KONF: Hybrid-Workshop „Opferdramaturgie nach dem bürgerlichen Trauerspiel. Zur Viktimologie der Geschlechter in Drama, Libretto und Prosa – 19. Jh. bis zur Gegenwart“, Hagen (08.10. – 09.10.2021)

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EXPOSÉ

Im Zeitraum von 1760–1850 werden die Grundlagen noch für gegenwärtige Opferdiskurse gelegt. Sie werden etwa mit Gendersemantiken überformt. Für den engen Verbund zwischen wirkungsmächtigen ästhetischen Strategien und den im gleichen Zeitraum entstehenden neuen Geschlechteranthropologien (Honegger 1991, Kucklick 2008, Tosh 1999/2005) steht das bürgerliche Trauerspiel (Mönch 1993). Es ist Lessing, der insbesondere mit der Emilia Galotti die Dramaturgie des weiblichen Bühnenopfers umprägt, sie geschlechteranthropologisch überformt und wirkungspolitisch ausmünzt.

Immer wieder wird die Position des tragischen Helden/der tragischen Heldin eigens im Drama selbst reflektiert, und das nicht zuletzt, indem die tragische Position genderbezogen codiert wird. Seit dem 18. Jahrhundert besetzt auffällig häufig das weibliche Opfer diese Position, komplementär übernimmt männliche Täterschaft die antagonistische Funktion. Zwar hat es tragische Heldinnen oder männliche Täter in der Geschichte der Gattung seit je gegeben. Neu erscheint jedoch die explizite Reflexion der Geschlechtlichkeit in Verbindung mit der tragischen Funktion. Die Dramen selbst bringen die Funktion des tragischen Helden/der tragischen Heldin mit den seinerzeit akuten Diskursen der Geschlechteranthropologie in Verbindung.

Lessing prägt ein wirkmächtiges Schema, das sich in mimetischer Anknüpfung oder Konkurrenz in der Dramatik über Lenz, Klinger, Schiller, Gotter, Goethe und Kleist bis hin zu Hebbel, Grillparzer und darüber hinaus fortschreibt. Und er wirkt auf die seinerzeit populäre Dramatik des bürgerlichen Rührstücks à la von Gemmingen, Iffland, Kotzebue u.a. Schließlich wird es die Gattungsgrenze überschreiten: Erzählungen wie Kleists Marquise von O…., Romane wie Goethes Wahlverwandtschaften oder Fontanes Effi Briest beobachten auf ihre Weise jene Konstellation von Opfer und Drama, wie sie sich ähnlich auch auf der Opernbühne, in Mozarts Don Giovanni bis hin zum Musikdrama Richard Wagners einstellen. Das enge Band zwischen Gender, Tragödie und Opfer zieht sich bis in die Gegenwart hinein, zu Dürrenmatt, Jelinek oder Lars von Trier. 

Zugespitzt geht es auch darum, zu prüfen, inwiefern und in welchem Ausmaß der gesellschaftliche Wandel in der Reflexion von Geschlechterdifferenzen bis in die Gegenwart hinein auf die nachhaltige Wirksamkeit dieser spezifisch literarischen Opferkonstruktion angewiesen ist.

Prof. Dr. Uwe Steiner – Dr. Wim Peeters

 

PROGRAMM

FREITAG, 08. OKTOBER 2021

14:00: Begrüßung

14:10 Prof. Dr. Uwe Steiner (Hagen): Lessing und die Folgen

15:10 Anita Martin, M.A. (Bern): „Sobald ein Weib das Opfer wird.“ Über die Theatralität der Schlussbilder in bürgerlichen Trauerspielen
Respondenz: Manusch Rimkus

15:50–16:20: Kaffeepause

16:20 Merisa Taranis, M.A. (Stuttgart): Du bist nicht sein Erstes – wirst nicht sein letztes Opfer seyn“. Weibliche Viktimologie in Christiane Karoline Schlegels Düval und Charmille (1778)
Respondenz: Uwe Steiner

17:00 Manusch Rimkus, M.A. (Hagen): Warum Emilie darauf wartet „ihre tragische Aufopferung an den Mann zu bringen“ und Eduard aus „übel verstandener Männlichkeit“ Gefühlsäußerungen unterdrückt. Zur Inszenierung der Geschlechtersemantik in Tiecks William Lovell
Respondenz: Florian Stegmaier

19:30: Gemeinsames Abendessen

 

SAMSTAG, 09. OKTOBER 2021

09:30 Prof. Dr. Kanichiro Omiya (Tokyo): Keynote 1: Hofmannsthals Opferdiskurs im Gespräch über Gedichte und in der Elektra (per Zoom zugeschaltet)

11:00–11:20: Kaffeepause

11:20 Florian Stegmaier, M.A. (Hagen): Für ein Opfer schön genug? Zur Motivation der tragischen Heldin in Friedrich Hebbels Judith
Respondenz: Irene Husser

12:00 Dr. des Irene Husser (Münster): Männliche Erlösungsphantasien und weibliche Opfer – Geschlecht und Religion im (post-)naturalistischen Drama
Respondenz: Kanichiro Omiya (per Zoom zugeschaltet)

12:40–13:40 Mittagslunch

13:40 Dr. Christoph Kucklick (Hamburg): Keynote 2: Die Geburt der negativen Andrologie revisited

15:10–15:30: Kaffeepause

15:30 Dr. Wim Peeters (Hagen): Besuch der alten und jungen Dame bei Dürrenmatt und Lars von Trier und die Opferung einer Ziege bei Albee
Respondenz: Rabea Conrad

16:10 Rabea Conrad, M.A. (München): Über Lust und Verlust des (reinen) Opfers. Botho Strauß’ Shakespeare-Übermalung als Anti-Emilia
Respondenz: Wim Peeters

16:50 Abschluss

 

Interessierte dürfen sich gern bei Anna Maria Spener (anna-maria.spener@fernuni-hagen.de) melden, um die Zoom-Zugangsdaten zu erhalten.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Johannes Schmidt] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu