CFP: Brecht und Klasse und Traum – „Stärkende Träume brauchen Bodenhaftung“. Werkstattgespräch der Brecht-Tage im Literaturforum im Brecht-Haus am 11.02.2022 in Berlin (15.09.2021)

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Die Verbindung von „Klasse“ und „Traum“ als zwei Themenfelder im Werk Bertolt Brechts eröffnet Spannungsverhältnisse, einmal: das Verhältnis zwischen Klasse bei Brecht und der gegenwärtig geführten klassismuskritischen Debatte und zum anderen: das Verhältnis zwischen konformistischem Verdrängen von Realität durch das ‚Opium des Traumes‘ und einem bewusst – bewusstseinserweiternd? – in die bestehenden Realitäten eingreifenden Träumen. 

Folgende Fragen stellen wir uns: Wie lassen sich Brechts Klassen-Begriff, seine scharfen Klassenfeind-Konturierungen sowie deren politische wie weltanschauliche Haltung in die heutige (Anti-)Klassismus-Debatte einbringen; und wie lesen wir auf der Grundlage dieser Debatte Brechts Klassen-Texturen neu? Welche Funktionen haben die unterschiedlichen Modi des Traumes in Brechts Theatertheorie und -praxis sowie in seinen weiteren künstlerischen Ausdrucksformen; und wie verhalten sich diese (oftmals widersprüchlichen) Funktionen zueinander? An welchen Stellen begegnen sich der von Brecht ins Feld geführte Topos des Traumes und sein Kampf gegen die Verheerungen der Klassengesellschaft? 

Konkreter gefragt: Welcher Klasse ist sie zugehörig: die den Krieg mit befördernde, mit ihm Handel treibende „Mutter Courage“? Ist „Mackie Messer“ ein Proll oder ein Banker? Welchen Klassenstandpunkt vertritt der sogenannte „gute Mensch von Sezuan“? Wovon träumen sie? 

In Brechts Werk spielen Träume unterschiedliche Rollen – welche? Im Aufstieg des Arturo Ui erscheint Ui/(Hitler) eines seiner Opfer im Traum; die Traumfigur des von ihm ermordeten Roma/(Röhm) spricht zu ihm: „Schieß nur! Was von mir blieb, ist kugelsicher“. Im Lesebuch für Städtebewohner heißt es (jede individual-psychologisch atomisierende Perspektive Lügen strafend): „Laßt eure Träume fahren, daß man mit euch / Eine Ausnahme machen wird“. In Die Gesichte der Simone Machard erteilt der Traum die Handlungsanweisungen für den antifaschistischen Widerstand. Und in Brechts Märchen wird das Verhältnis von Illusion und Realität durch den Traum vom Glück des Prinzen „weit drüben im Märchenlande“ ausgewiesen als ein Muster verhängnisvoll widersprüchlich gespiegelter Reziprozität. 

Im Werkstattgespräch möchten wir Traumdeutungen von Brecht-Träumen herausarbeiten, die dem Realismus verpflichtet sind, Traumdeutungen mit „Bodenhaftung“. Nicht in träumerische Höhen richtet sich unser Blick, sondern auf den Boden der Tatsachen einer in unserer Welt herrschenden Klassengesellschaft und ihrer vermeidbaren Folgen. Dabei mögen unterschiedliche Ausdrucksformen von Brechts Theoremen sowie die Kritik an ihnen miteinander ins Gespräch kommen: Vortrag, Workshop, künstlerisches Darstellungsformat, Podiumsdiskussion – Theaterwissenschaft und -praxis, Literaturpraxis und -wissenschaft. Die Formen der möglichen Präsentationen reichen von kurzen Impulsreferaten mit anschließender Diskussion über halbstündige wissenschaftliche Vorträge bis hin zu einem max. einstündigen Darstellungsformat theaterpraktischer Gruppenarbeiten. Gemeinsam erarbeiten wir uns eine (Brecht-/Klassen-/Traum-)Deutungsvielfalt.

 

Wir freuen uns auf Themenvorschläge für Ihren Beitrag zu unserer Brecht-/Klassen-/Traum-Deutung, die Sie bitte als einseitiges Exposé sowie zusätzlich mit kurzen Angaben zu Ihrer Person einreichen. 

 

Bewerbungen bis zum 15. September 2021 an Dr. Falk Strehlow (Projektleiter): brecht-tage@lfbrecht.de

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu