CFP: Tankstellen und Raststätten. Station(en) des Transits in Literatur und Film, Koblenz (30.11.2021)

Timo Rouget's picture

2021 – inmitten der Pandemie, die durch die Mobilität einer globalisierten Gesellschaft so rasch an „Fahrt“ aufnehmen konnte – veröffentlichte Florian Werner Die Raststätte: Eine Liebeserklärung. Hierin heißt es: „In einer Gesellschaft, die Individualverkehr als Grundrecht betrachtet, nimmt die Bedeutung der Raststätte als Dienstleistungs- und Erholungsort stetig zu.“ Werner urteilt, dass man bei dem „Besuch einer Autobahnraststätte“ mehr „über die Kultur, Mentalität und Geschichte“ eines Landes erfahren könne als bei der Besichtigung prominenter Sehenswürdigkeiten (Werner: Raststätte 2021, S. 8f.). Die hier beschriebene soziokulturelle Bedeutung der Raststätte und der dazugehörigen Tankstelle als Knotenpunkt verschiedenster Diskurse spiegelt auch deren vielfältige Ausprägungen in Literatur und Film wider:

In Friedrich Dürrenmatts Kriminalroman Das Versprechen (1958) soll beispielsweise der Serienmörder an der einzigen Tankstelle zwischen Zürich und Chur gestellt werden; bei Saša Stanišić fungiert die „abgerockte ARAL-Tankstelle“ als „Jugendzentrum, Getränkelieferant, Tanzfläche, [und] Toilette“ gleichermaßen (Stanišić: Herkunft 2019, S. 127), während sie in Elfriede Jelineks Drama Raststätte oder Sie machens alle (1994) zum vermeintlichen Ort sexueller Ausschweifungen avanciertIn Actionfilmen ist die explodierende Tankstelle, etwa in der Eröffnungsszene in From Dusk till Dawn (1996), ein ikonisch gewordenes cineastisches Bild. Roadmovies, von Viscontis Ossessione (1943) über Godards Pierrot le fou (1965) bis hin zu Stones Natural Born Killers (1994), gestalten hingegen gerade für Liebespaare die Raststätte als Ort der – auch eskalativen – Begegnung sowie als eigenständigen Rückzugs- und Zwischenraum.

In ihrem Ensemble aus Straßen, Fahrzeugen, Zapfsäulen, Shops und Konsument:innen sind Tankstellen aus raumtheoretischer Perspektive ebenso transistorische Räume wie Transit-Orte, „an denen sich Menschen aufhalten, ohne zu bleiben“ (Wilhelmer: Transit-Orte 2015, S. 7). Das Individuum befindet sich bei einem Aufenthalt „in einem Schwebezustand des Noch-Nicht und Nicht-Mehr“, an einem „Ort des Dazwischen[s]“ (ebd., S. 38). Transit-Orte ermöglichen demzufolge eine „temporäre Verhandlung mit Differenzen“ (Borsò: Transistorische Räume 2015, S. 261).Transistorische Räume hingegen zeichnen sich durch „Beweglichkeit und Veränderlichkeit aus“ (ebd., S. 259).

Der künstlerischen Omnipräsenz der Tankstelle und Raststätte möchte unsere Tagung Rechnung tragen, indem sie deren vielfältigen Ausprägungen in Literatur und Film nachspürt, diese zu kontextualisieren sucht und damit über die gängige Kategorisierung als Nicht-Orte deutlich hinausgehen. Folgende Fragestellungen und Perspektiven sind beispielsweise denkbar:

  • Welche übergreifenden Themen, Motive und/oder Strukturen können beim Erzählen rund um Tankstellen identifiziert werden? 
  • Stehen diese übergreifenden Themen, Motive und/oder Strukturen in einem Zusammenhang mit allgemeinen Tendenzen des Literarischen im 20. und 21. Jahrhundert (z.B. die Tankstelle in der Popliteratur, in der Literatur der Wende und/oder der Literatur der Migration)?
  • Welche Deutungsebenen eröffnet die detaillierte Analyse und Interpretation von Tankstellen und Raststätten in einzelnen Texten z.B. in Karen Duves Taxi (1998); Karl-Heinz Otts Ob wir wollen oder nicht (2008); Ingo Schulzes Adam und Evelyn (2008); Robert Seethalers Die weiteren Aussichten (2008); Michel Houellebecqs Karte und Gebiet(2010) oder Serotonin (2019); Wolfgang  Herrendorfs tschick (2010); Rachel Kushners Flammenwerfer (2015); Sven Regeners Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt (2017).
  • Welche Figurenensembles können – auch unter gendertheoretischer Perspektive – an Tankstellen identifiziert werden? (z.B. der/die Verbrecher:in, der/die Tankwart:in, der/die Reisende)
  • Wie lässt sich der Kontrast zwischen der Tankstelle als Ort der Nostalgie auf der einen und als Symbol für das Industriezeitalter – inklusive einer kritischen ökologischen Bewertung – auf der anderen Seite fassen?
  • Welche Perspektive zeigen raumtheoretische Herangehensweisen auf und können vergleichbare räumliche Topoi ausgemacht werden? Eröffnet die Gegenüberstellung mit anderen Heterotopien neue Zugänge? Wie unterscheidet sich die Tankstelle z.B. in ihrer medialen Konstituierung von Kaufhäusern, Hotels oder Flughäfen?
  • Können genrebedingte Inszenierungen von Tankstellen, etwa in der Phantastik, dem Thriller, in Komödien, Liebesfilmen, Horrorfilmen usw., mit einer eigenständigen Ästhetik herausgearbeitet werden?
  • Welches didaktische Potenzial wohnt medialen Thematisierungen von Tankstellen inne? Kann z.B. die isländische Komödie Die Nachtschicht (2007), die den Arbeitstag eines Tankstellenwarts in den Mittelpunkt stellt, unterrichtliche Anknüpfungspunkte für kulturspezifische Alltagserfahrungen bieten?
  • Welche intermedialen Tendenzen werden in der Thematisierung von Raststätten sichtbar? Können durch eine Betrachtung der literarischen Darstellungen von Tankstellen im Medienverbund, d.h. ihrer Adaption in anderen Künsten, medial-eigenständige Spezifika herausgearbeitet werden? Wie behandeln andere Künste als Literatur und Film diese Topoi? Was vermittelt etwa Edward Hoppers Gemälde Gas? Wie verarbeitet die Musik das Thema, etwa Frank Zappas Wind Up Working In a Gas Station, Sonic Youths Malibu Gas Station oder Stenkefelds Tankstellenmode? In Videospielen wie Mafia oder Life is strange 2 gibt es eigenständige Levels, die an einer Tankstelle spielen. Gibt es neben der medialen Spezifikation intermedial übergreifende Ausdrucksformen und Thematisierungen der Tankstellen und Raststätten?

Kurze Abstracts mit bio-bibliographischer Notiz werden per Mail bis zum 30.11.2021 erbeten an Dr. Iris Meinen (imeinen@uni-koblenz.de) oder Dr. Timo Rouget (rouget@em.uni-frankfurt.de).

Für die Vorträge ist eine Dauer von 25 Minuten vorgesehen.

Die Tagung findet vom 16.-17.03.2022 an der Universität in Koblenz statt. Eine Übernahme der Reisekosten wird angestrebt, kann aber nicht verbindlich zugesichert werden. 

Die Publikation eines Sammelbandes im Anschluss an die Tagung ist geplant.  

________________________________________________________________________________________________________________

Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Lukas Büsse] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu