CFP: "Ein/Be/Abgrenzungen: literatur- und sprachwissenschaftliche Perspektiven", Katowice (01.09.2021)

Nina Nowara-Matusik's picture

Internationale wissenschaftliche Tagung

Ein/Be/Abgrenzungen:

literatur- und sprachwissenschaftliche Perspektiven

29.09.-30.09.2021 (Do.-Fr.)

 

Online-Tagung an der Schlesischen Universität

in Katowice (Polen)

 

Schirmherrschaft:

Prodekanin der Humanistischen Fakultät der Schlesischen Universität,

 Univ.-Prof. Dr. habil. Renata Dampc-Jarosz

Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Gliwice, Dr. Marcin Tyslik

Honorarkonsul der Republik Österreich in Katowice, Mirosław Bienioszek

Goethe Institut Kraków

 

Wittgensteins bekanntes Diktum, die Grenzen meiner Sprache seien die Grenzen meiner Welt, scheint gerade heute besondere Brisanz zu gewinnen: Unsere durch die COVID-Pandemie grundlegend veränderte Welt kann ja bereits durch einen bloßen Sprechakt gefährdet werden und aus den Fugen geraten. Der obligatorische Mundschutz, der heutzutage kaum wegzudenken ist, erwächst daher beinahe zu einer paradoxen Sprach- und Sein-Chiffre: Er schützt, indem er einen unbegrenzten Redefluss unmöglich macht. Die physische wie psychische Dimension der Eingrenzung, das soziale, wie überhaupt das zwischenmenschliche Auf-Distanz-Gehen, gehören bereits beinahe zu dem pandemischen Alltag und sind ein festes Element einer eigenwilligen Pandemie-Sprache – und das gerade in einer Welt, die sich ja bereits global und grenzenlos gebärdete.

Wie wird diese Verschiebung vom Globalen/Universellen zum Lokalen/Regionalen/Tagesaktuellen in der Literatur und Sprache registriert? Wird die Eingrenzung auf die sprichwörtlichen eigenen vier Wände zum Gegenstand der ästhetischen Reflexion, gerade in der Gegenwartsliteratur? Und wie wird sie kontextualisiert und verbalisiert? Ein nur flüchtiger Blick in die Geschichte des literarischen Motivs der Eingrenzung offenbart bereits hier ein dichotomisches Denken: War ja für Virginia Woolf das Zimmer nur für sich allein gerade die basale Voraussetzung des (weiblichen) Aufbruchs und der Konstituierung einer (weiblichen) Autorschaft, so zeigt Marlen Haushofers Die Wand die Einengung als Verlust der Freiheit, einen verstörenden Einbruch des Unheimlichen ins Alltägliche. Haben denn Polarisierungen, Dichotomien und Dualismen überhaupt noch Bestand und sind sie als zuverlässige Werkzeuge einer sprachlichen Erfassung der Welt weiterhin dienlich? Oder kann die Eingrenzung gerade einen transitorischen Raum jenseits der konventionellen sprachlichen und literarischen Grenzen evozieren, der unaufhörlich zwischen der Außen- und Innenwelt, dem Eigenen und Fremden zirkuliert?

Nicht weniger interessant sind auch die folgenden Fragen: Welche Konsequenzen haben Einengungen für die Poetik von Texten, nicht nur der Gegenwart und für die (Evolution der) Sprache selbst? Welche neuen Räume eröffnen sich paradoxerweise für die Sprache, wenn sie kodifiziert wird? Wird die physikalische bzw. äußere Grenze möglicherweise internalisiert, wie dies etwa bei Bachmanns Grenzwesen Undine geschieht, die eine „nasse Grenze zwischen mir und mir“ entdeckt? Ist die metaphorische wie wortwörtliche Grenzziehung erst die Prämisse der Selbstfindung? Was können denn Begrenzungen in der Literatur und Sprache bewirken und welche Folgen haben sie? Und schließlich lohnt es auch, die Gegenperspektive einzunehmen: Sind die Grenzen meiner Welt auch die Grenzen meiner Sprache? Welche Antworten lieferten und liefern die Literatur und Sprache auf die bedrückende Erfahrung der Be/Eingrenzung? Kann die typische Pose eines aus dem Fenster sehnsuchtsvoll schauenden Romantikers gerade in der COVID-Ära zu einer äußerst aktuellen Metapher der Gegenwart werden?

Diese Fragen wollen wir an deutschsprachige, literarische Texte herantragen, die Be/Ein/Abgrenzungen problematisieren; sprachwissenschaftlich fundierte Beiträge sollen diese Thematik am Material der deutschen Sprache, ihrer gegenwärtigen, historischen und regionalen Varietäten exemplifizieren. In einer weiterreichenden Perspektive sind auch Untersuchungen von Interesse, die das Problem der Be/Ein/Abgrenzungen reflektieren, mit denen die Literaturwissenschaft und Linguistik gegenwärtig immer häufiger konfrontiert werden: methodologische Allianzen mit verwandten Disziplinen erfordern geradezu eine Rückbesinnung auf die Grenzen der eigenen Disziplin und der Interdisziplinarität selbst.

Organisatoren:

Univ.-Prof. Dr. habil. Nina Nowara-Matusik, Schlesische Universität Katowice, Institut für Literaturwissenschaft (Polen)

Univ.-Prof. Dr. Mariusz Jakosz, Schlesische Universität Katowice, Institut für Sprachwissenschaft (Polen)

Organisatorisches:

Freie Plätze für Vorträge gibt es nur noch für LiteraturwissenschaftlerInnen.

Die Tagungssprache ist Deutsch.

Die Tagung wird nur online stattfinden (MS Teams).

Vortragsdauer: 20 Minuten

Gebühren: 35 Euro / 160 Zloty

Deadline für Abstracts: 1.09.2021

Registrierung: https://docs.google.com/forms/d/e/1FAIpQLSfe5u6-LuquWdrh5aClbi9ROGVP9LADbWS6J7i0VcPkB__E2g...

Nachfragen: wortfolge@us.edu.pl.

Bitte unbedingt angeben: Interesse an einer Veröffentlichung in der Open-Access-Zeitschrift „Wortfolge. Szyk Słów“ oder in einem Sammelband.

Publikation:

Je nach Interesse werden die Beiträge, die das übliche Peer-Review-Verfahren erfolgreich durchlaufen haben, in der Open-Access-Zeitschrift „Wortfolge. Szyk Słów“ oder in einem Sammelband publiziert. Der Sammelband wird voraussichtlich Ende 2022/Anfang 2023 in einem renommierten Verlag erscheinen. Die Publikation in der „Wortfolge. Szyk Słów” erfolgt nach dem Prinzip Online-Zuerst (Einzelbeiträge werden laufend als Open-Access online veröffentlicht).

Einreichung von druckfertigen Manuskripten: 30.11.2021.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu