CFP: Unheil bannen – Ordnung stiften. Frühmittelalterliche Segen, Beschwörungen und Zaubersprüche zwischen Religiosität, Magie und Medizin, Kloster Lorsch (15.08.2021)

Tina Terrahe's picture

Wissenschaftliches Colloquium: 31. August – 2. September 2022 im Kloster Lorsch

Organisation:

PD Dr. Tina Terrahe (Universität Marburg) und Dr. Hermann Schefers (UNESCO-Welterbestätte Kloster Lorsch)

 

Frühmittelalterliche Segen, Beschwörungen und Zaubersprüche gehören zu den ältesten volkssprachlichen Schriftzeugnissen und sie entstehen vor einem praktisch-apotropäischen Interessenshorizont: Man möchte mit ihnen Krankes heilen, Wertvolles schützen und Gefahren abwenden. Aufgrund ihrer narrativen Elemente handelt es sich bei diesen Texten um Kleinst-Epik, die zugleich auch performative Aspekte und Handlungsanweisungen integriert. Mit medizinischen, religiösen oder auch (pseudo-) magischen Mitteln versucht diese Literatur, eine aus den Fugen geratene Ordnung wiederherzustellen. Kulturhistorisch ist an diesen Texten ihre Hybridität signifikant, da sie aus moderner Perspektive zwischen Religion, Magie und Medizin changieren, dabei aber identische Motive verfolgen. Kodikologisch ist ihre Liminalität bemerkenswert: In den frühen Handschriften ist kein eigentlicher Platz für die Sprüche vorgesehen, weshalb sie zunächst meist als Streuüberlieferung mehr oder minder zufällig an den Rändern anderer Texte oder auf ursprünglich freigelassenen Blättern eingetragen werden.

Statt auf der alten Dichotomie von christlichen und heidnischen oder auch antik-magischen Einflüssen zu beharren, können mithilfe einer ganzheitlichen Erschließung des Überlieferungsbefundes Rückschlüsse auf ein universelleres religiöses Verständnis der Zeit gezogen werden. Im Zentrum des Colloquiums soll deshalb die Frage nach dem ganz konkreten Zusammenhang zwischen den (Rand-)Eintragungen und den Haupttexten oder -codices stehen; dies unter dem Blickwinkel der Praxeologie: Wozu benutzte man die Handschrift und welchen Sinn machte der Eintrag im jeweiligen Gebrauchskontext? Warum wurde der Spruch gerade auf diesem Blatt eingetragen und wie kam der/die Rezipient*in auf die Idee, ihn in ebendiesen Codex – möglicherweise auch absichtlich kopfständig – zu annotieren? Bestätigen die Überlieferungsbefunde, dass antike magisch-medizinische Texte in karolingischen Klöstern alltägliche Gebrauchstexten waren und in welchem Zusammenhang steht die Gebrauchsfunktion dieser apotropäischen Literatur zum kodikologischen und kulturellen Kontext?

Weitere Informationenhttps://germanistik.philhist.unibas.ch/fileadmin/user_upload/germanistik/CfP_Tagung_Lorsch...

Keynotes: Prof. Dr. Wolfang Haubrichs (Germanistische Mediävistik, Saarbrücken); Prof. Dr. Ernst Hellgardt (Germanistische Mediävistik, München); Prof. Dr. Norbert Kössinger (Germanistische Mediävistik, Magdeburg); Prof. Dr. Claudine Moulin (Germanistische Mediävistik, Trier); Prof. Dr. Stephan Müller (Germanistische Mediävistik, Wien); Prof. Dr. Alexander Zerfaß (Liturgiewissenschaft, Salzburg)

 

Vortragsvorschläge aus sämtlichen infrage kommenden Disziplinen erbitten wir mit einem kurzen Abstract bis zum 15. August 2021 an terrahe@uni-marburg.de