CFP: "Wir haben vergessen zurückzukehren." Gastarbeiter*innen im Zeitalter der Postmigration (23.7.2021)

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CFP: Anthologie zum Thema: 

„Wir haben vergessen zurückzukehren." Gastarbeiter*innen im Zeitalter der Postmigration

An Gleis 11 im Münchner Hauptbahnhof würdigt eine Gedenktafel der Künstlerin Gülcan Turna die Ankunft türkischer Gastarbeiter*innen in der Bundesrepublik in den sechziger Jahren. Sie alle waren an dem Wiederaufbau Deutschlands und dem Wirtschaftswunder beteiligt. Die Installation aus dem Jahr 2011 feiert das 50. Jubiläum des Anwerbeabkommens zwischen den zwei Ländern, das 1961 unterzeichnet wurde und den vorübergehenden Aufenthalt ausländischer Arbeiter*innen regeln sollte. Der Bahnhof steht als Eingangstor und Sammelpunkt, aber auch als Ort des Wartens, des Abschieds oder der Rückkehr, die in den siebziger Jahren mit Prämien belohnt und von vielen Migrant*innen der ersten Stunde in Betracht gezogen wurde.

Die Ehrentafel steht exemplarisch für die Rolle, die Kunst im öffentlichen Raum bei Erinnerungsprozessen zukommt. Die Geschichte der Gastarbeiter*innen sowie die Literatur und Kunst von ihnen und über sie führen ein Schattendasein, wobei ihren künstlerischen Ausdrucksformen eine grundlegende Funktion als kulturelles Gedächtnis der Gastarbeit und der Geschichte der Migration zukommt. Dies möchte der geplante Sammelband zum Ausgangspunkt nehmen und setzt sich zum Ziel, die literarische, filmische und künstlerische Szene von und über Gastarbeiter*innen aus postmigrantischer Perspektive zu überdenken und dabei neue Themen und Aspekte zu beleuchten. Postmigration, wie Hill und Yildiz die mehrfache Bedeutung des Begriffs herausgearbeitet haben, bedeutet auch, „die Geschichte der Migration neu zu erzählen und das gesamte Feld radikal neu zu denken und zwar jenseits des hegemonialen Diskurses.“ (Hill, Yildiz 2014: 11) Darüber hinaus stellt sich umgekehrt auch die Frage, welche Erkenntnisse, welche politischen, kulturellen und ästhetischen Einblicke die Re-Lektüre der Literatur und Kunst von Gastarbeiter*innen in die Postmigration gewähren kann. Der Titel dieses Exposés zitiert Fatih Akins gleichnamigen Film (2001), der in der Reihe von semi-dokumentarischen Spiel- und Fernsehfilmen Denk ich an Deutschland… ausgestrahlt wurde. Aus dem Blickwinkel der Kinder erzählt der Regisseur die Geschichte der Elterngeneration, die in Deutschland geblieben ist, verfolgt aber auch ausgewanderte Familienmitglieder in die Türkei zurück und verzeichnet ihre Vergangenheit als Teil der deutschen Geschichte. Ähnlich geht Asal Dardan in ihrer Essaysammlung Betrachtungen einer Barbarin (2021) den Spuren von zurückgekehrten Gastarbeiter*innen in Italien nach und sinniert dabei über das Leben dieser Generation in Deutschland oder das Erbe und die Erinnerungen, die sie bei der Rückkehr mitgenommen haben. Das bidirektionale kulturelle Gedächtnis lässt weder Zentrum noch Peripherie festlegen und öffnet den Raum für verzahnte Geschichten und gegenseitige Abhängigkeiten. Der Sammelband möchte daher Beiträge integrieren, die kulturellem Schaffen von zurückgekehrten Gastarbeiter*innen auf den Grund gehen oder die Resonanz von in Deutschland lebenden Autor*innen im Ausland nachzeichnen. Diese Lektüren öffnen eine Chance für deutsches Gedenken und Erinnerungsarbeit, die global sind.

Der Fokus auf Literatur und Kunst von Gastarbeiter*innen beinhaltet zwangsläufig Fragen der Intersektionalität, die die Erfahrung von Klassismus, Rassismus und Sexismus verschränken. Anlässlich des 80. Geburtstags von Aras Ören sprach man z.B. von „Klassenkampfliteratur“ (Bulucz 2020). Weitere Beispiele aus der Literatur- und Performance-Szene beinhalten Erzählungen über Fabrikarbeiterinnen (Özdamar 1993 und 1998) oder wenden sich Aufführungen von Ensembles zu, etwa Die Bodenkosmetikerinnen (gegründet 1992 als das erste ausländische Frauenkabarett in Deutschland) oder dem Kölner Putzfrauen-Kabarett, das seit 1993 besteht (vgl. Boran 2004 und El Hissy 2012).

Ensembles und Künstler*innengruppen bringen Fragen über Bündnisse und Solidarität unter marginalisierten Gruppen ins Spiel. Die Gründungsschrift der „Gastarbeiterliteratur“ selbst ist als Schreib-Allianz entstanden. Im Jahr 1981 veröffentlichen Franco Biondi und Rafik Schami unter Mitarbeit von Jusuf Naoum und Suleman Taufiq unter dem Titel „Literatur der Betroffenheit“ einen Text über das Schreiben als nicht-deutsche Autoren und eignen sich die ihnen auferlegte Bezeichnung ihres Schreibens als „Gastarbeiterliteratur“ bewusst an (Biondi, Schami 1981: Fußnote 1). In ihrem Text stellen die Autoren ästhetische Merkmale ihrer Literatur dar, etwa neue Formen, Themen und Inhalte, und kritisieren ihre Abhängigkeit von legitimierenden Herausgeberschaften sowie die „Meinungsmacher“ auf dem Buchmarkt, die ihre Literatur marginalisieren (130). Die multiple Autorschaft sprengt die Definition von „Gastarbeiterliteratur“ auf, kamen doch die drei arabischen Verfasser nicht als Gastarbeiter nach Deutschland. Als Schreibgemeinschaft jenseits von nationalen Zugehörigkeiten wäre „Gastarbeiterliteratur“ selber ein Ausdruck solidarischen schriftstellerischen Schaffens. Der Sammelband schließt an diese produktionsästhetischen und konzeptionellen Fragen an und untersucht Bezüge, Ähnlichkeiten und Differenzen zu kollaborativen postmigrantischen Werken und Schriften, etwa Sharon Dodua Otoos Buch Synchronicity (2014), in dem sich Illustrationen der Künstlerin Sita Ngoumou finden.

Schließlich möchte die Aufsatzsammlung die Gastarbeit, die auf den Holocaust, das Ende des Nazi-Regimes und des Zweiten Weltkriegs folgte, stärker in diesen historischen Kontext einbetten und danach fragen, wie dieser historische Rahmen sich mit den aktuellen Debatten über die deutsche Erinnerungskultur und das multidirektionale Erinnern (Rothberg) denken lässt. Wie hängt der Alltagsrassismus, über den Migrant*innen, etwa Osman Engin, seit ihrer Einwanderung schrieben, mit der deutschen Vergangenheitsbewältigung zusammen, die anlässlich der Übersetzung von Rothbergs Buch ins Deutsche erneut in Kritik geraten ist? Nicht zuletzt ist der Bezeichnung als „Gastarbeiter*in“ eine Geschichte über Antisemitismus und den Ausschluss von Jüdinnen*Juden eingeschrieben. Der Begriff des „Gastvolks“ und seine antisemitischen Konnotationen geht bis auf Luther zurück und findet in der Gegenüberstellung vom deutschen „Wirts-“ versus dem jüdischen „Gastvolk“ eine Zuspitzung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird dieser wiederbelebt (vgl. Treitschke und den Berliner Antisemitismusstreit) und findet unter dem nationalsozialistischen Regime weite Verbreitung. Daran anschließend wird zu fragen sein, ob und wie sich Lektüren von aktueller postmigrantischer Literatur und Kunst nach dem NSU und Hanau (z.B. Akin, Bazyar, Dardan, Sanyal) mit dem Schreiben von Gastarbeiter*innen über Solingen zusammendenken lassen (vgl. hierzu Yeşilada 2012).

