TAGB: »Alltag! Literaturgeschichte eines Theoriereservoirs seit dem 18. Jahrhundert«, Bonn (06.05. – 08.05.2021)

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»Alltag! Literaturgeschichte eines Theoriereservoirs seit dem 18. Jahrhundert«

Bericht zur Tagung des DFG-Graduiertenkollegs 2291 ›Gegenwart/Literatur‹ an der

Universität Bonn, 06.-08. Mai 2021

 

Tagungsbericht von Fabian Böker

Dem Begriff des Alltags haftet spätestens seit dem 18. Jahrhundert ein pejoratives Moment an, sei mit dem Alltäglichen schließlich immer schon das Banale, Repetitive und allzu Gewöhnliche gemeint. Zugleich aber ist Alltag – der Begriff stellt das unmissverständlich aus – allgegenwärtig, stellt gar die Bedingung allen Handelns in der Sphäre sozialer Gemeinschaften dar. Obschon Alltag also omnipräsent zu sein scheint, ergibt sich aus der Beschäftigung mit demselben ein epistemologisches Problem: Versucht man, Alltag auf eine Formel zu bringen, ihn sprachlich greifbar zu machen, so ist er als Objekt wissenschaftlicher Beobachtung schon kein Alltag mehr, weicht seine strukturelle Latenz in diesem Moment doch einer Formgebung, die ihn ›besonders‹ macht. In der Literatur speziell seit dem 18. Jahrhundert stellt der Alltag dergestalt einen intrikaten Gegenstand dar, der ein Feld literaturwissenschaftlichen Interesses konstituiert.

Die Tagung des DFG-Graduiertenkollegs 2291 ›Gegenwart/Literatur‹ mit dem Titel »Alltag! Literaturgeschichte eines Theoriereservoirs seit dem 18. Jahrhundert«, die vom 06. bis zum 08. Mai 2021 über Zoom stattfand, widmete sich ausgehend von diesen Fragen dem Status des Alltags in der Literatur seit dem 18. Jahrhundert und suchte in 12 literaturwissenschaftlichen Vorträgen mit einem Seitenblick auf Soziologie, Philosophie und Medienwissenschaften nach spezifischen Schreibweisen und Mechanismen des Erzählens von Alltäglichem. Veranstaltet und moderiert wurde die Tagung von Vanessa Briese, Christopher Busch, Stefan Geyer, Alexander Kling und Tímea Mészáros, die ihrerseits mit einer (begriffs-)geschichtlichen wie systematischen Reflexion des Alltagsbegriffs in das Thema einleiteten. Zunächst wurde dabei ein Begriffsspektrum abgesteckt, indem dem Alltag drei konstitutive Dimensionen attestiert wurden: Zum einen die Strukturierung von Zeit in zyklisch aufeinanderfolgende Wochen- und Feiertage. Zum anderen die Dimension des Sozialen, der Organisation sozialer Praktiken zu alltäglichen Handlungsmustern. Zuletzt – mit Blick auf die Rolle der Literatur – eine epistemische Dimension, mit der die Hervorbringung bzw. poiesis des Alltags gemeint ist, die nicht zuletzt durch die Formgebungsstrategien literarischer Texte initiiert werden kann. Ausgehend von diesen Vorüberlegungen wurde in den folgenden Vorträgen in diachroner und synchroner Perspektive nach Berührungspunkten von Alltag, Literatur und Gegenwart(sforschung) gefragt.

