CFP: Provinz postmigrantisch? (01.05.2021)

Marcus Twellmann's picture

CALL FOR PAPERS

Online-Workshop am 22./23. Juli 2021

Organisation: PD Dr. Marcus Twellmann (Universität Konstanz), Dr. Michael Neumann (Universität Bonn)

In Kooperation mit dem DFG-Graduiertenkolleg 2291 „Gegenwart/Literatur. Geschichte, Theorie und Praxeologie eines Verhältnisses“ (Universität Bonn) und dem „Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung“ (Universität Konstanz)

Seit einigen Jahren wird im deutschsprachigen Raum über „das Postmigrantische“ diskutiert. Aktivist*innen des kulturellen Felds haben den Begriff aufgebracht, Sozialwissenschaft­ler*innen haben ihn aufgenommen. Dem zunächst irritierenden Präfix, das eine Zäsur zu behaupten scheint, werden mehrere Bedeutungen beigelegt: Demnach sind postmigrantische Gesellschaften - erstens - im zeitlichen Sinne der Vorsilbe solche, die seit längerem einem migrationsbedingten demographischen Wandel unterliegen. Dem Rückblick auf die letzten Jahrzehnte wie dem Blick auf die Gegenwart und auch die Zukunft stellt sich Migration als eine Normalität dar, die begrifflich markiert werden soll. Offiziell wurde im Jahr 2001 anerkannt: „Deutschland ist faktisch ein Einwanderungsland“. Auf dieses reflexive Moment der öffentlichen Rede über Migration weist das Präfix - zweitens - hin: Das gesellschaftliche Selbstverständnis wird neu ausgehandelt. Die postmigrantischen Gesellschaftswissenschaften nehmen diesen Prozess in den Blick und intervenieren zugleich, wobei sie einer kritischen Theorie des Postkolonialismus folgen. So ist es ihr erklärtes Anliegen, über herkömmliche Begriffe und Unterscheidungen hinauszugelangen, die für die Gewinnung eines zeitgemäßen Selbstbilds hinderlich seien. Auch diese Bedeutung weist man dem Präfix – drittens - zu: Die deutsche Gesellschaft sei jenseits der Unterscheidung von Migrant*innen und Nicht-Migrant*innen neu zu beschreiben.

Eine Literaturwissenschaft, die sich als Teil der Einwanderungsgesellschaft begreift und an deren Sinnhorizontbildung teilnimmt, wird dementsprechend ihren Kanon verändern, neue Fragestellungen entwickeln und Methoden erproben. Nicht zuletzt wird sie ebenfalls zur sozialen Selbstreflexion beitragen wollen. Ihre Gegenstände sind integrale Bestandteile dieses Prozesses. Die neueste Literatur fordert dazu heraus, ihren poetologischen Konsequenzen nachzugehen. Der geplante Online-Workshop soll dazu dienen, einige davon zu diskutieren, um auch der Literaturwissenschaft postmigrantische Perspektiven zu eröffnen.

Dabei soll das Hauptaugenmerk jenen Sozialräumen gelten, die als „ländlich“ oder „provinziell“ bezeichnet werden. Und das aus gutem Grund: Sozialwissenschaftler*innen, die sich mit Fragen der Verteilung und der Sichtbarmachung gesellschaftlicher Problemlagen befassen, haben in den letzten Jahren eine räumliche Dimension sozialer Ungleichheit ausgemacht und mit Blick auf deren öffentliche Verhandlung eine urbane Hegemonie konstatiert. Der Workshop möchte diese Perspektive mit der postmigrantischen kreuzen, um die Spannungsfelder und Polarisierungen auszuloten, in die Gegenwartsliteratur interveniert: Aus Sicht der Rural Studies fällt auf, dass die Rede vom „Postmigrantischen“ zuerst in Berlin im Bereich des Theaters aufkam – dessen Selbstbeschreibung als Gesellschaftslabor scheint hier zuzutreffen. Doch ist das Theater als Institution einer hoch voraussetzungsreichen Selbstverständigungspraxis städtischer Milieus anzusehen. Nicht zufällig sind die dadurch angeregten postmigrantischen Studien zumeist auf den urbanen Raum fokussiert und stützen dessen Normsetzungsansprüche: Mobilität und Diversität werden über die Normalisierung hinaus als „Ressourcen“ für eine fortschrittliche Entwicklung aufgewertet. Mithin ist zu diskutieren, ob dieser urbanozentrische Diskurs auch urbanormativ ist, also die urbane Hegemonie stärkt und die kulturelle Entfremdung von Zentrum und Peripherie möglicherweise vertieft. Sollte die Provinz nicht an der Aushandlung eines gesamtgesellschaftlichen Selbstverständnisses teilhaben? Wann rückt sie in den Blick? Wie wird sie repräsentiert? Welche Standpunkte werden dabei sichtbar, welche Stimmen vernehmbar gemacht? Ist die Sensibilisierung für die sozialräumliche Situiertheit unterschiedlicher Perspektiven mit poetologischen Innovationen verbunden? Diese Fragen wollen wir an literarische Texte herantragen, die von Migration und Provinz handeln.

Der Workshop ist vor allem der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gewidmet, wir freuen uns aber auch über thematisch einschlägige Beiträge aus anderen Disziplinen. Interessierte schicken bitte bis 1. Mai 2021 eine Skizze mit Titel und Abstract des geplanten Vortrags im Umfang von etwa einer Seite an: marcus.twellmann@uni-konstanz.de und m.neumann@uni-bonn.de

 

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Constanze Baum] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu