CFP: Schreib- und Übersetzungsprozesse zur extremen Gewalt nach 1945, Paris (15.7.2021)

Aleksandra  Lévy-Lendzinska's picture

 

Internationale Tagung – Université Paris-Est Créteil, 3./4. Dezember 2021

Durch die Tagung sollen feststehende Begrifflichkeiten und Positionen bei der Übersetzung von extremer Gewalt nach 1945 (Völkermord, Massaker, Bürgerkriege, koloniale Herrschafts­­übergiffe usw.) als ein grenzüberschreitendes Erlebnis hinterfragt werden.  Vor allem in Hinblick auf traumatische genera­tions­übergereifende Erfahrungen (Marianne Hirsch), die oft als unübersetzbar gelten, soll trotz allem (Georges Didi-Huberman) der Versuch unter­nommen werden, das Unsagbare in Texten über extreme Gewalterfahrungen auszu­loten. Der aktuelle Streit zu Amanda-Gorman-Übersetzungen veranschaulicht auch Probleme der Übersetz­barkeit von Erfahrungen für einen „Fremden“, der weit von den historischen Ereignissen entfernt ist, der Zeitlichkeit von Übersetzung, verweist aber auch auf Probleme von Identität und Kultur im Über­setzungs­prozess hin.

Welchen Einfluss hat die Barbarei nach 1945 auf die Übersetzung von Erfahrung und ihre Erzählweise? Oft überarbeiten die Zeitzeugen ihre Erfahrungen ein Leben lang. Die extreme Erfahrung wird so zum Lebensprojekt, indem das Erlebte immer wieder aufgegriffen, umformuliert und so erneut aufgearbeitet wird. Die Erinnerungsarbeit unterliegt folglich Über­setzungsprozessen, die sich über mehrere Gattungen (Autobio­grafien, Romane, Gedichte, Erzählungen, Reise­berichte, Drehbücher, Fiktionen usw.) und Zeiten ziehen können und oft auch mit unterschiedlichen Schreibbedürfnissen verbunden sind. So schildern Zeugen direkt oder kurz nach der traumatischen Erfahrung, dass sie geschrieben haben, um zu überleben, später um zu überliefern und schließlich auch, um endlich zu leben.

Wie positionieren sich einerseits ein Übersetzer, andererseits aber auch ein schreibender Zeuge in Bezug auf extreme Erfahrungen und die der Abwesenden? Wo liegen die Grenzen der Übersetzung von Erfahrung zwischen Interpretation, Schaffensprozess, Transformation oder Adaption? Ist der Schreibende in erster Linie ein Schriftsteller, ein Zeuge oder ein Übersetzer persönlicher Erfahrungen, oder verschwindet er hinter einer dritten Stimme? Wie konstituiert sich die narrative Identität eines Schriftsteller-Zeugen?

Da die Übersetzung extremer Erfahrung sich wohl keinem eindeutigen Literaturkanon (Lagerliteratur, Shoahliteratur, Exilliteratur, postkoloniale Literatur) unterordnen lässt, sondern im Fokus transme­dialer, transhistorischer transkul­tureller Diskurse steht, spielen umso mehr geistige Faktoren, wie die Wiederkehr der traumatischen Erfahrungen in Bezug auf die Zeit, aber auch die Sinneswahr­nehmungen (Ton, Bild, Geruch) eine wichtige Rolle. Wobei an dieser Stelle zu Fragen wäre, welche Funktion die Einbildungskraft vor allem bei traumatischen Erfahrungen im Übersetzungsprozess historischer Erlebnisse hat und welchen Einfluss diese Brüche auf die Struktur des Textes und des Gesamtwerkes ausüben.

Opfer einer Lagererfahrung wurden oft in ein anderes Land oder in mehrere Länder deportiert. Ihre Texte liegen in zwei oder mehrsprachigen Übersetzungen vor, indem das politische Macht­verhältnis von Dominierten und Dominanten sehr deutlich wird. Dahin­gehend sind Überlegungen zum Politischen im Übersetzungsverfahren besonders willkom­men. Sie werfen ein weites Feld von Fragen auf über die Herrschaftsverhältnisse, über die Art und Weise, wie das Politische sich in der Übersetzung von extremer Gewalterfahrung als verletzter Textkörper verhält, aber auch das Zeit- und Ortsverständnis während der Übersetzung beeinflusst.

Die Zeugen erzählen von extremen Erfahrungen in einem fremden Land in ihrer Mutter­sprache, aber nicht selten sind auch Beispiele zu finden, in denen sie sich entscheiden, weder in der Sprache des fremden Landes noch in der eigenen Muttersprache, sondern in der Sprache des Gastlandes zu schreiben. So sind übersetzte Erinnerungen in verschiedenen Sprachen nicht selten, die auf eine fehlende Zugehörigkeit verweisen oder eine Stellung am Rande einnehmen. Auf der Suche nach einem herrschaftslosen Ort, einer „besitzlosen Landschaft“, in der die Übersetzung zum „dritten“ Ort (Homi Bhabha) als Ort des Schaffens und zum gewandten Umgang mit den Unterschieden wird. In diesem Sinne wäre zu fragen, inwieweit sich aus den Übersetzungen neue Strömungen entwickeln, die über europäische Erfahrungen hinaus gehen, sich mit extremen Erfahrungen aus den ehemaligen Kolonien kreuzen oder verweben und in einen universellen Interpretationsrahmen für Narrative über extreme Gewalt münden, die am kulturellen und europäischen, ja sogar universelle Erinnerungserbe aktiv teilnehmen.

 

Veranstalter:

Prof. Dr. Daniel Meyer, Universität Paris Est Créteil – IMAGER
Dr. Aleksandra Lendzinska, Universität Paris Est Créteil – IMAGER

Prof. adj. Myrna Insua, Universität IUNMA (Argentinien) / Universität Paris Est Créteil – IMAGER / USAL

 

Wissenschatlicher Beirat:

  • Prof. Dr. Florence Baillet (Universität Sorbonne Nouvelle Paris III) 
  • Prof. Adj. Myrna Insua
  • Dr. Aleksandra Lendzinska
  • Prof. Adj. Michel Mallet (Universität Moncton)
  • Prof. Dr. Daniel Meyer
  • Prof. Dr. Francisca Noguerol Jimenez (Universität Salamanca)

 


Konferenzsprachen sind Deutsch, Französisch, Spanisch und Englisch.

Eine Reisekostenunterstützung ist ggf. vorgesehen, sowie die Veröffentlichung der überar­beiteten Vorträge in einem Sammelband. Die Tagung wird am 3. und 4. Dezember an der Universität Paris-Est Créteil stattfinden.

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Veranstalter.

Exposés im Umfang von ca. 1.500 Zeichen Umfang mit kurzen Angaben zu Ihrer Person bitte
bis zum 15. Juli 2021 an:    traduirelexperience@gmail.com

 

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu