CFP: Ressource, Phobotop, Reservoir. Ansätze zu einer Kulturpoetik des Moores. Online-Workshop (10.7.2021)

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Ressource, Phobotop, Reservoir. Ansätze zu einer Kulturpoetik des Moores

Online-Workshop, 11.–12.11.2021 – Joana van de Löcht (Münster), Niels Penke (Siegen).

 

Moor hat Konjunktur. Wiedervernässung und Renaturisierungsprojekte, die Moore wieder in frühere Zustände zurückversetzen sollen, werden motiviert durch den Umweltschutz und die Hoffnung, durch die Wiederherstellung des CO2-Speichers Moor, dem anthropogenen Klimawandel entgegenzuwirken. Zugleich wagte die Literatur in den vergangenen Jahren zahlreiche Moorgänge, sei es im Nature Writing (Robert Macfarlane), im historischen Roman (Norman Ohler) oder im Krimi (Arnaldur Indriðason, Val McDermid, Hannes Nygaard, Felicity Whitmore). Auch in Film und Computerspiel sind Sumpf und Moor ein beliebtes Setting, fordern sie als liminaler, unzivilisierter und teils von devianten Charakteren und Monstern belebter Raum Bewährungsproben, an denen Protagonisten und Protagonistinnen scheitern oder gestärkt in den geordneten Kulturraum zurückkehren.

Mit Beginn des 18. Jahrhunderts wird in Deutschland die Moorfläche im Rahmen von herrschaftlichen Landgewinnungsprojekten (Oderbruch, ab 1747; Urbarmachungsedikt Friedrichs II., 1765), durch Trockenlegung und Flussbegradigungen reduziert. Der Torf als Ressource wird etwa zur gleichen Zeit ökonomisch relevant und ersetzt die durch Rodung während der Kleinen Eiszeit stark dezimierten Baumbestände als Heizmaterial. Nicht zuletzt zielte die Trockenlegung der Moore auf eine Bekämpfung von möglichen Krankheitsherden, der die Idee von Miasmen als schädlichen Dämpfen, die zu Erkrankungen führten, zugrunde lagen.  Es verwundert also nicht, dass das Moor als literarischer Raum im Laufe des 18. Jahrhunderts an Bedeutung gewinnt: Im Zuge der fortschreitenden Moorkolonisierung erweist sich die Natur als widerständig und wird schließlich für die Romantik zum Inbegriff des wilden ungezähmten Raumes, dem man sich nur unter Gefahren aussetzt, der abschreckt und zugleich lockt. Als Sphäre des Übergangs beherbergt das Moor ein Personal, das in der zunehmend eingehegten Zivilisation keinen Platz mehr findet: Wer eintritt, kann Gestalten aus Sagen, Märchen und Albträumen begegnen – dem Teufel, Irrlichtern und Irrwischen, Geistern und anderen Grenzlandbewohnern. Beim Gang durch das Moor wird der Mensch gezwungen, sich einer fremden Ordnung zu unterwerfen, der geplante Weg erweist sich als ungangbar, weshalb es zuweilen in die Irre geht. Durch das Moor wird damit ein klassisches Phobotop konturiert, das in der Literatur immer wieder aufgerufen wird, um eine Angst zu erzeugen, die, wie bei Annette von Droste-Hülshoff, auch faszinieren und anziehen kann.  Die Ressource des Fortschritts und das ungezähmte Phobotop sind folglich zwei Seiten derselben Wahrnehmung. 

Das Moor bildet nicht zuletzt ein eigenes Zeitregime aus; als Produkt einer (extrem langsamen) Dynamik lässt es sich als Chronotopos im Sinne Bachtins begreifen. Durch die Sedimentierung wachsen Moore über Jahrtausende und präsentieren sich demjenigen, der sie zu lesen weiß als idiosynkratisches Archiv (Jan Wagner) – in den Schichten bilden sich sowohl die planetare Tiefenzeit als auch vergangene kulturgeschichtliche Epochen (Gräber, Moorleichen) ab.

Ziel des geplanten Workshops ist es, den hier nur angeschnittenen Dimensionen (Ressource, Phobotop, Reservoir) des literarischen Raums Moor nachzugehen. Wir freuen uns über Vorschläge zu konkreten Fallstudien unterschiedlicher Epochen, ebenso wie über konzeptionelle Studien, die sich der ‚Poetik‘ des Moores annehmen. Komparatistische Ansätze sind daher sehr willkommen. Da die Situation im kommenden Herbst noch nicht absehbar ist, planen wir den Workshop als Online-Veranstaltung. Vorgesehen sind Slots für 20-minütige Vorträge mit anschließender Diskussion. Eine Veröffentlichung der Beiträge ist geplant. Bitte senden Sie Ihre Abstracts bis zum 10. Juli 2021 an penke@germanistik.uni-siegen.de und an van.de.loecht@uni-muenster.de.

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu