CFP: Convivium. Thematischer Schwerpunkt 2022: Gender revisted – #Krise (31.12.2021)

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Die mit Covid-19 einhergehenden gesellschaftlichen Einschnitte verschärfen neben zahlreichen sozialen Unterschieden gerade auch das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Schon die seit März 2020 in vielen Haushalten erforderliche Neuorganisation von Leben und Arbeit belastet insbesondere Frauen, die etwa im Homeoffice gleichzeitig Kinder betreuen (vgl. Kohlrausch / Zucco 2020). Unter Isolationsbedingungen erweisen sich Privathaushalte und Familien als multifunktionale Versorgungsorte, was eine Rückkehr in traditionelle geschlechterhierarchische Strukturen befördert und das Potential von (sexueller) Gewalt erhöht. Mit dem Fokus auf Familien verschwinden zugleich Lebensformen und -konzepte von Menschen jenseits der heterosexuellen Norm (LGBTQ) aus der öffentlichen Debatte, wobei vor allem trans* oder nicht-binäre Personen marginalisiert werden. Zudem zählen zu den seither als systemrelevant bezeichneten Berufen elementare Sektoren in Dienstleistung, Pflege und Kinderbetreuung, die gering entlohnt (vgl. Merkel 2021), oft prekär sind und sich durch eine weibliche Mehrheit von Beschäftigten auszeichnen (vgl. Hammerschmid / Schmieder / Wrohlich 2020).

In der monatelangen häuslichen Isolation werden nationale wie globale Gleichstellungserfolge ausgebremst, wenn sich nicht nur in afrikanischen Ländern das eigene Zuhause als gefährlicher Ort erweist, Bildung und das Wahrnehmen von Rechten ausbleiben. Zu einer Gefährdung von Gleichstellung kommt es auch im kulturellen und wissenschaftlichen Bereich aufgrund von ungleicher Belastung durch Erwerbsarbeit und Fürsorge, was überwiegend Frauen, teils auch Männer betrifft (Netz / Rusconi / Solga 2020). Andererseits bringt die Pandemie teils auch positive Folgen mit sich, so kommen seit der Covid 19-Pandemie zuvor öffentlich weitgehend unbekannte weibliche Führungskräfte und Expert*innen zu Wort, die gerade die Gefährdung von Gleichstellung und Diversität sowie neue Formen von Antifeminismus thematisieren.

Im Homeoffice erleben digitale Formate wie Corona-Tagebücher in textueller, aber auch zeichnerischer oder filmischer Form (vgl. etwa Literaturhaus Graz 2000, Internationaler Comic-Salon 2020f., 3sat 2020), die teils ebenfalls Veränderungen in der Gleichstellung fokussieren, eine Blüte. Derartige für den Kultur- und erst recht für den Literaturbetrieb spontane Krisenreflexionen, die im Internet zu finden sind, bieten ein reichhaltiges Material, das sich synchron, aber zwischenzeitlich auch diachron betrachten lässt. Exemplarisch seien die in der ersten Quarantäne entstandenen Texte zur Wiener Stimmung, initiiert vom Burgtheater (2020), sowie die Performance Moje Ciało, Mój Wybór [Mein Körper, Meine Wahl] (Sadowski / Baasch 2020) im Rahmen des polnischen Frauenstreiks oder Borkowskas (2020) von Elfriede Jelineks Text inspirierte Installation Cienie. Eurydyka mówi [Schatten. Eurydike sagt] genannt. Dass Genderkonstellationen zunehmend auf der Bühne – und zwar nicht nur im Sprechtheater – ausgehandelt werden (vgl. Lehmann / Rost / Simon 2019), wird durch die deutliche Zunahme digitaler Formate noch verstärkt. Ohnehin hat die anhaltende Digitalisierung mit einem deutlichen Fokus auf das Visuelle den Genderdiskurs neu akzentuiert (vgl. Kohout 2019). Ebenso können aktuelle Neuerscheinungen im Bereich von Literatur, Comic sowie Premieren von Videoclips, Filmen, Theateraufführungen etc. angesichts gegenwärtiger Genderdimensionen untersucht werden (vgl. Bergmann / Eder / Gradinari 2010). Als aufschlussreich können sich auch Retrospektiven auf Genderkonstellationen in ähnlichen Krisen-Situationen wie im Krieg (vgl. Voß 2016, Szczepaniak 2011) oder unter politischen Restriktionen erweisen. Ähnliches gilt für komparatistische Betrachtungen in nationaler oder kultureller Hinsicht.

Leitfragen wären beispielsweise: Wo und wann lassen sich Re-Traditionalisierungen ausmachen? Wie und warum werden Veränderungen in den Geschlechterkonstellationen oder auch Geschlechterexperimente durchgespielt? Inwiefern spiegelt die Fiktion die jeweilige (krisenhafte) Lebensrealität wider? Unter welchen Umständen und wie werden Narrative von Männlichkeit, Weiblichkeit, LGBTQ stabilisiert bzw. dekonstruiert? Inwieweit tragen Krisen zur Ver(un)sicherung sozial, kulturell und politisch geprägter Geschlechterverhältnisse bei?

Es liegt auf der Hand, dass die Covid 19-Pandemie weitreichende soziale Folgen hat. Wirken sie sich auf unsere Kommunikation aus? Welche Auswirkungen hat die pandemische Lebensrealität auf das sprachliche und diskursive Verhalten von Frauen und Männern? Inwieweit hat die Corona-Krise die sprachliche Sichtbarkeit von Frauen verändert? Auf welche Weise prägt die Corona-Krise sprachlich die öffentliche Debatte über die Gleichstellung von Frau und Mann?

