CFP: „Der Tote im Pool erzählt seine Geschichte.“ Benjamin von Stuckrad-Barres Panikherz als Gesamtkunstwerk, Osnabrück (31.07.2021)

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Call for Papers

„Der Tote im Pool erzählt seine Geschichte.“

Benjamin von Stuckrad-Barres Panikherz als Gesamtkunstwerk

 

Tagung am Institut für Germanistik der Universität Osnabrück

Organisiert von Lisa Czolbe, Jasmin Plewka und Kai Bremer

Termin: 13.07. bis 15.07.2022

 

Benjamin von Stuckrad-Barres Panikherz war im Jahr 2016 nicht nur aufgrund seines Verkaufserfolges eins der großen literarischen Ereignisse. Vielmehr hatte dieser große Erfolg viele Facetten, weil er eine komplexe Vorgeschichte hat: Stuckrad-Barre war in den 1990er und frühen 2000er Jahren eine zentrale Gestalt der deutschen Popliteratur. Neben seinem Erfolgsroman Soloalbum (1998) trat er vor allem als Essayist, Kolumnist und Kritiker für Zeitschriften und Zeitungen in Erscheinung. Diese Artikel erschienen später gesammelt zudem in verschiedenen Buchpublikationen. Außerdem war er als Fernseh- und Radiomoderator tätig und populärer Talkshow-Gast. Nicht zuletzt durch seine Drogen- und Alkoholprobleme sowie durch Essstörungen, die auf unterschiedliche Weise publik wurden, geriet der Autor zunehmend in Verruf. Mit Panikherz legte Stuckrad-Barre eine literarisch facettenreiche Auseinandersetzung mit seiner eigenen Biographie vor. Panikherz wurde deswegen als ein bemerkenswertes literarisches Comeback wahrgenommen, das den Nimbus des Autors als Grenzgänger zwischen Literatur und Popbusiness nicht nur bestätigte, sondern auch zeigte, dass er in der Lage ist, aus dem eigenen Leben ein faszinierendes Stück Gegenwartsliteratur zu generieren. Das zeigt sich beispielsweise an dem Umstand, dass Panikherz das Grenzgängertum des empirischen Autors literarisch reflektiert, indem das Verhältnis von „Dichtung und Wahrheit“, also das klassische Spannungsverhältnis autobiographischen Schreibens schlechthin, beständig aufgeworfen wird. Dass zwischen ihnen permanent artifiziell changiert wird, reflektiert der Text seinerseits an markanten Stellen, wie beispielsweise der Satz aus dem Schlusskapitel zeigt, der der Tagung den Titel gibt: „Der Tote im Pool erzählt seine Geschichte.“

Dieser „Tote“ präsentiert seiner Leserschaft einen Remix bzw. ein Mixtape aus Höhenflügen und tiefen Abstürzen: Der zentrale Ort seiner Eskapaden ist das als Sehnsuchts- und Zufluchtsort stilisierte Hamburg. Im Rausch der Nacht zelebriert das ‚Ich‘ hier das Leben, stürzt in Identitätskrisen und durchlebt verschiedene Suchterkrankungen, mit denen es einen ganz eigentümlichen Umgang pflegt. Bemerkenswert, wenn nicht gar problematisch, ist auch die Darstellung von Frauen in Panikherz, denen der Autor in seiner Autobiographie insgesamt wenig Raum gibt. Vergleichsweise große Bedeutung weist das ‚Ich' der Popkultur zu; Udo Lindenbergs Musik fungiert dabei als Eintrittskarte in die Welt des Pop. Lindenberg ist zugleich Freund und Wegbegleiter nicht nur innerhalb der Handlung, sondern auch des empirischen Autors bis heute. Das ‚Ich‘ in Panikherz schildert früh die unzeitgemäße Begeisterung für Lindenbergs Songs, Momente ersten Kennenlernens und die allmählich entstehende Freundschaft, von der in Panikherz das ‚Ich‘ entschieden profitiert. Dieser Eindruck korrespondiert mit dem Eindruck, den der empirische Autor Stuckrad-Barre und die deutsche Rock-Ikone Lindenberg in der Öffentlichkeit zeichnen. Sie befördern inzwischen gegenseitig ihren Erfolg, indem sie bei Veranstaltungen des anderen auftreten und ihre Freundschaft bekennen, wodurch sie ihre Popularität steigern und füreinander werben.

Doch ist das Verhältnis zu Udo Lindenberg nur das markanteste Beispiel dafür, wie Panikherz in der literarischen, aber auch in der übrigen popkulturell interessierten Öffentlichkeit eingeschrieben und inszeniert wurde. Das mediale Spektrum, in das Panikherz eingebettet war, zeugt von einer ausdifferenzierten Medienstrategie, die vielfältig auf Resonanz gestoßen ist und durch andere Künstler verstärkt wurde. So inszenierte Stuckrad-Barre seine Lesungen selbst nicht nur und begleitete sie umfassend über seinen Instagram-Account. Seine Lesungen wurden zu Ereignissen, die die Grenze zwischen konventionellen Schriftstellerlesungen und Popkonzerten bewusst unterliefen, wenn etwa Lindenberg selbst oder Clueso im Verlauf der Lesungen auftraten. Das gilt ebenso für Theaterinszenierungen von Panikherz, die nicht nur an verschiedenen renommierten Theatern stattfanden, sondern ebenfalls durch den Besuch des Autors, teilweise sogar auch von Besuchen Lindenbergs zu Events wurden, was wiederum mittels Instagram dokumentiert und inszeniert wurde. Deswegen kann Panikherz als ein popliterarisches Gesamtkunstwerk begriffen werden.

Angesichts dessen verwundert es nicht, dass schon kurz nach Erscheinen der Autobiographie erste kritisch-analytische Auseinandersetzungen damit publiziert wurden. Grundlegend und in seiner Vielschichtigkeit ist Panikherz bisher nicht untersucht, was durch die hiermit anzuzeigende Tagung im Sommer 2022 geleistet werden soll. Schwerpunkte der Tagung sollen sowohl die Analyse von Panikherz auf textueller Ebene als auch die Untersuchung der Autobiographie in seiner literarischen, medialen und sozialen Komplexität als popliterarisches Gesamtkunstwerk sein. Erbeten werden daher Beiträge, die sich einerseits der Erschließung der Autobiographie widmen und andererseits den Versuch unternehmen, Panikherz zu kontextualisieren. Denkbar sind zum Beispiel Paper zu den oben skizzierten Teilphänomenen: Sucht- und Rauscherfahrungen des ‚Ichs‘; Hamburg als Zufluchts- und Sehnsuchtsort; Darstellung von Frauenfiguren; Panikherz in Zusammenhang mit Stuckrad-Barres übriger Publizistik sowie im Kontext von Popliteratur und autobiographischem Schrifttum; die vielfältigen medialen Inszenierungen des Autors und seines Buches; sein Verhältnis zu Udo Lindenberg und anderen populären Persönlichkeiten.

Geplant ist eine Tagung, die am Donnerstag, den 13.07.2022, mit einem Abendvortrag eröffnet und vom 14.07. bis zum 15.07.2022 fortgesetzt wird. Eine Publikation der Beiträge ist geplant. Wir erbitten Vorschläge für Vorträge mit einem Abstract von ca. 200 Wörtern bis zum 31.07.2021 an Lisa Czolbe: lisa.czolbe@uni-osnabrueck.de

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu