CFP: Germanistentag 2022, Panel "Poetische Taxonomien. Literarische (Un-)Ordnungen der Natur", Paderborn (15.07.2021)

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CfP: Poetische Taxonomien. Literarische (Un-)Ordnungen der Natur

Panel auf dem 27. Germanistentag: Mehrdeutigkeiten
25.–28. September 2022 an der Universität Paderborn;
Themenbereich 4: Gesellschaftliche Zugänge

Konzeption und Organisation: Felix Lempp; Antje Schmidt; Dr. Jule Thiemann (Universität Hamburg)
Keynote von Dr. Isabel Kranz (Universität Wien): Ordnung suchen, Namen finden: Zur Rolle der Botanik in der neueren deutschsprachigen Erzählliteratur

Der Begriff der Taxonomie wurde 1813 durch den Botaniker A.-P. de Candolle eingeführt und fand schnell Verbreitung in naturwissenschaftlichen Disziplinen. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass die Natur eine klassifizierbare Ordnung aufweist, sich Gruppen von Organismen eindeutig beschreiben, unterscheiden sowie einander über- und unterordnen lassen (vgl. Toepfer 2011). Die sich aus taxonomischen Klassifikationsverfahren ergebenden Hierarchisierungen erschaffen und stützen so nicht nur Wissen, sondern strukturieren auch den erschließenden Zugriff auf ‚(Um-)Welt‘: Taxonomische Wissens- sind daher immer auch Machtordnungen – nicht zuletzt, indem sie ausgehend vom ‚Eigenen‘ die polyvalenten Bedeutungsdimensionen des anderen zum ‚Fremden‘ vereindeutigen. 

Das Panel fragt nach literarischen Potenzialen der Taxonomie als Thema, Form wie Verfahrensweise. Insbesondere beim Blick auf Prosa, Lyrik und Theater der Gegenwart fallen ästhetische Operationen und inhaltliche Schwerpunktsetzungen auf, die sich in Anlehnung an Marion Poschmann (2016; Pauly/Poschmann 2021) als poetische Taxonomien diskutieren lassen: Sei es die formale Entlehnung naturwissenschaftlicher Listen, Tabellen und Protokolle in literarischen ‚Kleinen Formen‘ (Callies 2019; Röchter 2019), das Interesse an (para-)historischen naturwissenschaftlichen Feldforschungen (Modick 1984/2021; Stauffer 2018; Kimmerer 2003) oder die Erprobung poetischer Potenziale der Klassifikation von Lebewesen und Materie (Poschmann 2016, 119-122: Moosgarten, ein Ready-Made): Überall lassen sich literarische Spuren eines taxonomischen Naturzugriffs entdecken. Doch erschöpfen sich gegenwärtige literarische Experimente nicht in der affirmierenden Nutzung des taxonomischen Paradigmas. Insofern jeder Taxonomie bereits die Möglichkeit ihrer Auflösung eingeschrieben ist – immer dann, wenn die Distinktionsfähigkeit ihrer Kategorien in Frage steht –, tragen ihre Klassifikationen das Potenzial zum subversiven Spiel mit dem Anspruch auf Eindeutigkeit in sich. Literat*innen als „Taxonom[*innen] des Unbestimmten“ (Poschmann 2016, 132) legen den Gegenstand ihres Schreibens oftmals nicht fest, sondern nutzen die Fähigkeit von Literatur, Mehrdeutigkeit zu inszenieren, zur Erprobung von Welterschließungen, die ohne Eindeutigkeitsanspruch auskommen. Die Auflösung taxonomischer Grenzziehungen geht so weit, dass gegenwärtig selbst grundlegende Distinktionen wie die zwischen Mensch, Tier und Pflanze flüssig werden (Kang 2007/2016; Philippe Quesne: Farm Fatale, UA: 2019).

Wir bitten um Vorschläge für Beiträge (20 Minuten), die gegenwärtigen taxonomischen Themen, Formen und Verfahrensweisen in Literatur und Theater nachgehen oder wissensgeschichtliche Traditionslinien des Verhältnisses zwischen Literatur und Taxonomie konturieren. Theoretisch anschlussfähig erscheinen unter anderem Zugriffe der animal, plant und material studies, die eine literarisch inszenierte Ablösung von anthropozentrischen Klassifizierungen untersuchen, sowie postkoloniale Zugriffe auf (literarische) Wissens- als Herrschaftsordnungen. Die erbetenen Beitragsvorschläge aus den Bereichen der Literatur-, Theater- und Medienwissenschaften sowie aus der schulischen Praxis können u.a. folgenden Fragen nachgehen:

