CFP: ‚gelücke‘. Literarische Formationen des Glücks zwischen Fortuna, ‚saelde‘ und ‚heil‘ im Mittelalter, Düsseldorf (30.07.2021)

Veronika Hassel's picture
Tagung „gelücke. Literarische Formationen des Glücks zwischen Fortuna, saelde und heil im Mittelalter“ an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, 16. bis 18. März 2022
Veranstalterinnen: Katrin auf der Lake, Veronika Hassel und Nina Scheibel

 

„Das Glück gibt es nicht“. Hatte Foucault mit diesem Postulat einst Kritik an dem von Politik und Philosophie propagierten humanistischen Glücksversprechen geäußert (Foucault 1994/2001; vgl. Meyer 2011), scheint es die heutige Vielzahl an Bestimmungen des Glücks in Alltagswelt und Populärwissenschaft sowie den Grad an Subjektivität in der Definition des damit Bezeichneten treffend zu pointieren. Der Glücksbegriff ist kein fest umrissener, das damit Bezeichnete erscheint weniger als ein feststehendes, als vielmehr als ein je individuell zu bestimmendes Konzept, und auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung ist allein aufgrund der dieser Thematik inhärenten theoretischen Anschlussfähigkeit von einer ausgeprägten Heterogenität gekennzeichnet. Der Pluralität verschiedener neuzeitlicher Annäherungen, Definitionen und Konzepte ist allerdings trotz ihrer Subjektivität ein verbindendes Moment eingeschrieben, sofern sie wohl die grundsätzlich positive Bestimmung des damit Assoziierten teilen.

Obwohl diese durchweg positive Konnotation wie auch die je individuelle Dimension von Glück erst seit der „‚Epochenschwelle‘ um 1750“ (Krause 2010, S. 4) gilt, ist die Frage nach dem Wesen des Glücks, seiner Bestimmung und nicht zuletzt auch Beeinflussbarkeit gleichwohl kein zeitgenössisches Phänomen, sondern findet sich seit der Antike in der gelehrten Diskussion und der je zeitgenössischen Literatur. Im christlich geprägten Mittelalter ist es vor allem Thomas von Aquin, der mit der Unterscheidung zwischen dem transzendenten, vollkommenen und dem irdischen, unvollkommenen Glück, zwischen beatitudo perfecta und beatitudo imperfecta, die theologische Debatte maßgeblich bestimmt (vgl. Lauster 2011); daneben lebt, vor allem in der Rezeption von Boethius Consolatio philosophiae, die antike Fortuna-Tradition, nämlich die Differenz zwischen fortuna bona und fortuna mala, wieder auf, wird modifiziert und in der Bestimmung Fortunas als Instrument Gottes an den christlichen Horizont angepasst (vgl. Haug 1995, de Boor 1975, u. a.). Hier scheint Glück demnach noch als „Konsequenz des ‚guten Lebens‘ möglich und erreichbar“ (Krause 2010, S. 4) und ist insbesondere auch mit dem Zufall enggeführt. So zeigen die mittelhochdeutschen Wörterbücher das Lemma gelücke in der Bedeutung von „glück“, „zufall“, „das sich wälzende rat des glückes“, „einer kugel (bal oder schîbe) des glückes“ und dem einem „durch das glück zugewiesene[n] beruf“ (BMZ). Dabei ist nicht nur die Herkunft des Wortes bislang ungeklärt, sondern auch in schriftlichen Zeugnissen findet sich ‚gelücke‘ im deutschen Sprachraum erst in der Mitte des 12. Jahrhunderts (vgl. Sanders 1965).

Im Rekurs auf und in der Auseinandersetzung mit der gelehrten Tradition – vielversprechend kann dabei ein Blick auf die Schriften von Aristoteles (Nikomachische Ethik), Augustinus (De beata vita), Seneca (De vita beata), Boethius (De consolatione philosophiae), Thomas von Aquin, Petrarca (De remediis utriusque fortunae) sein – erscheint dabei gerade die mittelalterliche Literatur als zentraler Ort für die Diskussion und Aushandlung divergierender Konzeptualisierungen des Glücks, und dies gerade nicht nur im Zusammenhang mit Fortuna: So verspricht etwa im Artusroman die glückende aventiure die saelde und êre des einzelnen Ritters und bedingt zugleich die höfische Hochstimmung, die fröide (vgl. Lundt 2011); im Tristan-Roman hingegen ist die Liebe, das so saelic dinc (V. 187), der Inbegriff des (allerdings stets leidbehafteten) Glücks, und während sich dieses im frühneuhochdeutschen Prosaroman Fortunatus wiederum in einem Geldsäckel materialisiert, symbolisiert das schreckliche Ende der Hauptfigur der Historia des D. Johann Fausten die Gefahren einer rein an persönlichen Interessen orientierten Glückssuche. Es offenbart sich hier mithin ein regelrechter Bedarf nach einem anderen Glückskonzept, das sich womöglich mit dem Begriff gelücke fassen und sich von bereits existierenden Entwürfen differenzieren ließe, wie sie sich in Fortuna, in saelde und heil manifestieren (vgl. Bendheim 2019). Es erscheint insofern offener, als es dem Einzelnen – so die Vermutung – größeren individuellen Handlungsspielraum und auch Verantwortung einzuräumen scheint. So werden nämlich nicht nur Fragen danach gestellt, wer das Glück schenkt („die Götter, Gott, der unergründliche Zufall, die Fügung, die Providenz, das Schicksal“), sondern vor allem auch „warum, aufgrund welcher Leistungen oder besonderen Umstände“ Glück gewährt wird (Krause 2010, S. 5).

Dabei sind nicht nur die semantischen wie konzeptionellen Grenzen zu Begriffen wie saelde, heil, fröide fließend, sondern bereits der Terminus gelücke ist – anders als beim semantisch verengten nhd. Terminus Glück – ambivalent besetzt, er markiert, schon etymologisch bedingt, einen letztlich offenen Ausgang (vgl. Bendheim 2019). Diese etymologisch bedingte Ambivalenz impliziert folglich die Gleichzeitigkeit von Positivem und Negativem. In Abgrenzung zu dem an die Fortuna-Tradition angelehnten unsteten und vom Menschen nicht beeinflussbaren Auf und Ab des Glücks pointiert der Begriff gelücke also auch die aus der antiken Tradition stammende Idee des richtigen Augenblicks im Sinne einer günstigen Gelegenheit (vgl. Bendheim 2019) und profiliert das Glück der Tüchtigen (vgl. Kern 2007) und die Kausalität (vgl. Fichte 1996) individueller Handlungen stärker. Im Vordergrund stehen sollen daher Untersuchungen zu konkreten Realisationen von gelücke – und auch seinen von saelde, fortuna und heil abweichenden Bedeutungsverwendungen – in einzelnen Texten oder Gattungen.

Die mit der Ambivalenz des Glücksbegriffs und des damit Bezeichneten einhergehende Pluralität an Formationen möchte die Tagung ins Zentrum stellen und nach Formen, Ausgestaltungen und Spielarten des Glücks in der mittelalterlichen Literatur, auch und gerade jenseits von Fortuna, fragen. Besonderes Augenmerk soll dabei auf die mit dem ambivalenten Begriff gelücke womöglich bezeichneten alternativen Denkfiguren gelegt werden, auf deren Existenz die semantische Differenz zu anderen, stärker an einem Schicksalsdiskurs orientierten Entwürfen hinzuweisen scheint. Möglicherweise greifen diese gerade dort, wo die traditionellen Konzepte Leerstellen aufweisen, etwa wenn die virtus des Menschen, der freie Wille (vgl. Fichte 1996, vgl. auch Frakes 1988), das selbstverursachte Glück und das Individuum insgesamt eine größere Rolle spielen.

Neben der Erschließung dieser bisher kaum erforschten alternativen Formationen ist dabei Ziel, die Vielfalt der mittelalterlichen literarischen Auseinandersetzung mit jenem Phänomen zu konturieren, das seit Aristoteles als ein dem Menschen innewohnendes Bedürfnis gedacht wird (vgl. Lauster 2011) und somit – trotz seiner theologischen Fundierung im Mittelalter durch die Ausrichtung auf jenseitige Erfüllung – als ein elementarer Bestandteil der poetisch geführten Diskussion über den Menschen, das Wesen der Dinge und die (Un-)Begreiflichkeit der Welt erscheint.

Zu fragen wäre demnach nicht nur nach den diversen Konzeptualisierungen des Glücks, sondern auch nach ihren historischen, kulturellen und epistemischen Voraussetzungen sowie nach der Rolle von Kontingenz, Providenz und Individuum in einzelnen Texten und Gattungen.

 

Erwünscht sind Beiträge u. a. zu folgenden Themenfeldern:

  • Wort- und Begriffsgeschichte bzw. Semantik
  • Historisch-kulturelle sowie theologische Hintergründe und Kontexte (z. B. Verhältnis von Gott und Individuum, Rolle von Schicksal, Providenz, freiem Willen und Gunst des Augenblicks)
  • Wissens- und Diskursgeschichte, Reflexionstradition (z. B. Verhältnis von volkssprachiger Literatur und gelehrter Tradition, Integration und Reflexion von Wissensbeständen)
  • Erscheinungsweisen und Konzeptualisierungen von gelücke, auch in Auseinandersetzung mit Konzepten wie Fortuna, saelde, heil (z. B. interdiskursive Referenzen, Figuren, Metaphern)
  • Literarische Formationen und Konkretisierungen von gelücke in Texten, Textgruppen und Gattungen (z. B. hinsichtlich poetischer Verfahren, Erzähltechniken, Motive und Topoi)

 

Bitte senden Sie Ihr Exposé (300-500 Wörter) für einen 30-minütigen Vortrag bis zum 30.07.2021 per E-Mail an mediaevistik@hhu.de.

 

Vorbehaltlich der Mittelzusage werden Reise- und Übernachtungskosten (anteilig) übernommen. Eine Publikation der Beiträge in einem Sammelband ist geplant.

 

 

Verwendete Literatur:

gelücke, stn. In: Mittelhochdeutsches Wörterbuch von Benecke, Müller, Zarncke. Digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/21, https://www.woerterbuchnetz.de/BMZ?lemid=L01530, abgerufen am 24.05.2021.

Bendheim, Amelie: gelücke – Historische Spurensuche in der mittelalterlichen Literatur. In: Forum für Politik, Gesellschaft und Kultur 400 (2019), S. 37-40.

de Boor, Helmut: Fortuna in mittelhochdeutscher Dichtung, insbesondere in der Crone des Heinrich von dem Türlin. In: Verbum et signum. FS Friedrich Ohly. Hrsg. von Hans Fromm / Wolfgang Harms / Uwe Ruberg. Bd. 2. München 1975, S. 311-328.

Fichte, Joerg O.: Providentia – Fatum – Fortuna. In: Das Mittelalter 1,1 (1996) S. 5-20.

Frakes, Jerold C.: The Fate of Fortune in the Early Middle Ages. The Boethian Tradition. Leiden 1988 (Studien und Texte zur Geistesgeschichte des Mittelalters 23).

Haug, Walter: O Fortuna. Eine historisch-semantische Skizze zur Einführung. In: Fortuna. Hrsg. von Walter Haug / Burghart Wachinger. Tübingen 1995 (Fortuna vitrea 15), S. 1-22.

Kern, Peter: Fortuna, Occasio, Saelde. Glücksvorstellungen in Texten und Bildzeugnissen des Mittelalters und der frühen Neuzeit. In: Waseda-Blätter 14 (2007) S. 129-152.

Krause, Burkhardt: „Ein rasend-freches Weib“: Geschichten von der Göttin mit dem Rad. In: Glück – Zufall – Vorsehung. Vortragsreihe der Abteilung Mediävistik des Instituts für Literaturwissenschaft im Sommersemester 2008. Hrsg. von Simone Finkele / Burkhardt Krause. Karlsruhe 2010, S. 1-48.

Lauster, Jörg: Glück in der Scholastik. Vorgeschmack der Ewigkeit. In: Glück. Ein interdisziplinäres Handbuch. Hrsg. von Dieter Thomä / Christoph Henning / Olivia Mitscherlich-Schönherr. Stuttgart / Weimar 2011, S. 141-143.

Lundt, Bea: Figuren des Glücks in der Alltagskultur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Von Himmelssehnsucht und Erdenschwere. In: Glück. Ein interdisziplinäres Handbuch. Hrsg. von Dieter Thomä / Christoph Henning / Olivia Mitscherlich-Schönherr. Stuttgart / Weimar 2011, S. 157-161.

Meyer, Katrin: Glück bei Foucault, Deleuze und Guattari. Zwischen Staatsräson, Selbsttechnologie und Subversion. In: Glück. Ein interdisziplinäres Handbuch. Hrsg. von Dieter Thomä / Christoph Henning / Olivia Mitscherlich-Schönherr. Stuttgart / Weimar 2011, S. 291-296.

Sanders, Willy: Glück. Zur Herkunft und Bedeutungsentwicklung eines mittelalterlichen Schicksalsbegriffs. Köln / Graz 1965.

 

________________________________________________________________________________________________________________

Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Lukas Büsse] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu