CFP: Menschen als Hassobjekte. Interdisziplinäre Verhandlungen eines destruktiven Phänomens (15.11.2021)

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Einladung zum Einreichen von Beiträgen zum Sammelband „Menschen als Hassobjekte. Interdisziplinäre Verhandlungen eines destruktiven Phänomens“ (Hrsg. von Arletta Szmorhun und Paweł Zimniak).

Das menschliche Leben kristallisiert sich in seinen individuellen und kollektiven, privaten und öffentlichen Manifestationsformen nicht nur um die Semantik(en) von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit herum. Menschen als kognitiv-emotive, weltanschaulich-mentale Existenzen gehen nicht immer liebe- bzw. respektvoll miteinander um. Der Primat einer friedlichen Koexistenz von verschiedenen ,Heimatwelten‘ und der Nächstenliebe wird in sein Gegenteil verkehrt, weil der Mensch anscheinend immer einen ,zum Treten‘ braucht. Hass (Erzfeinde, Erzfeindschaften, aggressive ,Fankulturen‘ etc.) wird in seiner Reziprozität nicht nur in Kriegen bzw. bewaffneten Konflikten, sondern auch in ,kriegerischen‘ Friedenszeiten mobilisiert. Ein ,Clash‘ von Kulturen (Huntington) vollzieht sich auf der Gegenwartsebene bspw. auch im (Alltags)Kampf zwischen liberalen Demokratien und erstarkenden Autokratien, die sich nicht nur mit hochmodernen Waffen- und Überwachungssystemen ausrüsten, sondern auch gezielte Angriffe gegen Andersdenke, Minderheiten und anders organisierte Systeme durchführen. Als ,Hassstreuer‘ bzw. Hassverbreiter gelten sowohl Kollektive, Gruppen und Gemeinschaften als auch Einzelne. Dasselbe bezieht sich auf die Hassbetroffenen. Es sind eben hochgradig gespaltene Gesellschaften, die einen fruchtbaren Nährboden für ,Hasssäer‘ darstellen. Der hassgesättigte ,Druck von außen‘ verweist den Hassbetroffenen auf eine niedrigere Stufe der sozialen Ordnung. Geschwächt durch bestimmte Machtverhältnisse verinnerlicht oder akzeptiert er das zugewiesene ,Rollenspiel‘ und passt sich (mehr oder weniger) an die Erwartungen und Vorstellungen seiner hassgetriebenen und -erfüllten ,Jäger‘ an, oder ganz im Gegenteil: Der von Hass ,Gejagte‘  rebelliert gegen die negativen Machteinflüsse und geht im Endeffekt gestärkt aus den erfahrenen negativen Machtkonstellationen heraus, und dies nach dem allgemein bekannten Prinzip: Was dich nicht tötet, härtet dich ab, macht dich stärker und hassresistenter.

Hassmotivierte gewaltsame physische Handlungen werden durch das Gewaltpotenzial bestimmter (benachteiligender) Sprechakte ergänzt. Mit Sprache kann hassgetriebene Gewalt nämlich nicht nur beschrieben, angekündigt oder angedroht, sondern auch zugefügt werden. Sprache kann also selbst Medium der Gewaltausübung werden: Von der leisen Ironie bis hin zum sarkastischen Spott, von der indiskreten Taktlosigkeit bis zum nackten Schimpfwort, von der herablassenden Demütigung bis hin zum diskriminierenden hate speech (Butler) kann Sprache als Gewalt wirken und Schaden anrichten (Hermann/Kuch).

Während physische/körperliche Gewalt auf die Schädigung der materiellen Existenz eines Menschen abzielt, nimmt hassmotivierte sprachliche Gewalt sein ,symbolisches‘ Leben ins Visier. Als Paradigma sprachlicher Gewalt gelten (Her-)Absetzungsakte, die sich bspw. als Beleidigung, Diffamierung, Stigmatisierung, Diskriminierung, Redeverweigerung etc. manifestieren und nicht nur Fremdheitserfahrungen generieren, sondern vielmehr auch den ,sozialen Tod‘ herbeiführen (können).

,Motivationslagen‘ für hassgeleitetes Handeln – dabei sollte auch das Phänomen des Selbsthasses in den Fokus geraten – können folgende Bereiche betreffen:

  • Herkunft, Ethnie und Nationalität
  • Konfessions- und Religionszugehörigkeit
  • Kultur, ,System‘ und Weltanschauung
  • Geschlecht, Sexualität und Körperästhetik
  • Bildung und sozialer Status etc.

Ihre Beiträge schicken Sie bitte bis zum 31. März 2022 an eine der folgenden E-Mail-Adressen: Prof. Dr. Arletta Szmorhun: a.szmorhun@ifg.uz.zgora.pl oder/und Prof. Dr. Paweł Zimniak: p.zimniak@ifg.uz.zgora.pl. Termin für eine kurze Ankündigung der Beiträge: bis Mitte November 2021.

Die Publikation wird voraussichtlich bis Ende 2022 bei Brill/Vandenhoeck&Ruprecht unipress (Göttingen) erscheinen.