CFP: Ressource ›Schriftträger‹: Materielle Praktiken der Literatur zwischen Verschwendung und Nachhaltigkeit, Aachen (31.03.2021)

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Ressource ›Schriftträger‹: Materielle Praktiken der Literatur zwischen Verschwendung und Nachhaltigkeit

Tagung des Instituts für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft der RWTH Aachen in Kooperation mit dem Institut für Germanistik der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, 25. und 26. November 2021 in Aachen (als Präsenzveranstaltung geplant)

 

Beinahe alles – Organisches wie Anorganisches – kann als Schriftträger fungieren: Stein, Papier, Stoff, Haut (Meier/Ott/Sauer 2015). Auch Bücher können wieder zum Material von erneuter Beschreibung werden. Gleichzeitig sind Schriftträger verschiedenen Verbrauchs-, Zerfalls- und Zerstörungsprozessen ausgesetzt. Die Vorgänge der Auswahl, Zurichtung und Umwandlung werden vom Begriff des ›Mediums‹ unzureichend erfasst. Diese Tagung will daher Schriftträger als Ressourcen (vom lat. resurgere: ›wieder auferstehen‹, ›hervorquellen‹, ›sich erneuern‹) verstehen und den materiellen Existenzweisen der Schriftträger, ihren Transformationen sowie den dazugehörigen ökonomischen, ästhetischen und ökologischen Praktiken im Spannungsfeld von Nachhaltigkeit und Verschwendung Rechnung tragen. In diesem Zuge sollen gleichermaßen reale Materialien, Akteure und Netzwerke (praxeologische Perspektive) wie ihre Fiktionalisierung und Imagination in literarischen Texten (poetologische Perspektive) thematisiert werden.

Wie lässt sich das Verhältnis von Schriftträger und Literatur unter diesen Perspektiven analysieren? Eine wesentliche Rolle spielt die Affordanz von Schriftträgern. Ressourcen wie Stoffe oder Holz werden zu Zellulose verarbeitet, um Papier herzustellen – obwohl Stoff und Holz selbst beschreibbar wären. Grabinschriften materialisieren das kollektive Gedächtnis auf dem widerständigen Stein und thematisieren die Technik der Einschreibung – auch in der medialen Übertragung auf das gedruckte Blatt. Die Wahl des Schriftträgers und seine Leistungen sind von der Materialität und Agentialität der Ressource sowie ihrer Netzwerke bestimmt. Die Affordanz besitzt auch poetologische Implikationen, wie die Gelegenheitsdichtung ([nach-]goethescher Prägung) exemplarisch zeigt, in der Okkasionalität nicht nur ein temporales, sondern auch ein materielles Moment besitzt. Zu denken ist hier sowohl an Schreibgelegenheiten wie das Billet oder die Postkarte als auch an individuelle Produktionsästhetiken wie Robert Walsers Mikrogramme. Goethes Wanderers Nachtlied wiederum veranschaulicht, wie die Einschreibung auf einen immobilen Schriftträger (der originären Ressource Holz) die Musealisierung des Schriftträgers und die Artefaktwerdung der Literatur nach sich ziehen kann.

Während einerseits Schriftträger wiederverwendet werden können, so ist andererseits auch die Ressourcengewinnung der Literatur selbst im 18. und 19. Jahrhundert durch Recyclingprozesse bestimmt: durch Verarbeitung von Makulatur und die Figur des Makulaturhändlers, die in der Literatur des 19. Jahrhunderts, etwa im pauperistischen Zusammenhang, thematisiert wird. Dabei wäre auch zu fragen, ob sich, von Baudelaires Lumpensammler bis zu Benjamins Passagenwerk, Literatur, verstanden als Auflesen des städtischen Abfalls oder als Wiederverwertung von Textstücken, von Ressourcenkonzepten beeinflusst zeigt.

Im Zuge der industriellen Massenproduktion verbilligt sich die Papierherstellung signifikant und die Diffusion von Druckerzeugnissen nimmt zu. Dem Auftrieb von Taschenbüchern, samt der 1867 ins Leben gerufenen ›Universal-Bibliothek‹ des Reclam-Verlags, antworten Prachtausgaben und Buchkunst, die sich im Kontext der Kunstgewerbebewegung einem manufakturellen Ideal verschreiben und eine Verknappung der Auflage im privaten Adressatenkreis betreiben. Solche bibliophilen Praktiken, die das Sammeln und Aufbewahren von Büchern einschließen, können als Teil des Warenfetischismus verstanden werden, der im 19. Jahrhundert zum Gegenstand theoretischer Debatten wird und die Bedeutungsaufladung von Gebrauchsgütern bedingt. Die Rekonstruktion buch- und verlagsgeschichtlicher Praktiken und Debatten wäre in diesem Sinne neu zu erarbeiten.

Weitergehend stellt sich die Frage, inwiefern Schriftträger und mit ihnen Literatur und Kunst überhaupt ›biologisch‹ abbaubar sind oder welcher Rest übrigbleibt (Derrida 1989). In theoretischer Hinsicht schließen sich Fragen nach den Spuren der Schriftträger in der Welt und in der Diegese (Colebrook 2015) sowie nach der Transaktualität von Literatur (Heine/Zanetti 2017) an.

 

Diese und daran angrenzende Fragen und Themen können von Beitragenden literaturhistorisch, theoretisch oder anderweitig als Einzelfallstudien bezüglich eines Schriftträgers, eines/einer Autor_in, einer historischen Epoche, und/oder den sozio-ökonomischen Netzwerken im Kontext der Begriffe Ressource, Verschwendung und Nachhaltigkeit beantwortet werden. Für die Untersuchung der skizzierten Fragen lassen sich beispielhaft folgende Felder denken:

1. Billige Schriftträger (z.B. Leinen als Ressource für Papier im 19. Jh. und die Figur des Lumpensammlers; Billets und Postkarten als kostengünstige Schriftträger und kleine Form; Wiederverwendung von Büchern als Collagen oder Kunstwerke; Wegwerfliteratur oder pulp literature; digitalisierte Texte)

2. Luxuriöse Schriftträger (z.B. Bücher als Luxusartikel und bibliophiler Fetisch; Beschreibung von ›kostbaren‹ Gegenständen wie Fächern oder Körpern; Sammlung von Autographen)

3. Poetologische Schriftträger (z.B. Verschwendung und Nachhaltigkeit von Ressourcen als Topos; Recycling, Upcycling oder Downcycling in literarischen Texten; Schreibweisen und Poetologien der Ressource)

 

Die Tagung findet am 25. und 26. November 2021 (soweit möglich als Präsenzveranstaltung) in Aachen statt. Wir erbitten Exposés (max. 300 Wörter) mit bibliographischen Angaben (max. 150 Wörter) bis zum 31.03.2021 an folgende Adressen:

y.mohagheghi@germlit.rwth-aachen.des.rickenbacher@germlit.rwth-aachen.demartin.bartelmus@hhu.de


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Johannes Schmidt] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu