CFP: Schlesische Sprachreform, niederländische Netzwerke, pommerscher Petrarkismus: Sibylla Schwarz (1621-1638) im Kontext, Greifswald (31.03.2021)

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Am 24. Februar 2021 jährt sich die Geburt der Greifswalder Dichterin Sibylla Schwarz (1621-1638) zum vierhundertsten Mal. Das Jubiläum bietet Anlass zur vertieften Beschäftigung mit Sibylla Schwarz. Dem von der germanistischen Forschung lange Zeit weitestgehend außer Acht gelassenen Werk der 1621 in Greifswald geborenen Dichterin Sibylla Schwarz ist in den vergangenen zwanzig bis dreißig Jahren bereits wiederholt Aufmerksamkeit zuteilgeworden. Verschiedene Darstellungen knüpften an das topische Lob der als ‚pommersche Sappho‘ gefeierten Autorin an, stellten die Einzigartigkeit dieser weiblichen Stimme im Literatursystem des 17. Jahrhunderts dar und skizzierten historische und literarische Bezüge (Ziefle 1975, Ganzenmüller 1998, Jäger 2005). Eine im Jahre 2013 durchgeführte Tagung, deren Ergebnisse 2016 in der Zeitschrift Daphnis publiziert worden sind, hat Sibylla Schwarz’ Werk erstmals umfassend kartiert und kontextualisiert (Daphnis 44 2016, Siebenpfeiffer Hg.) Wie sich dabei gezeigt hat, ergeben sich aus dem quantitativ überschaubaren Oeuvre der jung verstorbenen Dichterin weiterhin eine Fülle von Fragen, die weitere Forschungsarbeiten nahelegen. So verdienen die vielfältigen literarischen und poetologischen Bezüge, die Schwarz’ Dichtungen aufweisen, fortgesetzter wissenschaftlicher Bemühung. Die Feier der 400. Wiederkehr der Geburt von Sibylla Schwarz im Jahr 2021 bietet hierfür zusätzlichen Anlass. Gleich drei neue Ausgaben (Birnstiel Hg. 2021, Gratz Hg. 2021, Weiland Hg. 2021) erleichtern dabei neue Zugänge zu Werk, Kontexten und Wirkung.

Im Blick auf den bisher gewonnenen Erkenntnisstand zum Werk der Sibylla Schwarz zeichnen sich vier Problemkreise als Gegenstand weiterführender Untersuchungen für die geplante Tagung ab:

(1) Sibylla Schwarz’ Dichtungen sind geprägt von einer intensiven Rezeption der Sprach- und Dichtungsreform, die der schlesische Dichter und Poetiker Martin Opitz mit seinem 1624 erstmals erschienenen „Buch von der Deutschen Poeterey“ angestoßen hatte. Wie bereits gezeigt werden konnte, übernimmt Schwarz etliche Maßgaben der Opitzschen Sprach- und Dichtungslehre, ergänzt und erweitert sie aber vor dem Hintergrund der ihr offenbar wohl bekannten rhetorischen Tradition. Die rasche, möglicherweise von Samuel Gerlach und anderen vermittelte Opitz-Rezeption durch Sibylla Schwarz wirft indes erneut die Frage nach den frühen Verbreitungswegen und Adaptionen der Opitzschen poetologischen Entwürfe sowie deren Aufnahme im rhetorisch-topisch geprägten Dichtungssystem der Zeit auf; zu bedenken sind in diesem Zusammenhang auch die spezifischen Bedingungen und Verhältnisse der pommerschen Literaturlandschaft im Dreißigjährigen Krieg, die einesteils über literatursoziologische, buchhandels- und provenienzgeschichtliche, anderenteils über prosopographische und andere konstellierende Zugänge und Methoden erschlossen werden könnten.

(2) Insbesondere in der überlieferten Sonettdichtung der Sibylla Schwarz finden sich deutliche Reflexe der petrarkistischen Tradition, deren Rezeption als gesamteuropäisches Phänomen betrachtet werden muss, die bei Schwarz aber entscheidend erneuert und modifiziert wird. Wie die Arbeiten von Greber (Greber 2002, Greber 2006), Kerth (Kerth 2016) und anderen deutlich gemacht haben, greift Schwarz die petrarkistischen Paradigmata auf, entwickelt aber eine vor dem Hintergrund der literarischen Geschlechterverhältnisse der Zeit bemerkenswerte weiblich-poetische Liebeskonzeption. Wurde der übergreifende petrarkistische Bezugsrahmen von der Forschung abgesteckt, so ist auch hier nach den spezifischen Verbreitungs- und Rezeptionswegen zu fragen, die Schwarz’ innovative Petrarkismusaufnahme ermöglicht haben. Zu klären sind die Quellen und Vorlagen, aber auch die Verbreitungswege und Vermittlungsinstanzen, die den pommerschen Petrarkismus von Sibylla Schwarz ermöglicht haben, und zu fragen ist auch nach Parallelfällen im pommerschen, schlesischen und norddeutschen Raum, etwa im erweiterten Umkreis von Schwarz’ späterem Herausgeber Samuel Gerlach.