 

An diese Aspekte anschließend werden Beiträge gesucht, die sich der Analyse literarischer, filmischer und anderer künstlerischer Werke sowohl von als auch über Gastarbeiter*innen widmen und diese unter Berücksichtigung verschiedener Erkenntnisse, etwa aus den Sozialwissenschaften, der Aging, Gender oder Memory Studies, beleuchten.

 

Die Anthologie erscheint aller Voraussicht nach bei transcipt. Die Aufnahme in die Reihe „Postmigrantische Studien“ wird derzeit mit den Herausgebern der Reihe geplant.

Abstracts im Umfang von maximal 500 Wörtern werden bis zum 23.7.2021 erbeten an: Maha El Hissy: m.elhissy@qmul.ac.uk. Die fertigen Beiträge im Umfang von ca. 6000 Wörtern werden bis zum 15.2.2022 fällig.

 

Zitierte Literatur:

Akin, Fatih: Aus dem Nichts. Bombero International et al. 2017.

Akin, Fatih: "Wir haben vergessen zurückzukehren." Denk ich an Deutschland, hier auf: https://www.youtube.com/watch?v=TVd5ZhJGMQI

Bazyar, Shida: Drei Kameradinnen. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2021.

Biondi, Franco und Rafik Schami: Literatur der Betroffenheit. Bemerkungen zur Gastarbeiterliteratur, in: Christian Schaffernicht (Hg.): Zu Hause in der Fremde. Ein bundesdeutsches Ausländer-Lesebuch. Fischerhude: Verlag Atelier im Bauernhaus 1981, S. 124-136.

Bulucz, Alexandru: Der Fremde. Gastarbeiter. Zu Aras Örens 80. Geburtstag erscheint seine "Berliner Trilogie" erstmals in einem Band. Gern folgt man ihm durch Kreuzberg, in: Der Freitag. Die Wochenzeitung (02/2020), hier aus: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-fremde-2.

Dardan, Asal: Betrachtungen einer Barbarin. Hamburg: Hoffmann und Campe 2021.

El Hissy, Maha: Getürkte Türken. Karnevaleske Stilmittel im Theater, Kino und Kabarett deutsch-türkischer Künstlerinnen und Künstler. Bielefeld: transcript 2012.

Hill, Marc und Erol Yildiz: Nach der Migration. Postmigrantische Perspektiven jenseits der Parallelgesellschaft. Bielefeld: transcript 2014.

Engin, Osman: Kanaken-Gandhi, Berlin: Elefanten-Press 1998.

Otoo, Sharon Dodua: Synchronicity. Novella. Illustrated by Sita Ngoumou. Übersetzt von Mirjam Nuenning. Münster: Edition Assemblage 2014.

Özdamar, Emine Sevgi: Die Brücke vom Goldenen Horn, Köln: Kiepenheuer 1998.

Özdamar, Emine Sevgi: »Karriere einer Putzfrau«, in: Dies.: Mutterzunge 1993, S. 102-118.

Rothberg, Michael: Multidirectional Memory. Remembering the Holocaust in the Age of Decolonization. Stanford: Stanford University Press 2009.

Sanyal, Mithu: Identitti. München: Carl Hanser 2021.

Treitschke, Heinrich von: Unsere Aussichten. In: Preußische Jahrbücher. Band 44, 1879, S. 559-576.

Yeşilada, Karin E.: Poesie post Solingen: Literarisches Gedächtnis in der türkisch-deutschen Lyrik. In: Meyer, Christine (Hrsg.) Kosmopolitische 'Germanophie': Postnationale Perspektiven in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Saarbrücker Beiträge 59. Würzburg: Königshausen & Neumann 2012, S. 369-396.

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

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