch-polnisches Gespräch so
schwer machen: die Renaissance verlief in beiden Kulturen anders, das gleiche
betrifft die Aufklärung, die Romantik, ganz zu schweigen vom zwanzigsten
Jahrhundert.

Folgende Beiträge wurden bislang veröffentlicht:

Gabriela Brudzyńska-Němec: An der Schnittstelle zwischen Polen und Deutschland. Der ehemalige polnische Aufständische Bronisław Ferdynand Trentowski in Freiburg im Breisgau von 1831 bis zu seinem Tode 1869, Jg. 51, H. 2, S. 209-232.

Maria Adamiak: Aus der Geschichte einer zweisprachigen Stadt: Was Thorner Deutsche und Polen übereinander schrieben, Jg. 51, H. 2, S. 233-254.

Friedrun Keltsch-Rączka: Heinrich Nitschmann – ein Brückenbauer im Zeitalter der Nationalbewegungen, Jg. 51, H. 2, S. 255-274.

Robert Rduch: Die Macht der Philologie oder: Wie man mit Goethes freundlicher Unterstützung Polen germanisieren wollte, Jg. 51, H. 2, S. 275-292.

Anna Mikołajewska: Christoph Hartknochs preußisches Identitätskonzept im Kontext der zeitgenössischen Immigrationsproblematik, Jg. 53, H.1, S. 117-136. 

Sie können Ihre Beiträge laufend einreichen. Der nächste Termin für das Heft 2/Jg. 54 ist der 30. April 2022. Anfragen und Beiträge richten Sie bitte an die Adresse der Redaktion (germanistik.jahrbuch@arcor.de) oder an das Leitungsteam des Themas:
Univ.-Prof. Dr. hab. Marion Brandt: marion.brandt@ug.edu.pl,
Univ.-Prof. Dr. hab. Maria Gierlak: gierlak@uni.torun.pl,
Prof. Dr. hab. Karol Sauerland: sauerland@uw.edu.pl.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu