CFP: Non Fiktion 2022 - "Das Sachbuch in der DDR" (01.06.2021)

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Call for Papers: Non Fiktion 2022

 

Das Sachbuch in der DDR

Herausgegeben von Christoph Links und Erhard Schütz

 

Historische Rahmenbedingungen

Das Sachbuch hatte in der DDR einen schweren Stand. Der Begriff galt den Verantwortlichen als ungenau, diffus und westlich geprägt. Bevorzugt wurde die Bezeichnung »populärwissenschaftliche Literatur«, denn es ging im Rahmen der Volksbildungsbestrebungen vor allem um die breitenwirksame Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse bei gleichzeitiger politischer Erziehung und weniger um die Darstellung beliebiger Sachverhalte durch Journalisten oder freie Autoren wie etwa in der Bundesrepublik.

In den 1960er und 1970er Jahren gab es eine vorsichtige Sachbuch-Debatte, eingeleitet von der Konferenz des DDR-Verlagswesens im Juli 1960 in Leipzig. Dort setzten sich Verlagsmitarbeiter, Autoren und Wissenschaftler erstmals näher mit dieser literarischen Gattung auseinander. Das einleitende Grundsatzreferat hielt Johannes Hörnig, Leiter der Abteilung Wissenschaften im Zentralkomitee der SED. Er beklagte, dass die populärwissenschaftliche Literatur bisher nur einen Anteil von zwei Prozent an der Gesamtbuchproduktion der DDR habe und forderte eine deutliche Ausweitung zur Unterstützung der eingeleiteten wissenschaftlich-technischen Revolution.[1] Die Bücher sollten helfen, die Allgemeinbildung der Werktätigen zu heben und Gesetzmäßigkeiten in Natur und Gesellschaft besser zu erkennen, um die Menschen auf die Bewältigung neuer Aufgaben vorzubereiten.

Diese Grundauffassung wurde 1961 auch auf einer Arbeitskonferenz der europäischen sozialistischen Länder zur weiteren Entwicklung der populärwissenschaftlichen Literatur bekräftigt und prägte die nachfolgenden Jahre. Als Autoren waren »in erster Linie Forscher und Wissenschaftler« und erst danach »geeignete Schriftsteller und Journalisten« vorgesehen.

Im Februar 1963 legte das Leipziger Börsenblatt ein Sonderheft zur populärwissenschaftlichen Literatur vor, das Stand und Perspektiven dieser Literaturgattung behandelte.[2] Die von der Redaktion angeregte breite Diskussion zum Thema blieb in der Folgezeit zwar aus, jedoch erhöhte sich die Zahl der populärwissenschaftlichen Titel allmählich. Erst zehn Jahre später, nach dem Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker (1971) begann im Rahmen der Politik der friedlichen Koexistenz eine vorsichtige Öffnung gen Westen. In diesem Umfeld gab es Ende 1975/Anfang 1976 eine neue Diskussion zum Thema, diesmal sogar unter dem Stichwort »Sachbuch«. Allerdings sprach sich die Mehrheit der Beteiligten für Begriffe wie Tatsachenliteratur oder dokumentarischen Literatur aus.[3] Von Autorenseite wurde beklagt, dass Sachbuchautoren die Aufnahme in den Schriftstellerverband verwehrt werde, sodass sie freiberuflich nicht in diesem Bereich arbeiten könnten.[4] Kritisiert wurde zugleich, die mangelnde Berücksichtigung von Sachbüchern in der Literaturkritik. Das Abschlussgespräch zur Sachbuch-Debatte im Börsenblatt, das im Frühjahr 1977 erschien, war entsprechend unentschieden. Die Redaktion bilanzierte, dass man sich über die Abgrenzung von populärwissenschaftlichem Werk und Sachbuch nicht einigen konnte, weshalb vorgeschlagen wurde, dass sich die Wissenschaft dieses Themas annehmen sollte, wofür eine Zusammenarbeit von Literaturwissenschaft, Textlinguistik und Stilistik empfohlen wurde.[5]

Karlheinz Selle, der für Sach- und Fachliteratur zuständige Stellvertretende Leiter der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im Ministerium für Kultur, betonte in einem Grundsatzbeitrag für das Themenheft »Populärwissenschaftliche Literatur« des Leipziger Börsenblattes 1985 dann noch einmal: »Nicht die literarische Form ist das maßgebende Kriterium, sondern die verfolgte Absicht, nämlich wissenschaftliche Erkenntnisse und Ergebnisse in allgemeinverständlicher Form an Nichtfachleute zu vermitteln.«[6] Dies leisteten die sozialistischen Länder mit ihrer populärwissenschaftlichen Literatur hervorragend, wohingegen »in nicht sozialistischen Buchländern der undeutliche Begriff des Sachbuches« verwendet werde, welches »überwiegend der geistigen Manipulierung und dem Profitstreben zuzuordnen ist«.

