CFP: Germanistentag 2022 – Panel: Radikale Ambiguität. Zur prekären Phänomenalität des Mehrdeutigen, Paderborn (10.09.2021)

Bernhard Stricker's picture

 

Panel auf dem 27. Deutschen Germanistentag, 25.-28. September 2022, Universität Paderborn, Themenbereich 1: Theoretische und methodische Zugänge

 

Organisation: Prof. Dr. Lars Koch (Dresden), Dr. Julia Prager (Dresden) und Dr. Bernhard Stricker (Dresden)

 

Diskursivierungen von Mehrdeutigkeit lassen eine erstaunlich eindeu­tige Bewer­tung von Ambiguitäten erkennen: Ob die Moderne aus kulturwissen­schaft­lichem Blick­winkel als ein „Verlust an Mehrdeutigkeit“ verbucht wird (Bauer 2018) oder in vernunft­kritischer Perspektive die den Rationalisierungsprozessen der Moderne eigentümliche Logik darin gesehen wird, im vergeblichen Bemühen um Ordnung Ambiguität immer neu zu reproduzieren (Bauman 2012), Phänomene des Ambigen und Ambivalenten werden dabei zu Reservaten des Subversiven aufgewertet, die sich der drohenden Konformität von Macht- und Marktmechanismen widersetzen.

 

Darüber wird leicht übersehen, welche epistemo­logischen, ethischen und ästhe­tischen Einsätze schon mit der bloßen Identifikation, der Wahrnehmung oder Zuschreibung von Mehrdeutigkeit, verbunden sind. Die Phänomenalität des Mehrdeutigen ist äußerst prekär, insofern ein ‚Mehr‘ an Deutbarkeit sich nur im Nach- oder Nebeneinander zeitlicher, räumlicher oder klassifikatorischer Ordnungen überhaupt ‚zeigen‘ kann. Radikale Ambiguität erscheint im Modus der Disruption. Diesem disruptiven Moment des Ambigen in seinen labilen Manifestationen an den Rändern perzeptiver, diskursiver und normativer Ordnungen will das hier skizzierte Panel auf den Ebenen erkenntnis­theoretischer, ästhetischer und ethischer Zusammenhänge nachgehen.

 

Mögliche Vortragsthemen umfassen, aber sind nicht beschränkt auf die folgenden Autor*innen, Konzepte und Theorien:

 

Epistemologisch: Mit dem Theorem der „Unbestimmtheit der Übersetzung“ hat W.v.O. Quine von einem ethnographischen Gedankenexperiment ausgehend die unaufhebbar mehrdeutige Referenz sprachlicher Ausdrücke deutlich gemacht (Quine 1975, 41-96; Quine 1980, 59-147). Relevant für den Zusammenhang des Panels ist Quines Argumentation nicht allein wegen der Schlussfolgerung einer grundsätzlichen empirischen Unterbestimmtheit von Theorien und Überzeugungen, sondern auch in Bezug auf die Nicht-Wahrnehmbarkeit der Unbestimmtheit sprachlicher Referenz, insofern diese nur zwischen Sprachen, bzw. in interkulturellen Konflikten der Interpretation, thematisch werden kann.

 

Ästhetisch: Der epistemologischen Verortung von Mehrdeutigkeit allein auf Seiten des erkennenden Subjekts lässt sich Hans Blumenbergs These von der „essentiellen Vieldeutigkeit“ einer eigentüm­lichen ästhetischen Gegen­ständ­lichkeit gegenüberstellen (Blumenberg 2001, 112-119), deren Paradigma Paul Valérys vollendet mehrdeutiges objet ambigu darstellt (ebd., 74-111; Valéry 1960). Wenn die ästhetische Potentialität nach Blumenberg die traditionelle Unterscheidung von Natur und Kultur bzw. Kunst ebenso hinter sich lässt wie den erkenntnistheoretischen Gegensatz von Subjektivem und Objektivem, so bleibt ihr „Realitätsmodus“ in dem Maße prekär, wie die „gleichzeitige Pluralität des ästhetischen Gegenwartsbezuges“ sich nur durch Abgrenzung von einer auf Eindeutigkeit gerichteten, theore­tischen Intentio­nalität zu konstituieren vermag (Blumenberg 2001, 114, 118).

 

Ethisch: Ein radikaler Bruch mit der Ordnung der Intentionalität als solcher – gleich ob theoretischer oder ästhetischer Natur – wird von Emmanuel Lévinas mit seiner Ethik des Anderen vollzogen, die er u.a. anhand von Wassily Grossmans Roman Leben und Schicksal zu exemplifizieren sucht (Lévinas 2009). Mit Maurice Blanchot lässt sich Lévinas’ Vorstellung vom Erscheinen des Anderen im menschlichen Antlitz jedoch dahingehend kritisieren, dass eine radikale Alterität sich noch der humanis­tischen Projektion auf die menschliche Person gegenüber als inkommen­surabel und damit als unaufhebbar zweideutig zu erweisen habe (Blanchot 1969, 35-83). Auch Judith Butler unterzieht Lévinas einer kritischen Lektüre, wenn sie nach der impliziten Vereindeutigung des Anderen als Schützenswerten im Interferenzraum von Theorie und Lebenswelt fragt.

 

Im Zentrum der Diskussionen des Panels steht somit die Frage, inwiefern radikale Ambiguität in ihrer prekären Erscheinungsweise nicht nur die Register der Wahrnehmbarkeit und des Sagbaren, sondern auch die „Ordnungen“ von Erkenntnis und Praxis durchquert bzw. die Unterscheidungen zwischen diesen Ordnungen suspendiert. Daran schließen literaturwissenschaftlich perspektivierte Fragen an, welche Rolle literarischen Texten, deren Figurationen und Verfahren in der Theoriebildung des Mehrdeutigen zukommt. Diskutiert wird, ob das Literarische damit in gewisser Weise erneut als Reservoir des Mehrdeutigen vereindeutigt wird.

 

Wir erbitten Abstracts im Umfang von 300 Wörtern (+ Kurzbiographie) für Vorträge mit einer Länge von 20 Minuten bis zum 10.09.2021 an julia.prager@tu-dresden.de und/oder bernhard.stricker@tu-dresden.de.

 

Literatur:

 

Bauer, Thomas (2018): Die Vereindeutigung der Welt. Zum Verlust von Mehrdeutigkeit und Vielfalt in der Moderne. 18. Aufl. Stuttgart: Reclam.

Bauman, Zygmunt (2012): Moderne und Ambivalenz. Neuausg. 2. Aufl. Hamburger Edition.

Blanchot, Maurice (1969): L’Entretien infini. Paris: Gallimard.

Blumenberg, Hans (2001): Ästhetische und metaphorologische Schriften. Hrsg. v. Anselm Haverkamp. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Butler, Judith (2002): Kritik der ethischen Gewalt. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Lévinas, Emmanuel (2009): Totalité et Infini. Essai sur l’extériorité [1961]. 12. Aufl. Paris: Kluwer Academic.

Quine, W.v.O. (1975): Ontologische Relativität und andere Schriften. Stuttgart: Reclam.

Quine, W.v.O. (1980): Wort und Gegenstand. (Word and Object.) Stuttgart: Reclam.

Valéry, Paul (1960): Œuvres. Tôme II. Hrsg. v. Jean Hytier. Paris: Gallimard.  


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

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