CFP: Deutschsprachiger Rundfunk im Exil – Zur Rolle deutscher Emigrantinnen und Emigranten für die Rundfunkarbeit im Widerstand gegen das nationalsozialistische Deutschland (1933–1945), Gießen (15.07.2021)

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Die Tagung "Deutschsprachiger Rundfunk im Exil" wird von Carsten Gansel und Sascha Feuchert in Verbindung mit Hans Sarkowicz vom 16. bis zum 18. Dezember 2021 an der Universität Gießen veranstaltet.

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten gingen zahlreiche Intellektuelle, Wissenschaftler und Kulturschaffende ins Exil, die sich als politische Gegner verstanden oder auf Grund der nationalsozialistischen Repressions- und Rassenpolitik verfolgt wurden. Unter ihnen waren bekannte Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Heinrich und Thomas Mann, Bertolt Brecht, Anna Seghers, Elias Canetti, Alfred Döblin, Hilde Domin, Lion Feuchtwanger, Bruno Frank, Egon Erwin Kisch, Annette Kolb, Fritz Erpenbeck oder Arnold Zweig. Zusammen mit anderen Emigranten schrieben und gestalteten sie deutschsprachige Rundfunkprogramme zunächst in Frankreich, Spanien und der Sowjetunion, später, kurz vor und während des Zweiten Weltkriegs, auch in Großbritannien und den USA. Die bekannteste und im nationalsozialistischen Deutschland oft gehörte Stimme war die von Thomas Mann mit seinen Radioreden „Deutsche Hörer“, die über den deutschsprachigen Dienst der BBC gesendet wurden (Mann 1945, 1964). Die Alliierten entwickelten während des Zweiten Weltkriegs ein in Formen und Inhalten hoch komplexes Netz von offiziellen und „schwarzen“, also getarnten Sendern für Hörer in Deutschland (vgl. Sarkowicz 2016). Emigrierten Kulturschaffenden kam in diesen Programmen eine wichtige Funktion zu, vor allem was die inhaltliche Ausgestaltung betraf. Zahlreiche der an der Rundfunkarbeit Beteiligte kehrten nach Kriegsende mit den alliierten Besatzungstruppen nach Deutschland zurück und engagierten sich beim Aufbau des Mediensystems in den verschiedenen Besatzungszonen und nach Gründung der beiden deutschen Staaten in der Bundesrepublik und der DDR. Die Exilforschung wie auch die Rundfunkgeschichtsschreibung haben allerdings den Gegenstand erst spät in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Zu Beginn der 1980er Jahre wurde innerhalb des Schwerpunktes „Exilforschung“ von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ein Projekt gefördert, das eine Übersicht über die deutschsprachigen Rundfunkaktivitäten im Exil geben sollte. Die Forschungsergebnisse erschienen 1986 unter dem Titel „Rundfunk gegen das ‚Dritte Reich‘“ als Band 3 der „Rundfunkstudien“ des „Studienkreises Rundfunk und Geschichte“ (Pütters 1986).

Nach der Veröffentlichung des Handbuches sind keine weiteren grundlegenden Studien entstanden, die an diese Vorarbeit anknüpfen und eine Gesamtschau der Rundfunkaktivitäten deutscher Emigranten versuchen, auch nicht nachdem es nach 1989 möglich geworden war, in den bis dahin verschlossenen Archiven in den früheren Ländern des Real-Sozialismus zu recherchieren. Lediglich zu einigen wenigen Teilaspekten gibt es bis in die Gegenwart eine überschaubare Zahl von Aufsätzen. Dies bedeutet, dass bis heute wichtige Aspekte der Rundfunkarbeit im Exil nach wie vor nicht in den Fokus der Darstellung gerückt sind. Diesem Umstand trägt die Tagung Rechnung und will bislang offene Fragen diskutieren wie:

  • Welche transnationalen Beziehungen und Wechselwirkungen gab es zwischen den verschiedenen Sendern und ihren Mitarbeitern?
  • Welche Kommunikationsräume und -praktiken wurden geschaffen bzw. verwendet?
  • Welche Kommunikationsformen von der sachlich-korrekten Nachricht bis zum Gerücht oder zur bewussten Falschmeldung wurden für die Radioarbeit genutzt?
  • Unter welchen Bedingungen arbeiteten deutsche Emigranten in den deutschsprachigen Diensten? Wie „frei“ waren sie? Wie strikt mussten sie sich an politischen Vorgaben der Länder halten, die ihnen Exil gewährt hatten?
  • Wie stark waren emigrierte Schriftstellerinnen und Schriftsteller an der Gestaltung der Programme beteiligt und welche Rolle spielten Zensur und Selbstzensur?
  • Welche biographischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede gab es bei den Mitarbeitern der deutschsprachigen Sender?
  • Welche Rolle spielten für die Radioarbeit im Exil und im Widerstand spezifische Textsorten wie Reden, Lieder, Hörspiele und Kabarettsendungen und in welchen Programmen wurden sie bevorzugt gesendet?
  • Ab wann, auf welche Weise und in welchem Umfang wurde über Deportation, Ghettos und Lager berichtet? 
  • Wie intensiv wurden die Programme in Deutschland gehört bzw. wahrgenommen, welche Reaktionen waren nachweisbar und welchen Risiken setzten sich die Hörer aus?
  • In welcher Weise wurde nach 1945 an die Rundfunkarbeit im Exil erinnert und zu welchen Anlässen (Jahrestage, Zeitzeugengespräche, Tagungen). Welche Rolle spielen dabei u.a. literarische Texte, Erinnerungen, Essays, Features? 

Die systematische Erfassung der entsprechenden Bestände in deutschen und internationalen Archiven ist bisher lediglich vereinzelt erfolgt (Tischler 2006). Aus diesem Grund erscheinen eine Systematik und Zusammenfassung der Ergebnisse dringlich, um von hier aus weitere Schritte bei der Erschließung und Auswertung zu gehen.

Die Tagung soll Vertreterinnen und Vertreter folgender Fachdisziplinen bzw. Forschungsfelder versammeln wie: Neuere Deutsche Literatur und Kulturwissenschaft, Medien- und Geschichtswissenschaft, Holocaustforschung, Soziologie, Verlagswesen. Ausgehend von dem titelgebenden Zusammenhang geht es darum, das Spektrum der Rundfunkarbeit im Exil zu erfassen und auf der Grundlage von neuesten Studien Möglichkeiten für weitere Forschungen zu markieren. Den Ausgangspunkt wird die Frage bilden, in welcher Weise die Rundfunkarbeit deutscher Emigranten Bestandteil des Widerstandes gegen die Hitlerdiktatur war. Dabei sind entsprechend auch Fragen der Erinnerungskultur in Deutschland nach 1945 in West und Ost zu reflektieren und die Rolle des Hörfunks als Massen- und Gedächtnismedium zu beachten.

Ausgehend von der Erfassung der Rundfunkarbeit gegen die Nazidiktatur soll es neben Beiträgen zu Initiativen in den einzelnen Exilländern und speziellen Sendern in einem zweiten Schwerpunkt um Fallstudien gehen. Dabei ist angestrebt, ausgewählte Aspekte der Rundfunkarbeit im Exil ins Zentrum zu rücken. Es betrifft dies unter u.a. folgende mögliche Themen:

  • Die Radiostationen und ihre Programme in den verschiedenen Exilländern (u.a. Der Sender der „Schwarzen Front“ in Prag, „Deutsche Freiheitssender 29,8“, Der deutschsprachige Dienst der BBC, Der deutschsprachige Dienst von Radio Moskau)
  • Für Abhören von ausländischen Sendern galten in Deutschland hohe Strafen. Auch dies stellte die Radiomacher vor die Notwendigkeit, die Programme auf die Bedürfnislagen der deutschen Bevölkerung auszurichten. Wie sah unter diesen Bedingungen die Programmgestaltung der Sender in den verschiedenen Ländern konkret aus?
  • Satire im Programm des deutschsprachigen Dienstes der BBC
  • Thomas Manns 58 Kommentare für den deutschsprachigen Dienst von BBC sind besonders bekannt geworden. Wie sah die Rolle andere Emigranten im Rundfunk konkret aus? Zu denken ist etwa an Hans Habe, Stephan Heym, Johannes R. Becher oder Fritz Erpenbeck.  
  • In welcher Weise agierten die sogenannten „schwarzen Sender“, und welchen Anteil hatten daran ausgewählte Emigranten?
  • Ausbildung, Organisation und Tätigkeiten von Emigranten als Nachrichten-, Aufklärungs- und Propagandaoffiziere in den alliierten Heeresapparaten
  • Das kommunistische Exil in der Sowjetunion und die Facetten der Rundfunkarbeit im deutschsprachigen Rundfunk in der Sowjetunion
  • Eine besondere Rolle spielte die Rundfunkarbeit in der Sowjetunion nach der Schlacht von Stalingrad. In welcher Weise funktionierte die Programmgestaltung im Rahmen des Nationalkomitees „Freies Deutschland“?
  • Schon früh gab es im Ausland Erkenntnisse über die Einrichtung von Lagern. Welchen Stellenwert nahm die Berichterstattung über Gettos, Konzentrationslager sowie Deportationen in den Sendungen ein? Welche Rundfunkformate wurden entwickelt?
  • Welche Rolle spielten ausgewählte Emigranten beim Aufbau der neuen Rundfunksysteme in Ost und West nach 1945?

Die hier formulierten Fragestellungen sollen mit Blick auf mögliche zukünftige Forschungsgegenstände diskutiert werden. Weitere thematische Vorschläge sind ausdrücklich erwünscht. Eine Veröffentlichung der Beiträge ist geplant.

Frist für die Einreichung der Abstracts: 15. Juli 2021. Mitteilung über die Annahme des Abstracts: 01. August 2021.

Schicken Sie bitte Ihre Abstracts im Umfang von 300 Wörtern (für einen 30minütigen Vortrag) und einen kurzen Lebenslauf (ca. 100 Wörter) als separate E-Mail Anhänge im Word Format an 

Prof. Dr. Carsten Gansel                                       Anna Heidrich, M.A.
Justus-Liebig-Universität Gießen                          Justus-Liebig-Universität Gießen
FB 05 Sprache, Literatur, Kultur                            FB 05 Sprache, Literatur, Kultur
Germanistisches Institut                                        Germanistisches Institut
Otto-Behaghel-Str. 10B                                         Otto-Behaghel-Str. 10B
35394 Gießen                                                        35394 Gießen
Carsten.Gansel@germanistik.uni-giessen.de       Anna.Heidrich@germanistik.uni-giessen.de
 


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

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