CFP: Scheitern in der Vormoderne? Narrative Konzeptionalisierungen in Literatur, Hagiographie und Historiographie, Kiel (31.08.2021)

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Scheitern in der Vormoderne?

Narrative Konzeptionalisierungen in Literatur, Hagiographie und Historiographie

Tagung der ICLS (German Branch)

12.-14.05.2022 Kiel

 

„Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ Obwohl Richard Sennett das Scheitern 1998 noch zum großen Tabu der Moderne erklärt hat, ist das obige Zitat aus Samuel Becketts Worstward Ho! zu einem omnipräsenten Mantra avanciert, das nicht nur bei Kulturschaffenden, sondern auch in der Unternehmenskultur, insbesondere der für das Scheitern anfälligen start-up-Landschaft, Anwendung findet. Scheitern wird oft als ein genuines Phänomen der Neuzeit betrachtet, denn erst die Moderne mit ihrem dezidierten Anspruch, durch eigenes Handeln ein erfolgreiches Leben zu gestalten, habe das Scheitern zu einer signifikanten Kategorie gemacht, die unmittelbar mit einer selbstgeschaffenen kulturellen Illusion von Autonomie in Zusammenhang stehe. Damit würden auch mögliche sinnstiftende Potentiale des Scheiterns, etwa der (zu Unrecht) in das oben genannte Beckett-Zitat hineininterpretierte Progressionsgedanke, exklusive Konzepte der Moderne bleiben.

Hinsichtlich der Wortgeschichte ist das Scheitern tatsächlich ein neuzeitliches Phänomen: Die Wortbildung ist erst in der neuhochdeutschen Sprachperiode entstanden. Aber das Scheitern als „eine Störung, ein Element der Disruption, das etwas Bestehendes oder Geplantes zerrüttet“ (Junge/Lechner 2004) ist auch vor der Etablierung der Bezeichnung ein Grundelement der conditio humana, das die Geschichte von Individuen, Gruppen, Institutionen als auch ganzen Gesellschaften prägt und das in der vormodernen Literatur, Hagiographie und Historiographie sowie in weiteren narrativen Gattungen verhandelt wird. So werden in der mittelalterlichen Chronistik keineswegs nur erfolgreiche Viten präsentiert, wie es etwa das Beispiel Ludwigs des Deutschen in der Kaiserchronik zeigt, und auch die Protagonisten mittelalterlicher Erzähltexte scheitern beständig – sei es in der Minne, in der Âventiure, an der Gesellschaft, der adäquaten Ausführung von Herrschaft oder anderweitig. In hagiographischen Text kann das Scheitern der Heiligen in der Welt sogar zum zentralen Argument für Heiligkeit werden, ist die Transformation von Scheitern zum Sieg doch bereits im Passionsgeschehen angelegt. Literarisch hat das Scheitern zunächst eine grundlegende erzähllogische Funktion, indem es Handlung motiviert und die Entwicklung bzw. Veränderung von Figuren kausallogisch ermöglicht, was unter anderem im Kontext basaler Strukturschemata wie dem von Krise und Restitution des Helden diskutiert worden ist. Ähnlich elementar ist die narrative Integration des Scheiterns in eine exemplum in malo-Funktion, zumindest dann, wenn das Scheitern als Konsequenz eines Fehlverhaltens der handelnden Figur ausgewiesen wird. Prototypisch hierfür ist zum Beispiel Wernhers der Gärtner kurzepische Erzählung Helmbrecht, in der der Bauernsohn an seiner sozialen Hybris und fehlenden christlichen Demut scheitert.

Jenseits solcher narrativer Elementarfunktionen stellt sich die Frage, welche Bedeutung und Funktion dem Erzählen vom Scheitern im literarischen, hagiographischen und historiographischen Diskurs der Vormoderne zukommt. Welche kulturelle Signifikanz wird dem Phänomen zugesprochen, gibt es weiterhin spezifische Bewältigungsstrategien oder sinnstiftende Zuschreibungen, die sich von neuzeitlichen Konzeptionen abgrenzen lassen?

Dabei zeigt sich, dass trotz der breiten medialen Inszenierung im öffentlichen Diskurs die wissenschaftliche Aufarbeitung des Scheiterns auch für die Neuzeit noch sehr überschaubar ist. Arbeiten zum Scheitern gibt es vor allem in der Soziologie, Psychologie und in der Biographieforschung. Die Geschichtswissenschaft fokussierte sich in erste Linie auf militärische Niederlagen, sozialen Abstieg, wirtschaftlichen Ruin und den Untergang von Städten, Reichen und Gesellschaften; meist wurden vormoderne Akteure mit dem Begriff ,Verlierer‘ bezeichnet und deren Status als ,Misserfolg‘ oder ,Niederlage‘ gedeutet, fast nie ist vor dem Beginn der Moderne von ,Gescheiterten‘ oder ,Scheitern‘ die Rede. In der neuzeitlichen Literaturwissenschaft sind zwar verschiedene programmatisch betitelte Themenhefte erschienen, die aber zumeist heterogene Beiträge ohne besondere methodische oder theoretisierende Rahmung präsentieren. Der Versuch einer konzeptionellen Erfassung des Phänomens ist bislang vor allem in der Soziologie vorgenommen worden (Junge/Lechner 2004). Hier wird Scheitern als temporäre oder dauerhafte Handlungsunfähigkeit gefasst, die grundsätzlich an ein intentionales Handeln rückgebunden ist, das Begrenzung durch unterschiedliche Normen erfährt. Ähnlich beschreibt der sozio-linguistische Ansatz von Nicole Müller (Müller 2020) Scheitern als Störung in der Umsetzbarkeit von Intentionalität, wobei weniger das Fehlen von Handlungsmacht an sich, sondern konkreter fehlende Kontrolle über Handlungsfolgen konstitutives Element der Erfahrung des Scheiterns sei.