Zum Ende der DDR hin wurden die einst ideologisch aufgeladenen Debatten höchst pragmatisch gehandhabt. Bei Untersuchungen der Arbeitsgruppe populärwissenschaftliche Literatur am Institut für Verlagswesen und Buchhandel an der Karl-Marx-Universität Leipzig hatte sich herausgestellt, dass ca. die Hälfte der Leser eher eine wissenschaftliche Aufbereitung von Sachthemen, die andere Hälfte die erzählende Form vorzog. Auf einer internationalen wissenschaftlichen Konferenz zum Thema »Leser und Lesen in Gegenwart und Zukunft« im Juni 1989 sprach Dieter Reichelt daher vom »sogenannten Sachbuch« als gleichberechtigter Literaturform neben dem traditionellen populärwissenschaftlichen Werk. Da es auch sehr viele Mischformen gäbe, schlug er als neuen Oberbegriff »Wissenschaftsprosaliteratur« vor.[7]

Insgesamt wurden im letzten Jahrzehnt der DDR etwa zehn bis zwölf Prozent der Buchproduktion der populärwissenschaftlichen Literatur im weiteren Sinne zugerechnet,[8] was noch immer deutlich unter den Vergleichszahlen der Bundesrepublik lag. Dort wurden für 1989 rund 40 Prozent (mit Ratgeber-, Lern- und Reisebüchern) ausgewiesen.[9] Innerhalb der einzelnen Sachgruppen dominierten von der Titelzahl her die politischen und historischen Themen, vom Absatz her dagegen die praktische Ratgeberliteratur für Mode, Küche, Garten und Autos sowie Darstellungen zu Film, Musik und Kunst.

 

Angestrebte Themen für das Heft

– Der Beitrag der Debatten in der DDR zur Klärung des Sachbuchs als literarische Gattung

– Die Sachbuchverlage der DDR und ihre jeweiligen Profile (z.B. Urania-Gesellschaft, Dietz, Volk und Welt, Transpress, Edition Leipzig, Verlag für die Frau)

– Die Genres innerhalb der DDR-Sachbuchproduktion: Biografien, historische und aktuell-politische Darstellungen, Einführungen in Wissenschaftsgebiete, Länderporträts, Ratgeber

– Vergleiche von thematisch ähnlichen Büchern aus Ost und West

– DDR-Sachbücher in Westlizenz

– Porträts wichtiger Sachbuchautoren (bzw. Interviews mit ihnen), z.B. Landolf Scherzer, Burchard Brentjes, Peter Jacobs

– Exemplarische Erfolgstitel (z.B. Weltall, Erde, Mensch)

– Sachbücher in der Literaturkritik der DDR

– Unterschiedliche Begutachtungs- und Zensurverfahren von Sachbuch und Belletristik

 

Zeitplan

Wir erbitten literatur-, medien-, buch- oder geschichtswissenschaftliche Themenvorschläge und ein kurzes Abstract für einen etwa 15- bis 20-seitigen Aufsatz bis zum 1.6.2021 an ch.links@christoph-links.de und eschuetz@t-online.de. Die fertigen Beiträge sollten bis zum 31.12.2021 bei den Herausgebern eingereicht werden.

 


[1] Börsenblatt (Leipzig) 30/1960, S. 467–469.

[2] Börsenblatt (Leipzig) 7/1963, S. 105–124.

[3] Gertraud Hartmann: Zur Wirksamkeit der sogenannten Tatsachenliteratur. In: Börsenblatt (Leipzig) 13/1976, S. 242–244.

[4] Reimar Gilsenbach: Gedanken eines Sachbuchautors. In: Börsenblatt (Leipzig) 20/1976, S. 392, und Norbert Gierschner: Die Leiden des »jungen Sachbuchautors«. In: Börsenblatt (Leipzig) 48/1976, S. 901–902.

[5] Sachbücher und ihre Autoren – Stiefkinder unserer Förderung und Anerkennung? In: Börsenblatt (Leipzig) 19/1977, S. 374–377.

[6] Börsenblatt (Leipzig) 7/1985, S. 113–118, hier S. 118 und nachfolgend S. 114.

[7] Reichelt: Der Laie als Leser populärwissenschaftlicher Texte, S. 313.

[8] Reichelt: Der Laie als Leser populärwissenschaftlicher Texte, S. 311.

[9] Börsenverein: Buch und Buchhandel in Zahlen, S. 10–11.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Johannes Schmidt] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

 

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