  • Wie wird die Praxis des taxonomisch exakten Benennens und der hierarchischen Subordination von Tieren und Pflanzen literarisch affirmiert, subvertiert oder negiert? Wie werden durch literarische Transgression und das poetische Spiel mit taxonomischen Ordnungen Polyvalenzen erzeugt?
  • Welche poetischen Potenziale hat die Terminologie biologischer Nomenklaturen und wie wird sie in Literatur und Theater der Gegenwart genutzt? Wie werden taxonomische Systeme oder die Figur des*der Taxonom*in in verschiedenen literarischen Gattungen und Formen, z. B. in Science-Fiction, KJL oder im Bilderbuch, inszeniert?
  • Wie und mit welchen Funktionen bedient sich die Gegenwartsliteratur taxonomischer Formen der wissenschaftsgeschichtlichen Aufzeichnungspraxis, wie Schreibweisen des Sammelns (etwa: Liste, Protokoll, Tabelle, Notiz) oder des Ordnens, Kategorisierens und Hierarchisierens (Stammbaum, Netzwerk, Nomenklatur)? In welchem Zusammenhang steht die Inszenierung derartiger Praktiken in der zeitgenössischen Literatur mit dem gegenwärtigen Rückgang der Biodiversität im Zuge des 6. Massenaussterbens?
  • Wie reflektiert und bearbeitet Literatur taxonomische Wissens- als Machtordnungen? Lässt sich ein subversives Anschreiben (Writing Back) gegen die westlich-(post)koloniale Perspektive vieler taxonomischer Klassifikationen ausmachen?
  • Welche ihnen eigenen „Taxonomien“ strukturieren literarische Formen? Welche Ordnungsprinzipien prägen sie, wie werden so poetische Identitäten und Differenzen erzeugt (etwa durch Gattungskonzepte oder die Bildung klanglicher oder sprachbildlicher Paradigmen)?
  • Wie wird das Verhältnis von literarischen und taxonomischen Wissensordnungen metadiskursiv reflektiert und welche poetologischen Bezugnahmen auf das Prinzip der Taxonomie finden sich in der Gegenwartsliteratur und auf dem Theater?

Vorschläge für einen Beitrag, der sich mit solchen und ähnlichen Fragen nach literarischen Taxonomien befasst, erbitten wir in Form eines Abstracts (max. 350 Wörter) gemeinsam mit einem Kurz-CV (in einem einzigen PDF-Dokument) bis zum 15.7.2021. Bitte senden Sie das Dokument an alle drei Panel-Organisator*innen Felix Lempp (felix.lempp@uni-hamburg.de); Antje Schmidt (antje.schmidt@uni-hamburg.de) und Jule Thiemann (jule.thiemann@uni-hamburg.de).

Auswahlbibliografie:
Agamben, Giorgio: Das Offene. Der Mensch und das Tier. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2003 [2002]. // Callies, Carolin: „bewohnbare kästen“. In: Dies.: schatullen & bredoullien. Gedichte. Frankfurt a. M.: Schöffling, 2019, S. 28-29. // Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2003 [1966]. // Haraway, Donna: When Species Meet. Minneapolis: Univ. of Minnesota Press, 2007. // Kimmerer, Robin Wall: Gathering Moss. A Natural and Cultural History of Mosses. Corvallis: Oregon State Univ. Press, 2003. // Kang, Han: Die Vegetarierin. Berlin: Aufbau Verlag, 2016 [2007]. // Kranz, Isabel: „Zur Poetik der Pflanzennamen in der Botanik: Carl von Linné“. In: Poetica 50 (2019), S. 96-118. // Kranz, Isabel: Sprechende Blumen. Ein ABC der Pflanzensprache. Berlin: Matthes & Seitz, 2014. (Reihe Naturkunden Bd. 11) // Modick, Klaus: Moos. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2021 [1984]. // Poschmann, Marion: „Kunst der Unterscheidung. Poetische Taxonomie“. In: Dies.: Mondbetrachtungen in mondloser Nacht. Berlin: Suhrkamp, 2016, S. 113-132. // Poschmann, Marion und Yvonne Pauly: „Unterscheidungskunst. Ein Gespräch über poetische Taxonomien“. In: Sinn und Form 1 (2021), S. 73-85. // Röchter, Franziska: „Artenvielfalt“. In: Das Gedicht 27 (2019): Dichter an die Natur, S. 151. // Stauffer, Verena. Orchis. Wien: Kremayr & Scheriau, 2018. // Toepfer, Georg. „Taxonomie“. In: Ders.: Historisches Wörterbuch der Biologie. Geschichte und Theorie der biologischen Grundbegriffe. Bd. 3: Parasitismus – Zweckmäßigkeit. Stuttgart: Metzler, 2011, S. 469-493.

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

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