Mit dem Vortrag »Hut ab (Knigge, Adorno, Wondergirl)« eröffnete Christopher Busch (Bonn) eine erste Perspektive auf das Tagungsthema, indem er in einem historischen Querschnitt nach dem Verhältnis von Alltagsethik und normativer ›Benimmliteratur‹ seit dem 18. Jahrhundert fragte. Ausgangspunkt seiner Ausführungen war die an Luhmann anknüpfende Beobachtung, dass sich in literarischen Texten der verhaltensregulatorischen Moderne ein ›Umgang mit dem Umgang‹ formiere, der zugleich symbolische Aggressionspotentiale berge. Das Verhalten der ›Anderen‹ zu regulieren, impliziere immer auch eine Positionierung des schreibenden Ichs als wertende Instanz. Mit einem Blick auf Knigges Benimmbuch wurde zunächst eine Phase der ›Initialisierung‹ der ethischen Regulierung des Alltags beschrieben, der in der Kartographierung des Umgangswissens historisch nicht nur eine Erzeugung, sondern bereits eine Zerlegung des Alltags korrespondiere, äußere sich bei Knigge stets auch die ›symbolische Aggression‹ (H. Kreuzer) gegen ›Störfälle‹ der sozialen Norm. Eine Phase der ›Re-Strukturierung‹ erfahre die Alltagsethik bei Theodor W. Adorno, dessen Minima Moralia dezidiert keine Benimmregeln, sondern kurze essayistische Formen über den Alltag bieten, die aber gleichwohl das regulatorische Wissen Knigges präsent halten wie auch Formen symbolischer Aggression implementieren. Anhand von Adornos und Knigges titelgebenden Reflexionen über das Hutziehen zeigte Busch auf, wie der Medien-Intellektuelle der BRD eine Kulturkritik der ›barbarischen‹ Komponente des Alltags übt. Zuletzt skizzierte Busch anhand von Wondergirls Unkritische Theorie eine Bewegung der ›Ironisierung‹ normativer Alltagsethik in der gegenwärtigen ›Twitteratur‹. In den Tweets der Autorin seien Alltagsbeobachtungen und autofiktionales Schreiben mit einem ironischen Gestus polemischer Kommentierung verknüpft. Bei aller ausgestellten Theoriefeindlichkeit sei in den Beiträgen dennoch ein Traditionsbewusstsein beobachtbar, das Rückschlüsse etwa auf Adorno und Knigge erlaube. Dass in allen drei Texten vor allem kurze Formen wie Essays, Aphorismen und Tweets bemüht werden, beschrieb Busch als symptomatisch für ein Schreiben über bzw. von Alltagsethik.

Mit dem zweiten Vortrag »Überfluss und Überdruss. Melancholie und Ökonomie des Alltags in Ludwig Tiecks Des Lebens Überfluß (1837)« beleuchtete Timothy Attanucci (Mainz/Wien) Überschneidungen des romantischen Melancholie-Diskurses mit dem Phänomen des Alltags bei Ludwig Tieck. Von der These ausgehend, dass es sich bei der erzählten Melancholie um die Symptomatik eines frühen kapitalistischen Alltags im jungen 19. Jahrhundert handelt, untersuchte er Szenen des Überflusses in Tiecks Novelle, die ihm zeichenhaft für ein Erzählen von Alltag erschienen. Über eine Skizzierung der Mythe vom asketischen Diogenes führte Attanucci hin zu Tiecks Novelle, in der sich anhand der Figur Heinrichs eine Abscheu vor dem dinglichen Überfluss des Alltags artikuliere. Weiterhin führte er im Rückgriff auf Michael Theunissen aus, dass Alltäglichkeit als zeitliche Form Melancholie begünstige, die er als Zeichen einer ›Herrschaft der Zeit‹ (Theunissen) identifizierte. In Tiecks Novelle seien in Szenen einer ästhetischen Intensivierung von Gegenwart (etwa das Singen oder Kochen) Bewältigungsstrategien dieser Melancholie angelegt, die mit dem Begriff des ›Carpe Diem‹ umrissen werden können. Zugleich sei auf formaler Ebene eine Affirmation des Alltags, gar die Konstruktion einer impliziten Poetik des Alltags beobachtbar, die auf Handlungsebene eine Entsprechung in der Aufwertung des Tagebuchs habe, das auf ›prosaische‹ Weise die Zeitstruktur des Alltäglichen in das literarische Schreiben überführe. Zuletzt wies Attanucci auf einen größeren sozialen Kontext der Poetisierung des Alltags in der Romantik hin, die als Produkt einer zunehmenden Ökonomisierung der Literatur aufzufassen sei, was auch in Tiecks Novelle reflektiert werde.

Mit dem Vortrag »Glocke vs. Kaffee. Zur komischen Nachahmung des Alltäglichen im 19. Jahrhundert« nahm Alexander Kling (Bonn) das Phänomen des Alltäglichen aus einer komiktheoretischen Perspektive in den Blick. Als Motor der Beobachtung fungierte Erich Auerbachs klassische Studie zur Mimesis, deren Diktum der ›ernsten Nachahmung‹ Kling in ihr Gegenteil verkehrte. Ausgehend von der These, dass gerade eine ausgestellt ernste Nachahmung des Alltäglichen komische Potentiale entfalte, untersuchte er den Zusammenhang von romantischer Komiktheorie (Stephan Schütze) und Schillers Die Glocke sowie einiger parodistischer Schriften derselben. Zeuge Schillers Text von einer ausgestellten Ernsthaftigkeit, sei dessen Rezeption von Beginn an von Lachen geprägt, was die Grundlage der vielzähligen Parodien im 19. Jahrhundert bilde. In diesen sei eine Banalisierung der übermäßig symbolträchtigen und daher – so Kling – umso komischeren Glocke zu beobachten, die etwa in einer Parodie Gottfried Günther Rollers nunmehr dem alltäglich-banalen Kaffee weiche. Dennoch – und auch hier finden sich Anknüpfungspunkte an Schützes Komiktheorie – sei diesen Banalitäten häufig auch eine Referenzialität auf das politische Weltgeschehen eingeschrieben, die wiederum ernsthafte Implikaturen bergen. Gelte das 19. Jahrhundert weithin als ›das ernste Jahrhundert‹, so zeige Schillers Glocke und deren Rezeptionsgeschichte, dass die Ernsthaftigkeit des Idealismus in seiner Spätphase mitunter selbst komisch anmute.

Den vierten Vortrag präsentierte Mari Jarris (Princeton), die unter dem Titel »Utopie des Alltags. Gender und ästhetische Form in den Werken Lu Märtens« über das quasi-avantgardistische Projekt der deutschen Literatin und KPD-Aktivistin Lu Märten referierte, die seit den 1920er Jahren aus einer queer-feministischen Position heraus die Utopie eines androgynen und klassenlosen Menschentypus modellierte. Als Objekte der Beobachtung fungierten vor allem ästhetiktheoretische und programmatische Schriften Märtens, auch aber – in einem Seitenblick – populäre Romane der Schriftstellerin, die mit eben solchen androgynen Figuren aufwarten. Von einem marxistisch-kommunistischen Denken geprägt, formuliere Märten die Forderung einer ›proletarischen Kunst‹, die keiner Genie-Ästhetik mehr folge, sondern von der Idee kollaborativen Arbeitens durchdrungen sei. Hier verortete Jarris die Bedeutung des Alltags, artikuliere sich bei Märten schließlich das Begehren, soziale Praxis (bzw. die soziale Dimension des Alltags) und die autonome Sphäre der Kunst miteinander kurzzuschließen, was eine ›Utopisierung‹ des Alltags bedeute.

Den ersten Tag der Veranstaltung beschloss Stefan Geyer (Bonn) mit seinem Vortrag »Zwischen Apotheose und Parodie. Zur Reflexivwerdung des Alltags im Frühwerk Ludwig Tiecks«. Einer einleitenden Reflexion über das epistemologische Problem, ob und wie Alltag erzählbar sein könne, der abermals Erich Auerbachs Mimesis-Theorie als Ausgangspunkt diente, folgte eine literaturhistorische Verortung des literarischen Gegenstands, der Novelle Peter Lebrecht von Ludwig Tieck, die an der Schwelle von Aufklärung und Romantik angesiedelt sei, woraus sich ein ambivalentes Verhältnis zum Alltag ergebe. Tiecks Novelle beschrieb Geyer als metafiktionalen Text und Satire auf das Abenteuergenre, das der Erzähler in autoreflexiven Kommentaren wiederholt dekonstruiere. So stelle dieser den populären Erzählmustern des Helden- bzw. Abenteuerromans mit Peter Lebrecht selbst eine ›Alltagsgeschichte von der alltäglichsten Art‹ gegenüberstelle, womit Tieck satirisch auf den zeitgenössischen Literaturbetrieb antworte. Weiterhin, so Geyer, werde in Tiecks Novelle das Konzept ›Alltag‹ im Rahmen der Tendenz zur Verzeitlichung im 18. Jahrhundert reflektiert und emphatisch begrüßt. Dem neu-erkannten Beobachtungsgegenstand Alltag seien bei Tieck entsprechende Schreibweisen zugeordnet, die darauf zielen, das Gewöhnliche fremd erscheinen zu lassen, was Geyer anhand ausgewählter Textpassagen exemplifizierte. Auf formaler Ebene entsprechen dem neuen Gegenstand Alltag auch Lektüre-Praktiken, die bei Tieck verhandelt werden, wenn nicht-lineare, ›kursorische‹ Rezeptionsweisen im Alltag (das ›Lesen der Stadt‹) affirmiert werden. Alltag sei bei Tieck stets dialektisch gedacht, so werde nicht nur das Banale als fremd und besonders gedacht, sondern kontrastiv dazu auch das Erhabene als etwas nunmehr Gewöhnliches, woraus sich sukzessive ein Reservoir des Alltäglichen formiere.

Nicolas Pethes (Köln) eröffnete den zweiten Tag mit seinem Vortrag »Männer ohne Eigenschaften. Alltägliches Erzählen im Büroroman des langen 20. Jahrhundert«, der – analog zu Geyers Beobachtungen – mit dem Befund einer Umkehrung der Hierarchie von Alltagshandeln und Heldentaten in Musils Mann ohne Eigenschaften begann. Dass hier alltägliche Handlungen zunehmend um ihrer selbst willen erzählt werden und nicht zum ›Füllmaterial‹ plotlastigen Erzählens degradiert werden, beschrieb Pethes als grundlegende Tendenz des Romans im 20. Jahrhundert. Speziell in der Tradition des Büroromans werde die Bedingung der Verwaltung des alltäglichen Lebens durch Behörden und Gesetze zu Tage gefördert und deren Banalität reflektiert, was solche Romane mitunter als ›Romane ohne Eigenschaften‹ beschreibbar mache. Nicht nur werde in Büro-Romanen anstelle des Spannenden dezidiert das Langweilige, anstatt ereignishafter Handlungen gerade das Nicht-Handeln erzählt, auch lasse sich auf der Ebene der discours eine Hinwendung zum Alltag konstatieren. So sei in Bürotexten häufig formal gespiegelt, was in Büros alltäglich geschehe: eine konstante Textproduktion in Form von Flurgesprächen und Formularen, die in den Text einmontiert werden. Solche Darstellungen alltäglichen Handelns haben die Qualität von ›Mikro-Soziologien‹, was Pethes anhand von David Foster Wallaces The Pale King zeigte, der mittels einer experimentelle Montage-Form den Alltag quasi-metonymisch repräsentiert, indem originäres Büro-Jargon nicht-handelnder Figuren in den Text überführt wird. Dabei seien die eigenschaftslosen Büroangestellten nicht Objekte satirischen Erzählens, sondern vielmehr adäquate Figuren einer Zeit, die als geradezu handlungsentleert wahrgenommen werde.