Scheitern lässt sich nicht immer trennscharf abgrenzen von ähnlichen Phänomenen wie Verlieren, Misslingen oder Versagen; nach Müller geht es zumeist darüber hinaus, da dem Scheitern die Konnotation einer nicht nur temporären Erschütterung implizit ist. In literarischer Perspektive ist das Scheitern abzugrenzen von der Tragik, die sich zunächst durch einen ähnlichen Anachronismus kennzeichnet wie das Scheitern, weil sie wegen des vermeintlichen Widerspruchs zum christlichen Weltbild als dezidiert nicht-mittelalterliche Kategorie gilt. Der vormodernen Tragik wurden mit Regina Töpfers Monographie ‚Höfische Tragik’ sowie mit den Sammelbänden ‚Tragik vor der Moderne’ und ‚Tragik und Minne’ gleich mehrere einschlägige Publikationen gewidmet, die eine theoriegeschichtliche Aufarbeitung und Historisierung des Konzepts aus mediävistischer Perspektive vornehmen. Anders als die Tragik ist das Scheitern selbst aber keine konkrete literarische Kategorie mit festen Zuschreibungen und theoriegeschichtlichem Design, an dem sich die mediävistische Erzählforschung abarbeiten könnte, sondern bedarf einer grundsätzlichen konzeptuellen Kartierung.

Dabei ist festzuhalten, dass keine Homogenität des Phänomens Scheitern unterstellt werden kann, es soll also nicht eine vereinheitlichende Abstraktion des Scheiterns in der vormodernen Literatur, Hagiographie und Historiographie vorgenommen werden, sondern eine Annäherung an ein variables Phänomen. Dabei lassen sich verschiedene Formen oder Ebenen des Scheiterns unterscheiden. Zunächst ist das Scheitern eine individuelle Kategorie, die einzelne Individuen oder Figuren betrifft. Insbesondere bei literarischen Figuren ist es angebracht, bevorzugt absolute Formen des Scheiterns in den Blick zu nehmen, die nicht, wie zum Beispiel Parzivals Scheitern am Gral, durch eine Restitution des Helden aufgefangen werden. Als absolutes Scheitern lässt sich zum Beispiel der gescheiterte Versuch des Protagonisten im Straßburger Alexander betrachten, das Paradies zu erobern, oder auch der fehlgeschlagene Versuch im Herzog Ernst, die christliche Prinzessin aus den Fängen der Kranichmenschen zu befreien.

Neben Individuen können auch Kollektive oder ganze Gesellschaften scheitern, Städte und Reiche können untergehen. Beispielhaft hierfür lässt sich neben den oben genannten Beispielen aus Trojaromanen oder dem Nibelungenlied der Untergang des Artusreiches im Prosalancelot anführen. Hier scheitert Artus in seinem finalen Versuch, das Reich vor dem eidbrüchigen Vasallen Mordret zu schützen.

Eine andere Ebene stellt das Scheitern als ästhetische Kategorie dar. In der Literatur respektive der Kunst der Moderne gehören fehlende Anerkennung wie auch ausbleibender wirtschaftlicher Erfolg seit dem 18. Jh. zu den topischen Zuschreibungen an eine ‚gescheiterte’ Künstlerexistenz, die diese keineswegs abwerten. Zu überlegen ist, ob im literarischen Diskurs der Vormoderne nicht bereits vergleichbare Konzeptionalisierungen fassbar sind. So sind die Klagen über die mangelnde Anerkennung des eigenen Werkes durch ein, explizit oder implizit, als limitiert gekennzeichnetes Publikum in zahlreichen Pro- und Epilogen epischer Texte nicht nur als Aufwertungsstrategien lesbar, sondern auch als stilisierte Einschreibungen in ein Autorenbild, das sich auch durch das Scheitern der intendierten Wirkung des eigenen Werkes kennzeichnet. Scheitern ist auch eine rezeptionsästhetisch relevante Kategorie. Nach Kablitz ist das Scheitern ein mögliches Element ästhetischer Erfahrung, denn die Interpretation eines Kunstwerks ist immer mit einer doppelten Unsicherheit konfrontiert (Kablitz 2013). Zum einen sind die Grenzen der Pertinenz des Prinzips impliziter Kohärenzbildung, das für das (narrative) Kunstwerk kennzeichnet bestimmend ist, nicht ersichtlich. Zum anderen lässt sich die jeweilige Interpretation nicht aus irgendeinem allgemeinen Mechanismus der Bedeutungsproduktion ableiten. Daraus folgt, dass Interpretationen, die sich am operativen Kriterium ihrer Kohärenzleistung für den literarischen Text messen lassen müssen, unangemessen sein können, der Rezipient bei der Bestimmung der Bedeutung des (literarischen) Kunstwerks also scheitert. Zu überlegen ist, ob im literarischen Diskurs der Vormoderne vergleichbare oder andere Reflexionen über das Scheitern als Bestandteile der Kunstrezeption und –produktion fassbar sind. Möglicherweise ist zum Beispiel die Unsagbarkeitstopik insbesondere in religiösen Texten in vielen Fällen auch als ein (notwendiges) Scheitern an der ästhetischen Absolutheit und besonderen Dignität des Gegenstandes zu verstehen; das (religiöse) Kunstwerk transportiert schon im Moment seiner Produktion die Erfahrung seiner Inkommensurabilität.

Die Tagung möchte das Phänomen des Scheiterns im literarischen, hagiographischen und historiographischen Diskurs der Vormoderne vermessen. Dabei sollen die folgenden Aspekte in den Blick genommen werden:

Welche Terminologien und Beschreibungsformen finden sich in literarischen, hagiographischen wie auch historiographischen sowie weiteren narrativen Texten wie Briefen, theologischen oder anderen wissenschaftlichen Schriften, um Phänomene des Scheiterns zu erfassen?

Welche narrativen Bausteine oder Strukturen eines Erzählens vom Scheitern sind fassbar? Gibt es Darstellungsmuster oder Topoi, die im Zusammenhang mit Erzählungen von gescheiterten Figuren/Akteuren oder Kollektiven fassbar sind? Gibt es typische limitierende Faktoren individueller oder überindividueller Natur, die als handlungsbegrenzende Normen wirken und als solche reflektiert werden?

Weiterhin ist nach den Formen der Deutung des Scheiterns zu fragen. Gibt es Erklärungsmuster, interpretative Systematiken oder bestimmte semantische Rahmungen, die Erzählungen vom Scheitern prägen?

Darüber hinaus sind die Umgangsformen, Bewältigungsstrategien wie auch mögliche Sinnstiftungen des Scheiterns von Interesse. Gibt es so etwas wie ein individuelles oder kulturelles Kapital, das dem Scheitern zugesprochen wird?

Wann ist Scheitern eine Fremdwahrnehmung, wann eine Selbstwahrnehmung, und welche argumentativen, aber auch politischen, sozialen oder religiösen Ziele werden mit dem Selbst- und Fremdeinsatz dieses Deutungsmusters verfolgt? Inwieweit sind solche Erwartungen bzw. Bewertungen an mittelalterliche Vorstellungen von Gesellschaft und sozialen Rollen gebunden? Welche Maßstäbe werden verhandelt, und wie werden diese artikuliert?

Bei all diesen Beschreibungsebenen ist von texttypologisch bedingten Spezifika und sujetbedingten Strukturen in den narrativen Entwürfen des Scheiterns auszugehen. So dürfte das Scheitern in der Heiligenlegende, die durch das universelle Vorbild des Martyrium Christi die Transformation des Scheiterns in einen Sieg ermöglicht, anderen Darstellungsmustern und sinnstiftenden Zuschreibungen verpflichtet sein als zum Beispiel das Scheitern in der Heldenepik.

Von Belang ist weiterhin die Historisierung des Phänomens: Welche Unterschiede zwischen zeitgenössischen und vormodernen Vorstellungen vom Scheitern, welche Transformationen und anthropologischen Konstanten sind fassbar? Wandelte sich das Deutungsmuster ,Scheitern‘ im Mittelalter und falls ja: warum?

Willkommen sind Beiträge, die das Phänomen des Scheiterns in der Vormoderne im Kontext der oben genannten oder auch anderer Fragestellungen aus literaturwissenschaftlicher oder historischer Perspektive beleuchten. Beitragsvorschläge in Form eines Abstracts (max. 300 Wörter) werden bis zum 31.08.2021 an eine der unten stehenden Adressen erbeten; die Auswahl erfolgt bis zum 30.09.2021. Beiträge von Nachwuchswissenschaftler*innen sind ausdrücklich willkommen, die Kosten für Reise und Unterkunft werden übernommen. Eine Veröffentlichung der Beiträge in der Reihe ‚Encomia Deutsch’ ist geplant.

JProf. Dr. Margit Dahm (dahm@germsem.uni-kiel.de)                                            

Prof. Dr. Andreas Bihrer  (abihrer@email.uni-kiel.de)

Prof. Dr. Timo Felber (felber@germsem.uni-kiel.de)


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

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