Wir wollen auch zur weiteren Diskussion über die geschlechtergerechte Sprache einladen – einem Thema, an dem sich nach wie vor die Geister scheiden (vgl. Braun / Oelkers / Rogalski / Boska / Szczesny 2007, Diewald 2018, Diewald / Steinhauer 2019, Nübling 2018, Ott 2017). Willkommen sind Beiträge, die sich einerseits generell mit der Frage „Wie ‚gender‘ darf die Sprache werden?“, andererseits mit einzelnen Aspekten und Phänomenen der geschlechtergeregelten Sprache, auch in kontrastiver Perspektive, auseinandersetzen.

 

Literatur

Baasch / Sadowski, Oksar (2020): Moje Ciało, Mój Wybór (Mein Körper, Meine Wahl). https://www.youtube.com/watch?v=RmPlu231KjM (17.03.2021).

Bergmann, Franziska / Eder, Antonia / Gradinari, Irina (eds.) (2010): Geschlechter-Szene. Repräsentation von Gender in Literatur, Film, Performance und Theater. Freiburg.

Borkowska, Katarzyna (2020): Cienie. Eurydyka mówi. https://www.teatrslaski.art.pl/strefawidza/wydarzenie/839 (17.03.2021).

Braun, Friederike / Oelkers, Susanne / Rogalski, Karin / Boska, Janine / Szczesny, Sabine (2007): „Aus Gründen der Verständlichkeit …“: Der Einfluss generisch maskuliner und alternativer Personenbezeichnungen auf die kognitive Verarbeitung von Texten. In: Psychologische Rundschau 58:183–189.

Burgtheater (2020): Wiener Stimmung. https://www.burgtheater.at/wiener-stimmung (17.03.2021).

Diewald, Gabriele (2018): Zur Diskussion: Geschlechtergerechte Sprache als Thema der germanistischen Linguistik– exemplarisch exerziert am Streit um das sogenannte generische Maskulinum. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik 46/2:283-299.

Diewald, Gabriele / Steinhauer, Anja (2019):  Gendern – ganz einfach! Berlin.

Hammerschmid, Anna / Schmieder, Julia / Wrohlich, Katharina (2020): Frauen in Corona-Krise stärker am Arbeitsmarkt betroffen als Männer. In: DIW aktuell, Nr. 42, S. 1-7.

Internationaler Comic-Salon (2020f.): Zeich(n)en aus dem Homeoffice. https://www.comic-salon.de/de/zeichnen-aus-dem-homeoffice (17.03.2021).

Kohlrausch, Bettina / Zucco, Aline (2020): DIE CORONA-KRISE TRIFFT FRAUEN DOPPELT. Weniger Erwerbseinkommen und mehr Sorgearbeit. In: Policy Brief WSI, Nr. 40, S. 1-5.

Kohout, Annekathrin (2019): Netzfeminismus. Strategien weiblicher Bildpolitik. Berlin.

Lehmann, Irene / Rost, Katharina / Reiner Simon (eds.) (2019): Staging Gender. Reflexionen aus Theorie und Praxis der performativen Künste. Bielefeld.

Literaturhaus Graz (2020): Die Corona-Tagebücher. http://www.literaturhaus-graz.at/die-corona-tagebuecher/ (17.03.2021).

Merkel, Angela (2021): Frauen müssen endlich so viel verdienen können wie Männer. In: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Nr. 68 v. 06. März 2021. Video-Podcast: https://www.bundeskanzlerin.de/bkin-de/aktuelles/kanzlerin-merkel-frauen-muessen-endlich-so-viel-verdienen-koennen-wie-maenner--1873238 (17.03.2021).

Netz Nicolai / Rusconi Alessandra / Solga, Heike (2020): Publizieren im Lockdown. Erfahrungen von Professorinnen und Professoren. In: WZB Mitteilungen, Heft 170, S. 24-26.

Nübling, Damaris (2018): Und ob das Genus mit dem Sexus. Genus verweist nicht nur auf Geschlecht, sondern auch auf die Geschlechterordnung. In: Sprachreport 34:44-50.

Ott, Christine (2017): Sprachlich vermittelte Geschlechterkonzepte. Eine diskurslinguistische Untersuchung von Schulbüchern der Wilhelminischen Kaiserzeit bis zur Gegenwart. Berlin, Boston.

Szczepaniak, Monika (2011): Militärische Männlichkeiten in Deutschland und Österreich im Umfeld des Großen Krieges. Konstruktionen und Dekonstruktionen. Würzburg.

Voß, Torsten (2016): Körper, Uniformen und Offiziere. Soldatische Männlichkeiten in der Literatur von Grimmelshausen und J.M.R. Lenz bis Ernst Jünger und Hermann Broch. Bielefeld.

3sat (2020): Philosophisches Corona-Tagebuch. https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/corona-tagebuch-reihe-lang-100.html  (17.03.2021).

 

Wir freuen uns auf Ihre Beiträge, die Sie bis zum 31. Dezember 2021 an die folgenden Adressen schicken können: 

linguistische Beiträge:

Beata Mikołajczyk - beatamik@amu.edu.pl

literatur- und kulturwissenschaftliche Beiträge:

Gudrun Heidemann - gudrun.heidemann@uni.lodz.pl

Website von Conviviumhttps://czasopisma.uni.lodz.pl/conv/index

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu