CFP: In den Plural setzen. Marlene Streeruwitz und ihr dramatisches Werk (Materialien zur Joseph-Breitbach-Poetikdozentur 2021) (31.07.2021)

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In diesem Jahr ist die neu eingerichtete Joseph-Breitbach-Poetikdozentur (der Stadt Koblenz in Kooperation mit der Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz) zum ersten Mal vergeben worden, und zwar an eine der bekanntesten Schriftsteller*innen nicht nur Österreichs, sondern des gesamten deutschen Sprachraums. Marlene Streeruwitz hat ihre öffentlichen Poetik-Vorlesungen unter das Motto gestellt: „Geschlecht. Zahl. Fall. Person. Zahl. Zeit“ und unter dem Titel Geschlecht. Zahl. Fall wird auch im September ein Band im S. Fischer-Verlag erscheinen (https://www.fischerverlage.de/buch/marlene-streeruwitz-geschlecht-zahl-fall-9783103971149). Im Theater Koblenz sprach sie im Juni 2021 über ihre Arbeit an und mit Dramen und Prosatexten und auch ganz allgemein über die heutige Rolle von Literatur in der Gesellschaft.

Alle Texte der Autorin sind extrem sprachbewusst und haben einen unverwechselbaren Stil. Die gebrochene Syntax mit ihrer – auch im Motto der Koblenzer Poetik-Vorlesungen deutlich ausgestellten – elliptischen Struktur führt eine Suchbewegung vor. Nicht nur die diese Sprache sprechenden Figuren auf der Bühne oder im Roman sind stets auf der Suche, ihre Autorin ist es ebenfalls, indem sie ihr Schreibkonzept, ihre Poetik immer wieder verändert und damit sowohl auf die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen als auch auf die eigenen Erkenntnisfortschritte reagiert. In ihren Texten geht es um das Dasein in einer unübersichtlich gewordenen Welt, wobei vor allem soziale und Geschlechter-Rollen im Mittelpunkt stehen, die durch politische wie ökonomische Macht bestimmt werden und die es in immer wieder neuen Inszenierungen oder Versuchsanordnungen zu dekonstruieren gilt.

So erklärt etwa die reiche Schauspielerin und Geschäftsfrau Elisabeth in Ocean Drive von 1991 ihrem designierten Biographen Leonard: „Und das Problem ist überhaupt, daß man eine ist. Eine Frau. – Spielen Sie sich nicht so auf. So rechtschaffen. Diese Welt, in der die Menschen so vor sich hinleben. Dies ist doch von Euch gemacht worden. Das ist doch Eure Welt. – Ich habe mich nur gewehrt.“ Doch ist dies nur die halbe Wahrheit. Auch Elisabeth ist eine Täterin, die auf Gewalt mit noch mehr Gewalt antwortet und zum Schluss den Lügner Leonard mit einem Messer durch das Auge ersticht.

Die neu eingerichtete Poetikdozentur zeichnet Persönlichkeiten aus, die sich in der Nachfolge von Joseph Breitbach (geb. am 20. September 1903 in Koblenz-Ehrenbreitstein; gestorben am 9. Mai 1980 in München) maßgeblich für Grenzen überschreitende Toleranz und für eine humanere Welt einsetzen. Breitbach ist als junger Mann wegen seiner Homosexualität von der Gesellschaft ausgegrenzt worden. Er hat stets soziale Missstände kritisch reflektiert, auch deshalb wurden seine Bücher 1933 von den Nationalsozialisten verbrannt und verboten. Breitbach gilt als einer der Architekten der deutsch-französischen Freundschaft in der Nachkriegszeit. Ausgezeichnet werden sollen mit dem Preis vorrangig Leistungen im Bereich der Gegenwartsdramatik und der Gegenwartslyrik, um diesen heute im Literaturbetrieb eher marginalisierten Gattungen wieder zu mehr Geltung zu verhelfen und ihr kritisch-utopisches Potential hervorzuheben.

Eine kleine Schriftenreihe soll das durch die Poetikdozentur angestoßene Nachdenken unterstützen. Neben Kolleg*innen vor Ort und Studierenden können interessierte Fachkolleg*innen zum Werk von Marlene Streeruwitz Stellung nehmen, vor allem zu ihren Dramen und ihrer Theaterarbeit, aber auch zu ihrem Handeln als ‚kritische Intellektuelle‘ (Pierre Bourdieu), die sich in den gesellschaftlichen Diskurs einmischt, um auf die ungerechte Verteilung von Macht aufmerksam zu machen, so wie es beispielsweise Elfriede Jelinek ihr attestiert hat: „Marlene Streeruwitz weiß es besser, aber sie gibt sich nicht damit zufrieden, es zu wissen. Nicht einmal damit, es zu sagen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Orangenmarmelade zu machen, aber es gibt nur eine Möglichkeit, Macht, diese holzige, sperrholzige, auszuüben, aber wie zeigt man das? Indem man zeigt, dass die Macht alles kaputtmacht […].“

In den Koblenzer Gesprächen mit Theaterintendant Markus Dietze, die im Materialen-Band abgedruckt werden sollen, ging es beispielsweise um die Frage, wie sich Sinnlichkeit, theoretisches Wissen und Literatur miteinander verbinden lassen, um das Lesen auf andere Weise neu zu lernen und so nicht nur sprach- und literaturbewusster werden, sondern auch der außerliterarischen Realität gegenüber kritischer und fragender sein zu können. Betont wurde dabei, dass es nötig ist, Personen und Dinge ‚in den Plural zu setzen‘ und nicht in althergebrachten Dichotomien zu denken.

Für die Beiträge soll natürlich auch der neue, von der Koblenzer Dozentur inspirierte Band im S. Fischer-Verlag (s.o.) berücksichtigt werden, der erst im September erscheint; daher soll die Skizzierung des Bandes in zwei Schritten geschehen. Nach dem Einreichen vorläufiger Vorschläge und einem entsprechenden ersten Feedback können die Vorschläge bis zum 30.11.2021 ggf. ergänzt oder überarbeitet und die fertigen Beiträge bis zum 31.01.2022 eingeschickt werden.

Vorläufige Vorschläge für Beiträge, im Umfang von ca. einer Din-A-4-Seite, senden Sie bitte bis zum 31.7.2021 per Mail an:

Prof. Dr. Stefan Neuhaus, FB2: Philologie / Kulturwissenschaften, Institut für Germanistik, Universitätsstr. 1, D-56070 Koblenz, neuhaus@uni-koblenz.de

Die Bände erscheinen in der Reihe „Studien zu Literatur und Film der Gegenwart“ im Tectum-Verlag Marburg.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Johannes Schmidt] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu