KONF: Lektüren der Ähnlichkeit um 1900 (07.07. – 09.07.2021)

Nadjib  Sadikou's picture

Tagung ‚Lektüren der Ähnlichkeit um 1900‘, 7.- 9 Juli 2021, Europa-Universität Flensburg (online via Webex)

Organisation: Prof. Dr. Matthias Bauer und Dr. Nadjib Sadikou

 

Tagungskonzept

Der Eindruck, zwei Erscheinungen der Lebenswelt seien einander ähnlich oder unähnlich, gehört zu den Alltagserfahrungen des Menschen. Insofern dieser Eindruck auf einem Wahrnehmungsurteil beruht, das einen Vergleich voraussetzt, verweist der diakritische Begriff der Un/Ähnlichkeit auf die niedere, sinnliche Erkenntnis, die für Alexander Gottlieb Baumgarten in den Zuständigkeitsbereich der Ästhetik fällt.[1] Uneinigkeit besteht allerdings über die Eignung entsprechender Wahrnehmungsurteile für höhere Erkenntniszwecke, insbesondere für die der Wissenschaft. Am entschiedensten wurde diese Eignung von Nelson Goodman in seinem Aufsatz ‚Seven Strictures on Similarity‘[2] verneint. Deutlich wird hier eine Kluft zwischen der Alltagserfahrung des Menschen und der wissenschaftlichen bzw. philosophischen Erkenntnis, die einer spezifischen Reflexion und Mediation bedarf.

Dieser Aufgabe hat sich die Literatur immer wieder gestellt. Sie scheint dafür aus zwei Gründen prädisponiert zu sein: Einerseits ist der Literatur aufgrund ihrer semiotischen Verfasstheit das Bewusstsein eingeschrieben, dass Ähnlichkeit nicht ‚natürlich‘ oder ‚einfach gegeben‘ ist, sondern ‚hergestellt‘ werden muss. Buchstaben und Worte sind symbolische Zeichen, die im Unterschied zu ikonischen Zeichen nicht qua Ähnlichkeit auf ihre Bezugsobjekte verweisen. Soll ein Text also Ähnlichkeitseindrücke hervorrufen, müssen die Schriftzeichen in einer spezifischen Weise konfiguriert werden. Andererseits steht die Literatur seit der Aufklärung in einem dialogisch-kritischen Verhältnis sowohl zur Alltagserfahrung als auch zur Wissenschaft. Sie hält den Kontakt zu den niederen, sinnlichen wie zu den höheren, ‚geistigen‘ Erkenntnisformen; mit der Wissenschaft teilt sie das Medium der Schrift und das Regelwerk diskursiver Verständigung (was nicht ausschließt, dass sie dieses Regelwerk suspendiert, parodistisch behandelt oder hyperbolisch imitiert) – von der Alltagserfahrung lässt sie sich schon deshalb nicht vollständig ablösen, weil eine ihrer wesentlichen Funktionen in der Verarbeitung gerade jener Erfahrungen ist, die in der alltäglichen Lebenswelt gemacht werden – einschließlich der Sinnestäuschungen und Fehlurteile, die sich auf voreilige Wahrnehmungsurteile über das Ähnliche oder Unähnliche zurückführen lassen.

Zusätzlich zu dieser strukturellen Kopplung der Literatur an den wissenschaftlichen Diskurs der Moderne wie an die Alltagserfahrung der Lebenswelt hat das ‚Ähnlichkeitsdenken‘ in den letzten Jahren seitens der Kulturwissenschaften verstärkte Aufmerksamkeit erfahren, weil man in ihm ein wichtiges Potenzial der interkulturellen Verständigung und der Konfliktlösung in komplexen, von Diversität gekennzeichneten Gesellschaften sieht. Die vor allem von Anil Bhatti angestoßene und u.a. von Dorothee Kimmich aufgegriffene Beforschung des ‚Ähnlichkeitsdenkens‘[3] wird auch an der Europa-Universität Flensburg (EUF) an der ‚Schnittstelle‘ von Literatur- und Kulturwissenschaft vorangetrieben. Dies geschah zunächst im Rahmen der Jahrestagung der Gesellschaft für interkulturelle Germanistik (GIG) zum Thema ‚Europa im Übergang‘, die 2017 an der EUF stattfand, und im Rahmen einer Tagungsreihe, die dort im Jahr 2016 begann und im Jahr 2021 am gleichen Ort fortgesetzt werden soll. Ging es bei der ersten Tagung um ‚Lektüren der Ähnlichkeit um 1800‘ – der Tagungsband ist im aisthesis-Verlag in einer eigenen Reihe erschienen[4] – soll sich die Tagung vom 7. bis 9. Juli 2021 auf ‚Lektüren der Ähnlichkeit um 1900‘ konzentrieren.

Zu den Fragen, die auf der Tagung erörtert werden, gehören die folgenden:

  • Welchen Einfluss hatten die seinerzeit neuen Techniken der Fotografie und der Kinematografie auf die Funktion des Ähnlichen in anderen Medien und Künsten?
  • Wir wirkten sich Erneuerungen des Ähnlichkeitsdenkens in der zeitgenössischen Soziologie, in der aufkommenden Psychoanalyse oder in der Kulturphilosophie auf den Status des Ähnlichkeitsdenkens in den Wissenschaften aus?
  • Warum wurden diese Innovationen in die kulturelle Sinnproduktion oder in die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit aufgenommen bzw. zurückgewiesen?
  • Weisen die unterschiedlichen Strömungen um 1900 jeweils verschiedene Figurationen und Funktionalisierungen von Ähnlichkeitsrelationen auf?
  • Und wie beeinflussen diese Entwicklungen etwa die symbolistischen Entwürfe von Traumwelten, den Begriff des realistischen Erzählens oder den intertextuellen Umgang mit Mythen?

 

Alle interessierten sind herzlich eingeladen. Die Zugangsdaten für Webex erhalten Sie nach formloser E-Mail an: nadjib.sadikou@uni-flensburg.de

 

Tagungsprogramm

MITTWOCH, 7. Juli 2021

Sektion 1: Vorgeschichten und Ausgangspositionen

14:30 Uhr Begrüßung

14:40 Uhr Matthias Bauer: Ähnlichkeitsdenken in den neuen Wissenschaften von Mensch und Gesellschaft um 1900.

15:20 Uhr Sara Goeth: Analogien bei Humboldt. Die Funktionalisierung eines alten Paradigmas in der Moderne.

16:00 Uhr (Virtuelle) Kaffeepause

16:20 Uhr Iulia Patrut: Ähnlichkeit und die Eigenlogik von Literatur

 

DONNERSTAG, 8. Juli 2021

09:00 Uhr Dominik Zink: Ähnlichkeit beim frühen Sigmund Freud

09:40 Uhr Andrea Bogner: Ähnlichkeit und Mehrsprachigkeit um 1900.

10:30 Uhr (Virtuelle) Kaffeepause

10:50 Uhr Nadjib Sadikou: Ähnlichkeit und Sinnsuche. Ästhetische Verhandlungen in europäischer und afrikanischer Literatur um 1900.

11:30 Uhr Adrian Renner: Familienähnlichkeiten. Zum Verfahren der composite portraiture bei Francis Galton, Sigmund Freud und Ludwig Wittgenstein

 

Mittagspause

Sektion 2: Auswirkungen und Weiterentwicklungen

13:30 Uhr Claudia Liebrand: „Zwischen den Bauern und dem Schloß ist kein großer Unterschied“. Ähnlichkeitsdenken bei Kafka.

14:10 Uhr Claudia Öhlschläger: Die Geschichte als Dichterin“. Analogien in kleinen historischen Porträts von Stefan Zweig.

14:50 Uhr Diskussion mit Anil Bhatti: Zur Reichweite des Ähnlichkeits-Konzeptes 

 

FREITAG, 9. Juli 2021

09:00 Uhr: Daniel Müller Nielaba: Figuren/Lemuren oderDas große Nichts der Tiere: Zur immanenten Ähnlichkeit beim frühen Gottfried Benn.

09:40 Uhr Reto Rössler: „… den inneren Menschen erfinden“. Robert Musils Poetik der Analogie und Ähnlichkeit im Spannungsfeld von Ernst Machs Wissenschaftstheorie und der literarischen Anthropologie des ›ganzen Menschen‹

10:20 (Virtuelle) Kaffeepause

10:40 Uhr Raluca Radulescu: Transitorte und Ähnlichkeitsrelationen in Georg Heyms "Das Schiff" und Arnold Boecklins "Die Toteninsel".

11:20 Uhr Hubert Roland: „Neue primitive Sprache“, Technik und Geschwindigkeit des Lebens: Ähnlichkeitsdenken im literarischen Primitivismus von Yvan und Claire Goll

12:00 Uhr: Abschlussdiskussion

13:00 Uhr: Ende der Tagung

 

[1] Die Aussage, dass es sich bei der Feststellung von Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit um ein Wahrnehmungsurteil handelt, dürfte unabhängig davon gelten, dass Immanuel Kant bestritten hat, dass die Ästhetik eine Erkenntnislehre sei, da sie lediglich Empfindungen und Anschauungen zum Gegenstand hat.

[2] Vgl. Nelson Goodman: „Seven Strictures on Similarity“, in: Nelson Goodman: Problems and Projects. Indianapolis / New York 1972, p. 437-446.

[3] Vgl. Anil Bhatti / Dorothee Kimmich (Hg.): Ähnlichkeit. Ein kulturtheoretisches Paradigma. Konstanz 2015 sowie Dorothee Kimmich: Ins Ungefähre. Ähnlichkeit und Moderne. Konstanz 2017 und Gerald Funk / Gert Mattenklott / Michael Pauen (Hg.): Ästhetik der Ähnlichkeit. Zur Poetik und Kunstphilosophie der Moderne. Frankfurt am Main 2001.

[4] Iulia-Karin Patrut / Reto Rössler (Hg.): Ähnlichkeit um 1800. Konturen eines literatur- und kulturtheoretischen Paradigmas am Beginn der Moderne. Bielefeld 2019. [= Ähnlichkeiten. Literatur – Kultur – Wissenschaft Band 1]


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Johannes Schmidt] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu