CFP: Studentischer Workshop "Biopolitik(en) in Literatur, Film und Serie: Aushandlungs- und Reflexionsräume vom 18. Jahrhundert bis heute", Paderborn (31.05.2021)

Ronja Hannebohm's picture

Biopolitik(en) in Literatur, Film und Serie:
Aushandlungs- und Reflexionsräume vom 18. Jahrhundert bis heute

Studentischer Workshop des Fachbereichs
Komparatistik/Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft
Universität Paderborn, 16./17. September 2021

Das Leben jeder/s Einzelnen ist heute eingebunden in politische Bestrebungen. Politik betrifft zum ei­nen die Grenzpunkte dieses Lebens, markiert durch die Geburt und den Tod: Präimplantations- und Pränataldiagnostik, Geburtenkontrolle, Schwangerschaftsabbrüche und Sterbehilfe bilden zugleich An­satzpunkte für politische Maßnahmen und Ausgangspunkte für ethische Diskussionen. Politik erfasst zum anderen unsere tägliche Lebensweise: Nutri-Scores sollen zu gesunder Ernährung motivieren, Krankenversicherungen honorieren Prophylaxe mit Vergünstigungen. Spätestens mit den Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie ist ein neues Bewusstsein für die Verzahnung von individuellem Leben und politischer Struktur entstanden.

      Den Beginn solcher politischen Bestrebungen, die am menschlichen Leben ansetzen und hierbei den Menschen als Individuum genauso wie als Teil einer Gesellschaft in den Blick nehmen, verortet Michel Foucault im 18. Jahrhundert. In den Kontexten von Verwissenschaftlichung, Medikalisierung und Pathologisierung sowie beginnender Industrialisierung rücken menschliches Leben, dessen statis­tische Erfassung und die Organisation seiner Gesunderhaltung erstmals in den Fokus des (macht-)politischen Interesses: „Zum ersten Mal in der Geschichte reflektiert sich das Biologische im Politischen.“[1] Seit dieser „Geburt der Biopolitik“[2] lassen sich vielzählige Ausformungen des Konnexes von menschlichem Leben und Politik verzeichnen. Biopolitische Maßnahmen reichen von Programmen der Eugenik[3] über Zugriffe des Biokapitalismus[4] und Bewegungen der Selbstoptimierung[5] bis hin zu den bereits benannten Maßnahmen in unserer Gegenwart.

      Das politische Interesse am menschlichen Leben durchdringt nicht nur Wissenschaften, Ökonomie und Ethik, sondern auch die Künste. Die fiktionalen Welten von Literatur, Film und Serie fungieren als Aushandlungs- und Reflexionsräume von Biopolitik(en): Menschliche Figuren werden innerhalb bio­politischer Strukturen modelliert, um den Menschen als Individuum sowie als Teil einer Gemeinschaft zu reflektieren; menschliche Lebensweisen werden in vielzähligen Varianten durchgespielt und in ihrer Bedeutung ausgelotet, um ein spezifisches Wissen über den Menschen zu generieren, das kritisch zum biopolitischen Diskurs beiträgt. Hierbei werden diverse Sujets in unterschiedlichsten Texttypen bear­beitet: Auto(r)fiktionen[6] loten Relationen von menschlichem Individuum, Gesundheit, Krankheit und Tod aus, historiografische Metafiktionen[7] unterziehen politische Geschichtsschreibung einer Revision und Texte der speculative fiction[8] imaginieren politische Zugriffe auf den zukünftigen Menschen.

An dieser Stelle seien nur einige Beispiele genannt:

  • Mary Shelley: The Last Man (1826)
  • Thomas Mann: Der Zauberberg (1924)
  • Aldous Huxley: Brave New World (1932)
  • Robert A. Heinlein: Orphans of the Sky (1941)
  • Albert Camus: La Peste (1947)
  • Margaret Atwood: The Handmaid’s Tale (1985)
  • Andrew Niccol: Gattaca (1997)
  • Stewart O’Nan: A Prayer for the Dying (1999)
  • Kazuo Ishiguro: Never Let Me Go (2005)
  • Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess (2009)
  • Philip Roth: Nemesis (2010)
  • Tom Lubbock: Until Further Notice, I Am Alive (2012)
  • David Grossman: Aus der Zeit fallen (2013)
  • Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur (2013)
  • Emily St. John Mandel: Station Eleven (2014)
  • Thomas Cailley und Sébastien Mounier: Ad Vitam (2018)
  • David Wisser: Königin der Berge (2018)
  • Erin Craig u. a.: Together, Apart (2020)
  • Greg Daniels: Upload (2020)
  • The New York Times Magazine: The Decameron Project. 29 New Stories from the Pandemic (2020)

Die hier skizzierten Zusammenhänge bieten Anschlusspunkte für zahlreiche mögliche Forschungs­fragen, die im Rahmen des studentischen Workshops präsentiert und diskutiert werden können. Beiträge können einzelne Bearbeitungen biopolitischer Sujets fokussieren, die Partizipation von Literatur, Film und Serie am biopolitischen Diskurs thematisieren oder sich dem Rahmenthema des Workshops aus einer übergreifenden kulturtheoretischen oder philosophischen Perspektive nähern. Beiträge, die gegenwärtige Aushandlungen und Reflexionen von Biopolitik(en) in den Blick nehmen, sind ebenso willkommen wie Beiträge, die eine historische Perspektive einnehmen und nach den je zeitspezifischen Darstellungsvarianten und Funktionsweisen von Literatur, Film und Serie fragen.

Die folgenden Forschungsfragen sollen lediglich als Impulse dienen:

  • Durch welche ästhetischen und narratologischen Strategien werden menschliches Leben und biopolitische Bestrebungen in Literatur, Film und Serie seit dem 18. Jahrhundert zur Darstellung gebracht?
  • Welche Bilder vom Menschen werden in diesen Darstellungen kreiert?
  • Welches Wissen über den Menschen wird in diesen Darstellungen generiert?
  • Inwiefern nehmen Literatur, Film und Serie auf Diskurse der Biopolitik Bezug und inwieweit gestalten sie diese Diskurse selbst mit?
  • Welches Verhältnis besteht hierbei zwischen Faktualität und Fiktionalität?
  • Welche Funktion(en) übernehmen Literatur, Film und Serie hierbei für die ethische Reflexion?
  • Inwiefern lassen sich race-, class- oder gender-spezifische Perspektiven sowie intersektionale Perspektiven auf Biopolitik(en) identifizieren?

(Promotions‑)Studierende sämtlicher kulturwissenschaftlicher Disziplinen sind herzlich eingeladen, sich für einen Vortrag zu bewerben. Für jeden Einzelbeitrag ist eine Dauer von etwa 40 Minuten vorgesehen, die auf 20 Minuten Vortrag und 20 Minuten Diskussion entfallen soll. Eine Veröffent-lichung der Beiträge des studentischen Workshops ist im Rahmen der Open-Access-Publikationsreihe Studien der Paderborner Komparatistik geplant, in der bereits zwei weitere Bände mit Beiträgen der studentischen Workshops der Paderborner Komparatistik erschienen sind.

      Der Workshop wird je nach aktueller Situation der Corona-Pandemie als Präsenzveranstaltung an der Universität Paderborn oder als digitale Veranstaltung über Zoom stattfinden. Im Fall einer Präsenz­veranstaltung können Reisekosten voraussichtlich in begrenztem Umfang übernommen werden. Über­nachtungskosten sind von den Teilnehmer*innen des Workshops selbst zu tragen, eine Liste empfeh­lenswerter preisgünstiger Unterkünfte in Paderborn wird rechtzeitig zur Verfügung gestellt.

      Interessent*innen werden gebeten, bis zum 31. Mai 2021 ein Abstract zum geplanten Vortrags­thema im Umfang von etwa 300 Wörtern sowie eine biografische Notiz im Umfang von etwa 100 Wörtern an komparatistik@kw.uni-paderborn.de zu schicken.

Organisator*innen des Workshops sind die Teilnehmer*innen des B.A.- und M.A.-Praxisseminars „Konzeption und Organisation eines (digitalen) wissenschaftlichen Workshops“ im Studienfach Komparatistik/Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Paderborn.  Ansprechpartnerinnen für weitere Fra­gen sind Ronja Hannebohm und Anda-Lisa Harmening.

Ronja Hannebohm, M.A.

 

Universität Paderborn

Institut für Germanistik und Vergl. Literaturwissenschaft

Bereich Komparatistik

Raum: H4.301

Warburger Straße 100

33098 Paderborn

Telefon: +49 (0)5251/60-2892

Dr. Anda-Lisa Harmening

 

Universität Paderborn

Dekanat der Fakultät für Kulturwissenschaften

Bereich Graduiertenförderung

Raum: C5.319

Warburger Straße 100

33098 Paderborn

Telefon: +49 (0)5251/60-3913

Mehr Informationen zum studentischen Workshopformat der Paderborner Komparatistik:

https://kw.uni-paderborn.de/institut-fuer-germanistik-und-vergleichende-literaturwissenschaft/komparatistikvergleichende-literatur-und-kulturwissenschaft/veranstaltungen/studentische-workshops/

Mehr Informationen zur Open-Access-Publikationsreihe Studien der Paderborner Komparatistik:

https://kw.uni-paderborn.de/institut-fuer-germanistik-und-vergleichende-literaturwissenschaft/komparatistikvergleichende-literatur-und-kulturwissenschaft/publikationen/studien-der-paderborner-komparatistik/

 

[1]     Michel Foucault: Sexualität und Wahrheit I: Der Wille zum Wissen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2014, 11983 [OT: Histoire de la sexualité I: La volonté de savoir. Paris: Gallimard 1976]. S. 137/138.

[2]     Michel Foucault: Geschichte der Gouvernementalität II: Die Geburt der Biopolitik. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006 [OT: Naissance de la biopolitique. Cours au Collège de France 1978-1979. Paris: Seuil 2004].

[3]     Gemeint sind all diejenigen Programme, die der Ideologie eines ‚guten Geschlechts‘ folgend Modifikationen des menschlichen Individuums mit dem Ziel einer Optimierung der menschlichen Spezies formuliert haben.

[4]     Gemeint sind hierbei solche Formen des biopolitischen Zugriffs, die menschliches Leben und Körpermaterial kommodifizieren und so in ökonomische Wertschöpfungsprozesse integrieren.

[5]     Gemeint sind unter anderem Bewegungen wie „The Quantified Self“, die mittels Self-Tracking von Körperdaten auf die Verbesserung von Bewegungs-, Ernährungs- und Schlafgewohnheiten zielen.

[6]     Vgl. Martina Wagner-Egelhaaf: Autorfiktion. Literarische Verfahren der Selbstkonstruktion. Bielefeld: Aisthesis 2013.

[7]     Vgl. Ansgar Nünning: Von historischer Fiktion zu historiographischer Metafiktion. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier 1995.

[8]    Vgl. Richard Saage: Utopieforschung. Eine Bilanz. Darmstadt: Primus 1997. Vgl. M. Keith Booker: Dystopian Literature. A Theory and Research Guide. Westport, CT: Greenwood Press 1994. Vgl. Darko Suvin: Metamorphoses of Science Fiction. On the Poetics and History of a Literary Genre. New Haven, CT und London: Yale University Press 1979.