Die schon bei Pethes anklingende soziologische Perspektive vertiefte im Anschluss Regine Strätling (Bonn) mit ihrem Vortrag »Lefebvre, Debord, Perec: Interferenzen von Alltagssoziologie, Performance und Literatur um 1960«. Strätling begann anekdotisch mit der Wiedergabe eines Vortrags Guy Debords – dem Chefideologen der Situationisten – über das Vortragen von 1960, den derselbe per Tonband präsentiert hatte, um durch diese eigenwillige Aktion polemisch die Aufmerksamkeit auf das latent Alltägliche der kritisch beäugten akademischen Soziologie zu lenken. Im Anschluss skizzierte Strätling das intellektuelle Verhältnis Debords mit dem marxistischen Soziologen Henri Lefebvre, dessen Kritik des Alltagslebens mit dem Ideal einer neuen Lebenskunst ein Korrektiv für den ›erkrankten‹ kapitalistischen Alltag, der unter seinen Möglichkeiten bleibe, bereithalte, was Debord seinerzeit ausgiebig rezipierte. Bei Lefebvre sei ein Affekt gegen die vermeintlich korrumpierte Literatur zu beobachten, deren Ausnahmen (Brecht) sich dadurch auszeichnen, auf Verfahren der Verfremdung zurückzugreifen, was Strätling auch Debords situationistischer Aktion attestierte. Den Bogen zur Literatur spannte sie, indem sie die skizzierten Alltagskonzepte auf Georges Perecs Texte bezog, in denen sich eine Katalogisierung des Alltags konstituiert. In einer Aufwertung der rhetorischen Figur der enumeratio arbeite Perec listenartig an der Erstellung von Ding-Inventaren, in denen Alltag gegenständlich fassbar werde.

Mit dem Vortag »Kunst des Fragebogens: Artistische Anlehnungen ans Alltagsgenre? (Max Frisch, Hildegard Knef, Fischli/Weiss)« nahm Christine Weder (Genf) im Anschluss die Textform des Fragebogens in den Blick, die sie in eine Traditionslinie mit den Fragebögen des 19. Jahrhunderts, zu deren prominenten ›Ausfüllern‹ etwa Marcel Proust gehörte, rückte. Zunächst wandte sich Weder den posthum edierten Fragebögen-Texten Max Frischs zu, die von (impliziten) Referenzen auf eine Fragebogen-Tradition der 1960er/70er Jahre und die Entnazifizierungs-Formulare der jungen BRD zeugen. Dass Fragebögen meist zu Verwaltungszwecken oder zur empirischen Datenerhebung eingesetzt werden, nahm Weder zum Anlass einer Reflexion über das Verhältnis von Literatur und Texten statistischer Quantifizierung von Alltagserfahrung. Parodistisch kommentiert werde diese etwa in Hildegard Knefs Chanson Fragebogen (1972). Affirmativer sei die Fragebogen-Form in Peter Fischlis und David Weiss’ ›Fragebüchlein‹ Findet mich das Glück? (2002) verarbeitet. Schon in materieller Hinsicht erweise sich das Buch als Alltagsgegenstand, der seiner kompakten Form wegen als ›Handtaschenbuch‹ tauge. Inhaltlich sei in den umfangreichen Listen von ironischen, rhetorischen und wortspielerischen Selbstbefragungs-Floskeln eine Aufwertung des Alltags zu beobachten. Für die Literaturwissenschaft sei dies besonders interessant, weil hier ein Zusammenhang von Alltagswissen und Textproduktion im Alltag zu beobachten sei.