(3) Eine dritte Einflussdimension lässt sich in der niederländischen Dichtung des frühen 17. Jahrhunderts ausmachen; Schwarz hat diese intensiv rezipiert. Die Forschung hat bereits gezeigt, auf welche Weise niederländische Vorbilder wie Daniel Heinsius und Jacob Cats von Schwarz produktiv verarbeitet wurden. Schwarz überträgt einzelne Texte und Motive aus dem ihr geläufigen Niederländischen; damit hat sie teil an einer umfassenden Rezeptionsbewegung, die sich neben, mit und teilweise gegen Martin Opitz’ programmatische Grundlegung an der Neubegründung einer deutschen volkssprachlichen Dichtung nach niederländischen Vorbildern versucht. Sind die intertextuellen Bezüge zur niederländischen Dichtung für deutschsprachige Autoren wie Johannes Plavius, Zacharias Lund, Michael Schneider und Christoph Homburg bereits aufgewiesen worden, so ist dies im Falle von Sibylla Schwarz exemplarisch und für die weitere Forschung wegweisend bisher nur von Schneikart (Schneikart 2016) unternommen worden. Auszumessen ist hier das poetologische Spannungsfeld von translatio, imitatio und aemulatio, welches Schwarz’ poetischen Aktionsraum insgesamt und nicht nur im Blick auf die anlehnende Übernahme niederländischer Vorbilder beschreibt, und näher zu bestimmen sind die Verbreitungs- und Rezeptionswege der niederländischen Dichtung im nordöstlichen Raum.

(4) Weitgehend ungeklärt sind die Verbreitungswege und Rezeptionsphasen des Schwarzschen Werkes in den ca. 200 Jahren nach ihrem Tod, also bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Die extrem seltene, zwölf Jahre nach ihrem Tod 1650 von Samuel Gerlach in Danzig veranstaltete Werkausgabe lässt sich nur in einigen wenigen Bibliotheken des deutschsprachigen Raums (Berlin, München, Wolfenbüttel u.a.) nachweisen; gleichwohl muss sie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine gewisse, über das rein Regionale hinausweisende Verbreitung und Anerkennung erlangt haben: anders ist nicht zu erklären, dass die Dichtung der Sibylla Schwarz in einem zeitgenössischen Kompendium der Gelehrsamkeit wie Morhofs 1682 erschienenem „Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie“ lobende Erwähnung findet. Von Morhof ausgehend findet das Werk der Sibylla Schwarz bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Erwähnung in zahlreichen literaturgeschichtlichen Darstellungen, die das Bild der Autorin bis in jüngere literaturwissenschaftliche Arbeiten hinein geprägt haben. Kann diese Rezeptionsgeschichte anhand der überlieferten Darstellungen relativ einfach nachvollzogen und revidiert werden, ist die im engeren Sinne literarische, zeitgenössische Wirkung bisher nicht ausreichend untersucht worden. Nur vermuten lässt sich beispielsweise eine Rezeption der Greifswalder Dichterin etwa im oberdeutschen Sprachraum, d.h. vor allem im Umfeld der „Fruchtbringenden Gesellschaft“ und ihren führenden Köpfen wie Georg Philipp Harsdörffer und Sigmund von Birken. Wiederum versprechen prosopographische, bibliotheksgeschichtliche und intertextuelle Forschungsansätze eine Erweiterung des Kenntnisstandes.

Die Tagung „Schlesische Sprachreform, niederländische Netzwerke, pommerscher Petrarkismus: Sibylla Schwarz (1621-1638) im Kontext“ soll vom 7.-9. Oktober 2021 an der Universität Greifswald stattfinden. Im Falle fortgesetzter Pandemie-Erschwernisse wird sie in ein synchrones online-Format überführt. Vorgesehen sind Vorträge von 30 Minuten Dauer, die sich jeweils explizit einem oder mehreren der genannten Themenkreise zuordnen. Ausdrücklich erwünscht und gesucht sind nicht nur Beiträge aus dem engeren Kreis der Germanistik, sondern auch buchwissenschaftliche, provenienzgeschichtliche und andere Zugänge. Über die genannten Probleme und Zugänge hinaus sind auch Perspektivierungen der im Werk aufzufindenden Antikenrezeption und anderer topischer Wiederaufnahmen sowie an Modellen der Akteur-Netzwerk-Theorie beziehungsweise der literaturwissenschaftlichen Konstellationsforschung orientierte Untersuchungen zu den beteiligten Personenkreisen und ihren Handlungsfeldern denkbar. Auch und insbesondere akademisch Jüngere (sog. ‚wissenschaftlicher Nachwuchs‘) werden gebeten, Vorschläge einzureichen.

Beitragsvorschläge im Umfang von 400-500 Wörtern, verbunden mit einer kurzen bio-bibliographischen Notiz, werden bis zum 31.3.2021 erbeten an J.-Prof. Dr. Klaus Birnstiel (klaus.birnstiel@uni-greifswald.de). Die Beiträge werden bis zum 15.4.2021 ausgewählt und die Einreichenden entsprechend benachrichtigt. Eine Übernahme der Reise- und Übernachtungskosten wird ebenso angestrebt wie die Publikation der Tagungsergebnisse in geeigneter Form.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Johannes Schmidt] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu