KONF: Trouble Every Day – Internationale Tagung, Potsdam (23.–24.07.2021)

Anna Hordych's picture

Trouble Every Day

Zum Schrecken des Alltäglichen

 

Internationale Tagung am 23. und 24. Juli 2021
Präsenzveranstaltung an der Universität Potsdam, Auditorium Maximum, Am Neuen Palais, Haus 8


Anmeldungen bitte unter trouble@uni-potsdam.de
Teilnahme auch online über Livestream möglich

Organisiert von Johannes Ungelenk (Potsdam), Marie-Luise Goldmann (New York) und Anna Hordych (Potsdam)

 

Trouble Every Day

Wenn der Asphalt so heiß geworden ist, dass man kaum mehr darauf laufen kann, hat der Alltag ein schreckenerregendes Ausmaß angenommen. Mit solchen Bildern warnt die Klimabewegung Fridays for Future vor einer neuen Dimension der Katastrophe, die sich nur langsam bemerkbar macht. Anders als es die Untergangsszenarien der Science-Fiction seit jeher suggerieren, vollzieht sich das Ungeheuerliche der Gegenwart nicht im großen Ereignis, das plötzlich in den Alltag einbricht, sondern in der schleichenden Bedrohung des Alltäglichen. Verschiebt man den Fokus auf diese Weise, verrückt man zugleich den Maßstab, in dem Phänomene des Alltags greifbar werden. So sind es Paradigmen von Distanz und Nähe, Plötzlichkeit und Dauer, sowie Singulärem und Repetitivem, die darüber bestimmen, was als Normalität definiert wird.

          Die tägliche Routine und ihre Strukturen entpuppen sich oftmals als zweifelhafte Konzepte des Vertrauten, die eine latente Spannung aufweisen. Ausgerechnet der Alltag entwickelt sich nach Auerbach im literarischen Realismus zu einer dumpfen Bedrohung. Das bürgerliche Esszimmer des Ehepaars Bovary avanciert zum Schauplatz des schrecklich Gewöhnlichen, „nichtiger Kleinkram“ (Auerbach) legt den Horror des Alltags bloß. Es sind vermeintlich behagliche Esszimmerszenen im Kreis der Familie, die auch in Narrativen der Gegenwart wieder an Bedeutung gewinnen. Sie machen ein Unbehagen spürbar, das sich über minimale Gesten mitteilt und von einer gesteigerten Wachsamkeit zeugt (vgl. Parasite, Get Out).

          Ein solches Konzept des bedrohlichen Alltags lässt sich am besten mit dem Begriff des trouble umschreiben. Dieser sei nicht als singuläres Ereignis oder einschneidende Zäsur zu begreifen – genauso wenig wie der Alltag nur eine belanglose Kulisse für die eigentliche Handlung darstellt. Vielmehr offenbart das Konzept des trouble eine produktive Doppelstruktur: gemeint ist die einerseits quälende, ärgerliche Störung und die andererseits provokante Aufwiegelung, die eine Chance auf Veränderung birgt. Im Anschluss an Judith Butlers Gender Trouble hat zum Beispiel Sara Ahmed die Sprengkraft des trouble-Begriffs ausgelotet, indem sie die Provokation eines making trouble als das Stiften einer produktiven Unruhe formuliert.

          In unserer Tagung wollen wir der Frage nachgehen, wann der Alltag zur Zumutung wird. Mit Rückgriff auf ein Konzept des trouble soll diskutiert werden, inwiefern das Bedrohliche und die Möglichkeit, darauf zu reagieren, als eine Poetik des Alltäglichen erfahrbar werden. 

 

Programm:

Freitag, den 23. Juli 2021

12:00            Begrüßung

12:15            Barbara Vinken (München)

                     Krise der Gesellschaft: Die Flucht des Anderen

 

13:15            Pause

14:15            Marius Reisener (Zürich)

                     (Un-)Doing the Ordinary – Trouble in the Making. Alltägliches im Vormärz

15:15            Marie-Luise Goldmann (New York)

                     ‘Trouble leaking from its containers:’ Schleichende Störungen in Ebner-Eschenbachs “Krambambuli”

 

16:15            Pause

16:45            Barbara Natalie Nagel (Princeton)

                     What Will Happen to Her Next? Narrative Expectation and the Rewriting of Gendered Violence

17:45            Stephanie LeMenager (Oregon)

                     Normal. Not Normal. Imagining the Everyday in the Wake of Trump

 

Samstag, den 24. Juli 2021

10:00            Elisabeth Strowick (New York)

                     Finsternis: Troubling Scenes bei Arno Schmidt und Werner Herzog

 

11:00            Pause

11:30            Cornelia Pierstorff (Zürich)

                      Zeitformen des Unbehagens in Fontanes Irrungen, Wirrungen

12:30            Anna Hordych (Potsdam)

                      Unerhörte Zumutungen des Alltags in Bachmanns “Probleme Probleme”

 

13:30             Pause

14:30             Johanna-Charlotte Horst (München)

                      Was heißt: sich im Alltag orientieren? Narrative Krisenbewältigung bei Virginia Woolf und Karl Ove Knausgård

15:30             Johannes Ungelenk (Potsdam)

                      “For the rain it raineth every day” – Von der Schwierigkeit, Zeit zu erzählen

16:30             Empfang

 

Plakat und Flyer mit Infos online unter: https://www.uni-potsdam.de/de/avl/aktuelles

Tagung an der Professur für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft

Philosophische Fakultät

Universität Potsdam

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Lukas Büsse] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu