CFP: BGNS 38: Konzentrationslager als Gesellschaften. Inter-/transdisziplinäre Perspektiven (30.04.2021)

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Call for Papers für Band 38 der Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus

 

Konzentrationslager als Gesellschaften: Inter-/transdisziplinäre Perspektiven

Michael Becker, Dennis Bock, Elissa Mailänder

 

Die nationalsozialistischen Konzentrationslager waren soziale Räume, darin sind sich mittlerweile Sozialwissenschaftler*innen und Historiker*innen einig. Damit rücken die sozialen und kulturellen Praxen der Akteur*innen ebenso ins Blickfeld wie die sozialen Strukturen und Entwicklungen der Lagergesellschaften, die kontinuierlichen gewaltvollen Veränderungen unterworfen waren. In der Konzentrationslagerforschung wurde diese Perspektive maßgeblich durch die Soziologin Maja Suderland angestoßen, die die Häftlingsgesellschaften als „Extremfall des Sozialen“ (2009) versteht. Jüngst erprobte die Historikerin Anna Hájková diese Perspektive in ihrer alltagsgeschichtlichen Studie des Ghettos Theresienstadt (2020).

Mit dem Begriff Gesellschaften folgt dieser Band der These, dass das Zusammenleben der Häftlinge einerseits, des SS-Personals andererseits auf Sozialformen ziviler Gesellschaften zurückging. Der Begriff steht somit bewusst im Plural, um einer idealtypischen Vorstellung von „dem Konzentrationslager“ entgegenzuwirken und um die dynamischen Funktionsänderungen und raum-zeitlichen Veränderungsprozesse, denen die Konzentrationslager unterlagen, zu berücksichtigen.

Neben sozialem Status sowie nationalen und religiösen Zugehörigkeiten gewannen in den letzten zwanzig Jahren Kategorien wie Geschlechteridentitäten und sexuelle Orientierung heuristisches Gewicht, um das konfliktgeladene Zusammenleben zu verstehen und die von Gewalt und Erniedrigung bestimmten Dynamiken zwischen den Häftlingen sowie zwischen Bewacher*innen und Bewachten auszuloten. Der Blick richtet sich nun auch zunehmend auf die die Lager umgebenden Zivilgesellschaften.

Der Band 38 der BGNS möchte weiterführende Perspektiven auf die Gesellschaften der nationalsozialistischen Stamm- und Nebenlager in Deutschland wie im besetzten Europa anregen. Damit soll ein inter-, wenn möglich auch ein transdisziplinärer Denkraum eröffnet werden, um sich gemeinsam der sozialen Dimension der NS-Konzentrationslager empirisch anzunähern und dabei neue methodologische und konzeptionelle Zugänge zu reflektieren oder zu testen.

 

Angeregte Schwerpunkte:

 

1) Häftlingsgesellschaften: Soziale Ordnung im synchronen und diachronen Vergleich

Die Konzentrationslager waren Räume extremer Ungleichheit und Ungleichzeitigkeit. Wenn die einzige Konstante des Lagersystems die Veränderung war, so Nikolaus Wachsmann, wie lässt sich das Verhältnis von Lagerstrukturen, Alltagspraktiken und sozialer Ordnung dann empirisch und theoretisch angemessen begreifen? Bereits die vermeintlich einfache Frage, wer inhaftiert war, ist für die nationalsozialistischen Konzentrationslager ungemein komplex, wenn die Lagergesellschaften in ihrer synchronen und diachronen Unterschiedlichkeit in den Blick genommen werden. Welche Rolle spielten die kontinuierlichen funktionalen und materiellen Veränderungen des Lagersystems innerhalb einzelner Lager für die Lagergesellschaften? Und welche Erkenntnisse lassen sich aus dem Vergleich unterschiedlicher Häftlingsgesellschaften mit ihren internen Hierarchien gewinnen?

