CFP: Extremereignis ‚Kältewinter‘ im 18. Jahrhundert. Spuren in der zeitgenössischen Literatur, Kultur und Wissenschaft. IZEA Halle/Saale (15.10.2021)

Joana  van de Löcht's picture

Das 18. Jahrhundert darf – nicht allein aufgrund des Erdbebens von Lissabon 1755 – als Wendepunkt in der Beschreibung und Deutung von Extremereignissen gelten. In den Ausläufern der kleinen Eiszeit bieten vor allem durch das Wetter verursachte Unglücke Zeugnisse, die diesen Wandel dokumentieren. Während die Klima- und Umweltgeschichte in den historischen Wissenschaften bereits etabliert ist, verbleibt sie in den Kunst- und Literaturwissenschaften bislang oft in einer Art Motivgeschichte. Diesem Desiderat wird der geplante Workshop neue Konzepte und Ideen entgegensetzen.

Extreme Winter, Hagel und Dürren zu Missernten resultieren in Hunger, Seuchen, Krieg wie Revolutionen und schlagen sich in der Historiographie nieder. Die Frage, welche ideengeschichtlichen Konsequenzen langanhaltende Klimaveränderungen haben, ist erst in Ansätzen geklärt, so konnte Wolfgang Behringer etwa eindrucksvoll für das 16. und 17. Jahrhundert zeigen, dass die Hexenverfolgung maßgeblich durch die Kaltwetterperiode der kleinen Eiszeit beeinflusst wurde (Behringer, Jerouschek 2003, S. 18–20). 

Sind historische Klimaforschung und Umweltgeschichte mittlerweile fest institutionalisierte Teildisziplinen ihrer Fachkulturen, gilt für die Literaturwissenschaften anderes: Noch ist die mediale und schriftliche Tradierung von Katastrophenerinnerung weder in ihrer narrativen noch ideengeschichtlichen Verfasstheit hinreichend erforscht, ihr möglicher Beitrag für eine Unterstützung anderer Disziplinen bleibt schwach. 

Der Workshop möchte mit der Untersuchung von Kältewintern, wie sie im Laufe des 18. Jahrhunderts mehrfach auftraten (in außerordentlichem Maße 1709, 1740, 1783/84) einen Beitrag leisten, der die Wechselwirkung zwischen Natur und Kultur unter Einbezug literarischer Quellen zeigt und die Funktion von Literatur als Möglichkeit, auf eine widrige Umwelt zu reagieren, erhellt. Nicht zuletzt ist hierbei eine europäische und medienübergreifende Perspektive einzunehmen, da diese Kältewinter auf dem ganzen Kontinent Auswirkungen zeigten und nicht allein im literarischen Publikationswesen Niederschlag fand. 

Es stellt sich zunächst die Frage, ob und wie ‚Katastrophenerinnerung‘ (AG am KWI Essen, 2011) tradiert wird. Zu vermuten steht, dass wiederkehrende Narrative und Strukturen in Text und Bild zu finden sind, die sich möglicherweise insbesondere im Laufe des 18. Jahrhunderts aufgrund der umfassenden Transformationen in Gesellschaft, Wissenschaft und Medien zeigen. Als Beispiel sei hier nur der Übergang von Flugblättern und Flugschriften hin zu einem nie mehr in diesem Maße produktiven Journalwesen des 18. Jahrhunderts genannt.

Neben der Dokumentation von Extremwetterereignissen, wie sie in der institutionalisierten Wetterbeobachtung seit 1781 mit der Societas Meteorologica Palatina existiert, entwickelt sich eine ästhetische Überformung von Wetterphänomenen, an die kollektive ‚Katastrophenerinnerung‘ anknüpfen können. In einem zweiten Bereich geht es folglich darum, Praktiken der Literatur zu untersuchen, die als Reaktion auf Extremwetterereignisse gelten können.

In soziologischen-historischen Disziplinen ist der Begriff des ‚window of opportunity‘ geläufig. Er bezeichnet eine Lücke, die in Folge einer Katastrophe entsteht, in der sich Handlungsspielräume eröffnen (Lebow 1984, Parker 2000). Diese Spielräume können zur Veränderung von Machtstrukturen führen, wie Wolfgang Behringer an der Französischen Revolution als Folgeerscheinung des Kältewinters 1783/84 zeigen konnte (Behringer 2010, S. 212ff). Mit diesem dritten Bereich soll neben einer ästhetischen Produktivmachung von Extremwetterereignissen gefragt werden, ob und wenn ja, welche Funktion für Kältewinter und deren Folgen im Sinne eines gesellschaftlichen Fortschreitens identifiziert werden können. Ein Schwerpunkt soll hier auf der Begründung neuer Ordnungen und deren narrative Strukturierung gelegt werden. So ließe sich etwa im Anschluss an Hayden White fragen, ob dem Extremwetterereignis in der wissenschaftlichen Überformung durch den Historiker ein der Dramentheorie folgendes Moment der Katharsis oder Katastrophe zugesprochen wird.

Ziel des Workshops ist es, die Wechselwirkungen zwischen Natur und Kultur anhand ausgewählter Quellen, darunter Traktate, Observationes, Journalbeiträge, (Reise-)Berichte, Briefwechsel, Flugblätter, aber auch genuin literarische Formate zu untersuchen. Nicht zuletzt aufgrund der weiträumigen Ausdehnung der Kältewinter über ganz Europa von den britischen Inseln bis in das russische Zarenreich, von den skandinavischen Gebieten bis zu den südlichen Ausläufern am Mittelmeer ist der intereuropäische, grenzüberschreitende Wissenstransfer ein zentraler Gegenstand des Workshops. Wie gestaltete sich der Austausch von Wissen? Welche Medien wurden dafür verwendet? Ist mit dem Zeitalter der europäischen Aufklärung ein Wandel im Denken über die Ereignisse der Kältewinter zu konstatieren? Wie gestaltet sich die Visualisierung der Erkenntnisse über die außergewöhnlichen Wetterlagen? Und nicht zuletzt: Welche politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen sind in der Folge zu beobachten?

Die Veranstaltung findet am 06./07. Oktober 2022 mit Unterstützung des »Förderpreises für junge Aufklärungsforschung 2022« in den Räumlichkeiten des IZEA in Halle a. d. Saale statt. Übernachtungs- und Reisekosten werden übernommen. Eine Publikation der Beiträge ist geplant.

Der Workshop versteht sich als interdisziplinär. Wir freuen uns daher über Vorschläge aus der Geschichtswissenschaft, Kunstwissenschaft, Philosophie, Theologie, Soziologie wie aus den Literaturwissenschaften. Wir laden insbesondere Nachwuchswissenschaftler*innen zu einer Beteiligung am Workshop ein. Vorgesehen sind 30-minütige Beiträge mit anschließender Diskussion. Insgesamt sind fünf Plätze zu vergeben. 

Wir bitten um Zusendung der Abstracts (300 Wörter) mit Kurzbiographie bis zum 15. Oktober 2021 an die Organisatorinnen Dr. Anna Axtner-Borsutzky (Bielefeld) a.axtner-borsutzky@uni-bielefeld.de und Dr. Joana van de Löcht (Münster) van.de.loecht@uni-muenster.de.

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Lukas Büsse] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu