CFP: Germanistentag 2022 - Panel: Dramatische Mehrdeutigkeiten – Verschwörung und Pakt in Schillers "Don Karlos", Paderborn (31.07.2021)

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Prof. Dr. Jörg Robert (Eberhard-Karls-Universität Tübingen), Viktoria Walter (Universität Klagenfurt)

Themenbereich 1: Theoretische und methodische Zugänge

 

In seinem Buch Der Dichter als Führer in der Deutschen Klassik (1928) findet Max Kommerell ein überraschendes Schlagwort für den Klassiker: „Schiller, der Verschwörer“[1]. Und in der Tat: Schillers Dramen – aber auch sein unvollendeter Roman Der Geisterseher oder seine historiographischen Projekte – kreisen immer wieder um das Thema Verschwörung, Rebellion und Pakt. Ob in der Verschwörung des Fiesco zu Genua, im Don Karlos, in Wallenstein oder Demetrius: immer wieder haben es Schiller Verschwörer, Rebellen, Usurpatoren, Geheim­polizisten u. ä. angetan. Wie kein anderer Autor seiner Zeit macht Schiller damit Verschwörungs­ängste und Verschwörungstheorien, wie sie vor und nach der Französischen Revolution v.a. in Journalen und Tagespublizistik kursierten, literarisch fruchtbar. Auch für Schillers Texte gilt, was jüngst als zentrale Denkfigur der Verschwörungstheorie beschrieben worden ist: „Nichts ist, wie es scheint“ (Michael Butter, Suhrkamp 2018): Unter der Oberfläche wirken geheime Kräfte und Mächte – Jesuiten und Inquisitoren, die verdeckt agierende Pariser „Polizey“, Doppelagenten und säkulare Geheimbünde. Die Mehrdeutigkeit, mit denen diese Figuren und Institutionen per se behaftet sind, ist bei Schiller jedoch nicht nur Thema, sondern auch Signatur einer Poetologie. Das Schema der „tragischen Analysis“ verbindet sich mit dem Spannungsmoment der aufgehellten Mehrdeutigkeit – beispielhaft im Wallenstein.

Diese Verschränkung von Hermeneutik und Aktion soll im Panel an einem besonders ertragreichen Fall untersucht werden: an dem „dramatischen Gedicht“ Don Karlos – Infant von Spanien. Schiller veröffentlichte es ab 1785 sukzessive in der Rheinischen Thalia, eine erste Buchfassung erschien 1787. Mit seinem zweiten Geschichtsdrama nach dem Fiesco wendet sich Schiller erneut dem Thema der Verschwörung zu. Wiederum spielt eine Rebellion (der Aufständischen in Flandern) eine Rolle, zugleich bringen sich konkurrierende Netzwerke am spanischen Hof in Stellung: Dem Freundschaftsbund von Karlos und Posa steht eine Art Gegen-Bündnis gegenüber, das von den Machtinteressen Herzog Albas und der Dominikaner geleitet wird. Die Figuren sind in einer vieldeutigen politischen Welt gefangen, die wie ein „gesetzlose(s) Chaos von Erscheinungen“ (Über das Erhabene, SW 5, S. 802) anmutet. Zuletzt bewahrt nur die Inquisition den Überblick, weil sie über eindeutige Fakten und Daten verfügt („in der Santa Casa heiligen Registern“). Angesichts der allgegenwärtigen Mehrdeutigkeit der politischen Pläne gewinnen Eid, Schwur und Pakt eine bedeutende Funktion, weil sie Eindeutigkeit und Handlungsmacht versprechen, wo in Wirklichkeit der „tolle Zufall“ zu regieren scheint und die geschichtliche Welt unlesbar geworden ist.

 

Ziel des Panels – bestehend aus internationalen DoktorandInnen, Nachwuchswissenschaftlerinnen und Schiller-ExpertInnen – ist es also, Schillers Verschwörungsdrama Don Karlos mithilfe des Konzepts „Mehrdeutigkeit“ neu zu erschließen. ‚Mehrdeutigkeit‘ wird dabei auf vier Ebenen untersucht:

 

a) im Hinblick auf den historischen Kontext, d.h. Geheimbundhysterie (vgl. Schings 1998) und Verschwörungstheorie,

b) im Hinblick auf Entstehung und Status des Textes, der sich – von der Thalia-Fassung bis zu den Bühnenbearbeitungen – als ein mehrdeutiges Konglomerat von Versionen präsentiert,

c) auf Handlungsebene in den Bemühungen der Figuren, das Geschehen zu deuten, Ambiguität zu reduzieren – insbesondere durch Eid, Schwur und Pakt, und schließlich

d) im Hinblick auf eine Poetik der ‚dramatischen Mehrdeutigkeit‘, die zum Signum für Schillers klassische Dramatik wird.

 

Im Rahmen unseres Panels können noch ein-zwei Vortragsslots à 15-20 Min. besetzt werden. Vorschläge dafür (max. 300 Wörter) und ein kurzer CV werden bis zum 31.07.2021 erbeten an:

joerg.robert@uni-tuebingen.de und Viktoria.Walter@aau.at

 

Der 27. Deutsche Germanistentag wird vom 25. bis 28. September 2022 an der Universität Paderborn stattfinden.


[1] Max Kommerell: Schiller. Der Verschwörer. In: Ders.: Der Dichter als Führer in der deutschen Klassik. Klopstock, Herder, Goethe, Schiller, Jean Paul, Hölderlin. Dritte Aufl. Geleitwort von Eckhard Heftrich. Frankfurt am Main 1982, S. 177-225.

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