CFP: „Hass/Literatur“. Internationale Tagung am DFG Sonderforschungsbereich 1171: „Affective Societies“, Berlin (01.12.2017)

Robert Walter-Jochum's picture

„Hass/Literatur“

Internationale Tagung am DFG Sonderforschungsbereich 1171: „Affective Societies“,

Freie Universität Berlin, 24.–26. Mai 2018

Organisation:    Prof. Dr. Jürgen Brokoff, Dr. Robert Walter-Jochum
Institut für deutsche und niederländische Philologie/SFB „Affective Societies“
Teilprojekt C04: Gefühle religiöser Zugehörigkeit und Rhetoriken der Verletzung in Öffentlichkeit und Kunst

 

Vom biblischen Brudermord Kains an Abel über den Hass der Antigone-Brüder Eteokles und Polyneikes aufeinander bis hin zur Hass-Propaganda in der Lyrik der Befreiungskriege und Kleists Hermannsschlacht oder zur Hassrede in Reenactments heutiger Tage hat sich der Hass als Affekt erwiesen, dessen Beziehung zur Literatur in vielerlei Hinsicht als folgenreich angesehen werden kann. Gerade weil er zuvörderst die Vernichtung des Gehassten anstrebt und damit jedes ‚zivilisierte‘ Maß vermissen lässt, scheint er sich zu eignen, um Affekte des Außerordentlichen, den emotionalen Ausnahmezustand und Problemlagen, die nicht mehr im Rahmen des Dialogs aufgelöst werden können, anschaulich zu machen.

Auf der anderen Seite ist argumentiert worden, dass dem Hass bei all seiner Fixierung auf das Vernichtende auch eine sozial „produktive“ Ebene innewohnt: So ist es bei Judith Butler ein wesentlicher Effekt der Hassrede, dass sie das gehasste Subjekt erst konstituiert und diesem so die Möglichkeit eröffnen kann, sich selbst im Widerstand und der Umdeutung zur Geltung zu bringen – die verletzende Anrufung ermöglicht es dem oder der so angesprochenen allererst, selbst die eigene Stimme zu finden. Wenn dem so ist, dann bildet Hass affektive Relationen, deren Verständnis für die Auseinandersetzung mit heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen unabdingbar ist. Seine Untersuchung trägt daher dazu bei, „Affective Societies“ zu analysieren und aus einer affekttheoretischen Perspektive in den sie konstituierenden Prozessen nachzuzeichnen.

Literatur kann den Hass zum Thema machen, sie kann selbst Ausdruck von Hass sein, aber sie kann auch ein Medium bereitstellen, das Hass hinterfragbar, sichtbar und analysierbar werden lässt. Literarische Texte daraufhin zu befragen, wie sie sich dem Hass nähern, wie sie ihm Ausdruck verleihen, wie sie ihn aber auch textuell herstellen und nachvollziehbar werden lassen, ist das Ziel dieser Tagung.

Mit folgenden Fragen soll sie sich dem Verhältnis Hass/Literatur nähern, wobei sowohl Vorträge zu theoretisch-systematischen Überlegungen als auch Fallstudien zur (vornehmlich deutschsprachigen) Literatur aller Epochen erwünscht sind:

  • Welche Rolle spielt der Hass als Gegenstand in der Literatur – etwa im Hinblick auf den Hass zwischen unterschiedlichen Figuren, als handlungsauslösender oder Figuren konstellierender Aspekt?
  • Wie finden außerliterarische ideologische Positionen des Hasses Eingang in Literatur? Welche Beziehungen ergeben sich zwischen Hassideologien und literarischen Texten, die sich mit ihnen auseinandersetzen? Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen fiktionalen Hasskonstrukten und politischen Ideologien?
  • Welche Rolle kommt Hassenden und Gehassten in der Literatur zu? Gibt es historische Konjunkturen, die Erstere oder Letztere privilegieren?
  • Welcher Rhetorik bedienen sich literarische Hasstexte – wie sind sie gemacht und worauf zielt ihre rhetorische Strukturierung, sowohl im Hinblick auf die Faktur wie die Wirkungserwartung literarischer Texte? Gibt es jenseits des Ausdrucks individueller oder kollektiver Emotionen materielle Kennzeichen einer Sprache des Hasses?
  • Wie wird der starke Affekt des Hasses zum Prüfstein in moralisch-juristisch grundierten Debatten, etwa um Fragen des guten Geschmacks, des angemessenen Ausdrucks, aber auch der Kunst- und Meinungsfreiheit? Was „darf“ Kunst mit dem Hass tun, wo werden ihr zu welchen Zeiten und unter welchen Vorzeichen Grenzen des Hasses gesetzt?
  • Wie reflektiert Literatur Hassphänomene unserer Gegenwart, die nicht zuletzt von Fragen der religiösen Auseinandersetzung, der Verletzung von Gefühlen religiöser Zugehörigkeit und der ideologischen Zuspitzung religiös oder kulturell codierter Konflikte geprägt ist?

 

Die Tagung „Hass/Literatur“ findet vom 24. bis 26. Mai 2018 am von der DFG geförderten Sonderforschungsbereich „Affective Societies“ an der Freien Universität Berlin statt, Reise- und Hotelkosten werden übernommen, eine Publikation der Beiträge in einem Konferenzband ist fest geplant.

Ihre Teilnahme an der Tagung zugesagt haben unter anderem bereits Rüdiger Campe (Yale), Petra Gehring (Darmstadt), Johannes F. Lehmann (Bonn), Lars Koch (Dresden), Kirk Wetters (Yale), Jakob Norberg (Duke) und Jörg Kreienbrock (Northwestern).

Gesucht werden Beiträge, die sich mit dem skizzierten Feld verbinden – vornehmlich aus dem Bereich der Germanistik, aber auch aus angrenzenden Philologien und Disziplinen, die sich dem Thema widmen (etwa Philosophie, Medienwissenschaften, Soziologie). Wir bitten um die Einsendung von Abstracts (max. 300 Wörter), begleitet von einem kurzen CV, bis zum 1.12.2017 an die Veranstalter unter juergen.brokoff@fu-berlin.de und robert.walter@fu-berlin.de.