Mit Vanessa Brieses (Bonn) Vortag »›Überall zu Hause‹. Alltagskonstruktionen in Reiseblogs« näherte sich die Tagung erstmals digitalen Textformen der unmittelbaren Gegenwart an. Aus einem praxeologischen Interesse an digitaler Prozessualität und Materialität heraus referierte Briese über Schreib- und Publikationsverfahren in ausgewählten Reiseblogs der 2010er Jahre. Kennzeichen solcher Reisetexte im Internet sei die vielfach beobachtbare Installation einer Dichotomie von Alltag und Reisen, wobei letzteres dem Banalen des Alltags als eskapistische Strategie gegenübergestellt werde, was den Ausführungen Norbert Elias’ zum Begriff des Alltags (Routine vs. Ereignis) entspreche. In den Reiseblogs werde Wirklichkeit nicht abgebildet, sondern prozessual erst hergestellt, was der spezifisch digitalen Schreibpraxis des (all)täglichen Veröffentlichens geschuldet sei. Die Reisebeschreibungen entstehen dabei stets auf der Negativ-Folie des daheimgelassenen Alltags, der nun von einem neuen und andersartigen Alltag ersetzt wird, als dessen integraler Bestandteil das habitualisierte Mit-Schreiben gelten kann. Schreibpraxis und Form dieser Blogs weisen dabei gelegentlich Überschneidungen mit journalistischen Phänomenen auf, so lassen etwa die temporalen Marker der Veröffentlichungszeit Ähnlichkeiten mit dem aus den Nachrichten bekannten Live-Tickern erkennen. Ebenso machte Briese die multimodale Verfasstheit der Weblogs stark, die neben den Texteinträgen auch Bilder und Hyperlinks umfasse, was sie als mitunter comic-hafte Narration rezipierbar mache. Briese schloss die Weblogs an die literarische Tradition des Tagebuchs an, merkte aber an, dass die meist halb-öffentlichen, für Freunde und Familie bestimmten Blogs weniger persönlich und bekenntnishaft als das klassische Tagebuch verfahren. Auch sei das Schreiben in der Regel ein temporär begrenztes, da mit der Transition von der Reise in den heimischen Alltag auch ein Abklingen der Textproduktion zu beobachten sei und nur wenige Bloggende ihre emergente Schreibpraxis in ein Dasein als Autor:in überführen.

Den letzten Beitrag des zweiten Tages präsentierte Tímea Mészáros (Bonn), die unter dem Titel »Portals and Pebbles. Fictional Media and the Everyday Ditial in the Contemporary Novel« über ästhetische und phänomenologische Aspekte der literarischen Repräsentation digitaler Medien sprach. Mészáros stellte die ekphrastischen Schreibweisen virtueller Phänomene (›medial ekphrasis‹) in drei englischsprachigen Romanen der vergangenen 10 Jahre in den Vordergrund. Die Beschreibungen technologischer Novitäten in der Science-Fiction-Literatur (Gary Shteyngarts Super Sad True Love Story und Ernest Clines Ready Player One) und gegenwärtigen Social-Media-Romanen (Patricia Lockwoods No One is Talking About This) rückte sie dabei in eine Tradition des Fin de Siècle und Modernismus, wo Beschreibungen alltäglicher Gegenstände vielzählig zu beobachten seien. In den vorgestellten Texten erfahre dieses Interesse eine Fortsetzung, sei den beschriebenen Gegenständen der virtuellen Realität (VR) der Status eines alltäglich und banal gewordenen Digitalität eigen. Zugleich artikuliere sich speziell in den Social-Media-Referenzen ein Interesse an digitalen Praktiken unseres Alltags. Der Ekphrasis digitaler Welten speziell in der Sci-Fi eigne dabei eine Erzählweise, die häufig am Muster des Videospiels orientiert sei. Auch sei in den bewohnbaren virtuellen Räumlichkeiten der VR eine Ausweitung des space-Paradigmas impliziert, was in den literarischen Texten eine Entsprechung finde, die schon im altgriechischen Begriff der ›diaegesis‹ angelegt sei, der mit ›Raum‹ übersetzbar ist. Der Re-Mediation digitaler Novitäten im literarischen Text seien oftmals Referenzen auf die Materialität der Buchform gegenübergestellt, denn auffällig sei, dass alle drei Romane in klassisch analoger Form erscheinen.

Anna Rick (Siegen) schloss mit ihrem Vortrag »Passigs Passagen« an Fragen der Intermedialität und Digitalität von Literatur an, indem sie Beobachtungs- und Aufzeichnungspraktiken in Netztexten Kathrin Passigs in den Fokus rückte. Von einem Zitat des Soziologen Michael Rutschky ausgehend, das Passig in einer ›technologischen Bohème‹ verortet, untersuchte Rick meist ironische Bezugnahmen Passigs auf Topoi der Flânerie und Bohème. Bereits in Walter Benjamins Passagen-Werk sei die Idee eines Technik-Archivs angelegt, das in online veröffentlichten Text- und Bildsammlungen Passigs Gestalt annehme. Dabei erweise sich das Sammelsurium von Fotografien alltäglicher Gegenstände bei Passig als modifizierte Bohème-Tätigkeit. Denn wie die klassische Bohème operiere auch Passig in einem ästhetischen Zwischenraum (einer ›Passage‹). Ausgehend von Benjamins Diktum, Straßen seien die ›Wohnungen des Kollektivs‹, untersuchte Rick eine von Passig auf Google Fotos angelegte und öffentlich zugängliche Bilderreihe, die unter dem Titel Weggeworfene Wäscheständer diese auf die Straße verfrachteten Gegenstände des Alltags fotografisch dokumentiert und archiviert. In einem Gestus der Alltagsbeobachtung gerate bei Passig, wie auch in ihrem Techniktagebuch bei tumblr, das urbane Alltagsleben über dessen Gegenstände in den Blick. Die Funktion der Archivierung bleibe dabei nicht selbstbezüglich, sondern sei mit einer ironisch anmutenden Wertung der Gegenstände als mögliche Kunst-Objekte verbunden. Die Kunstkritik werde dabei allerdings Googles Bilderkennungsprogramm überlassen, das analog zu Projekten einer automatischen Literaturkritik den Prozentanteil der Kunst-haftigkeit alltäglicher Gegenstände ermittle.

Den Schlussvortrag der Tagung hielt Annekathrin Kohout (Siegen) unter dem Titel »›Auch ein Feiertag kann Alltag sein‹. Literarisierung von Alltagserfahrung auf Instagram«. Dass digitale Praktiken längst zu Alltagspraktiken geworden seien, nahm sie zum Ausgangspunkt einer Untersuchung der Social-Media-Plattform Instagram, wo in unzähligen Bildern Alltagserfahrung repräsentiert bzw. konstruiert werde. Bereits in der ›Pop Art‹ der 60er Jahre sei eine Aufwertung alltäglicher Konsumgegenstände im Bildmedium zu beobachten, was auf Instagram eine Zuspitzung erfahre. Der Name Instagram verweise bereits auf die Affinität zu Techniken des Sofortbilds (›instant photography‹), womit eine Validierung der abgebildeten Gegenstände als möglichst unmittelbar und authentisch intendiert sei. Habe die analoge Fotografie vor allem Besonderes (etwa eine Hochzeit) oder Repräsentatives (den neuen Fernseher) zum Gegenstand gehabt, so gerate auf Instagram vornehmlich das Alltägliche in den Fokus der Linse. Gerade auf sogenannten Lifestyle-Accounts werde zugleich ein Alltag propagiert und modelliert, der mitunter von Mechanismen der Werbung vereinnahmt sei. Speziell hier sei ein affirmatives, mitunter romantisierendes Verhältnis zur alltäglichen Organisation von Zeit, von Routine, zu beobachten. Wie die Woche, sei auch der Ablauf des Instagram-Alltags von Zyklizität (etwa wiederholter Post-Tage) und Standardisierung (etwa der Bildgenres) bestimmt. Die Tendenz zur Werbung werde auf Instagram vielerorts kulturkritisch reflektiert, die ästhetizistischen Lifestyle-Accounts durch ›realistische‹ Gegen-Accounts konterkariert, die den Luxusprodukten gerade Szenen der Banalität gegenüberstellen.

Den 12 Vorträgen folgte eine Abschlussdiskussion, in der ausgehend von Kohouts Vortrag wiederholt die dichotome Logik des Alltags, der zwischen Ereignis und Nicht-Ereignis changiere, in den Vordergrund gestellt wurde. Ein Augenmerk wurde abermals auf die Schreibpraktiken und Textformen geworfen, die in der Repräsentation von Alltag zum Einsatz kommen. Hierbei sei eine Formvielfalt zu beobachten, die kleine Formen (Tweets, Tagebucheinträge) ebenso wie Erzählungen und Romane beinhalte, zugleich aber auch Medien des digitalen Raums (Fotografie, Blogs, Social Media) umfasse. Von Interesse sei auch der jeweils artikulierte Umgang mit dem Alltag, der affirmativ oder polemisch, mitunter pathologisierend ausfalle. Als ein geteilter Raum von Soziologie, Ethnologie, Literatur und digitalen Medien halte der Alltag ein Reservoir von Theorien und Formen bereit, die Gegenstand weiterer Forschungsarbeiten sein werden. Die in der Tagung so zahlreich eröffneten Perspektiven auf die Interferenzen von Alltag und Literatur werden zudem in einem Tagungsband dokumentiert.

 

Programm 

Donnerstag, 6. Mai 2021

11.00-11.30 Uhr:       

Digitales Warm-up, Begrüßung und Einführung

 

Moderation: Tímea Mészáros / Vanessa Briese

 

11.30-12.15 Uhr:       

Christopher Busch (Bonn)

Hut ab (Knigge, Adorno, Wondergirl)

 

12.15-13.00 Uhr:       

Timothy Attanucci (Mainz/Wien)

Überfluss und Überdruss. Melancholie und Ökonomie des Alltags in Ludwig Tiecks Des Lebens Überfluß (1837)

 

Moderation: Vanessa Briese / Christopher Busch

 

14.30-15.15 Uhr:       

Alexander Kling (Bonn)

Glocke vs. Kaffee. Zur komischen Nachahmung des Alltäglichen im 19. Jahrhundert

 

15.15-16.00 Uhr:       

Mari Jarris (Princeton)

Utopie des Alltags. Gender und ästhetische Form in den Werken Lu Märtens

 

16.30-17.15 Uhr:       

Stefan Geyer (Bonn)

Zwischen Apotheose und Parodie. Zur Reflexivwerdung des Alltags im Frühwerk Ludwig Tiecks

 

Freitag, 7. Mai 2021

 

Moderation: Alexander Kling / Tímea Mészáros

  

09.30-10.15 Uhr:       

Nicolas Pethes (Köln)

Männer ohne Eigenschaften. Alltägliches Erzählen im Büroroman des langen 20. Jahrhunderts

 

10.15-11.00 Uhr:       

Regine Strätling (Bonn)

Lefebvre, Debord, Perec: Interferenzen von Alltagssoziologie, Performance und Literatur um 1960

 

11.30-12.15 Uhr:       

Christine Weder (Genf)

Kunst des Fragebogens: Artistische Anlehnungen ans Alltagsgenre? (Max Frisch, Hildegard Knef, Fischli/Weiss)

 

Moderation: Christopher Busch / Stefan Geyer

 

12.15-13.00 Uhr:       

Vanessa Briese (Bonn)

»Überall zu Hause« – Alltagskonstruktionen in Reiseblogs

 

14.30-15.15 Uhr:       

Tímea Mészáros (Bonn)

Portals and Pebbles. Fictional Media and the Everyday Digital in the Contemporary Novel

 

Samstag, 8. Mai 2021

 

Moderation: Stefan Geyer / Alexander Kling

 

09.30-10.15 Uhr:       

Anna Rick (Siegen)

Passigs Passagen

 

10.15-11.00 Uhr:       

Annekathrin Kohout (Siegen)

»Auch ein Feiertag kann ein Alltag sein« – Literarisierung von Alltagserfahrungen auf Instagram

 

11.00 Uhr

Abschlussdiskussion und Ende der Tagung

 

 

 

Redaktionelle Betreuung: Nils Gelker

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