 

2) Der Einbezug von Täter*innen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen

Das Verständnis von Häftlingsgesellschaften ändert sich durch den Einbezug der Täter*innen sowie der zahlreichen mit den Konzentrationslagern verflochtenen zivilen Akteur*innen. Wie lassen sich die prekären und machtdurchwirkten sozialen Beziehungen zwischen den Häftlingsgruppen sowie zwischen SS-Wachmannschaften, Aufseher*innen und Häftlingen multiperspektivisch einfangen? Welche Rolle spielten die Entscheidungen der Inspektion der Konzentrationslager bzw. des Wirtschaftsverwaltungshauptamtes und der Lagerleitungen vor Ort für die soziale Ordnung und historische Entwicklung der Lagergesellschaften? Welche Erkenntnisse können wir daraus gewinnen, den Einfluss der umliegenden Zivilgesellschaften auf die Konzentrationslager in die Analyse miteinzubeziehen?

 

3) Soziale Ordnung und Raumordnung

Neben der räumlichen Verflochtenheit mit der Umgebung rückt auch die räumliche Ordnung der Lager als Untersuchungsgegenstand in den Blick. Wie hingen die Raumordnung und die räumlichen Veränderungen innerhalb eines Lagers mit der sozialen Ordnung zusammen? Welche Unterschiede zwischen einzelnen Räumen (Lagerabschnitten, Blocks, Kommandos etc.) lassen sich ausmachen und welche Handlungsmöglichkeiten eröffneten diese für die Häftlinge? Inwieweit sind die Räume und deren Veränderungen Teil des Repressionssystems? Welche methodischen oder erkenntnistheoretischen Zugänge eignen sich für eine Untersuchung dieser Fragen?

 

4) Wissenschaftsgeschichte: Theorien, Konzepte, Ansätze

Die Untersuchung der Konzentrationslager als soziale Orte begann bereits während der Herrschaft des Nationalsozialismus. Häftlingsgesellschaften wurden schon in den 1940er- und 1950er-Jahren zum Untersuchungsgegenstand der Sozialwissenschaften und der Psychologie (beispielsweise David P. Boder oder Elmer Luchterhand). Überlebende griffen auf wissenschaftliche Kategorien zurück oder prägten selbst Konzepte, um ihre Erfahrungen zu begreifen und zu vermitteln (beispielsweise Paul Martin Neurath, Primo Levi oder Anna Pawełczyńska). Mit welchen Begriffen und Konzepten untersuchten diese Pionier*innen der KZ-Forschung die soziale Dimension der Lager? Wie lassen ihre Ansätze und Erkenntnisse sich mit der neueren Forschung vermitteln?

 

5) Vielfalt der Quellen als methodologische Herausforderung

Bisherige Untersuchungen der Häftlingsgesellschaften beruhen in erster Linie auf mündlichen und schriftlichen Zeugnissen der Überlebenden. Linguistische Analysen von Gerichtsprotokollen oder Interviews haben unser gängiges Verständnis von Zeugenschaft durch KZ-Überlebende, Täter*innen oder Beobachter*innen aus der Zivilgesellschaft beispielsweise genauso differenziert und bereichert wie die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Materialien. Welche Quellen stehen darüber hinaus für die Erforschung von Konzentrationslagergesellschaften zur Verfügung und was ist bei der inter- und transdisziplinären Arbeit damit quellenkritisch zu beachten? Vergleichsweise wenig genutzt sind bislang fotografische und akustische Quellen, beispielsweise Lieder. Welche Auskunft geben diese Spuren über die sozialen und kulturellen Realitäten der Konzentrationslager? Wie lassen sich überdies etwa künstlerische Produkte der Häftlinge wie Zeichnungen in die Analyse einbeziehen? 

 

Bitte übermitteln Sie uns bis zum 30. April 2021 ein Exposé von ein bis maximal zwei Seiten (500 Wörter), in dem Sie Fragestellung und Quellengrundlage Ihres Beitragsangebots skizzieren, sowie ein kurzes CV (1 Seite) an: elissa.mailander@sciencespo.fr.

Abgabetermin der ersten Manuskriptfassung (60.000 Zeichen inklusive Leerzeichen und Fußnoten) ist der 1. Oktober 2021. Angestrebt wird ein Autor*innenworkshop im Dezember 2021. Der Band wird im September 2022 erscheinen. 

Weitere Informationen über die „Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus“ finden Sie auf der Homepage: www.beitraege-ns.de.